Sonntag, 30. Dezember 2012

“Denn wer das Schlimmste nicht erlebt hat, kann das Schönste auch nicht erkennen.” - 2012


Ich habe mich entschieden, einen feministischen Jahresrückblick für 2012 zu schreiben. Eigentlich habe ich mir das nicht schwer vorgestellt, ich dachte, ich sammel ein paar Ereignisse und schreibe ein paar Sätze dazu. Nun sitze ich vor einer endlosen Liste, bekomme viele Nachrichten mit Ereignissen, die unbedingt noch erwähnt werden müssen und weiß gar nicht richtig wo ich anfangen soll. Ich habe jetzt nur die Dinge ausgewählt, die für mich selbst als Feministin eine Bedeutung hatten. Ich weiß natürlich auch, dass schon viele viele Rückblicke geschrieben wurden und dass sich jetzt vieles wiederholt. Der Einfachheit halber schreibe ich für jeden Monat etwas.


Januar - Über den Haufen werfen ist nicht genug.
Ein neues Jahr. Das bedeutet für mich immer, Vorsätze zu haben und jedes Mal auf’s Neue überzeugt zu sein, dass im neuen Jahr alles anders wird. Alles soll sich in dieser 
einen einzigen Nacht von Grund auf ändern. So war es für mich auch in den letzten Stunden letztes Jahr, als ich mir eine Liste geschrieben habe. Aber spätestens nach zwei Wochen wirft man dann doch alles über den Haufen. Das hab ich auch gemacht. Im Januar 2012. Aber nein, ich habe das mit Absicht getan. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich will nicht mehr, dass ich nur in einer einzigen Nacht im Jahr mein Leben ändern kann (was ja doch nie passiert), sondern ich will das jede Nacht oder jeden Tag können. Dafür brauche ich kein Neujahr. Ich habe alle meine Vorsätze über den Haufen geworfen und mich nur zwei Vorsätzen verpflichtet: Keine Vorsätze mehr! Und nie wieder hungern. Nie wieder.


Im Januar wurde ich außerdem in den Vorstand meiner Jugendorganisation gewählt, unter anderem auch mit Feminismus als Schwerpunkt. Wir hatten in dem Jahr davor erhebliche Probleme damit, Frauen für den Vorstand zu mobilisieren. Nun sind wir endlich quotiert.
Februar - Gewalt und Lügen.
Im Februar wurde Jörg Kachelmann freigesprochen. Nach einem langen, nahe gehenden Prozess. Der Vergewaltigungsvorwurf ging durch sämtliche Medien, alle Beteiligten – Kachelmann selbst, die Klägerin und diverse Zeug_innen - wurden analysiert, kontrolliert und wurden mehr oder weniger freiwillig in die Öffentlichkeit gezogen. Jedenfalls wurde Kachelmann freigesprochen.
In der nachfolgenden Berichterstattung wurde
die Frau als Lügnerin dargestellt. Lügnerin. Sie sollte sich die Vergewaltigung nur ausgedacht haben, vielleicht als Racheakt. Ich mag gar nicht daran denken, welches Ausmaß das für Frauen hat, die damit hadern, ihren Vergewaltiger anzuzeigen. Das ist ein Kraftakt. Und dann, wenn die Beweise nicht reichen, als Lügnerin dargestellt zu werden, das ist zu viel. Eigentlich sollte eine Vergewaltigung bzw. der Vorwurf der Vergewaltigung so ernst genommen werden, dass Medien bis zum Urteil nicht berichten dürfen. Stattdessen dient sie der Unterhaltung der Massen, wird auf ein “Sexskandal” reduziert und der Erniedrigung aller Betroffenen. Ein Gewaltakt ist keine Unterhaltung, sondern zerstört Leben. Deshalb war der Februar zum Kotzen.



März - Pussy Riot, Wirtschaft/Politik-Abi und die Quote


Im März wurden Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina nach ihrem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale verhaftet. Pussy Riot sind für mich der Inbegriff von Mut und ich bewundere ihren Kampf sehr. Sie stehen für eine profeministische Bewegung gegen Patriarchat, Sexismus und überholte Geschlechterrollen. Sie haben mein gesamtes Jahr bewegt und der Gedanke an ihr Leid hat mich mehrfach aus der Bahn geworfen.
Im März habe ich auch meine Wirtschaft/Politik-Ausarbeitung fürs Abi abgegeben. Es war eine 30-seitige Ausarbeitung zum Thema “Die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Frauenbewegung heute”. Vieles würde ich so nicht mehr schreiben, vieles wäre wahrscheinlich mittlerweile fundierter und anders gewichtet. Ich habe an der Ausarbeitung etwa sieben Monate lang gearbeitet. Ich habe Olympe de Gouges, Louise Otto-Peters, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Simone de Beauvoir, Marilyn French, Betty Friedan, August Bebel, John Stuart Mill und viele, viele andere gelesen. Das war die Zeit, in der ich wirklich verstanden habe, was Feminismus historisch meint, deshalb war es wichtig für mich.
Außerdem hat sich die EU-Justizkommissarin Viviane Reding im März deutlich für eine feste Quote ausgesprochen. Ja, wir sind mit der Geduld wirklich am Ende. Wir lassen uns nicht länger hinhalten. Reding sagte, sie sei kein Fan der Quote, aber sie möge die Ergebnisse einer festen Quote. Ja, wir brauchen die Ergebnisse. Selbstverpflichtung scheint nichts zu bringen. Ich bin die Diskussionen um “unqualifizierte Frauen” leid, ich habe keine Lust mehr, mir sagen zu müssen, dass Frauen sich dann halt nicht genug anstrengen und einfach nicht für Vorstände gemacht seien.

April - Von Ministerinnen, die wir nicht wollen.
Die Familien- und Frauenministerin heißt übrigens Kristina Schröder. Nur für die, die sich fragen, ob wir sowas überhaupt haben. Ja, diese Ministerin soll es geben, nur leider macht sie ihren Job nicht. Stattdessen legt sie uns immer mehr Steine in den Weg. Herdprämie, Extremismusklausel, Flexiquote. Im April startete schließlich eine super Aktion:
wurde von mehr als 24.800 Menschen online unterzeichnet. Kristina Schröder sollte endlich Platz für eine machen, die unsere Interessen wirklich vertritt. Aber nicht alles ist negativ. Kristina Schröder hat es auch geschafft, uns zu mobilisieren. Uns, die wir aus unterschiedlichen Milieus kommen und unterschiedliche Formen von Feminismus vertreten. Aber nun fordern wir geschlossen ihren Rücktritt. Sie hat uns vereint.

Mai - Freiheit?
Im Mai habe ich mein Abi gemacht. Das bedeutete für mich aber nicht nur das Ende meiner Schulzeit. Nicht nur Freiheit nach 12 Jahren. Es war für mich auch die Freiheit vom Abnehmwahn. Selbstbestimmt mit meinem Körper umzugehen. Während wir alle dem Ende entgegenfieberten und uns irgendwie auch auf den Abiball freuten, beschlossen viele, im Ballkleid besonders schön zu sein. Auf einmal drehten sich viele Gespräche um Kleider und Diäten, um Abnehmerfolge und Besuche in der Änderungsschneiderei. Mir wurde erst da so richtig bewusst, dass ich das alles nicht will. Nie wieder. Ich wollte nicht für den einen Abend abnehmen, um besonders schön zu sein, besonders schlank zu sein. Ich will nie wieder hungern. Das habe ich mir geschworen. Der Abnehmwahn hat mich verstört. So will ich nicht sein. Ich will das nicht mehr hören, will nicht mehr sehen, wie Kleider enger werden und Menschen hinter ihrem Äußeren verschwinden. Ich will, dass wir uns gegenseitig sagen, wie schön wir sind. Wie können wir uns über unsere Freiheit freuen, wenn wir uns gleich dem nächsten Zwang unterwerfen?
Im Mai wurde Kachelmann nun auch endgültig freigesprochen. Nachdem zunächst Revision gegen das Urteil  vom März eingelegt wurde, war das Urteil im Mai entgültig besiegelt.




Juni - Veränderung bringt Unverständnis. Abstand gewinnen.

Im Juni war so vieles anders. Ich habe mich verändert, ich habe mein Äußeres verändert. Um Abstand von so vielem, was mich belastet hat, zu gewinnen, habe ich mir die Haare abrasiert. Ich weiß nicht genau, was ich damit erreichen wollte. Vielleicht Unverständnis, damit die Menschen von sich aus nicht auf mich zukommen. Es war paradox. Natürlich hat es niemand verstanden (“Die schönen Haare!”). Aber ich habe das Gegenteil damit erzeugt. Ich wurde ständig angefasst, Fremde wollten meine Haare anfassen. Ich habe Abstand gesucht und habe stattdessen das Gegenteil bekommen. Seitdem frage ich mich: Was muss passieren, damit man einander mit Respekt begegnet, Grenzen beachtet und wenn das alles nicht geht - mich einfach in Ruhe lässt? Ich will nicht länger Mauern bauen und mich verstecken.

Juli - 1000 Kreuze und die Festival/Sexismus-Saison
Deutsche Bahn, was machst Du nur? Ich habe mich schon oft über die DB geärgert, aus unterschiedlichsten Gründen. Aber so fassungslos war ich über das Handeln dann doch noch nie: Im Juli fand die alljährliche 1000 Kreuze-Demonstration (oder auch “Marsch für das Leben”) statt, bei der konservative, christliche Fundamentalist_innen für ein absolutes Abtreibungsverbot demonstrieren. Das an sich ist schon schlimm genug. Dass das aber von der Bahn supportet wurde, indem sie ein besonderes Ticket (99 Euro) für die Teilnehmer_innen anboten, ist schlichtweg nicht zu begreifen. In ihrer Stellungnahme beriefen sie sich darauf, solche Angebote auch anderen Organisationen schon gemacht zu haben. Beispielhaft wurde amnesty international genannt, denen allerdings so etwas nicht bekannt war. Was mich mindestens genau so zum Kotzen bringt, sind die Kommentare unter dem dazugehörigen taz-Artikel: Abtreibung wird mit Euthanasie verglichen.
Der Juli liegt auch mitten in der Festival-Saison. Unabhängig davon, wie gut das Hurricane und andere Festivals waren - sie zeigen mir auch immer wieder, wie Sexismus zum Spaß für junge Menschen wird, wie lustig es auf einmal ist, Menschen zu erniedrigen. Ich bin den Menschen, mit denen ich Festivals erleben durfte, dankbar dafür, dass sie oft so reflektiert reagiert haben. Ich bin denen dankbar, bei denen ich mich über “Brustvergrößerung durch Handauflegen”-Schilder auskotzen konnte. Es hat mir auch gezeigt, dass auch der Ort, an dem Menschen mit einem ähnlichen Musikgeschmack sind und an dem Musik gespielt wird, die ich mag und bei der ich mich wohl fühle, auch kein Schutzraum ist. Wir müssen weiter nach Schutzräumen suchen. Immer wieder nach Neuen, weil sie uns so schnell genommen werden.

August - Am Rande der Verzweiflung oder schon drüber hinaus.
17.08. Rowdytum aus religiösem Hass. Arbeitslager. Das war das Urteil für die drei Aktivistinnen von Pussy Riot. Der Gedanke dreht einer_einem den Magen um. In solchen Momenten fühlt man sich hilflos. Alles, was wir uns ausgedacht haben, was wir versucht haben, für sie zu tun, war scheinbar umsonst. Man würde ihnen so gern etwas von ihrem Leid abnehmen. Aber vielleicht müssen wir das nun als Ansporn nehmen und uns weiterhin solidarisch zeigen. Pussy Riot geben uns Kraft, sie haben Großes bewirkt und jetzt müssen wir weitermachen.
Im August wurden außerdem die Ermittlungen gegen Dominique Strauss-Kahn eingestellt. Die Frau, die ihm vorwarf, sie vergewaltigt zu haben, sprach plötzlich von einvernehmlichem Sex. Wir können nicht wissen, was wirklich passiert ist. Die Ermittlungen wurden eingestellt, weil keine Anzeige mehr gegen ihn vorlag. Wie kann es sein, dass der Vorwurf der Vergewaltigung so schnell vom Tisch war? Das hat mich wirklich wütend gemacht. Im Normalfall wäre das nicht möglich gewesen.
Was mich aber noch viel mehr traf, war - wie schon beim Prozess gegen Kachelmann - die Berichterstattung. Nein, Strauss-Kahn wurde nie als Vergewaltiger bezeichnet. Es war auch nicht der Vorwurf der Vergewaltigung, der die Medien erschütterte. Es war vielmehr das Ruchbar-werden seiner “Sexparties”. Mit keinem Wort wurde erwähnt, dass es sich um einen Gewaltakt handelt, der das Leben eines Menschen zerstört, es ging immer nur um den Skandal um eine in der Öffentlichkeit stehende Person. Mehr war es nicht. Vielleicht wollen viele Menschen nichts damit zu tun haben, sie wollen Gewalttaten gegenüber Frauen nicht an sich heran lassen. Aber über einen Skandal, ja, darüber kann man gut reden.

September - Gebloggt.
Im September habe ich meinen ersten Blogeintrag geschrieben. Ich habe mich über Heteronormativität ausgekotzt und ein persönliches Erlebnis verarbeitet. Ich kann noch gar nicht glauben, dass das jetzt schon fast vier Monate her ist - es kommt mir nicht so lang vor. Aber ich habe so viele liebe Rückmeldungen bekommen, dass ich weitergemacht habe. Zum Glück. Dadurch hat sich vieles für mich verändert. Menschen, die erst meine Texte lesen und mich dann treffen, gehen anders mit mir um. Vielleicht vorsichtiger. Auf den Text folgten viele andere, viele Gespräche, Bekanntschaften, Diskussionen und Gedanken. Dafür bin ich dankbar und das hat mir der September gebracht.
Und während ich meine ersten Artikel geschrieben habe, hat die Mädchenmannschaft ihren fünften Geburtstag gefeiert. Der Blog hat meine Ansichten enorm geprägt und tut das immer noch. Das Lesen hat mich sensibilisiert. Umso mehr ärgert es mich zunehmend, wie über die Mädchenmannschaft geschrieben und gesprochen wird. Dass sie sich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren und sich in ihren Theorien verstricken. Natürlich sind einfache Erklärungen und Ansätze immer schick. Leicht zu erklären und zu begreifen. Aber wie soll man in einer Welt, die immer komplizierter bzw. abstrakter wird, noch einfache Erklärungen finden? Unterdrückungsstrukturen verstricken sich ineinander und können nicht mehr einzeln betrachtet werden. Ich finde den Weg richtig und glaube, dass wir uns, wenn wir uns und unser Umfeld emanzipieren wollen, auch über unsere eigene Lebensrealität hinaus denken müssen. Deshalb an dieser Stelle ein bisschen Glitzer an das Grrrls-Team, ihr seid wirklich großartig!
Oktober - Von tollen Menschen und Diskussionskultur und irgendwie auch von Brüsten.
Der Oktober fing großartig an. Nämlich mit dem Barcamp Frauen in Berlin. In vielen verschiedenen Sessions haben wir über ganz unterschiedliche Themen gesprochen. Ich habe mich beispielsweise in einer Session mit feministischen Pornos beschäftigt, in der nächsten über Schönheit gesprochen und in der letzten über Sprache und Feminismus. Es war aber nicht nur thematisch großartig, ich habe auch viele Menschen kennen gelernt, die ähnliche Ansichten haben wie ich, die sich auch Gedanken machen und die daran interessiert sind, Dinge gemeinsam weiterzudenken. 
Auf der Rückfahrt von Berlin nach Schleswig-Holstein habe ich dann einiges aufgeschrieben - unter anderem meinen Artikel über rape culture, der mit über 6000 Aufrufen mein meistgelesener und meistzitierter Eintrag geworden ist. Mir ist aufgefallen, dass so oft über rape culture (wie auch über andere Begriffe wie critical whiteness zum Beispiel) gesprochen wird, es aber nie wirklich ausführlich erklärt wurde, sondern die Kenntnis eine Voraussetzung zum Begreifen war. Das wollte ich ändern. Ich wollte einfach ein paar Grundlagen schaffen, auch, um mir selbst im Klaren darüber zu sein und Zusammenhänge für mich selbst zu ordnen.
Im Oktober hat Jörg Kachelmann sein Buch veröffentlicht, “Recht und Gerechtigkeit”. Er und seine Frau schreiben über die böse “gewohnheitsmäßig männerverurteilende Justiz”, über die Lügen und Verleumdungen. Es war nicht mehr zu verhindern. Jörg und Miriam Kachelmann sprechen nicht nur von der bösen Justiz, sondern von einer “Opferindustrie” und davon, ein Netzwerk zu gründen, um gegen falsche Beschuldigungen und “Täterinnen” vorzugehen. Sie vermitteln ernsthaft den Eindruck, dass es Normalität sei, dass Männer der Vergewaltigung beschuldigt werden, weil Frauen Täterinnen sind und ihnen nur Böses wollen. Wer das Interview noch einmal nachlesen will [Achtung, Trigger-Warnung: Enorme Relativierung von Vergewaltigungsvorwürfen], findet es hier.
Am 30. Januar 2013 wird der Kachelmann-Prozess nun in die nächste Runde gehen. Er fordert Schadensersatz. Die Diskussion wird uns also noch länger begleiten.



Im Oktober fand außerdem ein Verbandswochenende meiner Jugendorganisation, der Jusos Schleswig-Holstein statt. Dort habe ich eine Session zum Konsensprinzip organisiert, worüber ich wirklich lang nachgedacht habe. Ich wusste nicht, ob es der richtige Ort ist, da wir bisher eher wenig feministische Arbeit/Theorie gemacht haben. Allerdings wurde ich wirklich positiv überrascht. Es ist nicht selbstverständlich, diese Diskussion so offen zu führen und so viel daraus mitzunehmen, wie es alle Teilnehmer_innen getan haben, wenn man sich vorher noch nie in diesem Ausmaß damit beschäftigt hat.  Wir sollten einfach viel öfter Mut zu feministischen Diskussionen haben, auch wenn wir den Rahmen nicht einschätzen können.
#tits4humanrights. Die Aktion hat den Oktober auch mitbestimmt. Da sind Menschen, die für ein besseres Leben in der Kälte ausharren, von der Polizei mies behandelt werden und mitten in Berlin ein Lager aufgeschlagen haben und die Medien interessiert es nicht. Warum? Weil wir das Schicksal dieser Menschen ignorieren wollen? Einige bekannte (vor allem)  weibliche Mitglieder der Piratenpartei kündigten schließlich an, dort zu einer bestimmten Uhrzeit ihre Brüste zu zeigen. Zu keinem Zeitpunkt waren so viele Medien vor Ort. Nicht nur die Bild, sondern auch Spiegel, Zeit und viele weitere. Anstatt Fotos von Brüsten machen zu können, bekamen sie einen Spiegel vorgehalten: Keine der Aktivistinnen hatte vor, Brüste zu zeigen. Stattdessen bewiesen sie die Sensationsgeilheit der deutschen Presse ein weiteres Mal. Eine gute Aktion, unter der aber die Bemühungen der Aktivist_innen, die täglich warmes Wasser, Decken und Lebensmittel vorbeibrachten und die Menschen mit ihrer Anwesenheit unterstützten, nicht untergehen sollten.


November - Verletzlichkeit.
Im November war der Juso-Bundeskongress in Magdeburg. Wirklich wichtig war, dass wir hier nach einer kräftezehrenden (und sich im Vorfeld über Monate hinziehenden) Debatte beschlossen haben, die Queer-Debatte auch in unserem Verband zu führen. Das ist neu. Und das ist gut. Ich bin wirklich gespannt auf die kommenden Monate und was sich aus dem Beschluss nun entwickelt. Denn uns muss klar sein: “Realpolitik”, die die Situation von Frauen verbessert, schließt niemals aus, eine Queer-Perspektive zu entwickeln und im gleichen Maß zu vertreten! Denn auch dahinter stehen Menschen, verdammt noch mal!
Ich bin Mitglied der SPD. Und ich bin es eigentlich auch gern. Ich weiß genau so auch, dass es viele Feminist_innen in dieser Partei gibt. Umso schlimmer ist es dann, einen designierten (mittlerweile ja sogar gewählten) Kanzlerkandidaten zu haben, der mit Gleichstellung relativ wenig am Hut hat. Muss er ja auch nicht zwangsweise, er muss keine feministische Theorie kennen und kein Queerfeminist sein. Aber haben wir zu hohe Ansprüche, wenn wir ein 50/50-Schattenkabinett oder ein quotiertes Team fordern? Das ist doch völlig legitim! Da hat Peer ziemlich daneben gelangt und ich persönlich frage mich wirklich, wie er Wählerinnen für sich gewinnen kann, wenn er es noch nicht einmal in den eigenen Reihen schafft.
Eine enorme Rolle spielt für mich - nicht nur für den November, sondern wahrscheinlich auch noch für eine lange Zeit - eine Frau, die ich Ende November getroffen habe. Sie hatte mir vorher schon eine Nachricht geschrieben, dass sie mit mir über die sexualisierte Gewalt, die ihr als Kind angetan wurde, sprechen wolle. Daraufhin trafen wir uns in einem Café und haben uns sehr lange unterhalten. Über alles und über Konkretes. Über Gefühle und darüber, wie es sich anfühlt, mit dem Erlebten umzugehen und von so vielen Menschen für bestimmte Handlungen/Reaktionen mit Unverständnis behandelt zu werden. Darüber, zu keiner körperlichen Spontanität in der Lage zu sein und Jahre darauf zu verwenden, das Geschehene irgendwie zu verarbeiten. Das Gespräch haben wir schließlich gemeinsam aufgeschrieben, ihr könnt es auch nachlesen [Trigger-Warnung!]. Das war eine Erfahrung für uns beide, die wir wahrscheinlich so schnell nicht vergessen werden und die uns beide aus der Bahn geworfen hat. Wirklich aus der Bahn geworfen hat. Solche Erlebnisse, solche Gespräche, machen uns verletzlich. Uns, die wir Dinge erlebt haben, über die wir nicht sprechen können und wollen. Aber sie machen uns auch stärker. Verständnis und Menschen, die einer_einem zuhören sind wichtig. Ich versuche Menschen nicht mehr nach ihrem ersten Auftreten zu beurteilen bzw. zu verurteilen. Und ich wünsche mir, dass andere Menschen das auch nicht mehr tun.
Es gab auch die Aktion #ichhabenichtangezeigt. Die Posts zu lesen lohnt sich auf jeden Fall. Menschen, die sexualisierte Gewalt nicht angezeigt haben, schreiben dort anonym, wieso sie sich dagegen entschieden haben. Auch hier für gilt allerdings eine Trigger-Warnung!

Dezember - Ein Babybauch und so viele Kommentare zu viel.
Über Weihnachten ärger ich mich jetzt immer noch. Über die Kommentare von irgendwelchen Verwandten, die meinen, mein Äußeres irgendwie beurteilen zu müssen, die meine Zukunftsplanung in Frage stellen und sich den Rest des Jahres (ist nun mal so, wenn man mehrere hundert Kilometer zwischen sich hat und sich höchstens zwei Mal im Jahr sieht) kein bisschen mehr für mich interessieren. Spannend war, dass ich ja erst kurz vorher einen Artikel über Babybäuche und kurze Haare geschrieben habe und genau das noch einmal erleben durfte. Einer schwangeren Verwandten wurden von allen die besten Tipps gegeben, wie sie sich zu verhalten habe, wie die Geburt am besten abzulaufen habe, was sie wann tun müsse und was welches Symptom bedeute. Mir wurde gesagt, dass meine Haare ja richtig gut aussähen. Das haben sie mir mit so einer Inbrunst gesagt, als wäre ich vorher unglaublich hässlich gewesen, weswegen man sich jetzt so über die Veränderung freuen müsse. Es ist nicht so, dass ich alles unkommentiert hinnehme. Aber ich frage mich langsam wirklich, wozu ich mich äußern und was ich einfach ertragen muss. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es oft schlimmer ist, sich in rassistische/ sexistische/ stigmatisierende Diskussionen einzumischen. Oft wurden meine Äußerungen nur mit einem müden Lächeln und einem “Ach, Merle...” bedacht. Nach dem Motto: Du bist zu jung, du verstehst das noch nicht. Du lebst ja nur in deiner linken Traumwelt. Aber das ist nicht das Diskussionsniveau, auf das ich mich in meiner Familie herablassen will, wenn ich nicht als ernstzunehmende Gesprächspartnerin anerkannt werde.
Ich will mir von niemandem, der_die mich kaum kennt, sagen lassen, wie ich meine Zukunft zu gestalten habe, wann ich was machen muss, wen ich zu Familienfeiern mitzubringen habe (“Hast du jetzt langsam mal einen Freund?”) und ganz sicher von niemandem muss ich mein Auftreten, meinen Körper oder meine Kleidung kommentieren lassen. So einfach ist das.

Übermorgen.
Ja, übermorgen ist schon 2013. Verrückt, wie schnell das geht. Bevor ich diesen Text geschrieben habe, hätte ich nicht gedacht, dass es so viel wird. Aber es stimmt schon, 2012 war sehr bewegt. Das wird sich 2013 wohl auch nicht ändern, denn wir sind noch lange nicht fertig!
Ich habe Alice Schwarzer weggelassen, die in diesem Jahr auch mehrfach das Wort ergriffen (oder auch: an sich gerissen) hat, die mich manchmal in Erklärungsnot bringt, mich selbst und mein Verständnis von Feminismus in Worte zu fassen. Ich habe die zahlreichen Slutwalks weggelassen. Nicht, weil ich sie als nicht wichtig für den feministischen Diskurs erachte, sondern weil ich keine abgeschlossene Meinung dazu habe.
2012 bedeutete für mich so vieles, was nicht irgendeinem Monat zugeordnet werden kann. Dinge, die noch lange nicht abgeschlossen sind. Ich bin nicht fertig mit mir. Nicht als Feministin und nicht als Mensch.

Danke an dieser Stelle an euch, dass ihr diesen langen Text gelesen habt und dass ihr mich in den letzten vier Monaten durch Höhen und Tiefen begleitet habt.
Ich habe 2012 viele Menschen kennen gelernt, die jetzt einen wichtigen Teil meines Lebens darstellen und ohne die ich nicht mehr sein möchte. Wenn ihr noch Dinge habt, die unbedingt noch für 2012 aus feministischer Sicht genannt werden müssen, dann schreibt sie am Besten als Kommentare unter diesen Text.
Ab März lebe ich in Ungarn, sodass ich von dort bestimmt über einige Dinge bloggen werde, die ich so noch nicht kannte. Langsam bin ich wirklich gespannt auf dieses neue Jahr.

2013. Klingt doch eigentlich ganz gut, oder?

Freitag, 21. Dezember 2012

Mauern bauen und Abstand gewinnen.


Ich bin gerade ein paar Tage aus meinem Urlaub zurück. Es war wundervoll. Aber irgendwas ist ja immer. Ich würde so gern sagen können, dass es perfekt war, dass es rundum gut war. Das würde keineswegs heißen, dass alles so gelaufen ist, wie wir es geplant oder gewollt hatten, nein, das würde ich niemals erwarten. Ein perfekter Urlaub ist für mich, wenn ich mich wohl fühle. Wenn ich mich nie in Situationen begeben hätte (bzw. in diese Situationen gebracht worden wäre), in denen es mir schlecht geht. Aber diese Situationen gab es, sogar mehrfach. Und man darf sich einfach nichts vormachen: Es wird sie immer geben, immer dann, wenn man auf Leute trifft, die nicht wissen, wie sie mit dir umgehen müssen. Ein wirklich schlimmer Moment war es, als wir uns in der Garderobe eines Clubs die Jacken anziehen wollten und ich von einem Mann angesprochen wurde. Da ich nicht wusste, was er wollte und es laut war, bat ich ihn, Englisch zu sprechen. Zuerst sagte er mir, dass kurze Haare so sexy seien und anschließend wollte er nicht verstehen, dass wir gehen wollten. Er wollte tanzen. Ich habe mich abgewandt, ihn wirklich abgewiesen. Er fragte danach noch mehrfach nach meiner Handynummer und ich sagte jedes Mal wirklich deutlich “No.”. Irgendwie schien er zu merken, dass ich keinerlei Interesse hatte. Aber anstatt es dann zu lassen und zu gehen zog er mich an sich und küsste mich. Einfach so. Ich habe mich wirklich schäbig gefühlt. Als wir draußen auf der Straße standen, habe ich mich darüber aufgeregt. Lautstark. Auf einmal hätte ich genau gewusst, was ich zu tun habe, wie ich zu reagieren habe. Die Freundin, mit der ich in dem Club war, hatte in dem Moment nichts getan. Nicht, weil sie mich im Stich lassen wollte. Sondern weil sie schlichtweg nicht wusste, wie schlimm es für mich war. Und wie lange ich noch darüber nachdenken würde, was ich im Nachhinein hätte machen sollen. Ich hätte ihm einfach eine knallen können, ja, ich wäre in der Position gewesen, ihn wegzudrücken, ihn zu schlagen oder jemanden um Hilfe zu bitten. Aber ich habe mich hilflos gefühlt. Wirklich hilflos. Danach ist man immer schlauer, danach weiß man immer, wie es richtig gewesen wäre. Aber muss man in dem Moment klar denken können? Ja, ich könnte mich jetzt begehrt fühlen. Er hat mir gezeigt, dass er mich attraktiv fand. Aber ich fühle mich nicht respektiert, ich fühle mich verletzt und ich weiß ganz genau, dass ich im Recht bin und dass niemand mir einreden kann und darf, dass das doch nicht schlimm war. Für mich war es schlimm. Und solche Momente machen mir nicht nur den Abend kaputt, sondern sie machen mir Angst. Angst vor Spontanität und Angst vor Berührungen. Angst vor den Menschen, die meinen, das sei doch lustig und ich solle mich nicht anstellen. Solche Momente führen dazu, dass ich manchmal lieber zuhause bleibe oder dass meine Mauern immer höher werden.

Und bevor ich es mir jetzt anders überlege, veröffentliche ich das. Vielleicht sehe ich das in ein paar Tagen, Wochen ganz anders. Just think about it.

Freitag, 7. Dezember 2012

Geht's noch?

Im August diesen Jahres wurde eine junge Soldatin in einer Kaserne in Niedersachsen vergewaltigt. Anschließend hat der Täter sie gefesselt, geknebelt und in einem Spind eingesperrt. Heute, etwa vier Monate später, geht man davon aus, dass sie die Vergewaltigung erfunden hätte und die dementsprechende Berichterstattung (unabhängig davon, was denn nun wirklich passiert ist) ist für jede Frau mit Gewalterfahrungen ein Schlag in die Fresse.


Der Verdacht, dass sie nicht die Wahrheit sage, habe schon früh bestanden.

Wann denn genau? Vielleicht von Anfang an? Weil diese Gesellschaft Frauen nicht ernst nimmt, die Gewalt erfahren haben? Jede Frau, die einem Mann vorwirft, sie vergewaltigt zu haben, wird als erstes selbst hinterfragt. Ich will keinem Gericht vorwerfen, nicht das Beste zu geben. Aber ich werfe dieser Gesellschaft vor, die Schuld beim Opfer zu vermuten! In der Utopie einer perfekten Gesellschaft gibt es keine sexualisierte Gewalt und dementsprechend wird der Fehler, wie es zu der Tat kommen konnte, immer zuerst bei dem Opfer gesucht.


Sie habe sich in ihren Aussagen immer wieder in Widersprüche verstrickt.
Sie habe sich in Widersprüche verstrickt? Es wird von einer Frau, die so etwas erleben musste, die psychische Schäden davon trägt und das nie vergessen wird, erwartet, dass sie den Tathergang und alles genau wiedergeben kann? Wie diese Gesellschaft mit Gewalterfahrungen umgeht, spricht Bände. Ist denjenigen klar, dass die Aussagen unter großem Stress und hoher psychischer Belastung getätigt werden müssen? Dass es keinen “normalen” Ablauf einer Gewalttat gibt und dass jedes Opfer einer solchen auch anders damit umgeht?

Sie leide unter einer Persönlichkeitsstörung, heißt es.
Weil sie sich in Widersprüche verstrickt hat, wird ihr vorgeworfen, unter einer Persönlichkeitsstörung zu leiden. Diese Gesellschaft tut alles, um den Vorwurf der Vergewaltigung aus dem Weg zu schaffen. Aber sie sollte sich doch vielmehr nicht mit der Vertuschung, sondern mit der Aufarbeitung und der Unterstützung der Opfer jeglicher sexualisierter Gewalt beschäftigen!
Wie fühlt es sich wohl für Frauen an, die ähnliches erleben mussten, wenn hier von einer Persönlichektisstörung gesprochen wird? Ich habe mehrere Artikel dazu gelesen, um darüber schreiben zu können. Ich musste ernsthaft lesen, dass sie sich die Vergewaltigung ausgedacht hätte, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Really!? Kann man eine Vergewaltigung noch stärker relativieren?
Wenn ich das so höre, wird mir wirklich schlecht.

“Ihr Körper habe nicht die typischen Verletzungen wie Hämatome aufgewiesen, die bei einem derart brutalen Angriff zu erwarten gewesen wären.”
Ich kotz im Strahl. Eine Vergewaltigung ist erst eine Vergewaltigung, wenn die Frau genügend Hämatome aufweist, um es zu beweisen? Eine Frau muss sich so schlagen und würgen lassen, dass ihr geglaubt wird? Es wird also vorausgesetzt, dass sich das Opfer wehrt. Dass es sich wehrt und damit noch mehr Gewalt in Kauf nimmt. Das setzt dann voraus, dass ein “Nein” nicht reicht, sondern dass man sich körperlich wehren muss, damit aus “Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen” eine Vergewaltigung wird. Das setzt genau so voraus, dass das Opfer bei Sinnen ist. Ich frage mich ernsthaft, welches Frauenbild diese Gesellschaft hat und wie sie Gewalt versteht. Rape culture bedeutet, dass eine Gesellschaft sexualisierte Gewalt relativiert. Nichts anderes passiert hier. Es ist nur noch viel viel grausamer.

Wenn ich sowas lese/höre, kann ich nicht mehr. Wie geht diese Gesellschaft mit Menschen um, die Hilfe brauchen? Eine Frau, die vergewaltigt wurde, muss unter Stress den genauen Tathergang schildern können, muss “vergewaltigungstypische” Hämatome aufweisen und selbst das scheint noch nicht zu reichen. Selbst dann war sie irgendwie doch selbst schuld, man muss nur ein Makel finden, das nicht in das Bild der Gesellschaft passt. Ich dachte eigentlich, dass es sich bei dieser Berichterstattung um einen Einzelfall handelt. Aber man darf nicht vergessen, dass sexualisierte Gewalt ein Tabuthema ist. Ich habe wirklich viel dazu gelesen, von Spiegel-Online über Focus und Welt bis hin zur Bild. Und ganz ehrlich: Das einzige Medium, das in angemessenem Ton berichtete, war die Bild-Zeitung. Das taten sie aber gewiss nicht, weil es ihnen um die Vergewaltigung ging. Nein, das sollte Umsatzzahlen steigern.
Als ich die Welt las, hat mich schon der erste Satz ernsthaft wütend gemacht.

Eine Soldatin ist in der Jäger-Kaserne in Bückeburg (Niedersachsen) einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen.
Zum Opfer gefallen? Fällt man einer Vergewaltigung wirklich zum Opfer? Nein, verdammt! Der Täter wird anonymisiert. Nicht der Täter ist das Arschloch, sondern vielmehr wird das Ruchbar-Werden der Tat als das Schlimme dargestellt. Man fällt einer Naturkatastrophe zum Opfer. Die sind unberechenbar, unkontrollierbar, unintendiert. Und dann muss man einfach mit den Konsequenzen leben, weil ja niemand was dafür konnte. Und so redet ein Medium wie die Welt über sexualisierte Gewalt.

Berichte wie dieser sind unter anderem Gründe dafür, dass Frauen sich nicht trauen, Hilfe zu suchen, wenn sie Gewalt erfahren müssen. Es ist ein Schlag in die Magengrube für all diejenigen, die sich nicht trauen. Man zeigt jemanden an, in der Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Darauf folgen die Fragen, die Untersuchungen, die Anhörungen, die Konfrontation mit dem Täter, das ständige Warten darauf, dass man sich in Widersprüche verstrickt, das ständige Hinterfragen, das Ausfragen und die Vorwürfe.

Nach einem Bericht wie dem des NDR frage ich diese Gesellschaft, die Medien und euch: Ganz ehrlich - geht’s noch?

Sonntag, 2. Dezember 2012

Was Babybäuche und Kurzhaarfrisuren gemeinsam haben.


Ja, klingt schon irgendwie komisch, der Titel. Spontan würde mir da wenig einfallen. Aber mir ist etwas aufgefallen, was ich hier gern zusammenfassen will. Denn wenn man darüber nachdenkt, dann haben Schwangerschaften und kurze Haare eine große Gemeinsamkeit: Sie bringen Menschen dazu, Grenzen zu ignorieren. Über Babybäuche kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen, sondern nur meine Beobachtungen niederschreiben. Vielleicht finden sich Frauen, die in der Kommentarfunktion von ihren eigenen Erfahrungen berichten können. Ich habe das Gefühl, dass ein wachsender Bauch in Menschen dieses gewisse “Oooohh”-Gefühl auslöst. “Hach, wie schön!”. Babybäuche sehen wunderschön aus, finde ich. Und Babies sind auch super. Süß. Aber sie verleiten auch viele Menschen dazu, den Bauch der werdenden Mutter anzufassen. Einfach mal über den Bauch zu streicheln, meistens ohne gefragt zu haben. Man trifft sich dann auf der Straße, Person A sieht, dass Person B schwanger ist (vielleicht kennen sie sich noch nicht mal gut) und der Blick auf den wachsenden Bauch löst das gewisse “Oooohh”-Gefühl aus. “Ohh, du bist schwanger?!” - und schon ist die Hand auf dem Bauch. Oder es kommt vorher noch ein “Ohh, darf ich mal anfassen?” - und die Antwort ist dann eigentlich auch egal. Ändert eine Schwangerschaft die Tatsache, dass Berührungen unsere Grenzen überschreiten? Nein, verdammt, natürlich nicht! Schön, wenn sich Menschen über Babybäuche freuen, aber ein Bauch ist durch eine Schwangerschaft doch nicht vergesellschaftet!



Von der Gemeinsamkeit mit kurzen Haaren kann ich aus eigener Erfahrung vieles erzählen. Mit der Zeit wurden meine Haare immer kürzer. Und nach dem Abiball hat mich dann eine Mischung aus Langeweile, Neugier und Rebellion erfasst - das Ergebnis: 3mm. Es hat viel Spaß gemacht, meine Haare abzurasieren und ich fand es anfangs auch toll und ungewohnt, sie anzufassen, aber meine Erfahrungen zu Grenzenüberschreitungen haben in dieser Zeit deutlich zugenommen. Es reichte von der Frage “Darf ich mal anfassen?” bis zu ungefragtem Drüberstreicheln. Auf einem Festival wurde ich ständig von irgendwelchen unbekannten Menschen angefasst (dass es generell auf Festivals ein Sexismus-Problem gibt will ich nicht bestreiten), einfach, weil sie es sooooo toll fanden, eine Frau mit milimeterkurzen Haaren zu treffen. Ja, toll. Ich will unabhängig von meiner Frisur trotzdem nicht von allen angefasst werden.
Die schlechten Erfahrungen beschränkten sich nicht auf Festivals und gelöste Stimmung. Das ist auch im Alltag, auf der Straße und einem Parteitag passiert. Mittlerweile sind meine Haare wieder länger (nicht aufgrund dessen) und die Grenzüberschreitungen haben - jedenfalls in der beschriebenen Hinsicht - deutlich abgenommen.
Dadurch komme ich zu dem Schluss, dass körperliche Veränderungen auch das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum verändern. Meistens ist es ja doch Konsens, dass Grenzen nicht überschritten werden. Babybäuche finden wir aber irgendwie alle toll und kurze Haare an Frauen irgendwie ungewohnt, deswegen verlieren wir unsere Hemmungen. Körperliche Veränderungen verändern nicht nur das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum, nein, sie scheinen sogar Grenzüberschreitungen zu legitimieren. Sie scheinen Menschen dazu zu bringen, den Respekt vor ihrem Gegenüber zu verlieren. Sexismus, wie er vielen Frauen täglich begegnet und wie nur wenige ihn wirklich wahrnehmen. Denn er wird erst für diejenigen real, die schwanger sind oder kurze Haare haben. Vermutlich nehmen wir es nicht wahr, dass wir Grenzen überschreiten. Dabei können wir uns an so einfache Regeln halten. Man kann immer fragen. Und man kann auch einfach die Antwort abwarten. Das ist nicht schwer.Uns muss klar sein, dass keine körperliche Veränderung beeinflussen kann und darf, wer Grenzen festlegt. Das ist immer die betreffende Person. Es ist eine Frage der Definitionsmacht, die wir niemandem nehmen dürfen.  Die Antwort muss akzeptiert werden. Denn nur die betreffende Person weiß, was sie in dem Moment will. Und sie muss sich dafür nicht rechtfertigen. Aber unabhängig davon: Überschätzt euch nicht. Nicht alles geht euch was an. Weder meine kurzen Haare müssen euch beschäftigen, noch geht euch der Bauch einer anderen Frau etwas an.

Mittwoch, 28. November 2012

Die Geschichte einer Dunkelziffer.

[Trigger-Warnung: Beschreibung einer Vergewaltigung. Keine Beschönigung]

Ich habe mich mit einer Frau getroffen, die mir von ihrer Vergewaltigung erzählte. Sie hat jahrelang nach einer Person gesucht, der sie davon erzählen kann. Durch das Lesen meines Blogs glaubte sie, jemanden gefunden zu haben, dem_der sie es erzählen könnte. Eine Person, die sie ernst nimmt. Daraufhin haben wir uns getroffen, weil sie wollte, dass es öffentlich wird. Ich schreibe das Ganze natürlich anonym auf. Wer das Schicksal einer als Kind vergewaltigten Frau nicht kennen möchte, wer es nicht lesen möchte, sollte nicht weiterlesen.
An dieser Stelle eine eindeutige Warnung: Ich schreibe alles so auf, wie sie es mir erzählt hat. Wir wollen das tun, damit ihr alle da draußen wisst - Dunkelziffern sind verdammt noch mal keine Zahlen. Die Dunkelziffer ist eine Person, die du kennst, die du täglich siehst, die du vielleicht liebst und von der du es nicht ahnst. Sie sind da und versuchen ihr Leben zu machen und können nicht loslassen. Dem Ganzen vorweg: Sie hat alles von sich aus erzählt und wollte auch, dass ich es aufschreibe. Sie hat es danach noch einmal durchgelesen und der Veröffentlichung (nach einer von ihr bestimmten Bedenkzeit) hier auf dem Blog zugestimmt. Ich lasse dieses Gespräch bewusst unkommentiert.

Erzähl doch einfach mal.

Es war im Winter. Ich war sieben Jahre alt. Es hat an der Tür geklingelt. Es war mein Nachbar, er war vielleicht 17 oder 18. Er fragte, ob ich ihm helfen könnte. Ich bin einfach mitgegangen. Ich fragte noch, was ich denn machen müsste und er meinte, ich solle etwas tragen. Wir sind ins Gartenhäuschen gegangen. “Aber ich habe doch gar nicht so viel Kraft.”, sagte ich noch, aber da hat er die Tür schon zu gemacht. Er griff mir an den Hals. Ich solle die Hose ausziehen. Aber warum, ich dachte, ich sollte doch nur etwas tragen! “Ich will das nicht.” sagte ich. Dann kann ich mich nur noch an das Atmen erinnern. Und an den Geruch. Ich glaube, er fühlte sich männlich mit diesem Parfum. Er hatte auch eine Freundin zu diesem Zeitpunkt.
Als es vorbei war, blieb ich liegen. Ich hatte keine Schmerzen. Ich konnte mich einfach nicht bewegen. Ich wusste ganz genau, was das bedeutete, was er mit mir gemacht hatte. Aber ich konnte es einfach nicht verstehen. Das müssen doch Menschen machen, die sich lieben. Das machen doch, verdammt noch mal, nur Menschen, die sich gern haben! Ich kann mich noch genau an die Decke erinnern. An den Holzpfeiler in der Mitte. Und es war so kalt und nass. Danach bin ich nach Hause gegangen. Langsam. Ich stand vor der Tür, klingelte und sagte zu meiner Mutter: “Mama, der Junge war nicht nett zu mir” Ich wusste das Wort dafür doch noch nicht mal! Ich wusste, was er getan hat, aber woher sollte ich denn auch das Wort kennen? Ich wusste nur, dass er mir weh getan hat. Niemand hat es mir geglaubt. Meine Mutter sagte, ich solle sowas nicht behaupten.

Und dann?

Morgens vor der Schule bin ich immer an einer Polizeiwache vorbeigelaufen. Und ich wusste nicht, wer mir sonst helfen sollte. Also bin ich da reingegangen und es waren zwei oder drei Beamte da. Ich habe gesagt: “Mir wurde wehgetan.” Sie wollten, dass ich mit ins Krankenhaus komme und sagten, ich müsse mich dann ausziehen. Aber ich wollte mich doch nicht noch einmal ausziehen! Das hatte er doch auch gesagt. Und ich musste doch nicht ins Krankenhaus, ich war doch nicht krank! Ich konnte das nicht. Und dann wollte ich einfach nur noch weglaufen. Ganz schnell weg.

Hast Du den, der dir das angetan hat, danach noch gesehen?

Ja, er war ja mein Nachbar. Noch ein paar Jahre haben wir da gewohnt. Fünf Jahre. Manchmal hat er gefragt, ob ich ihm helfen könnte. Dann bin ich weggelaufen.
Irgendwie habe ich angefangen zu hassen. Ich war neidisch. Auf alle. Darauf, dass bei denen alles gut war, sogar auf meine Schwester war ich so neidisch. Und je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es auch. Ich habe hingenommen, dass ich immer wieder in Frage gestellt wurde. Ich war überlebensfähig. Aber ich war doch nicht glücklich.Ich hatte das Gefühl, dass ich wirklich allen scheißegal war. Selbst meine Schwester hat mich nicht mehr verstanden. Mit 14 konnte ich nicht mehr. Ich weiß es noch genau. An meinem Geburtstag habe ich mich vor ein Auto geschmissen. Ich wollte einfach nicht mehr. Im Krankenwagen habe ich meine Eltern nicht mehr wiedererkannt. Das Schlimmste war der Moment im Krankenhaus, als meine Schwester sagte: “Ach, die simuliert doch nur!”.

Wie gehst Du heute damit um? Du hast ihn ja nicht angezeigt, oder?

Wenn mich jemand darauf anspricht, dann antworte ich: Ja, ich wurde vergewaltigt. Aber was, wann, wie und wo passiert ist, das geht niemanden etwas an. Ich werde teils wie eine Aussetzige behandelt. Ich habe auch gelernt, dass die Menschen nicht mit so einem Schicksal umgehen können. Ich wurde immer anders behandelt. Als wäre ich schmutzig. Alles, was ich gemacht habe, wurde irgendwie sexualisiert. Meine Lehrerin wusste von dem, was mir passiert war. Und irgendwie konnte sie einfach nicht damit umgehen. Sie konnte nicht mit mir umgehen. Ich sollte mich nicht so anstellen, hat sie gesagt.
Eine Freundin von mir wurde auch vergewaltigt. Sie hat ihn angezeigt. Mittlerweile ist es still um sie geworden. Sie hat sich zurückgezogen, weil sie das nicht mehr ertragen konnte. Sie wurde von einem Arzt untersucht. Ich kann nicht verstehen, wieso ausgerechnet ein Arzt das machen musste. Im Prozess musste sie alles offen legen. Und auf einmal spielten auch Sachen wie ihre Kleidung oder ihr Sexualleben eine Rolle. Das will ich nicht.

Ich habe dich vorhin umarmt. War das in Ordnung? Hast Du Angst vor Berührungen?

Früher konnte ich die Berührungen im Sportunterricht nicht aushalten. Sie waren so grob und plötzlich. Dass meine Angst davor unbegründet ist, habe ich mit der Zeit gelernt. Aber ich kann es bis heute nicht ab, wenn ich überrumpelt werde. Wenn ich zum Beispiel plötzlich von hinten umarmt werde. Dann will ich mich unterbewusst immer verteidigen. Jetzt habe ich aber einen Freund, mit dem ich sehr glücklich bin. Nach sechs Monaten habe ich ihm erzählt, was mir passiert ist. Er kann gut zuhören. Ich schätze an ihm, dass er immer fragt. Vor jeder Berührung. Manchmal habe ich es verflucht, dass ich nicht so spontan sein kann wie andere. Aber es ist doch eigentlich etwas Schönes, dass wir alles immer im Konsens tun!

Sie wird im nächsten Jahr eine Therapie beginnen, um zu lernen, damit umzugehen.

Donnerstag, 22. November 2012

Die Schöne und das Biest. Part III

Eine Fortsetzung des letzten Artikels.

Wenn der Wunsch zum Wahn wird.

Dass die von der Gesellschaft definierten Ideale in unser Privatleben eingreifen, unsere Denkmuster beeinflussen und das Handeln manipulieren, macht mir Angst. Zu keiner Zeit gab es so viele magersüchtige Menschen wie heute. In der Schule geht es bei immer jüngeren Mädchen (jedenfalls vor allem Mädchen) nur noch ums Aussehen. Es geht darum, wem die enge Hose besser steht, wer die längeren Beine, das gleichmäßigere Gesicht oder die schmalsten Schultern hat. Es ist kein Zufall mehr, schön zu sein. Es ist harte Arbeit. Verbunden mit Disziplin, Ehrgeiz, Fleiß, Contenance und dem Verlust von Selbstbestimmtheit und Selbstvertrauen. Nur wer schön ist, kann selbstbewusst auftreten. Es ist der Traum aller Mädchen, schön zu sein. Man will begehrt werden und sehnt sich nach Wertschätzung. Angesichts der Wertschätzung die einer_einem aufgrund von Schönheit entgegengebracht wird, wollen immer mehr Frauen diesem Ideal entsprechen, damit sie bloß nicht negativ auffallen und damit sie sich selbst genügen können. Notfalls auch durch eine Operation. Menschen sind fasziniert davon, wie viel ein kleiner Eingriff bewirken kann. Die Zahl der Frauen, die eine Schönheitsoperation gemacht haben, hat sich in den letzten Monaten verdoppelt. Und die derjenigen, die sich vorstellen könnten, operiert zu werden, ist kaum noch zu messen. Darüber hat auch die ZEIT geschrieben, allerdings habe ich davon eine andere Auffassung. Die ZEIT schreibt:

“Jetzt schenken Eltern ihren Töchtern Brustvergrößerungen, manchmal zu Weihnachten, manchmal zum Abitur.”

Ich glaube kaum, dass es zu einem so offenen Umgang mit Schönheits-OPs kommen wird. [Trigger-Warnung: Relativierung] Ich glaube viel mehr, dass es ein größeres Problem wird - ein Zeichen von Schwäche, es nicht von alleine geschafft zu haben abzunehmen und deswegen auf ein anderes Mittel zurückzugreifen. Ich glaube, dass Frauen sich schelcht fühlen, wenn sie sich für die OP entscheiden, denn dann zeigt es, dass sie es nicht allein geschafft haben, ihren Körper zu optimieren. Deshalb werden OPs immer ein Tabuthema bleiben. Ein Tabuthema, das aber für immer mehr Frauen eine entscheidende Rolle spielt. In einer Umfrage gab die Überzahl der befragten Männer an, dass sie operierte Frauen nicht besonders anziehend finden und dass sie eher “natürliche Frauen” bevorzugen. Wie ernst man so eine Zahl nehmen kann, weiß ich nicht. Im ersten Moment zählt doch nicht, ob operiert oder nicht. Der erste Eindruck ist “attraktiv” oder “uninteressant”. Genau so wenig glaube ich, dass Männer die einzigen Beurteilenden sind, nach denen Frauen sich richten, wenn sie sich für eine OP entscheiden. Ich will mir selbst genügen. Niemandem anderes. Aber ich genüge den Maßstäben der Gesellschaft nicht und deswegen kann ich mich nicht mehr losgelöst von irgendwelchen Idealen - egal von wem sie vertreten werden - ansehen und schön fühlen!

Von Misserfolg und Schuldzuweisungen

Wie oft habe ich schon geglaubt, dass mein Äußeres etwas mit der Wertschätzung zu tun hätte. Wie oft habe ich geglaubt, dass jemand mich nicht mag, weil ich nicht schön/attraktiv/interessant genug bin. Wie oft war ich neidisch auf andere Frauen, weil sie beliebt waren - und dachte, verantwortlich dafür sei einzig und allein ihre Schönheit. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige bin, die manchmal so denkt. Oft dachte ich, dass Schönheit für Selbstbewusstsein verantwortlich sei. Für meine Recherchen war ich auf mehreren Homepages von Schönheitschirurg_innen und fand das wirklich verstörend: Auf einer Seite sprang mir sofort ein Satz entgegen

“Jeder hat das Recht glücklich zu sein!”

Heißt das, dass man nur glücklich sein kann, wenn man gesellschaftlichen Schönheitsidealen entspricht, weil man sonst keine Wertschätzung bekommt? Und dass eine OP der Weg zum Glücklich Sein ist? Dass es traurig ist, dass Schönheit, Attraktivität und Körpern so eine große Rolle beigemessen wird, habe ich schon oft genug gesagt. Aber dass sie auch mit Glück und Wertschätzung verbunden werden, finde ich eher erschreckend. Ich möchte nicht über Frauen urteilen, die sich dafür entscheiden, eine Schönheits-OP machen zu lassen. Keineswegs. Denn diese Frauen werden auch wissen, dass die Veränderung ein monatelanger, finanziell kaum tragbarer, mit Schmerzen verbundener Prozess ist. Ich möchte aber klar über diese Gesellschaft urteilen, die sich anmaßt darüber ein Urteil zu fällen, wann eine Frau schön ist und wann sie nicht in die Norm passt und die eintrichtert, dass Schönheit zum Glück führt, bzw. umgekehrt: Die eintrichtert, dass Unglück durch Makel zu begründen ist.

Aber wisst ihr, ich hab es noch nicht aufgegeben. Ich halte an Rosa Luxemburg, Pippi Langstrumpf, Maria Stuart, Simone de Beauvoir und Xanthippe fest. Ich will nicht wahrhaben, dass wir unsere Vorbilder ersetzen und nicht mehr schätzen, warum wir sie so großartig fanden.