Donnerstag, 20. September 2012

Hallo, ich bin dein Gewissen!

Nein, warte - bin ich ja gar nicht. Aber manchmal kommt es mir so vor. Manchmal passiert das einfach so, dass ich jemanden verbessere ohne darüber nachzudenken. Eigentlich müssten wir doch davon ausgehen, dass diese “Gewissensfunktion” innerhalb des linken Spektrums nicht nötig sei.
Ich verbringe so viel Zeit in linken Kreisen, weil ich diese als geschützten Raum empfinde. Weil wir hier doch eigentlich alle ein ähnliches Weltbild vertreten und dieses leben, sodass wir uns alle wohlfühlen können. Wir würden uns alle ohne zu zögern als antisexistisch und feministisch bezeichnen - aber zwischen dem, was wir sagen und dem, was wir (er)leben ist ein meilenweiter Unterschied.
Feminismus in der Theorie macht meistens Spaß. Aber wenn wir in den Alltag übergehen, müssen wir uns dann doch wieder in reine Männergruppen setzen, antisexistisches Gewissen spielen und merken, dass ein Großteil unserer feministischen Arbeit doch umsonst war und höchstens theoretisch angekommen ist. Das sind die Momente, in denen man sich eingestehen muss, dass es auch innerhalb der Linken etablierten Sexismus gibt. Sexismus ist für mich eine der schlimmsten - weil alltäglichen - Unterdrückungsstrukturen, denen ich mich aussetzen muss. Ich möchte nicht das Alibi einer ganzen sich sensibilisiert nennenden Männergruppe sein, die dann meint, damit Rumgemacker und Maskulinismus zu legitimieren, dass ich doch da sei, um sie zu verbessern. Die nur darauf warten, dass ich den Mund aufmache, um sie zu belehren.
Irgendwie sage ich mir dann doch immer wieder, dass ich einfach weiterhin darauf aufmerksam machen muss, wann jemand sich sexistisch äußert und wann ich mich deswegen unwohl fühle. Also gehe ich weiterhin in diesen Männerklüngel und klage über dominantes Redeverhalten, lasse mich unterbrechen und versuche feministische Perspektiven vorsichtig einzubringen. Genau so lese ich Anträge, Texte und Pressemitteilungen weiterhin Korrektur, um gegebenenfalls stillschweigend etwas geschlechtergerecht- oder neutral umzuformulieren.
Soweit wird das akzeptiert - aber versucht man dann darauf aufmerksam zu machen, dass bestimmte gruppeninterne Verhaltensweisen sexistisch sind, wird es unbequem für die Gruppe. Nein, wir sind doch nicht sexisitsch. Guck, wir sagen doch selbst über uns, dass wir antisexistisch sind. Wir sind ja auch ein feministischer Richtungsverband, da kann es doch gar keinen Sexismus geben. Ach, stimmt, ich spiele mich ja nur wieder auf, wahrscheinlich bin ich überempfindlich und suche einfach nur einen Grund, um mich zu beschweren. Jede Debatte über internen Sexismus wird abgeblockt. Grundsätzlich wird Sexismus als ein Problem der Gesellschaft gesehen und kritisiert, spricht man den intern etablierten Sexismus an, ist nicht dieser das große Problem, sondern die Person, die das angesprochen hat. Die Personen, die das Problem benennen, die das böse Wort Sexismus in den Mund nehmen, die Gleichgesinnten zu nah treten, die wissen nicht, wovon sie reden. Wir sind auf einmal das eigentliche Problem, wir, die wir nicht in gemischte (bzw. männlich dominierte) Gruppen passen, wir, die wir uns nach autonomen Strukturen sehnen.

Ja, ich weiß, wir werden zu dem erzogen, was wir sind. Ich weiß auch, dass Sexismus alltäglich ist, dass man das von Anfang an so lernt und nicht unbedingt sensibilisiert wird. Ja, ich weiß, dass man hervorragend über sexistische Bemerkungen lachen kann. Und natürlich weiß ich auch, dass jede Sozialisierung Konsequenzen hat - nämlich die Reproduktion von Hierarchien, Patriarchat und sexistischen Strukturen.
Aber es ist doch nicht meine Pflicht, Sexismus als Konsequenz der Erziehung, des Umfelds oder was auch immer zu akzeptieren! Es ist genauso wenig meine Aufgabe, jemanden andauernd zu belehren und zu erziehen oder stillschweigend Fehler zu beseitigen! Damit ist niemandem geholfen - antisexistisch zu denken und zu handeln liegt in der Verantwortung jedes_jeder einzelnen. Hört auf, zu erzählen, was für ein langer harter Weg es ist, gegen die eigenen Sozialisierung anzukommen und endlich Antisexist_in zu sein. Wollt ihr Mitleid? Wir haben selbst genug damit zu tun, an uns selbst zu arbeiten und Stereotype zu überwinden.
Und erwartet nicht, dass irgendjemand stolz ist, wenn ihr dann mal was richtig gemacht habt. Ich bin keine Quotenfeministin. Ich bin nicht dafür zuständig, irgendwen zu überwachen und ich bin kein Alibi für euch, euch nicht anstrengen zu müssen.
Ein Mensch, der sich selbst dem linken Spektrum zuordnet, sollte zu einem gewissen Maß auch einen emanzipatorischen Ansatz verfolgen. Das heißt für mich auch, dass wir alle für unser eigenes Handeln verantwortlich sind, uns bewusst sein müssen, wie es auf unser Umfeld wirkt und wir müssen es selbst überdenken und ändern. Denn die Verantwortung für antisexistische und feministische Arbeit ist niemals übertragbar, das fördert sie nur, weil sie so nur reproduziert wird. Immer und immer wieder. Bis den Kritiker_innen die Kraft ausgeht und sie sich frustriert zurückziehen. Wird immer eine Frau, die sich die Mühe macht, verbessert und belehrt, als Alibi gesehen, bleibt das eigene sexistische Denken bestehen. Solange Menschen die auf eben dieses Problem aufmerksam machen, zum Problem gemacht werden, ist antisexistische Arbeit unglaubhaft.

Ich habe kein Problem damit, von jemandem, der sich Mühe gibt, um Rat gefragt zu werden. Ich habe auch kein Problem damit, weiterhin kleine Fehler zu verbessern. Aber ich habe ein enormes Problem damit, als überempfindlich bezeichnet und belächelt zu werden, weil ihr es nicht auf die Reihe bekommt, euren Stolz zu überwinden.

Fangt erstmal bei euch selbst an. Seid euer eigenes Gewissen. Hinterfragt euch. Arbeitet an euch.
Emanzipiert euch, verdammt noch mal!

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