Mittwoch, 28. November 2012

Die Geschichte einer Dunkelziffer.

[Trigger-Warnung: Beschreibung einer Vergewaltigung. Keine Beschönigung]

Ich habe mich mit einer Frau getroffen, die mir von ihrer Vergewaltigung erzählte. Sie hat jahrelang nach einer Person gesucht, der sie davon erzählen kann. Durch das Lesen meines Blogs glaubte sie, jemanden gefunden zu haben, dem_der sie es erzählen könnte. Eine Person, die sie ernst nimmt. Daraufhin haben wir uns getroffen, weil sie wollte, dass es öffentlich wird. Ich schreibe das Ganze natürlich anonym auf. Wer das Schicksal einer als Kind vergewaltigten Frau nicht kennen möchte, wer es nicht lesen möchte, sollte nicht weiterlesen.
An dieser Stelle eine eindeutige Warnung: Ich schreibe alles so auf, wie sie es mir erzählt hat. Wir wollen das tun, damit ihr alle da draußen wisst - Dunkelziffern sind verdammt noch mal keine Zahlen. Die Dunkelziffer ist eine Person, die du kennst, die du täglich siehst, die du vielleicht liebst und von der du es nicht ahnst. Sie sind da und versuchen ihr Leben zu machen und können nicht loslassen. Dem Ganzen vorweg: Sie hat alles von sich aus erzählt und wollte auch, dass ich es aufschreibe. Sie hat es danach noch einmal durchgelesen und der Veröffentlichung (nach einer von ihr bestimmten Bedenkzeit) hier auf dem Blog zugestimmt. Ich lasse dieses Gespräch bewusst unkommentiert.

Erzähl doch einfach mal.

Es war im Winter. Ich war sieben Jahre alt. Es hat an der Tür geklingelt. Es war mein Nachbar, er war vielleicht 17 oder 18. Er fragte, ob ich ihm helfen könnte. Ich bin einfach mitgegangen. Ich fragte noch, was ich denn machen müsste und er meinte, ich solle etwas tragen. Wir sind ins Gartenhäuschen gegangen. “Aber ich habe doch gar nicht so viel Kraft.”, sagte ich noch, aber da hat er die Tür schon zu gemacht. Er griff mir an den Hals. Ich solle die Hose ausziehen. Aber warum, ich dachte, ich sollte doch nur etwas tragen! “Ich will das nicht.” sagte ich. Dann kann ich mich nur noch an das Atmen erinnern. Und an den Geruch. Ich glaube, er fühlte sich männlich mit diesem Parfum. Er hatte auch eine Freundin zu diesem Zeitpunkt.
Als es vorbei war, blieb ich liegen. Ich hatte keine Schmerzen. Ich konnte mich einfach nicht bewegen. Ich wusste ganz genau, was das bedeutete, was er mit mir gemacht hatte. Aber ich konnte es einfach nicht verstehen. Das müssen doch Menschen machen, die sich lieben. Das machen doch, verdammt noch mal, nur Menschen, die sich gern haben! Ich kann mich noch genau an die Decke erinnern. An den Holzpfeiler in der Mitte. Und es war so kalt und nass. Danach bin ich nach Hause gegangen. Langsam. Ich stand vor der Tür, klingelte und sagte zu meiner Mutter: “Mama, der Junge war nicht nett zu mir” Ich wusste das Wort dafür doch noch nicht mal! Ich wusste, was er getan hat, aber woher sollte ich denn auch das Wort kennen? Ich wusste nur, dass er mir weh getan hat. Niemand hat es mir geglaubt. Meine Mutter sagte, ich solle sowas nicht behaupten.

Und dann?

Morgens vor der Schule bin ich immer an einer Polizeiwache vorbeigelaufen. Und ich wusste nicht, wer mir sonst helfen sollte. Also bin ich da reingegangen und es waren zwei oder drei Beamte da. Ich habe gesagt: “Mir wurde wehgetan.” Sie wollten, dass ich mit ins Krankenhaus komme und sagten, ich müsse mich dann ausziehen. Aber ich wollte mich doch nicht noch einmal ausziehen! Das hatte er doch auch gesagt. Und ich musste doch nicht ins Krankenhaus, ich war doch nicht krank! Ich konnte das nicht. Und dann wollte ich einfach nur noch weglaufen. Ganz schnell weg.

Hast Du den, der dir das angetan hat, danach noch gesehen?

Ja, er war ja mein Nachbar. Noch ein paar Jahre haben wir da gewohnt. Fünf Jahre. Manchmal hat er gefragt, ob ich ihm helfen könnte. Dann bin ich weggelaufen.
Irgendwie habe ich angefangen zu hassen. Ich war neidisch. Auf alle. Darauf, dass bei denen alles gut war, sogar auf meine Schwester war ich so neidisch. Und je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es auch. Ich habe hingenommen, dass ich immer wieder in Frage gestellt wurde. Ich war überlebensfähig. Aber ich war doch nicht glücklich.Ich hatte das Gefühl, dass ich wirklich allen scheißegal war. Selbst meine Schwester hat mich nicht mehr verstanden. Mit 14 konnte ich nicht mehr. Ich weiß es noch genau. An meinem Geburtstag habe ich mich vor ein Auto geschmissen. Ich wollte einfach nicht mehr. Im Krankenwagen habe ich meine Eltern nicht mehr wiedererkannt. Das Schlimmste war der Moment im Krankenhaus, als meine Schwester sagte: “Ach, die simuliert doch nur!”.

Wie gehst Du heute damit um? Du hast ihn ja nicht angezeigt, oder?

Wenn mich jemand darauf anspricht, dann antworte ich: Ja, ich wurde vergewaltigt. Aber was, wann, wie und wo passiert ist, das geht niemanden etwas an. Ich werde teils wie eine Aussetzige behandelt. Ich habe auch gelernt, dass die Menschen nicht mit so einem Schicksal umgehen können. Ich wurde immer anders behandelt. Als wäre ich schmutzig. Alles, was ich gemacht habe, wurde irgendwie sexualisiert. Meine Lehrerin wusste von dem, was mir passiert war. Und irgendwie konnte sie einfach nicht damit umgehen. Sie konnte nicht mit mir umgehen. Ich sollte mich nicht so anstellen, hat sie gesagt.
Eine Freundin von mir wurde auch vergewaltigt. Sie hat ihn angezeigt. Mittlerweile ist es still um sie geworden. Sie hat sich zurückgezogen, weil sie das nicht mehr ertragen konnte. Sie wurde von einem Arzt untersucht. Ich kann nicht verstehen, wieso ausgerechnet ein Arzt das machen musste. Im Prozess musste sie alles offen legen. Und auf einmal spielten auch Sachen wie ihre Kleidung oder ihr Sexualleben eine Rolle. Das will ich nicht.

Ich habe dich vorhin umarmt. War das in Ordnung? Hast Du Angst vor Berührungen?

Früher konnte ich die Berührungen im Sportunterricht nicht aushalten. Sie waren so grob und plötzlich. Dass meine Angst davor unbegründet ist, habe ich mit der Zeit gelernt. Aber ich kann es bis heute nicht ab, wenn ich überrumpelt werde. Wenn ich zum Beispiel plötzlich von hinten umarmt werde. Dann will ich mich unterbewusst immer verteidigen. Jetzt habe ich aber einen Freund, mit dem ich sehr glücklich bin. Nach sechs Monaten habe ich ihm erzählt, was mir passiert ist. Er kann gut zuhören. Ich schätze an ihm, dass er immer fragt. Vor jeder Berührung. Manchmal habe ich es verflucht, dass ich nicht so spontan sein kann wie andere. Aber es ist doch eigentlich etwas Schönes, dass wir alles immer im Konsens tun!

Sie wird im nächsten Jahr eine Therapie beginnen, um zu lernen, damit umzugehen.

Kommentare:

  1. ich bin zu wildwasser http://www.wildwasser-berlin.de/ gegangen und durfte erfahren, das ich nicht allein bin. das hat mir sehr geholfen aus der schweigamkeit auszubrechen. worte zu finden. wie lange habe ich mich geschämt dafür, was mir passierte. ich habe stärke gewonnen und begehre gegen die strukturen auf, die betroffene isolieren und die täter schützen.danke für deinen mut das schweigen zu brechen.

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  2. Danke für Deine Geschichte und Deinen Mut.

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  3. Toll, dass Du den Mut gefunden hast zu berichten. Ich weiß wie schwer es ist über das Geschehene zu berichten- Du bist auf einem guten Weg. Ich brauchte mehrere Anläufe inklusive einer Anzeige nach 20 Jahren, die abgeschmettert wurde. Nun habe ich meinen Weg gefunden.
    Du hast das Verbotene/ Versteckte sichtbar gemacht- nun kannst Du damit arbeiten und für Dich eine Strategie finden.
    Weiter so!

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