Montag, 19. November 2012

Die Schöne und das Biest - Part II

Eine Fortsetzung des letzten Artikels.

Schamlos beurteilt.

Es zählt, wie weit man bereit ist zu gehen, um einen schönen Körper zu bekommen, wie lange man hungert, wie hart man an sich arbeitet. Und ja, verdammt noch mal, diese Wendung ist verdammt gefährlich für uns, weil sie unsere intimsten Verhaltensweisen angreift und zunichte macht, weil sie Frauen an den Rand der Existenz treibt - nur, um schön zu sein. Ich finde es unglaublich, dass Männer meinen, sich erlauben zu können, über Frauen bzw. über Frauenkörper schamlos urteilen zu können und dass niemand aufschreit und das anprangert. Ich lehne Dinge wie die Wahl zur “Miss Germany” ab - aber es ist ein Schlag in die Fresse, wenn in der Jury ein Reiner Calmund oder ein Werner Mang sitzen! Wenn ein Reiner Calmund meint, über Frauenkörper zu urteilen, ihre Körper auf Makel abscannt und ihnen dann vielleicht sogar noch an den Kopf wirft, dass sie zu dick seien oder mehr an sich arbeiten müssten. Wenn da ein Schönheitschirurg sitzt, dem nur durch den Kopf zu gehen scheint, wie man den natürlichen Körper noch schöner machen könnte und wie viele Operationen nötig sind, um aus einer Frau eine Miss Germany zu machen. Es ist für mich unglaublich herabwürdigend, dass ein solches Sendungsformat möglich ist, ohne, dass sich jemand dagegen wehrt.
Es fühlt sich unglaublich scheiße an, vor dem Fernseher zu sitzen und dabei zuzusehen, wie Frauen für ihre Körper fertig gemacht werden - und das auch noch von Männern, die keineswegs in diese Ideale passen, aber nur, weil sie Männer sind, sich das Recht herausnehmen, Frauen zu sagen, sie müssten noch härter an sich arbeiten und noch mehr hungern. An dieser Stelle werden wieder die üblichen Kommentare kommen. Dass ich mir solche Dinge nicht angucken muss. Dass die Frauen selbst schuld sind, wenn sie an so einem Contest teilnehmen. Aber das ist die falsche Argumentation. Die Kritik daran ist doch eine systembetreffende - nämlich, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Das Jahr 2012 und was wir zu tun und zu lassen haben

Schuld daran ist der Zeitgeist. Das Lebensgefühl und die Erwartung, die wir an uns selbst und die Gesellschaft stellen. Oder eben auch die Erwartung, die die Gesellschaft an uns stellt. Es werden Schönheit, konsequentes Handeln und Stärke erwartet. Allerdings finde ich das relativ paradox: Wir leben in einer Zeit, in der es nicht reicht “normal” zu sein, in der alle etwas Besonderes sein wollen. Lebenskonzepte werde individueller, Begriffe wie Familie und Beziehung werden offener, wir streben nach anderen Dingen, uns stehen mehr Türen offen. Und irgendwo sind wir dann doch alle gleich: Uns allen wird dieselbe Selbstoptimierung beigebracht, es gibt in Bezug auf unsere Körper ein eindeutiges “Gut und Schlecht” und alle streben nach dem Erreichen/Erhalten eines gültigen Schönheitsideals. Und fast alle würden dafür vieles geben, das belegt jedenfalls eine Umfrage der Zeitschrift Petra, in der zwei Drittel der Frauen bejahten, dass sie zehn IQ-Punkte für den Ausgleich eines Makels opfern würden.
In unserem Individualismus-Zeitgeist ist es trotz allem zur Normalität geworden, immer auf Diät zu sein. Wieso können wir uns nicht davon loslösen, letztendlich doch wieder am selben Maß gemessen zu werden? Wieso muss überhaupt Maß angelegt werden? Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass wir einen so enormen Eingriff in unser Privates zugelassen haben und uns so stark beurteilen lassen? Der Druck von außen ist stärker geworden als die Geborgenheit unserer Selbstverwirklichung und unseres Selbstbewusstseins. Und das macht mir Angst.

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1 Kommentar:

  1. Auf Männer wird bei der Partnersuche genauso viel Druck ausgeübt wie auf Frauen - öffentlicher Druck scheint aber eindeutig mehr auf Frauen zu lasten. Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Männer schon so lange meistens in den Hierarchien höher standen, dass sie glauben, sich darauf ausruhen zu können. So einen Miss Germany Zeugs schaue ich mir aus den selben Gründen wie du nicht an. Ich finde nicht, dass ein Mann einer Frau sagen kann, sie solle härter an sich arbeiten, weil ihr Hintern so dick sei oder was auch immer.
    Wenn ich Sport mache oder eine Diät oder was auch immer, dann weil ich mich in meinem Körper wohler fühlen möchte, beweglicher sein will. Ich wünschte, es wäre mir leicht gefallen zu dieser Einstellung zu kommen und ich hätte mich nicht durch den Dschungel an Ansprüchen kämpfen müssen.

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