Donnerstag, 22. November 2012

Die Schöne und das Biest. Part III

Eine Fortsetzung des letzten Artikels.

Wenn der Wunsch zum Wahn wird.

Dass die von der Gesellschaft definierten Ideale in unser Privatleben eingreifen, unsere Denkmuster beeinflussen und das Handeln manipulieren, macht mir Angst. Zu keiner Zeit gab es so viele magersüchtige Menschen wie heute. In der Schule geht es bei immer jüngeren Mädchen (jedenfalls vor allem Mädchen) nur noch ums Aussehen. Es geht darum, wem die enge Hose besser steht, wer die längeren Beine, das gleichmäßigere Gesicht oder die schmalsten Schultern hat. Es ist kein Zufall mehr, schön zu sein. Es ist harte Arbeit. Verbunden mit Disziplin, Ehrgeiz, Fleiß, Contenance und dem Verlust von Selbstbestimmtheit und Selbstvertrauen. Nur wer schön ist, kann selbstbewusst auftreten. Es ist der Traum aller Mädchen, schön zu sein. Man will begehrt werden und sehnt sich nach Wertschätzung. Angesichts der Wertschätzung die einer_einem aufgrund von Schönheit entgegengebracht wird, wollen immer mehr Frauen diesem Ideal entsprechen, damit sie bloß nicht negativ auffallen und damit sie sich selbst genügen können. Notfalls auch durch eine Operation. Menschen sind fasziniert davon, wie viel ein kleiner Eingriff bewirken kann. Die Zahl der Frauen, die eine Schönheitsoperation gemacht haben, hat sich in den letzten Monaten verdoppelt. Und die derjenigen, die sich vorstellen könnten, operiert zu werden, ist kaum noch zu messen. Darüber hat auch die ZEIT geschrieben, allerdings habe ich davon eine andere Auffassung. Die ZEIT schreibt:

“Jetzt schenken Eltern ihren Töchtern Brustvergrößerungen, manchmal zu Weihnachten, manchmal zum Abitur.”

Ich glaube kaum, dass es zu einem so offenen Umgang mit Schönheits-OPs kommen wird. [Trigger-Warnung: Relativierung] Ich glaube viel mehr, dass es ein größeres Problem wird - ein Zeichen von Schwäche, es nicht von alleine geschafft zu haben abzunehmen und deswegen auf ein anderes Mittel zurückzugreifen. Ich glaube, dass Frauen sich schelcht fühlen, wenn sie sich für die OP entscheiden, denn dann zeigt es, dass sie es nicht allein geschafft haben, ihren Körper zu optimieren. Deshalb werden OPs immer ein Tabuthema bleiben. Ein Tabuthema, das aber für immer mehr Frauen eine entscheidende Rolle spielt. In einer Umfrage gab die Überzahl der befragten Männer an, dass sie operierte Frauen nicht besonders anziehend finden und dass sie eher “natürliche Frauen” bevorzugen. Wie ernst man so eine Zahl nehmen kann, weiß ich nicht. Im ersten Moment zählt doch nicht, ob operiert oder nicht. Der erste Eindruck ist “attraktiv” oder “uninteressant”. Genau so wenig glaube ich, dass Männer die einzigen Beurteilenden sind, nach denen Frauen sich richten, wenn sie sich für eine OP entscheiden. Ich will mir selbst genügen. Niemandem anderes. Aber ich genüge den Maßstäben der Gesellschaft nicht und deswegen kann ich mich nicht mehr losgelöst von irgendwelchen Idealen - egal von wem sie vertreten werden - ansehen und schön fühlen!

Von Misserfolg und Schuldzuweisungen

Wie oft habe ich schon geglaubt, dass mein Äußeres etwas mit der Wertschätzung zu tun hätte. Wie oft habe ich geglaubt, dass jemand mich nicht mag, weil ich nicht schön/attraktiv/interessant genug bin. Wie oft war ich neidisch auf andere Frauen, weil sie beliebt waren - und dachte, verantwortlich dafür sei einzig und allein ihre Schönheit. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige bin, die manchmal so denkt. Oft dachte ich, dass Schönheit für Selbstbewusstsein verantwortlich sei. Für meine Recherchen war ich auf mehreren Homepages von Schönheitschirurg_innen und fand das wirklich verstörend: Auf einer Seite sprang mir sofort ein Satz entgegen

“Jeder hat das Recht glücklich zu sein!”

Heißt das, dass man nur glücklich sein kann, wenn man gesellschaftlichen Schönheitsidealen entspricht, weil man sonst keine Wertschätzung bekommt? Und dass eine OP der Weg zum Glücklich Sein ist? Dass es traurig ist, dass Schönheit, Attraktivität und Körpern so eine große Rolle beigemessen wird, habe ich schon oft genug gesagt. Aber dass sie auch mit Glück und Wertschätzung verbunden werden, finde ich eher erschreckend. Ich möchte nicht über Frauen urteilen, die sich dafür entscheiden, eine Schönheits-OP machen zu lassen. Keineswegs. Denn diese Frauen werden auch wissen, dass die Veränderung ein monatelanger, finanziell kaum tragbarer, mit Schmerzen verbundener Prozess ist. Ich möchte aber klar über diese Gesellschaft urteilen, die sich anmaßt darüber ein Urteil zu fällen, wann eine Frau schön ist und wann sie nicht in die Norm passt und die eintrichtert, dass Schönheit zum Glück führt, bzw. umgekehrt: Die eintrichtert, dass Unglück durch Makel zu begründen ist.

Aber wisst ihr, ich hab es noch nicht aufgegeben. Ich halte an Rosa Luxemburg, Pippi Langstrumpf, Maria Stuart, Simone de Beauvoir und Xanthippe fest. Ich will nicht wahrhaben, dass wir unsere Vorbilder ersetzen und nicht mehr schätzen, warum wir sie so großartig fanden.

Kommentare:

  1. "In einer Umfrage gab die Überzahl der befragten Männer an, dass sie operierte Frauen nicht besonders anziehend finden und dass sie eher “natürliche Frauen” bevorzugen."

    Umfrageergebnisse dieser Art sind ein Schlag ins Gesicht für alle natürlichen Frauen ohne Schönheits-OP, die nach der gesellschaftlichen Norm als zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu flachbrüstig, zu krummnasig, zu alt, etc. angesehen werden und deswegen ausgelacht, ausgegrenzt, schlechtgemacht, etc. werden.

    Keine_r soll "schön" sein müssen.

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  2. "Wie oft habe ich schon geglaubt, dass mein Äußeres etwas mit der Wertschätzung zu tun hätte."

    Den Gedanken habe ich auch oft. Das Problem liegt darin, dass ich mich auch sehr oft durch Erfahrungen in diesem Gedanken bestätigt fühlte. Zu einem Zeitpunkt, in dem ich dem gesellschaftliche Bild von Schönheit noch mehr entsprach (=schlank), wurde ich schlicht und einfach anders behandelt. Nicht nur von Männern (wie mancher vl glauben mag), sondern auch von Lehrer_innen und vielen anderen Menschen aus dem Umfeld. Selbst am Arbeitsplatz fiel mir auf was für einen Unterschied es macht, ob ich geschminkt oder ungeschminkt auftauche. Meine Meinung scheint im aufgehübschten Modus mehr zu zählen.

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