Freitag, 9. November 2012

“Gut siehst Du aus! Hast Du abgenommen?”

Zwei Mal im Jahr kommt meine ganze Familie bei meiner Oma zusammen. Geburtstag und Weihnachten. Am Nachmittag sitzen wir dann gemütlich zusammen, trinken Kaffee und essen Kuchen. Naja, es heißt jedenfalls “Kaffee und Kuchen”. Aber die meisten Frauen in meiner Verwandtschaft nehmen sich dann nur einen Keks und essen den langsam und bedächtig. Wenn man Kuchen anbietet, ist die Standardantwort: “Nein danke, ich bin auf Diät”. Irgendwie sind immer alle auf Diät. Ich nicht. Und wenn ich mir dann ein zweites Stück nehme, dann werde ich angeguckt. Ein Kommentar wie “Na, dir schmeckt’s aber!” kann mir wirklich den Appetit verderben. Es ist schon spannend, was manche Menschen sich anmaßen, über meinen Körper urteilen zu können, zu dürfen oder zu müssen. Verzicht scheint ein Bestandteil des Weges zu mehr Lebensqualität zu sein. Und wenn ich dann diesen Satz höre und mein Stück Kuchen esse, dann fühle ich mich schlecht. Dann fühle ich mich inkonsequent und beneide die anderen um ihre Standhaftigkeit. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, weiß ich, dass ich das nicht muss.


Ich glaube, dass Frau sein auch immer ein Stück weit heißt, sich scheiße zu finden. Hart formuliert. Wir lernen nicht, mit dem eigenen Körper umzugehen, ihn zu respektieren und uns wohl zu fühlen. Wir lernen, Makel zu suchen, uns zu verstecken, “Problemzonen” zu kaschieren und hören uns Abnehmtipps an. Der Plan der Selbstverwirklichung ist einer innerlichen To-Do-Liste gewichen, die vorgibt, was zu tun ist, um schön zu sein.
Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und fühle mich schön. Manchmal kaufe ich mir Dinge, weil ich mich darin schön fühle. Aber wenn ich mich dann mit dem vergleiche, was uns von außen als “schön” verkauft wird, dann bin ich objektiv überhaupt nicht schön. Dann kann ich Makel aneinanderreihen und auf einmal sehe ich nur noch die Dinge, die als “Problemzonen” bezeichnet werden. Es passiert von ganz allein, dass ich mich auf die Dinge reduziere, die ich eben nicht schön finde. Gemessen an einem bearbeiteten, retuschierten Ideal. Ich weiß genau, dass das keine Messlatte sein sollte. Und trotzdem komme ich nicht davon los, mich unwohl zu fühlen und mir Gedanken zu machen.


Ich beschäftige mich schon lange mit Schönheitsidealen. Mit Idealen, die Menschen in die Magersucht drängen. Mit Schaufensterpuppen, deren Becken so schmal sind, dass sie eigentlich nicht stehen könnten. Mit einem festgeschriebenen Bild der weiblichen Schönheit. Mit Frauenzeitschriften, die sagen, was man anziehen sollte und was nicht, wie man “Problemzonen” kaschiert, wie man in 10 Schritten zur “Bikinifigur” kommt und wer die neuen Trends für die Saison setzt. Wie soll man es auch ignorieren? In so gut wie jeder Werbeanzeige wird dieses Ideal reproduziert, im Umgang mit anderen Menschen wird es reproduziert, wir teilen Menschen in “schön” und “nicht schön” ein.
Wie soll man sich auch fühlen, wenn man nicht in die vorgegebenen Kleidergrößen passt? Wenn man mit kurzen Haaren als “nicht weiblich” gilt?


Ein Beispiel dafür ist eine Frau, die ich sehr bewundere. Franziska van Almsick. Ich bewundere sie, seit ich als Kind Leistungsschwimmerin geworden bin und sie mein großes Vorbild war. In ihrer Autobiographie schreibt sie über ihre Magersucht. Sie schreibt, wie sie von den Medien als die “Fette Franzi” bezeichnet wurde, weil sie keinen Salat, sondern ein Fleischgericht in einem Restaurant bestellte. Sie schreibt, wie unerfüllte Leistungserwartungen durch ihr Körpergewicht begründet wurden. Niemand hat sie danach gefragt. Und später hat auch niemand über ihre Magersucht berichet. Sie schreibt aber auch über ihr Verhältnis zu ihrem Körper. Wie es sich anfühlt, als Frau Muskeln und ein breites Kreuz zu haben. Wie sperrig man sich neben den Turnerinnen fühlt. Ich fand Franzi van Almsick immer wunderschön. Letztendlich muss man lernen, den eigenen Körper zu lieben. Dass das unter dem Druck der Medien, der Öffentlichkeit und der überall präsenten Ideale schwer fällt, ist klar.


Aber es sind nicht nur die Ideale, die weh tun können und unter Druck setzen. Vielmehr sind es auch Erwartungen, die gesellschaftlich geäußert werden. Als ich nach längerer, ernsthafter Krankheit wieder in mein normales Lebensumfeld zurückkehrte, kam mir jemand mit dem Kommentar “Gut siehst Du aus! Hast Du abgenommen?” entgegen. Das war ein Schlag ins Gesicht für mich. Offensichtlicher hätte die Gleichung nicht sein können: Schönheit = Schlankheit. Wer nicht schlank ist, kann auch nicht schön sein. Und laut meinem Gegenüber hatte ich es ja endlich geschafft, schlank zu sein. Was dahinter steckte, interessierte nicht. Nur, dass ich schlank war.


Momentan frage ich mich oft, welche Rolle Körper im Umgang miteinander spielen. Diese Situation (die ja nun wirklich keine Seltenheit ist) hat mir gezeigt, welch erhebliche Wertigkeit über körperliche Eigenschaften/Veränderungen zustande kommt. Ein Satz wie “Wer schön sein will muss leiden” hat in Zeiten von Photoshop, Mageridealen und Weiblichkeitssymbolen eine perverse Bedeutung, die unsere westlichen Vorstellungen perfekt widerspiegelt. 


Wir sollten uns damit beschäftigen, was Schönheit überhaupt ist und wie wir sie für uns selbst und unsere eigenen Körper definieren. Schönheit steht für mich immer in enger Relation mit Wohlbefinden. Ich kann mich selbst nicht schön finden, solange ich mich selbst nicht akzeptiere. Aber bitte: Mein Körper gehört mir selbst. Niemand außer mir selbst ist in der Position, ihn, mein Essverhalten, meine Kleidung oder sonst irgendwas beurteilen zu dürfen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch schön ist. Vielleicht müssen wir uns öfter gegenseitig sagen, dass wir schön sind. Um uns zu zeigen, dass das, was die da draußen sagen, nicht immer richtig ist.

Kommentare:

  1. jaaa, ernstgemeinte komplimente helfen wirklich! :)

    also, um mal damit anzufangen: merle, ich finde deine frisur obergenial, sowohl schnitt als auch farbe. mit langen haaren kannte ich dich zwar noch nicht, finde aber, dass deine kurzen haare super dein gesicht betonen und so deine augen total zum "knallen" bringen! :)

    und noch viiieeel wichtiger: ich finde deine power, deinen intellekt, deine ausdrucksfähigkeiten, dein gesellschaftspolitisches engagement und deine tolle positive art extrem schön!

    LG, hannah

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  2. Was für ein schöner, wahrer Text.
    Viel öfter sollten solche Worte nicht nur ausgesprochen oder niedergeschrieben, sondern auch wahrgenommen werden.
    Wer schön sein will muss leiden, wer nicht als schön gilt leidet auch.

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  3. Toller Artikel... hab ich sehr gerne gelesen.
    Vor allem die Feststellung "Als Frau gehört es irgendwie dazu sich scheiße zu finden" finde ich gut beobachtet und auch leider sehr wahr.
    Ich hab letztens irgendwann einen ähnlichen Beitrag geschrieben, der sich mit dem Satz "Du siehst aber gut aus, hast du abgenommen?", da mir das schon ein paar Mal passiert ist. Vor allem hat mich da diese Verbindung zwischen einer Abnahme auf der einen und Schönheit auf der anderen Seite gestört. Es muss aber leider wohl noch einiges in den Köpfen passieren, dass diese Verbindung mal aufgelöst wird.

    Danke für den Artikel. ;)

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  4. schöner text, der viel von meinen eigenen gedanken widerspiegelt. die kaffee-verwandtschaftsituation kenne ich auch. ob man noch einen kuchen nimmt oder nicht - wie oft wird das von kommentaren begleitet. in alle richtungen. "nein danke, für mich nichts mehr." "aber du bist ja eh so dünn". "oh, ja gerne." "du hast es gut, ich muss mich zurückhalten." "greif zu, du hast eh dein vorschwangerschaftsgewicht schon wieder." "manchmal sündigen muss sein." ... ich will nicht, dass meine tochter in diesen gesprächskreisen groß wird. ich weiß aber ein ums andere mal nicht, was ich sagen soll, wie ich dieses essen-figur-schönheit-gerede ausblenden oder besser noch abschalten kann. ach ...

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  5. Ein guter Artikel, der mir sehr aus dem Herzen spricht! Ganz furchtbar finde ich immer die sogenannten "Plus Size Models". Die sind nicht "Plus Size". Molliger als die Magermodels, das auf jeden Fall, aber nicht wirklich dick, und vor allem ohne jede Delle. Am schlimmsten finde ich allerdings, dass jedes Mal, wenn ein solcher Artikel geschrieben wird, Kommentare kommen wie "Du hast Recht, man ist wirklich am schönsten, wenn man sich wohl fühlt! Ausstrahlung ist viel wichtiger als das Körpergewicht!" (was an sich ja auch stimmt) - aber die selben Personen dann doch im realen Leben eine schlanke Frau, die sich selbst ständig kritisiert, einer pummeligen, aber hochzufriedenen vorziehen. Oder, wenn der Satz von einer Frau kommt, diese Frau sich im realen Leben dann trotzdem auf jeden Abnehm-Tipp stürzt.
    Es zeigt, dass wir generell wissen, was die "richtige" Ansicht ist - uns aber doch den Normen der Gesellschaft unterwerfen. Ziemlich schade. Vermutlich sind Artikel wie deiner tatsächlich der einzige Ausweg. Immer wieder darauf hinweisen - irgendwann ändert sich die Gesellschaft. Hoffentlich.

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  6. Ich finde den Blogetrag sehr gut getroffen!
    Ich habe im Laufe diesen Jahres knappe 15 Kilo abgenommen, schlank bin ich jedoch auch jetzt nicht. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich je das Gefühl, "nicht richtig" zu sein. Dieses Gefühl habe ich nur durch andere erlebt, die mein Essverhalten kommentieren mussten. Die Situationen mit den Familienfeiern kenne ich sehr gut. Besonders nettgemeinte Kommentare älterer Damen, die einem nahelegen, "mal weniger zu essen", weil einen ja sonst "kein Mann haben will", sorgen dafür, dass Minderwertigkeitskomplexe aufkommen. Totaler Quark, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, gegenzuwettern. Im Nachhinein ärgere ich mich darüber, dass ich mir so dämliche Aussagen überhaupt zu Herzen nehme. Denn ich mag mich. Eigentlich. Und mit meinem Liebesleben ist auch alles in Ordnung. Nicht, dass es irgendwen was anginge. Und als ob mich das definieren würde! Wenn ich dann entgegne, dass Nachtisch für mich ein Zeichen von Lebensqualität ist und ich nicht zu den Frauen gehöre, die ihr Selbstwertgefühl danach richten wollen, wie viele dahergelaufene Kerle mit einem in die Kiste wollen: Peinliches Schweigen.
    Seitdem ich weniger wiege, werde ich netter behandelt, von KollegInnen, VerkäuferInnen,... . Das ist nichts, worüber ich mich freuen kann. Es ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass das Maß an Respekt und Wertschätzung, das mir entgegen gebracht wird, sich nach dem Maß meines Ars*hes richtet. Da würd ich am liebsten aus Prinzip nen Zentner zulegen!
    Ich habe im Laufe diesen Jahres Vieles erreicht, Vieles durchgestanden, worauf ich sehr stolz sein kann. Meinen Gewichtsverlust zähle ich nicht dazu. Es sind schwerwiegende Ereignisse passiert, die mir dem Appetit verhagelt haben. Trotzdem bekomme ich ständig Komplimente für meine Abnahme. Ich werde gefragt, wie ich das gemacht habe. Wenn ich antworte, dass viel Stress, Doppelt- und Dreifachbelastung, Sorge um mehrere geliebte Menschen und der qualvolle Tod eines geliebten Menschen, eigentlich das Zusammenbrechen meines ganzen Familiengefüges "mein Geheimnis" ist: Peinliches Schweigen.
    Dass ich das alles gut gemeistert habe, scheint irgendwie keine Anerkennung wert zu sein. Aber mein Gewicht, hui, das ist DIE "Leistung" überhaupt!

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  7. Du schreibst zwar, dass du der festen Überzeugung bist, dass jeder Mensch schon ist, aber der ganze Text vorher macht nicht den Eindruck...

    Ich lese, wie unwohl du dich bei Kommentaren anderer fühlst. Du lässt dir von einem "Dir, schmeckts aber!" den Appetit verderben. Das habe ich auch schon mal gehört und meine spontane Antwort war: "Klar ist doch lecker!" Ich habe mich davon gar nicht getroffen gefühlt und gut ist.

    Wenn ich irgendwo durch die Stadt gehe, sehe ich häufig Menschen bei denen ich denke, wow die oder der ist aber schön, aber auch Menschen, die ich häßlich finde.
    Richtig ist für irgendwen ist jeder schön, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Auch wenn du dich jetzt wunderst, die Menschen, die ich schön finde, sind nicht selten Mesnchen, die keine Figur wie eine Puppe haben.
    Meiner Meinung nach ist es häufig die Ausstrahlung, die Menschen in meinen Augen schön oder häßlich erscheinen lässt und die kommt vom Charakter :) Und der Charakter ist sowieso das wichtigste am Menschen.

    Das mit den Komplimenten stimmt, vielleicht habe ich da auch einfach Glück, denn ich höre wirklich häufig, das ich gut aussehe (und das obwohl ich eben nicht gertenschlank bin) und wenn ich dann mal einen negativen Kommentar höre (seltener als positive, was das Äußere angeht) dann prallt das einfach an mir ab, denn ich weiß es besser.

    Liebe Grüße,
    Miria

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  8. Wie treffend du formulierst.
    Ja, da sitzen sie dann alle, Kaffeetasse, Spitzendeckchen, Ton in Ton, und blicken neidvoll zu dir rüber. Und der Käsekuchen, der grad noch so gut schmeckte wird ganz schwer im Magen.
    Wenn man bedenkt, dass sie ihr ganzes Leben nicht drüber hinweg gekommen sind, und ihnen jetzt auch nicht mehr viel Zeit bleibt...

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  9. "dann werde ich angeguckt"

    Was genau ist schlimm daran, angeguckt zu werden? Sind dir die Meinungen anderer Leute so wichtig? Ich meine, wir wollen doch alle selbstbestimmte Individuen sein, und dann bekommen wir schon Probleme, wenn jemand guckt? Oder einen Kommentar abgibt? Kann man das nicht einfach aushalten und die Leute gucken lassen? Dein ganzer Artikel beschreibt, wie einfach es ist, sozialen Druck auf dich auszuüben, und wie sehr du dich davon beeinflussen lässt. Oder irre ich mich?

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    1. Es geht nicht darum, dass ich die Meinungen nicht aushalten kann oder sie mir so sehr zu Herzen nehme. Manche Frauen tun das mehr, andere weniger. Es geht mir darum, dass es gesellschaftliche Norm geworden zu sein scheint, zu verzichten und alles andere zu tadeln. Wir wollen selbstbestimmte Individuen sein, ja, und genau deshalb will ich ja nicht angeguckt werden. Weil es niemanden angeht, was ich mache.

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  10. zum glück sind meine verwandten bei kaffee+kuchen nicht so und bei anderen essensgelegenheiten empfinde ich deswegen auch keine scham, falls ähnliche kommentare wie die beschriebenen kommen sollten.
    dafür kenn ich das mit den abnehm-kommentaren sehr gut. ich bin von natur aus dick, war aber zweimal richtig schlank, weil ich schwer erkrankt war. wie anders dann alle zu einem sind, ist unfassbar. vor allem, nachdem ich gesundet und damit wieder dick war. die blicke und die zurückgehaltenen kommentare konnte man quasi mit der hand greifen...
    ich wünschte wirklich der sogenannte lookism in unserer gesellschaft, nein, weltweit, würde langsam verschwinden.

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  11. Genießt den Kuchen!
    Seht den Neidern, den Schlankheitsglorifizierern ins Gesicht und sagt: JA!

    Tut uns allen den Gefallen, auch wenn´s schwer ist am Anfang. Zwingt euch, euch gut zu finden. Mit Kuchen und allem.

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