Freitag, 7. Dezember 2012

Geht's noch?

Im August diesen Jahres wurde eine junge Soldatin in einer Kaserne in Niedersachsen vergewaltigt. Anschließend hat der Täter sie gefesselt, geknebelt und in einem Spind eingesperrt. Heute, etwa vier Monate später, geht man davon aus, dass sie die Vergewaltigung erfunden hätte und die dementsprechende Berichterstattung (unabhängig davon, was denn nun wirklich passiert ist) ist für jede Frau mit Gewalterfahrungen ein Schlag in die Fresse.


Der Verdacht, dass sie nicht die Wahrheit sage, habe schon früh bestanden.

Wann denn genau? Vielleicht von Anfang an? Weil diese Gesellschaft Frauen nicht ernst nimmt, die Gewalt erfahren haben? Jede Frau, die einem Mann vorwirft, sie vergewaltigt zu haben, wird als erstes selbst hinterfragt. Ich will keinem Gericht vorwerfen, nicht das Beste zu geben. Aber ich werfe dieser Gesellschaft vor, die Schuld beim Opfer zu vermuten! In der Utopie einer perfekten Gesellschaft gibt es keine sexualisierte Gewalt und dementsprechend wird der Fehler, wie es zu der Tat kommen konnte, immer zuerst bei dem Opfer gesucht.


Sie habe sich in ihren Aussagen immer wieder in Widersprüche verstrickt.
Sie habe sich in Widersprüche verstrickt? Es wird von einer Frau, die so etwas erleben musste, die psychische Schäden davon trägt und das nie vergessen wird, erwartet, dass sie den Tathergang und alles genau wiedergeben kann? Wie diese Gesellschaft mit Gewalterfahrungen umgeht, spricht Bände. Ist denjenigen klar, dass die Aussagen unter großem Stress und hoher psychischer Belastung getätigt werden müssen? Dass es keinen “normalen” Ablauf einer Gewalttat gibt und dass jedes Opfer einer solchen auch anders damit umgeht?

Sie leide unter einer Persönlichkeitsstörung, heißt es.
Weil sie sich in Widersprüche verstrickt hat, wird ihr vorgeworfen, unter einer Persönlichkeitsstörung zu leiden. Diese Gesellschaft tut alles, um den Vorwurf der Vergewaltigung aus dem Weg zu schaffen. Aber sie sollte sich doch vielmehr nicht mit der Vertuschung, sondern mit der Aufarbeitung und der Unterstützung der Opfer jeglicher sexualisierter Gewalt beschäftigen!
Wie fühlt es sich wohl für Frauen an, die ähnliches erleben mussten, wenn hier von einer Persönlichektisstörung gesprochen wird? Ich habe mehrere Artikel dazu gelesen, um darüber schreiben zu können. Ich musste ernsthaft lesen, dass sie sich die Vergewaltigung ausgedacht hätte, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Really!? Kann man eine Vergewaltigung noch stärker relativieren?
Wenn ich das so höre, wird mir wirklich schlecht.

“Ihr Körper habe nicht die typischen Verletzungen wie Hämatome aufgewiesen, die bei einem derart brutalen Angriff zu erwarten gewesen wären.”
Ich kotz im Strahl. Eine Vergewaltigung ist erst eine Vergewaltigung, wenn die Frau genügend Hämatome aufweist, um es zu beweisen? Eine Frau muss sich so schlagen und würgen lassen, dass ihr geglaubt wird? Es wird also vorausgesetzt, dass sich das Opfer wehrt. Dass es sich wehrt und damit noch mehr Gewalt in Kauf nimmt. Das setzt dann voraus, dass ein “Nein” nicht reicht, sondern dass man sich körperlich wehren muss, damit aus “Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen” eine Vergewaltigung wird. Das setzt genau so voraus, dass das Opfer bei Sinnen ist. Ich frage mich ernsthaft, welches Frauenbild diese Gesellschaft hat und wie sie Gewalt versteht. Rape culture bedeutet, dass eine Gesellschaft sexualisierte Gewalt relativiert. Nichts anderes passiert hier. Es ist nur noch viel viel grausamer.

Wenn ich sowas lese/höre, kann ich nicht mehr. Wie geht diese Gesellschaft mit Menschen um, die Hilfe brauchen? Eine Frau, die vergewaltigt wurde, muss unter Stress den genauen Tathergang schildern können, muss “vergewaltigungstypische” Hämatome aufweisen und selbst das scheint noch nicht zu reichen. Selbst dann war sie irgendwie doch selbst schuld, man muss nur ein Makel finden, das nicht in das Bild der Gesellschaft passt. Ich dachte eigentlich, dass es sich bei dieser Berichterstattung um einen Einzelfall handelt. Aber man darf nicht vergessen, dass sexualisierte Gewalt ein Tabuthema ist. Ich habe wirklich viel dazu gelesen, von Spiegel-Online über Focus und Welt bis hin zur Bild. Und ganz ehrlich: Das einzige Medium, das in angemessenem Ton berichtete, war die Bild-Zeitung. Das taten sie aber gewiss nicht, weil es ihnen um die Vergewaltigung ging. Nein, das sollte Umsatzzahlen steigern.
Als ich die Welt las, hat mich schon der erste Satz ernsthaft wütend gemacht.

Eine Soldatin ist in der Jäger-Kaserne in Bückeburg (Niedersachsen) einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen.
Zum Opfer gefallen? Fällt man einer Vergewaltigung wirklich zum Opfer? Nein, verdammt! Der Täter wird anonymisiert. Nicht der Täter ist das Arschloch, sondern vielmehr wird das Ruchbar-Werden der Tat als das Schlimme dargestellt. Man fällt einer Naturkatastrophe zum Opfer. Die sind unberechenbar, unkontrollierbar, unintendiert. Und dann muss man einfach mit den Konsequenzen leben, weil ja niemand was dafür konnte. Und so redet ein Medium wie die Welt über sexualisierte Gewalt.

Berichte wie dieser sind unter anderem Gründe dafür, dass Frauen sich nicht trauen, Hilfe zu suchen, wenn sie Gewalt erfahren müssen. Es ist ein Schlag in die Magengrube für all diejenigen, die sich nicht trauen. Man zeigt jemanden an, in der Hoffnung, Hilfe zu bekommen. Darauf folgen die Fragen, die Untersuchungen, die Anhörungen, die Konfrontation mit dem Täter, das ständige Warten darauf, dass man sich in Widersprüche verstrickt, das ständige Hinterfragen, das Ausfragen und die Vorwürfe.

Nach einem Bericht wie dem des NDR frage ich diese Gesellschaft, die Medien und euch: Ganz ehrlich - geht’s noch?

Kommentare:

  1. Liebe Merle,

    ich kann durchaus verstehen, wie dich diese Tat "ankotzt" - jeder, der sich nicht von so etwas "ankotzt" fühlt, hat meiner Meinung nach auch ein großes psychisches Problem.

    Dennoch stimme ich dir in deiner Schlussfolgerung nicht zu. Die Bezeichung "Opfer" ist in dem Fall die korrekte Bezeichung, und keinesfalls abwertend gemeint.Analog bezeichnet man ja beispielsweise auch Leute, die ermordet wurden als "Mordopfer". Um zum "Opfer" zu werden muss man folglich nicht einer unintendierten, unberechenbaren und unkontrollierten Macht zum "Opfer" fallen. Ich glaube vielmehr, dass du persönlich das Wort Opfer weit über den eigentlichen Wortsinn hinaus auslegst.

    Des Weiteren stimme ich dir bei dem nicht zu, was du über die Untersuchungen und die Schilderung des Tathergangs sagst. Bitte stelle doch deine "Left-Wonderland"-Theorie auf, in der ein Vergewaltungsfall ohne diese Beweise aufgeklärt werden kann - und zwar ohne, dass Unschuldige verurteilt werden, denn auch diese gibt es nun einmal.
    Oder möchtest du, dass jeder eine andere Person der Vergewaltigung bezichtigen kann, und diese dann ohne Beweise verurteilt wird? Folgt man deiner Argumentation, läuft es nämlich zwangsläufig genau darauf hinaus. Bitte nimm diesen Kommentar trotzdem nicht als Bestätigung deiner "rape culture"-Theorie! Ich bin mir durchaus bewusst, wie schwer es für diese Frauen (oder Männer oder Kinder!) sein muss, eine derartige Tat schildern zu müssen.

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    1. Es geht nicht um das Wort "Opfer". Ich verwende es doch auch oft in dem Artikel. Es geht um den Ausdruck "zum Opfer fallen". Die Begründung, wieso ich das ablehne, findet man in meinem Blogpost oben. Du unterscheidest in deinem Beitrag ja selbst zwischen "Oper werden" und "zum Opfer fallen".
      Wer spricht eigentlich davon, dass es unbedingt links sein muss, die Bloßstellung von Menschen, die Hilfe suchen, grausam zu finden. Das hat nichts mit einem Left Wonderland zu tun. Umso schlimmer, wenn jemand es dahin verbannt, das zeigt ja, dass andere Teile dieser Gesellschaft nicht sensibilisiert sind. Es geht zB darum, dass es reichen muss, eine Aussage vor einer Person abzulegen. Nicht vor einem ganzen Gerichtssaal. Oder dass Frauen Ansprechpartnerinnen bekommen und nicht einem Mann die Tat schildern müssen. Es geht darum, unbefangen an die Ermittlung zu gehen und jeden Hinweis des Opfers anzunehmen ohne es grundsätzlich zu hinterfragen.

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  2. "Eine Vergewaltigung ist erst eine Vergewaltigung, wenn die Frau genügend Hämatome aufweist, um es zu beweisen? Eine Frau muss sich so schlagen und würgen lassen, dass ihr geglaubt wird? Es wird also vorausgesetzt, dass sich das Opfer wehrt. Dass es sich wehrt und damit noch mehr Gewalt in Kauf nimmt. Das setzt dann voraus, dass ein “Nein” nicht reicht, sondern dass man sich körperlich wehren muss, damit aus “Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen” eine Vergewaltigung wird."

    So ist es ja auch. Für unsere tolle Justiz ist ein deutliches Nein nicht ausreichend, um den trotz der verbalen Ablehnung vollzogenen Akt als Vergewaltigung zu definieren.

    http://onyxgedankensalat.wordpress.com/2012/09/12/nur-nein-sagen-reicht-nicht/

    "Ich dachte eigentlich, dass es sich bei dieser Berichterstattung um einen Einzelfall handelt."

    Oh nein...

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  3. Du bist mir zu vor gekommen. Finde ich gut.
    Aber ein Punkt stört mich ein bisschen bzw ist mir zu "einseitig".
    "Wie fühlt es sich wohl für Frauen an, die ähnliches erleben mussten, wenn hier von einer Persönlichektisstörung gesprochen wird?" - Da bleibt auch die Frage, wie es sich für Frauen anfühlt, denen eine Persönlichkeits"störung" diagnostiziert wurde.
    Das Ihnen perse nicht geglaubt werden kann. Frauen wird eh schon nicht geglaubt, kommt dann das Wort Borderline auf den Tisch, dann ist es völlig vorbei. Quasi Frau in potenziert. Manipulativ, unberechenbar und unglaubwürdig. Böse.
    Wollte ich einfach noch ergänzen.
    Liebe Grüße vom Steinmädchen

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    1. Danke für die Ergänzung! Da hast du absolut recht - ich habe es wahrscheinlich als zu selbstverständlich angesehen und es war nicht beabsichtigt, das wegzulassen.

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  4. Das Problem ist, dass man einfach als Außenstehender nicht wissen kann, wer die Wahrheit sagt, da meist beide Personen das Gegenteil behaupten und es keine Zeugen gibt in einem solchen Fall.

    Ich stimme dir zu, dass die Berichterstattung unter aller Sau ist, ich wäre sowieso dafür, dass bei laufenden Verfahren keine Berichterstattung stattfindet, sondern erst nach einem Urteilsspruch, um nicht irgendwelche Vorverurteilungen hervorzurufen (wohlgemerkt in beide Richtungen).

    Ich selbst habe es auch erlebt. Ich hatte noch Glück und es kam nicht zur Vergewaltigung, da ich mich losreißen konnte als ein Auto in der Nähe losfuhr. Leider ging ich zur Polizei.
    Die Komissarin kam schließlich zu dem Schluss, dass ich wohl lügen würde. Begründungen: Niemand hat etwas geshen (wow, Kunstück!), mein Nachtatverhalten war untypisch (wusste nicht, dass es dafür Regeln gibt) und dass beste Argument, ich hatte mich gerade von meinem Freund getrennt und wollte damit bestimmt Aufmerksamkeit von ihm erzeugen. (wir sind übrigens immernoch beste Freunde, obwohl unsere Trennung bereits einige Jahre her ist)

    Das macht mich so wütend. Aber ich stehe vor einem Rätsel, ich weiß einfach nicht, wie es rechtlich besser zu lösen ist, ich kann nichts beweisen und ich will andererseits nicht, dass jemand fälschlicherweise verurteilt wird.

    Meine persönliche Lösung für denn Fall, dass soetwas nochmal mit mir gemacht wird: auf keinen Fall zur Polizei und stattdessen Selbstjustitz! Hört sich zwar scheiße an, aber besser gehts nicht und ich bin mir ja dann sicher, wer es war und der wird dafür ebenso leiden müssen! Ich habe einfach keine andere Lösung parat...

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