Sonntag, 2. Dezember 2012

Was Babybäuche und Kurzhaarfrisuren gemeinsam haben.


Ja, klingt schon irgendwie komisch, der Titel. Spontan würde mir da wenig einfallen. Aber mir ist etwas aufgefallen, was ich hier gern zusammenfassen will. Denn wenn man darüber nachdenkt, dann haben Schwangerschaften und kurze Haare eine große Gemeinsamkeit: Sie bringen Menschen dazu, Grenzen zu ignorieren. Über Babybäuche kann ich nicht aus eigener Erfahrung sprechen, sondern nur meine Beobachtungen niederschreiben. Vielleicht finden sich Frauen, die in der Kommentarfunktion von ihren eigenen Erfahrungen berichten können. Ich habe das Gefühl, dass ein wachsender Bauch in Menschen dieses gewisse “Oooohh”-Gefühl auslöst. “Hach, wie schön!”. Babybäuche sehen wunderschön aus, finde ich. Und Babies sind auch super. Süß. Aber sie verleiten auch viele Menschen dazu, den Bauch der werdenden Mutter anzufassen. Einfach mal über den Bauch zu streicheln, meistens ohne gefragt zu haben. Man trifft sich dann auf der Straße, Person A sieht, dass Person B schwanger ist (vielleicht kennen sie sich noch nicht mal gut) und der Blick auf den wachsenden Bauch löst das gewisse “Oooohh”-Gefühl aus. “Ohh, du bist schwanger?!” - und schon ist die Hand auf dem Bauch. Oder es kommt vorher noch ein “Ohh, darf ich mal anfassen?” - und die Antwort ist dann eigentlich auch egal. Ändert eine Schwangerschaft die Tatsache, dass Berührungen unsere Grenzen überschreiten? Nein, verdammt, natürlich nicht! Schön, wenn sich Menschen über Babybäuche freuen, aber ein Bauch ist durch eine Schwangerschaft doch nicht vergesellschaftet!



Von der Gemeinsamkeit mit kurzen Haaren kann ich aus eigener Erfahrung vieles erzählen. Mit der Zeit wurden meine Haare immer kürzer. Und nach dem Abiball hat mich dann eine Mischung aus Langeweile, Neugier und Rebellion erfasst - das Ergebnis: 3mm. Es hat viel Spaß gemacht, meine Haare abzurasieren und ich fand es anfangs auch toll und ungewohnt, sie anzufassen, aber meine Erfahrungen zu Grenzenüberschreitungen haben in dieser Zeit deutlich zugenommen. Es reichte von der Frage “Darf ich mal anfassen?” bis zu ungefragtem Drüberstreicheln. Auf einem Festival wurde ich ständig von irgendwelchen unbekannten Menschen angefasst (dass es generell auf Festivals ein Sexismus-Problem gibt will ich nicht bestreiten), einfach, weil sie es sooooo toll fanden, eine Frau mit milimeterkurzen Haaren zu treffen. Ja, toll. Ich will unabhängig von meiner Frisur trotzdem nicht von allen angefasst werden.
Die schlechten Erfahrungen beschränkten sich nicht auf Festivals und gelöste Stimmung. Das ist auch im Alltag, auf der Straße und einem Parteitag passiert. Mittlerweile sind meine Haare wieder länger (nicht aufgrund dessen) und die Grenzüberschreitungen haben - jedenfalls in der beschriebenen Hinsicht - deutlich abgenommen.
Dadurch komme ich zu dem Schluss, dass körperliche Veränderungen auch das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum verändern. Meistens ist es ja doch Konsens, dass Grenzen nicht überschritten werden. Babybäuche finden wir aber irgendwie alle toll und kurze Haare an Frauen irgendwie ungewohnt, deswegen verlieren wir unsere Hemmungen. Körperliche Veränderungen verändern nicht nur das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum, nein, sie scheinen sogar Grenzüberschreitungen zu legitimieren. Sie scheinen Menschen dazu zu bringen, den Respekt vor ihrem Gegenüber zu verlieren. Sexismus, wie er vielen Frauen täglich begegnet und wie nur wenige ihn wirklich wahrnehmen. Denn er wird erst für diejenigen real, die schwanger sind oder kurze Haare haben. Vermutlich nehmen wir es nicht wahr, dass wir Grenzen überschreiten. Dabei können wir uns an so einfache Regeln halten. Man kann immer fragen. Und man kann auch einfach die Antwort abwarten. Das ist nicht schwer.Uns muss klar sein, dass keine körperliche Veränderung beeinflussen kann und darf, wer Grenzen festlegt. Das ist immer die betreffende Person. Es ist eine Frage der Definitionsmacht, die wir niemandem nehmen dürfen.  Die Antwort muss akzeptiert werden. Denn nur die betreffende Person weiß, was sie in dem Moment will. Und sie muss sich dafür nicht rechtfertigen. Aber unabhängig davon: Überschätzt euch nicht. Nicht alles geht euch was an. Weder meine kurzen Haare müssen euch beschäftigen, noch geht euch der Bauch einer anderen Frau etwas an.

Kommentare:

  1. Ich hatte als Kind das gleiche Phänomenen, nur mit langen Haaren. Damals war ich noch naturblond und dicke, wellige Haare. Und ich habe es gehasst mit dem Bus zu fahren, weil ich da schlechter weg kam - und wirklich jedesmal hat irgendwer meine Haare angefasst.
    Wenn ich mich dann lautstark beschwerte, kamen dann Kommentare, dass ich doch stolz auf meine Haare sein könnt und das ja als Kompliment gemeint war.

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  2. Das finde ich sehr spannend - die Babybauch-Beobachtung habe ich auch schon gemacht, das mit den Haaren eher weniger. Aber dafür vergleichbar: auf einmal offenbar mehr "ansprechbar" sein, wenn frau Sport im öffentlichen Raum treibt. Seltsam. Scheint was mit Salienz zu tun zu haben...

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  3. Ich habe ziemlich Glück, weil ich recht abgesondert nur unter Studenten wohne und die mit dem Bauch-anfassen ein bisschen zurückhaltender sind. Ich werde wenigstens gefragt, bevor sie ihn anfassen.
    Allerdings habe ich immer wieder von anderen Müttern gehört, dass sie während der Schwangerschaft ständig befummelt wurden, ab und zu sogar von wildfremden Menschen. Das muss wirklich unerträglich sein!

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  4. Als ich mir (Mann) auch ca. 3mm rasiert hatte, hat das auch jeder als Aufforderung zum drüberstreichen verstanden. Liegt also nicht nur an Frau+mm-Frisur, mag aber tatsächlich recht ungewohnt sein für viele.

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  5. Bei mir hat man sich fas wohl nicht getraut-ich reagiere auf ungewollte berührungen nach einer Warnung notfalls auch tätlich-das Wissen die meisten Menschen um mich herum und fragen-sonst hab ich dann halt ihre Hand in meiner-auf eine für den/die grapscherIn unangenehmen Variante.. Danach überlegen es sich diese Menschen idr..

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  6. Ich bin gerade am überlegen, ob vielleicht nicht die Hemmungen zum anfassen sinken, sondern lediglich das Interesse ein gesteigertes ist... Was ergo bedeuten würde, dass die Hemmschwelle schon immer niedrig ist. Vielleicht sind die Leute ansonsten desinteressiert-distanziert und dadurch fühlt mensch sich von niemandem "zu nahgetreten". Aber sobald eben irgendetwas "spannendes" an sich zu finden ist, fällt dann auf, wie respektlos viele Leute mit Grenzen umgehen. Ein anderes Bsp. sind neben den Bäuchen finde ich auch Babys... Ich habe keins, aber wenn ich seh, wie teilweise irgendwelche Tantchen meinen, weil sie auch mal eins hatten, könnten sie fremden Kinder ins Gesicht grapschen, find ich das selbst schon ziemlich unangenehm.

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