Mittwoch, 26. September 2012

Eine Frage der Logik und eine Antwort des Respekts.

Dem Ganzen vorweg: Ich bin keine Sprachwissenschaftlerin. Alles, was ich jetzt schreibe, ist aus dem, was ich gelesen habe, aus einigen Studien und meinem persönlichen Empfinden entstanden.
Ich muss aber auch keine Sprachwissenschaftlerin sein, um mich mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen und da Probleme zu erkennen. Ich muss auch keine Sprachwissenschaftlerin sein, um zu behaupten, dass der generische Maskulinum immer auch generische Ungerechtigkeit bedeutet.
Solange das generische Maskulinum Teil der Sprache bzw. Automatismus der Sprechenden ist, werden zu jeder Zeit Menschen diskriminiert und übergangen - und das von noch so emanzipierten und reflektierten Menschen. Es heißt ja schon lange, dass man bei geschlechtsheterogenen Gruppen einfach die maskuline Form nehmen könne (“Liebe Schüler”) und die weiblichen Gruppenmitglieder seien dann automatisch mitgemeint. Für mich stellt das keine sprachliche Vereinfachung sondern vielmehr eine sprachliche Unsichtbarmachung dar. Die Unsichtbarmachung dessen, dass Frauen in jeder einzelnen Debatte mitgedacht werden müssen und wir nicht von einer männlichen Normalität ausgehen können.

Mittlerweile gibt es viele Formen, um diese Ungerechtigkeit zu umgehen.

  • beide Genera nennen (“Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter”)
  • das Binnen-I (“die BürgerInnen”)
  • der Unterstrich (“die Teilnehmer_innen”)
  • das Sternchen (“die Genoss*innen”)
  • die Schaffung inklusiver Formen (“die Studierenden”)

Dabei sind der Unterstrich, das Sternchen und inklusive Formen sehr viel weitreichender, denn sie gehen nicht davon aus, dass es nur Mann und Frau gibt, sondern lassen Platz für jegliche Grauzone, jeden Menschen, der sich nicht dem Schwarz/weiß-denkenden Zwang der Zweigeschlechter-Gesellschaft beugen will/kann. Trotzdem würde ich mich bei einigen Menschen schon freuen, wenn sie wenigstens das Binnen-I verwenden würden.

Und obwohl für mich geschlechtergerechte bzw. -neutrale Sprache etwas absolut selbstverständliches ist, wird man immer wieder mit den gleichen Argumenten konfrontiert.
Zum einen seien geschlechtsneutrale und geschlechtergerechte Formulierungen umständlich, anstrengend und behinderten das Leseverständnis.
Aber selbst das wäre für mich persönlich kein Grund, darauf zu verzichten, meine Sprache zu gendern. Wir tun in unserem Alltag viele umständliche Dinge: Wir begrüßen Menschen freundlich, die wir eigentlich gar nicht mögen, erkundigen uns nach ihrem Befinden, ohne, dass es uns interessiert. Wir täuschen Interesse vor, wir beschäftigen uns mit Dingen und Menschen, einfach, weil es für uns zum guten Benehmen gehört. Kurz: Wir respektieren unsere Mitmenschen und achten auf unser Benehmen. Das tun wir auch für Einzelpersonen. Genauso umständlich mag es sein, Sprache zu überdenken und zu ändern, jedoch betrifft das die Hälfte unserer Gesellschaft. Es ist logisch, Frauen mitzudenken, denn sie sind von jeder politischen Entscheidung genauso betroffen. Es ist ein Zeichen des Respekts, jede_n explizit anzusprechen.

Dazu möchte ich außerdem noch eine Studie aus dem Jahr 2007 (Braun et al.) heranziehen. Versuchspersonen wurden auf drei geschlechtsheterogene Gruppen aufgeteilt, die dann drei verschiedene Versionen einer Packungsbeilage für Medikamente lesen sollten. In einer wurde das "generische Maskulinum" verwendet, in der zweiten kamen neutrale Formen ("Personen") und Beidnennungen vor und in der letzten das Binnen-I. Die Versuchspersonnen wurden dann darauf geprüft, wie gut sie sich das Gelesene merken konnten (sprich: Behindert geschlechtsneutrale/-gerechte Sprache wirklich das Leseverständnis?). Bei diesem Erinnerungstest waren im direkten Vergleich der Geschlechter die Erinnerungsleistungen der Männer bei der Beidnennung besser als die der Frauen, die der Frauen war beim „generischen Maskulinum“ und beim Binnen-I besser als die der Männer. Die Effekte waren aber relativ schwach und innerhalb der Geschlechtergruppen auch nicht von Bedeutung. Anschließend sollten die Versuchspersonen das Gelesene selbst bewerten. Während Frauen alle drei Textfassungen als gleichermaßen verständlich und lesbar empfanden, bewerteten die männlichen Teilnehmer das "generische Maskulinum" am besten. Ausgerechnet diese hatten sie aber objektiv im Erinnerungstest am schlechtesten verstanden. 
Somit kann gesagt werden, dass geschlechtergerechte Sprache keinen negativen Einfluss auf die Verständlichkeit bzw. auch Lesbarkeit von Texten hat.

Außerdem sei das “generische Maskulinum” nun einmal weit verbreitet und jede_r wisse, dass Frauen selbstverständlich mitgemeint seien.
Auch wenn wir davon ausgingen, dass es ein “generisches Maskulinum” gäbe, bei dem Frauen automatisch mitverstanden würden, wäre es doch mehr als irritierend, dass diese Form ununterscheidbar von einem tatsächlich nur auf Männer bezogenen Maskulinum wäre.
Die Studie Gygax et al (2008) zeigt, dass das “generische Maskulinum” mehrheitlich eben nicht als generische Form interpretiert wird. Versuchspersonen wird ein Satz mit angeblichem “generischen Maskulinum” gegeben: “Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.”. Daraufhin bekamen Teile der Versuchsgruppe einen Satz wie “Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke.”, die anderen bekamen den Satz “Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Männer keine Jacke.”. Sie sollten dann entscheiden, ob es sich um einen möglichen Anschlusssatz handle. Dies erfolgte durch das Drücken einer Taste, sodass auch die Zeit, die sie für ihre Entscheidung brauchten, gemessen werden konnte.
Würden Maskulina automatisch generisch interpretiert werden, müssten die beiden Sätze gleichermaßen als mögliche Fortsetzung des ersten Satzes erkannt werden. Wenn Maskulina erst mit einem gewissen Aufwand generisch erkannt würden, müsste der männliche Satz schneller als Fortsetzung erkannt werden als der weibliche. Würden Maskulina nicht generisch interpretiert werden, dürfte nur der letzte Satz als Fortsetzung erkannt werden.
Allerdings entsteht auch hier noch eine weitere Komplikation: Berufsbezeichnungen können unabhängig von ihrem grammatikalischen Geschlecht als “typisch männlich” oder “typisch weiblich” eingeordnet werden. Beispielsweise denken wir bei “Polizisten” oder “Physikern” eher an Männer, bei “Kosmetikern” oder “Kassierern” eher an Frauen (siehe Studie Gabriel et al. 2008), weshalb eine objektive Beurteilung in Bezug auf das “generische Maskulinum” nicht ohne Vorbehalt möglich ist. Deshalb wurden für die erwähnte Studie viele verschiedene Berufsbezeichnungen (eher männliche, eher weibliche und neutrale).
Das Ergebnis? Wenn im zweiten Satz von Männern die Rede war, wurde der Satz signifikant häufiger als „mögliche Fortsetzung“ kategorisiert, als wenn von Frauen die Rede war. Wenn Maskulina generisch interpretiert würden, wäre dieses Ergebnis nicht erklärbar. Außerdem waren die Reaktionszeiten der Entscheidung für die männliche Fortsetzung, signifikant schneller, kurz: Die generische Interpretation erfolgt nicht spontan und ohne nachzudenken, sondern erst nach einem strategischen Denkprozess.
Daher gehe ich davon aus, dass es einen “generischen Makulinum” als solchen nicht gibt.


Zum Abschluss noch ein kurzer Denkanstoß:
Neben diesen beiden Ansätzen möchte ich auch noch auf den Einfluss von Sprache zu sprechen kommen. In der Sprache finden wir jegliche geschichtsrelevante Veränderung der Gesellschaft wieder. Jede Epoche hat ein eigenes Vokabular geschaffen. Aus männlichen Hierarchien, die ja keine Epochen brauchten, da sie bis heute immer bestanden, folgte auch die männlich geprägte Sprache. Mit der Zeit sind Bezeichnungen entstanden, die wir übernommen haben und die durch den täglichen Gebrauch das Denken beeinflussen. Wieso fangen wir also nicht jetzt an, diese Begriffe zu neutralisieren, sodass die Sprache irgendwann frei von männlicher Dominanz ist?
Ich bin der festen Überzeugung, dass Sprache eine enorme Wirkung auf uns hat. Natürlich macht geschlechtergerechte Sprache keine Feminist_innen. Natürlich erreichen wir durch Sprache keine gleiche Bezahlung. Aber auf Dauer verändern wir das Denken. 

So schwer ist das doch nicht.



Donnerstag, 20. September 2012

Hallo, ich bin dein Gewissen!

Nein, warte - bin ich ja gar nicht. Aber manchmal kommt es mir so vor. Manchmal passiert das einfach so, dass ich jemanden verbessere ohne darüber nachzudenken. Eigentlich müssten wir doch davon ausgehen, dass diese “Gewissensfunktion” innerhalb des linken Spektrums nicht nötig sei.
Ich verbringe so viel Zeit in linken Kreisen, weil ich diese als geschützten Raum empfinde. Weil wir hier doch eigentlich alle ein ähnliches Weltbild vertreten und dieses leben, sodass wir uns alle wohlfühlen können. Wir würden uns alle ohne zu zögern als antisexistisch und feministisch bezeichnen - aber zwischen dem, was wir sagen und dem, was wir (er)leben ist ein meilenweiter Unterschied.
Feminismus in der Theorie macht meistens Spaß. Aber wenn wir in den Alltag übergehen, müssen wir uns dann doch wieder in reine Männergruppen setzen, antisexistisches Gewissen spielen und merken, dass ein Großteil unserer feministischen Arbeit doch umsonst war und höchstens theoretisch angekommen ist. Das sind die Momente, in denen man sich eingestehen muss, dass es auch innerhalb der Linken etablierten Sexismus gibt. Sexismus ist für mich eine der schlimmsten - weil alltäglichen - Unterdrückungsstrukturen, denen ich mich aussetzen muss. Ich möchte nicht das Alibi einer ganzen sich sensibilisiert nennenden Männergruppe sein, die dann meint, damit Rumgemacker und Maskulinismus zu legitimieren, dass ich doch da sei, um sie zu verbessern. Die nur darauf warten, dass ich den Mund aufmache, um sie zu belehren.
Irgendwie sage ich mir dann doch immer wieder, dass ich einfach weiterhin darauf aufmerksam machen muss, wann jemand sich sexistisch äußert und wann ich mich deswegen unwohl fühle. Also gehe ich weiterhin in diesen Männerklüngel und klage über dominantes Redeverhalten, lasse mich unterbrechen und versuche feministische Perspektiven vorsichtig einzubringen. Genau so lese ich Anträge, Texte und Pressemitteilungen weiterhin Korrektur, um gegebenenfalls stillschweigend etwas geschlechtergerecht- oder neutral umzuformulieren.
Soweit wird das akzeptiert - aber versucht man dann darauf aufmerksam zu machen, dass bestimmte gruppeninterne Verhaltensweisen sexistisch sind, wird es unbequem für die Gruppe. Nein, wir sind doch nicht sexisitsch. Guck, wir sagen doch selbst über uns, dass wir antisexistisch sind. Wir sind ja auch ein feministischer Richtungsverband, da kann es doch gar keinen Sexismus geben. Ach, stimmt, ich spiele mich ja nur wieder auf, wahrscheinlich bin ich überempfindlich und suche einfach nur einen Grund, um mich zu beschweren. Jede Debatte über internen Sexismus wird abgeblockt. Grundsätzlich wird Sexismus als ein Problem der Gesellschaft gesehen und kritisiert, spricht man den intern etablierten Sexismus an, ist nicht dieser das große Problem, sondern die Person, die das angesprochen hat. Die Personen, die das Problem benennen, die das böse Wort Sexismus in den Mund nehmen, die Gleichgesinnten zu nah treten, die wissen nicht, wovon sie reden. Wir sind auf einmal das eigentliche Problem, wir, die wir nicht in gemischte (bzw. männlich dominierte) Gruppen passen, wir, die wir uns nach autonomen Strukturen sehnen.

Ja, ich weiß, wir werden zu dem erzogen, was wir sind. Ich weiß auch, dass Sexismus alltäglich ist, dass man das von Anfang an so lernt und nicht unbedingt sensibilisiert wird. Ja, ich weiß, dass man hervorragend über sexistische Bemerkungen lachen kann. Und natürlich weiß ich auch, dass jede Sozialisierung Konsequenzen hat - nämlich die Reproduktion von Hierarchien, Patriarchat und sexistischen Strukturen.
Aber es ist doch nicht meine Pflicht, Sexismus als Konsequenz der Erziehung, des Umfelds oder was auch immer zu akzeptieren! Es ist genauso wenig meine Aufgabe, jemanden andauernd zu belehren und zu erziehen oder stillschweigend Fehler zu beseitigen! Damit ist niemandem geholfen - antisexistisch zu denken und zu handeln liegt in der Verantwortung jedes_jeder einzelnen. Hört auf, zu erzählen, was für ein langer harter Weg es ist, gegen die eigenen Sozialisierung anzukommen und endlich Antisexist_in zu sein. Wollt ihr Mitleid? Wir haben selbst genug damit zu tun, an uns selbst zu arbeiten und Stereotype zu überwinden.
Und erwartet nicht, dass irgendjemand stolz ist, wenn ihr dann mal was richtig gemacht habt. Ich bin keine Quotenfeministin. Ich bin nicht dafür zuständig, irgendwen zu überwachen und ich bin kein Alibi für euch, euch nicht anstrengen zu müssen.
Ein Mensch, der sich selbst dem linken Spektrum zuordnet, sollte zu einem gewissen Maß auch einen emanzipatorischen Ansatz verfolgen. Das heißt für mich auch, dass wir alle für unser eigenes Handeln verantwortlich sind, uns bewusst sein müssen, wie es auf unser Umfeld wirkt und wir müssen es selbst überdenken und ändern. Denn die Verantwortung für antisexistische und feministische Arbeit ist niemals übertragbar, das fördert sie nur, weil sie so nur reproduziert wird. Immer und immer wieder. Bis den Kritiker_innen die Kraft ausgeht und sie sich frustriert zurückziehen. Wird immer eine Frau, die sich die Mühe macht, verbessert und belehrt, als Alibi gesehen, bleibt das eigene sexistische Denken bestehen. Solange Menschen die auf eben dieses Problem aufmerksam machen, zum Problem gemacht werden, ist antisexistische Arbeit unglaubhaft.

Ich habe kein Problem damit, von jemandem, der sich Mühe gibt, um Rat gefragt zu werden. Ich habe auch kein Problem damit, weiterhin kleine Fehler zu verbessern. Aber ich habe ein enormes Problem damit, als überempfindlich bezeichnet und belächelt zu werden, weil ihr es nicht auf die Reihe bekommt, euren Stolz zu überwinden.

Fangt erstmal bei euch selbst an. Seid euer eigenes Gewissen. Hinterfragt euch. Arbeitet an euch.
Emanzipiert euch, verdammt noch mal!

Montag, 17. September 2012

Nein, ich will das nicht.

Manchmal ist es so einfach “Nein.” zu sagen. Nein, ich habe grade keine Zeit. Nein, ich bin nicht zuhause. Nein, du störst nicht. Ohne nachzudenken kann man Dinge ablehnen, sich ihnen entziehen und hat es auch ganz schnell wieder vergessen.
Und dann gibt es wiederum diese anderen Momente. Die Momente, in denen man kein “Nein.” herausbringt, in denen man hilflos ist oder in denen ein einfaches “Nein" nicht mehr ausreicht. In denen man auf einmal die Ablehnung mehrfach entschuldigen und erklären muss.

Und da, wo Frauen an die Grenzen der Definitionsmacht zu stoßen scheinen, da ist auch das deutsche Recht im Unrecht. Ein Beispiel, das mich wütend und fassungslos macht:
Eine 15-Jährige wurde vergewaltigt, der Täter wurde freigesprochen. „Wenn man etwas nicht will, muss man das deutlicher machen. Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte“, sagte die Richterin. Das Mädchen habe zwar gesagt, dass sie das nicht wolle, aber sie hätte doch kratzen können. Die Tür war auch nicht abgeschlossen, da hätte sie dann ja auch einfach weglaufen können. Geschrien hat sie auch nicht. Entschuldigung, aber in was für einer Welt und in was für einem Rechtssystem leben wir, wenn nichtkonsensualer Sex gebilligt wird, weil das Opfer nicht geschrien und nicht gekratzt habe und weil es nicht weggelaufen sei? Wie definiert diese Gesellschaft Vergewaltigung? Wenn der Täter so viel Gewalt anwenden muss, dass das Opfer still ist und sich nicht wehrt? Wer übernimmt hier eigentlich die Definitionsmacht? Sind das nicht zufällig die meist männlichen Richter, die wenig Ahnung davon haben, was Übergriffigkeit bedeutet? Nein, es sind nicht nur diese Männer mittleren Alters, selbst Frauen nehmen manchmal diese Haltung ein:
Gabriele Piontkowski, die Leiterin des Sonderdezernats “Gewalt gegen Frauen” sagte in einer Talkshow (damals in Bezug auf den Prozess gegen Jörg Kachelmann), dass man dann ja überlegen müsse, ob es “sich um eine Vergewaltigung oder Geschlechtsverkehr gegen den Willen der Frau” handle. Es gibt also nichtkonsensualen Geschlechtsverkehr, der keine Vergewaltigung ist?
Ich würde da viel weiter gehen: Definieren wir mal Übergriffigkeit - das bedeutet, dass eine Grenze, die von jedem Menschen unterschiedlich gezogen wird, übergangen wird.
Dass Grenzen oft nicht bemerkt werden - ob versehentlich oder ignoranterweise sei mal dahin gestellt - können viele Frauen bestätigen. Das ist keine Erfahrung, die man einmal macht, nein, die macht eine Frau öfter. Das sind keine Einzelfälle, das passiert vielen Frauen - und das eben auch nicht nur einmal.

Ich möchte mich nicht wehren müssen, wenn ich artikuliert habe, dass ich etwas nicht möchte. Ein “Nein, ich will das nicht.” muss doch wohl ausreichen und respektiert werden. Dem ist nicht so. Es ist so, dass der_die Stärkere gewinnt. Und grade hier wird auch deutlich, dass eine Frau als Nicht-Mann definiert wird, als die Person, die passiv ist und ausgesucht wird, mit der man(n) machen kann, was man will. Und es ist völlig egal, in welcher Situation eine Frau “Nein” sagt. No means no, always! Da gibt es keine Ausnahmen! Und nur ich allein habe die Definitionsmacht darüber, wo meine Grenzen sind und wie dehnbar sie für mich sind, das kann und darf mir niemand abnehmen. Deshalb müssen meine Grenzen auch genau so akzeptiert und respektiert werden, wie ich sie meinem Gegenüber zu Verstehen gebe. In dem Fall gibt es auch keinen Vergleich wie “aber XY hat das auch so gemacht” - Akzeptiert mich als einen Menschen mit einer eigenen Geschichte, als einen Menschen, der selbst darüber entscheiden kann, was in Ordnung ist und was nicht. Wenn ich “Nein, ich will das nicht!” sage, muss Schluss sein. Kein Aber.

Genau so muss ich mich nicht für meine Entscheidung rechtfertigen. Meine Ablehnung muss ausreichen und muss dann auch genau so akzeptiert werden. Allein ich entscheide, warum ich etwas in einer Situation nicht will. Wer eine Rechtfertigung fordert, warum ich körperlichen Kontakt ablehne, der greift meine persönliche Definitionsmacht über meine Grenzen an. Es ist meine persönliche Entscheidung und ich lasse mich nicht dazu drängen, mich zu erklären. Es ist völlig in Ordnung, in einem Moment keine körperliche Nähe oder was auch immer zu wollen: Sobald eine_r “Nein” sagt, ist Schluss. Wer dann zum zweiten oder dritten Mal nachhakt, wieso das denn jetzt nicht ginge, der drängt die andere Person in eine Situation, in der sie sich nicht wohlfühlt.

Ich will nicht, dass andere über mein Wohl zu entscheiden meinen. Nur weil ihr euch hervorragend in meine Situation versetzen könnt und meint genau zu wissen, was ich in diesem Moment brauche, heißt das nicht, dass dem auch so ist! Ich möchte nicht, dass irgendwer von sich auf mich schließt! Ich habe anderes erlebt, empfinde Dinge anders und behalte sie anders in Erinnerung, ich kenne meine Situation selbst am Besten. Natürlich ist es nett, mitfühlende Menschen zu kennen und um sich zu haben, aber Sätze wie “Ich glaube, du brauchst jetzt...” sind respektlos gegenüber meiner individuellen Entscheidung, bestimmte körperliche Distanzen einzuhalten. Es ist unreflektiert, zu glauben, dass die Grenzen aller Menschen die gleichen sind. Es geht nicht darum, wie gut etwas gemeint wird, sondern darum, wie es wahrgenommen wird. Fertig.

Und nun noch einmal zurück zu dem Freispruch in dem eingangs beschriebenen Vergewaltigungsprozess: Ich möchte nicht, dass andere über mein Verhalten urteilen und es als “falsch” beurteilen.
Natürlich hat jeder Mensch seine Gründe, in bestimmten Situationen auf eine Art und Weise zu handeln. Das Mädchen hatte Gründe, nicht geschrien und nicht gekratzt zu haben, sie hatte Gründe, nicht weggelaufen zu sein. Sie hat gesagt, dass sie das nicht wolle, reicht das nicht, um diesen Geschlechtsverkehr als nonkonsensual und damit als Vergewaltigung einzustufen? Wie kann jemand, der nie in dieser Situation war, darüber urteilen, wie sie sich hätte verhalten sollen? Klar, rational mag man sagen können, dass sie sich nicht gewehrt hat. Man mag auch sagen, dass sie in der Lage war, sich verbal zu wehren und dass sie deshalb sich doch auch nonverbal durch Kratzen und Treten hätte wehren können. Aber wann ist ein Übergriff oder in diesem Fall eine Vergewaltigung schon rational zu betrachten? Der Mann hat sie gegen ihren Willen - was sie auch geäußert hat - zum Geschlechtsverkehr gezwungen, ergo: Er hat sie vergewaltigt. Es ist respektlos dem Mädchen gegenüber, dass ihr die Schuld daran gegeben wird.

Jede Frau setzt sich unterschiedliche Grenzen. Wenn eine entscheidet, dass selbst eine freundschaftliche Umarmung zu viel Nähe ist, eine andere sich nicht ausziehen möchte und wiederum eine andere keine Hemmungen hat, muss das akzeptiert werden.
Ein Beispiel: Nur weil Person A und Person B konsensual rumgeknutscht haben, heißt das nicht, dass automatisch mehr passieren muss. Wenn Person A sich entscheidet, dass damit ihre Grenze erreicht ist und sie nicht weiter gehen möchte, ist das in Ordnung und muss nicht hinterfragt werden! Es muss auch nicht hinterfragt werden, wenn die Personen A und B schon einmal konsensual Sex hatten -  denn das ist keine Legitimation, es wieder zu dürfen! Genau so wenig ist eine Beziehung ein Freifahrtschein für jede sexuelle Handlung zu jeder Zeit. Es bleibt dabei: Ein “Nein” muss nicht erklärt werden.
Eine Frau kann anziehen, was sie will. Viel Haut, kurze Röcke oder tiefe Ausschnitte sind keine Einladung, respektlos zu handeln und heißen noch lange nicht, dass sie mit jeder_jedem Sex will und haben muss. Ein Beispiel dazu: Person A weiß über Person B, dass sie sexuell aktiv ist. Person B kleidet sich außerdem aufreizend. Das heißt noch lange nicht, dass Person B in irgendeiner Weise dazu gedrängt oder genötigt werden darf, sich mit Person A abzugeben. Sie ganz allein entscheidet, was sie mit wem wann will. Sie ist nicht dafür verantwortlich, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Die Frau, besser definiert als Nicht-Mann in diesem Fall, ist keineswegs passiv. Sie kann genau so aktiv entscheiden, was sie will.
Tut mir den Gefallen und reduziert Frauen nicht auf ihre Reaktionsmöglichkeiten. Wir lassen uns nicht (nur) aussuchen, wir können auch selbst aussuchen. Wir reagieren nicht nur, wir handeln auch. Wir sind ganz bestimmt nicht davon abhängig, von einem Mann auserkoren zu werden.

 Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob ihr richtig handelt, weil die Frau die körperliche Nähe vielleicht nicht erwidert und nicht explizit wünscht: Lasst es! "Nein" - ob verbal oder anders geäußert - heißt nein. Immer. Fertig.

Donnerstag, 13. September 2012

Kein Bock mehr auf eure Heteronormativität.

Gestern habe ich mich mit einer Freundin zum Mittagessen getroffen. Eigentlich sollte es ganz entspannt werden, man redet dann so über alles und jede_n, tauscht Neuigkeiten aus und gibt sich Ratschläge. Gestern war dieses Treffen für mich nicht ganz so entspannt und hat mich wirklich mitgenommen. Das ist auch der Grund, warum ich mich entschieden habe, zu bloggen. Es gibt Dinge, die man nicht für sich behalten und hinnehmen sollte und die viel mehr Menschen erreichen und bewegen sollten.
Ich trug gestern einen Pullover mit der Aufschrift “Be as gay as possible!”. Ich trage ihn gerne, weil ich die Menschen damit verwirren möchte. Verwirrung ist ja bekanntlich der beste Anstoß, jemanden zum Nachdenken zu bringen. Im Kreis meiner Freund_innen ist das völlig in Ordnung, die mögen und akzeptieren das. Im Kreis meiner Bekannten tauscht man vielleicht “wissende” Blicke aus, weil man es nicht versteht und verunsichert ist. Aber die Politisierung bestimmter Situationen durch mich wird auch da hingenommen. Auf der Straße höre ich mir schon mal ätzende Sprüche an - wozu auch immer: Eine Frau mit kurzen Haaren? Ein Spruch auf einem Beutel oder Kleidungsstück, der nicht in unsere Normen passt?
Aber jetzt erst einmal zu dem, was gestern passiert ist: Die Freundin, mit der ich mich traf, sagte mir klar ins Gesicht, dass ich aufpassen solle, dass ich nicht “wie eine Lesbe” wirke, weil das ja “nicht immer so gut sei”. What the hell!?
Ich dürfte also in der Öffentlichkeit nicht zeigen, wenn meine Sexualität oder mein Begehren von der gesellschaftlichen Heteronormativität abweicht? Warum?
Weil es nicht in die Norm passt? Weil andere dadurch verunsichert sind? Weil ich dadurch in eine Schublade gesteckt werde? Und was ist, wenn mir das alles völlig egal ist und ich einfach nur der Mensch sein möchte, der ich nun einmal bin und der eben nicht alles einfach so hinnehmen möchte?
Im ersten Moment habe ich mich sehr darüber aufgeregt. Ich war so schockiert, dass ich mir so etwas von einer Freundin anhören muss, dass ich gar nicht wusste, was ich darauf hätte antworten sollen. Nach dem ersten Moment der Stille, versuchte ich ruhig zu erklären, dass mir das nichts ausmacht und dass es doch ganz egal sei, wer ich bin und als welcher Mensch ich mich fühle. Aber zur Normalität konnte ich danach nicht zurückkehren. Ich habe dann schnell bezahlt und bin gegangen.
Jetzt habe ich länger darüber nachgedacht und bin ihr gar nicht mehr richtig böse. Ich glaube, dass dieser Spruch eine einfache Schutzfunktion war, dass sie glaubt, mir damit einen guten Rat gegeben zu haben. Sie möchte nicht, dass die Gesellschaft mich nicht akzeptiert. Oder möchte sie nur nicht, dass sie in Verruf gerät, weil sie sich mit “einem Menschen wie mir” abgibt?
Ich war bis gestern der festen Überzeugung, dass mein Umfeld mein Lebenskonzept, meine Wünsche und Ziele und alles das, was mich ausmacht, akzeptiert und unterstützt. Ich hätte gedacht, dass auch das Abweichen von einer Norm für sie keine große Überraschung sei, weil sie doch mich als Menschen mögen. Verändert mich das so sehr, dass ich ein anderer Mensch werde, nur weil ich gesellschaftliche Zwänge in Frage stelle?
Ich bin momentan sehr verunsichert. Wie würde mein Umfeld damit umgehen, wenn ich tatsächlich mal eine Frau als Partnerin mitbrächte? Komische Blicke, ja, damit könnte ich leben. Geflüster hinter meinem Rücken, das findet eh schon statt. Aber zum ersten Mal kann ich jetzt tatsächlich verstehen, welche psychische Belastung auf uns liegt, die wir nicht jeden gesellschaftliche Norm erfüllen wollen/können/whatever. Freundschaft war für mich schon immer ein Schutzraum. Der Raum, in dem ich so sein kann wie ich will, in dem ich sagen kann, was ich will, in dem ich mir keine Gedanken über meine Wirkung, mein Aussehen, mein Begehren oder meine Ideen machen musste. Das dachte ich als heterosexuelle weiße Frau. Aber gibt es diesen Schutzraum überhaupt, sobald man der Kategorisierung des gesellschaftlichen Konsens nicht mehr entspricht? Wo ist mein Schutzraum hin? Wo sind die Menschen, die sagen “Hey, ich find das super, dass du dich nicht verändern lässt!” oder “Genau so mag ich dich!”.

Ich habe seit gestern noch ein kleines bisschen weniger Bock auf diese Heteronormativität. Ich möchte nicht gefragt werden, ob ich einen neuen Partner hätte oder wann ich denn endlich mal meinen Freund mitbrächte. Ich möchte gefragt werden, ob ich einen Menschen gefunden habe, der mich glücklich macht. Ich möchte mit meinem Begehren nicht in Frage gestellt werden. Ich möchte keinen Erwartungen und Zwängen unterliegen. Ich will doch einfach nur frei sein. Seit wann ist denn das eigene Leben so uninteressant geworden, dass das Privatleben anderer Menschen so breit diskutiert werden muss? Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, dass ich einen Mann als meinen Partner vorstelle!
Wenn eine Freundin einen neuen Freund hat, wird einen Tag lang darüber gesprochen und am nächsten Tag ist es normal. Hat eine Freundin ein Date, ist es klar, dass sie dieses Date mit einem Mann hat, weil es normal ist. Läuft ein gegengeschlechtliches Paar Hand in Hand, nimmt kaum jemand es wahr. Küssen sie sich in der Öffentlichkeit, ist es normal.
Ein homosexuelles Paar wird hinterfragt. Nicht einen Tag lang, nein, sondern immer. Hand in Hand auf offener Straße? Geht gar nicht! Ein Kuss in der Öffentlichkeit? Tabu! Wo kommen wir denn da hin! Dass die ihre Sexualität nicht für sich behalten können. Da fallen dann Sätze wie “Ich hab ja nichts gegen Homosexuelle, aber das können die doch für sich behalten”. Nein, verdammt, das soll niemand für sich behalten müssen! Ihr behaltet es doch auch nicht für euch, wenn ihr eine neue Beziehung habt!

Ja, sie mag es gut gemeint haben, weil sie nicht möchte, dass ich öffentlich zerfleischt werde und daran kaputt gehe. Aber beim nächsten Mal werde ich ihr wohl, wenn sie von einer neuen Beziehung erzält, sagen: “Hey, es ist okay, dass du auf Männer stehst. Aber nur solange du dich in der Öffentlichkeit so gay wie möglich verhälst.”