Montag, 29. Oktober 2012

Die Dunkelziffer.

Sie ist die, die ihr anzweifelt. Die, die ihr Tag für Tag in Frage stellt, weil ihr doch irgendwo was anderes gelesen habt. Weil ihr andere Zahlen kennt und Zahlen lügen bekanntlich nicht. An den Zahlen könnt ihr es ablesen: Es gibt sie nicht, die Dunkelziffer. Ihr zweifelt sie laut an, übertönt damit alle anderen und spielt den mit ihr verbundenen Schmerz runter.
Sie ist die Dunkelziffer. Sie ist die, die damit leben muss, dass ihre Existenz, ihr Schicksal, angezweifelt wird, dass sie runtergespielt wird und dass sie letztendlich ignoriert wird. Sie wird ignoriert, weil sie nicht in die Statistik passt, die ihr letztens irgendwo gelesen habt. Da stand nichts von einer Dunkelziffer. Sie zu erwähnen ist ein Tabu. Wieso sollte man über etwas reden, was es doch eigentlich - in eurem Verständnis von dieser Gesellschaft und diesem Staat - gar nicht geben kann?
Die Dunkelziffer - man redet nicht über sie. Nein, man darf nicht über sie reden. Ihr wollt sie nicht wahr haben, denn sie passt nicht in euer Bild von dieser Gesellschaft. Ihr fühlt euch angegriffen. Und wenn ihre Existenz dann doch belegt ist, anhand der Zahlen, die sie doch sonst immer angezweifelt haben, dann zerstört sie damit die heile Welt.
Die Dunkelziffer ist ein Störfaktor. Ein Störfaktor, der alles in Frage stellt: Den Staat, das Rechtssystem, das Zwischenmenschliche, die Gesellschaft. Alles, woran du glaubst, was fest zu sein scheint.
Wenn es so weit kommt, dann wird sie belächelt. Belächelt, weil der Fehler doch bei ihr liegen muss. Niemals kann es an dem Umfeld liegen, sie muss doch irgendwas falsch gemacht haben. Und dann fangt ihr an, sie zu beschuldigen. Ihre Aussagen zu hinterfragen. Ihr Leben zu hinterfragen. Immer auf der Suche, einen Fehler zu finden, ein Makel, irgendwas.
Vielleicht trug sie einen kurzen Rock, vielleicht war der Ausschnitt zu tief oder sie zu doll geschminkt. Vielleicht hat sie die falschen Leute kennen gelernt, den Falschen zu lange angesehen. Vielleicht ist sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Vielleicht hat sie eh ein offeneres Sexleben, ja, vielleicht lag die Schuld einfach bei ihr. Wieso hat sie sich nicht gewehrt? Wieso hat sie nicht geschrien? Wieso ist sie nicht einfach weggegangen? Ja, dann stellt ihr fest, sie ist wirklich schuld. Und ihr seid beruhigt, weil euer Weltbild wieder gerettet ist.

Und während ihr dabei seid, euch Geschichten zusammenzudichten, was sie falsch gemacht hat und dass es sie doch eigentlich gar nicht gibt, da merkt ihr nicht, dass sie schon längst ein Teil eures Lebens geworden ist. Sie ist die, die ihr beim Einkaufen trefft, die, die ihr morgens beim Joggen überholt. Vielleicht ist sie eure Schwester, eine Bekannte oder eine Freundin. Vielleicht ist sie die, die in der Uni neben euch sitzt, die, die neben euch wohnt. Oder sie ist die, die mit euch das Bett teilt, euch beim Frühstück gegenüber sitzt oder die, die euch gerade ihre Handynummer gegeben hat.

Aber woher sollt ihr es auch wissen? Sie sagt doch nichts. Vielleicht denkt sie darüber nach, es euch zu erzählen. Aber sie schafft es nicht. Sie hat keinen Mut mehr. Sie hat Angst, die Stimmung zu versauen. Und während sie mit sich kämpft, weil sie es alleine nicht ertragen kann, ist Kachelmann bei Anne Will zu Gast. Sie sieht, worauf es hinauslaufen würde, wenn sie was sagt. Woher soll sie auch das Vertrauen in Behörden nehmen, wenn sie sieht, wie es anderen damit ergeht. Sie will nicht als Lügnerin da stehen. Sie will es doch eigentlich nur hinter sich lassen. Ihr fehlt die Kraft, der Mut, sich immer wieder den Fragen zu stellen, immer wieder angezweifelt zu werden.
Irgendwie geht das Leben ja doch weiter. Das Leben als Dunkelziffer. Man muss weitermachen. Das Leben geht einen normalen Lauf. Aber es holt sie immer wieder ein. Immer wieder. Und auf der Straße trifft sie Männer, die einer Frau hinterherpfeifen, weil sie einen kurzen Rock trägt. Und zuhause erzählt ihr dann jemand, er hätte da ja irgendwo Statistiken gelesen, die besagen, dass es diese Dunkelziffer, von der gesprochen wird, gar nicht gibt. Aber sie solle trotzdem nicht allein durch die dunklen Gassen gehen nachts. Das Wissen, dass es nicht so ist, tut weh. Dass es nicht die dunkle Gasse war, nicht der kurze Rock und nicht das Sexleben. Und dass die meisten Vergewaltigungen in den eigenen vier Wänden passieren, das wollt ihr nicht wahrhaben. Das wird euch zu persönlich. Die dunkle Gasse ist ein guter Vorwand. Dunkel, kalt, anonym.
Und sie weiß, dass es nicht aufhören wird. Und sie weiß auch, dass nicht die dunkle Gasse oder ihr Rock das Problem sind.
Das Problem sind diejenigen, die sie in Frage stellen. Das Problem sind diejenigen, die sie zur Dunkelziffer machen.

Freitag, 19. Oktober 2012

"Willst du mit mir gehen?" - ein Kommentar

 Ich will schon seit geraumer Zeit einen Artikel zum Konsensprinzip schreiben, denn es beschäftigt mich wirklich. Ich habe mich mit rape culture, Grenzüberschreitungen, dem Aneignen eines dicken Felles  und Vergewaltigungsvorwürfen beschäftigt und müsste nun logischerweise einen Lösungsvorschlag präsentieren. Mein Lösungsvorschlag wäre das Konsensprinzip gewesen, allerdings hatte ich nicht vor, diesen Beitrag unüberlegt zu veröffentlichen. Als ich mich das letzte Mal daran machte, ihn zu schreiben, ist mir klar geworden: Du bist noch nicht so weit. Wenn ich für mich selbst noch nicht den Weg gefunden habe, wie ich im Alltag nur noch im Konsens handeln kann, dann kann ich das auch anderen nicht erklären. Ich habe schließlich auch einen gewissen Anspruch an mich, wenn ich hier schreibe.
Als ich dann vorhin den Freitag las, stieß ich auf den Artikel "Willst du mit mir gehen?" von Jörg Friedrich in seiner Kolumne “Wundersamer Alltag”. Mein erster Gedanke war: “Wow, das Konsensprinzip wird jetzt endlich in breitere Massen getragen!” Eine Debatte darüber, was ein “Ja” und ein “Nein” in dieser Gesellschaft bedeutet, ist schon lange überfällig.
Als ich den Artikel dann zwei Mal gelesen hatte, war ich wirklich sauer. Ich dachte danach eher “Das kann er doch nicht erst meinen! Bitte sagt mir, dass ich das nur falsch verstanden habe!”.

Jörg Friedrich geht zu allererst davon aus, dass wir als Kinder anfangen Zettel zu schreiben, auf denen beispielsweise “Willst du meine Freundin sein?” steht. Allerdings ist er der Meinung, dass man eher positive Antworten bekommt, wenn man gar nicht erst fragt, sondern handelt. Ja, dass wir damals noch keinerlei Erfahrung hatten, stimmt wohl. Wir betraten alle Neuland und jede kleine und noch so flüchtige Berührung war neu. Die Worte, die wir auf einmal nutzten - küssen, Freundin, miteinander gehen - die fühlten sich neu und aufregend an. Lieber Herr Friedrich, gerade das machte es doch aus! Dass wir Dinge auch verbal erst ausprobierten, dass das alles einen ganz neuen Ablauf darstellte! Gerade das ist doch das, was es so spannend macht. Und dann sollte jede_r selbst entscheiden, wann er_sie für etwas Weiterführendes bereit ist! Wenn Sie das so nicht erlebt haben, tut mir das aufrichtig Leid, denn dann haben Sie wirklich schöne Erfahrungen nicht sammeln können.

Dass wir heute vor sexuellen Kontakten viel zu selten fragen, ob die Berührung konsensual ist, aus unseren Kindheitserinnerungen abzuleiten, steht in einer völlig falschen kausalen Korrelation. Aber Herr Friedrich macht es im weiteren Verlauf seines Artikels noch schlimmer:

“Das waren die ersten Erfahrungen mit der Kraft der Erotik, und an denen hat sich im Laufe der Jahre nicht viel geändert. Kein Erfolg oder Misserfolg im Werben und Umgarnen hat dazu geführt, dass man in späteren Zeiten aufgrund rein theoretischer Erwägungen und trockenen Dialogen herausgefunden hätte, was erlaubt und angenehm oder verboten und unangenehm ist.”

Laut dem Autor sollen wir also durch blinden Aktionismus herausfinden, wie etwas ist und wie es ankommt und im Nachhinein beurteilen, ob es “erlaubt und angenehm” oder “verboten und unangenehm” war, weil das durch ein Erfragen nicht möglich gewesen wäre. Kurz: Er legitimiert sex by surprise. Meines Erachtens kann ich mir eine besondere Erfahrung sehr gut sparen, wenn ich weiß, dass ich damit eine_n andere_n  bedränge oder in eine Situation bringe, die er_sie nicht unter Kontrolle hat.
Gehen wir von dem Fall aus, dass ich frage und Zustimmung bekomme - was gibt es Schöneres, als zu wissen, dass der_die andere, es auch will? Was gibt es Schöneres, als das Gefühl gewollt zu werden?
Gehen wir aber von dem Fall aus, dass ich ein “Nein” bekomme und abgewiesen werde. Ja, das ist ein blödes Gefühl. Aber wahrscheinlich wäre das Gefühl noch schlimmer, wenn ich hinterher erfahre, etwas gegen den Willen der_des anderen getan zu haben! Lieber will ich einmal im Selbstmitleid baden als später herauszufinden, dass ich jemanden bedrängt habe. Um herauszufinden, was erlaubt ist, kann ich fragen. Das ist nicht schwierig und das tun wir sonst auch immer. Wenn das in Ordnung ist, kann ich danach immer noch fragen, ob ich auch andere Dinge tun kann - so schwer ist das wirklich nicht! Lieber im Konsens zu etwas kommen, was allen Beteiligten gefällt als purer Egoismus.

Weiter im Text:

“[...] genauso sicher ist, dass auch ein klares Ja, wenn es jemals auf eine Frage wie "Möchtest du, dass ich dich küsse?" überhaupt ausgesprochen werden kann, sich schnell verflüchtigen kann, wenn man von der theoretischen Erörterung zur Praxis schreitet.”

An dieser Stelle hinterfragt der Autor die gesamte Idee, die hinter einem “Yes means Yes and No means No”-Abkommen liegt. Ja, verdammt, das “Ja” kann ich auch ganz schnell wieder verflüchtigen, wenn es von der Theorie in die Praxis geht - aber das heißt noch lange nicht, dass ein vorher gegebenes “Ja” oder “Nein” nichts wert ist! Das zu hinterfragen ist für jeden Menschen, der ein “Nein” geäußert hat und es auch wirklich so meint, ein Schlag in die Magengrube. Es wird hier so dargestellt, als wäre eine Meinung nichts wert, nur weil sie sich auch ändern könnte - es ist doch wohl selbstverständlich, dass sich Meinungen und Empfindungen ändern können und dass ein einmaliger Konsens kein Freifahrtschein für jede weitere Handlung ist!
Wenn aus einem “Ja” ein “Nein” wird, dann herrscht kein Konsens mehr, eine der Personen fühlt sich nicht mehr wohl und das muss ohne Rückfragen so hingenommen und akzeptiert werden!

Weiterhin ist Herr Friedrich der Meinung, dass Menschen, die sich an Konsens-Prinzipien halten, weder an die eigenen Ziele, noch an die der_des Partnerin_Partners gelangen würde.
Ich glaube, dass sich jeder Mensch, der sich auf eine Partner_innenschaft - welcher Art auch immer - einlässt, auch darüber im Klaren ist, dass dann nicht mehr nur die eigenen Interessen zählen, sondern dass dann höhere Ziele im Mittelpunkt stehen werden - nämlich gemeinsam Wege zu gehen, auf denen sich beide wohlfühlen. Ich glaube kaum, dass ich glücklich bin, wenn ich zwar das erreiche, was ich will, aber dabei Menschen, die mir was bedeuten, auf der Strecke lassen muss.

Bei seinem letzten Absatz werde ich ehrlich gesagt wirklich, wirklich sauer und ich frage mich, was er sich einbildet:

"Versuch macht klug" – das heißt, man muss die Grenzverletzung wagen und auch zulassen. Wir sind eher praktische als theoretische Wesen, wir müssen uns einer Gefahr auch aussetzen, um Freude zu erleben.”

Ich soll also Dinge tun, bei denen ich mich nicht wohlfühle, weil sie eindeutig meine eigenen Grenzen überschreiten? Ich soll mich bloßstellen und etwas ertragen, nur um daraus dann zu lernen, dass meine Grenze richtig war? Soll ich ernsthaft die Grenzen anderer überschreiten, nur um mich selbst zu testen? Mir wird schlecht, wenn ich sowas höre.
Ja, Herr Friedrich, ich bin ein praktisches Wesen. Vor allem beherrsche ich die Praxis, Menschen nach ihrem Befinden zu fragen und es zu akzeptieren. Ich beherrsche die Praxis, niemanden zu bedrängen und bin sensibilisiert genug, um meine Wünsche mit denen meiner_meines Partnerin_Partners abzugleichen. Sie dagegen sind ein Rechtfertiger von Grenzverletzungen. Sie erklären den Verletzten, etwas falsch gemacht zu haben und unterstützen die Täter_innen in ihrem Handeln
Und ganz sicher werde ich “Wir sind eher praktische als theoretische Wesen” niemals als Ausrede nutzen, wenn ich jemandem zu Nahe komme. Das ist dann meine Schuld und ich weiß, dass ich noch viel an mir arbeiten muss.
Aber wie es scheint, müssen Sie das noch viel mehr.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Klartext.

Ich versuche beim Schreiben dieses Blogs ehrlich zu sein. Ich versuche das zu schreiben, was ich denke und es unbeschönt niederzuschreiben. Dass das für mich auch bedeutet, Blöße zu zeigen, ist mir bewusst. Mir ist klar, dass ich viele Ängste und Gedanken offenlege, die ich sonst vielleicht nicht äußern würde.  Manchmal denke ich, dass ich vielleicht zu viel von mir selbst preisgebe - aber wenn ich dadurch Denkprozesse anschieben kann, dann kann ich damit leben. Worauf ich aber überhaupt keine Lust habe, ist, wenn mir persönlich Vorwürfe gemacht werden.
In den letzten Wochen habe ich viel über das, was ich hier schreibe und das, was ich auch täglich vertrete, diskutiert. Natürlich hört man nicht nur positives und natürlich fallen einer_einem danach noch viele Dinge auf, die nicht zu Ende gedacht waren, die man hätte besser machen können. Solche Kritik ist kein Problem für mich. Es sind nur die Relativierungen, die mich wirklich wütend machen:

Ich sei zu empfindlich, heißt es. Ich sei zu empfindlich, ich solle nicht aus jeder kleinen Mücke einen Elefanten machen. Ich solle nicht in jedem unüberlegten Spruch, einer Werbung oder in einem Klaps auf den Hintern Sexismus wittern und mich persönlich angegriffen fühlen. Das sei schließlich viel zu allgemein und damit würde ich dann ja auch gleich jeden Mann als Vergewaltiger bezeichnen. Aus dieser Analyse - die ich zwar nicht teile aber natürlich als Meinung akzeptiere - entstand dann schnell ein Fazit, das mir zeigt, dass da jemand tatsächlich nicht zu Ende durchdacht hat. Unter anderem wurde mir gesagt, ich müsse mir nur ein dickes Fell anschaffen, dann würde ich das alles schon nicht mehr so eng sehen. Schließlich sei das alles ja auch gar nicht immer so böse gemeint, wie ich es darstelle.
Kann das ernsthaft die Lösung sein? Soll ich einfach wegsehen? Natürlich wäre ich glücklicher, wenn ich all das nicht ernst nehmen würde. Natürlich hätte ich auch weniger Probleme, müsste mir weniger Gedanken machen und würde mich seltener aufregen. Aber ich bin froh, dass ich so sensibilisiert bin! Und deshalb kann und möchte ich auch niemandem einen Übergriff durchgehen lassen. Deswegen werde ich auch meinetwegen gerne weiterhin bei einigen Menschen auf taube Ohren oder Unverständnis stoßen. Es kann doch nicht die Lösung sein, dass ich, die ich mich angegriffen fühle und die unter dem Habitus einer bestimmten männlichen Gruppe leidet, mich verändern muss. Dass ich mir ein dickes Fell zulegen muss um die Realität zu ertragen. Was ist das bitte für eine Logik, in der der Stärkere einfach gewinnt und niemand sich dranmacht die Umstände zu ändern. Das hat einfach nichts mehr mit Emanzipation zu tun!
Und genau so ist es auch respektlos und unreflektiert, die Probleme, die ich anspreche (worin ich auch oft unterstützt wurde!), zu relativieren und auf meine persönliche Empfindung zu reduzieren. Nein, verdammt, ich bin nicht die einzige, die darüber nachdenkt und darunter leidet. Das Problem liegt eben nicht bei mir - das Problem liegt bei denjenigen, die mich als schwach darstellen, die sagen, ich sei überempfindlich.

Und genau so wenig wie ich mir ein dickes Ignoranz-Fell anlegen möchte, will ich mich denen anpassen, die mich unterdrücken. Im Klartext heißt das: Das Problem, dass ich in Debatten oft nicht zu Wort komme, weil ich mich nicht traue oder weil ich unterbrochen werde, ist nicht durch mich entstanden, sondern wird mir zugemutet. Ich solle mich durchsetzen, heißt es. Lauter sprechen, nicht nachgeben, wenn mir jemand ins Wort fällt, einfach lauter und deutlicher werden. Keine Emotionen zeigen und mich nicht verunsichern lassen.
Mein Verständnis von Feminismus ist eigentlich ein ganz anderes. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht meine Aufgabe sein kann, mich dem Rumgemacker einiger privilegierter Herren anzupassen um sie zu übertönen oder nicht unterzugehen. Es kann doch nicht Ziel sein, dass wir uns alle auf ein Niveau der Gesprächskultur begeben, auf dem es nur noch darum geht, lauter und rücksichtsloser als die anderen zu sein! Ich sehe mich nicht in der Position, meine Achtung vor anderen Gesprächsteilnehmer_innen ablegen zu müssen um mich zu profilieren. Eigentlich habe ich nicht vor, mir den Habitus anzueignen, der in unserer Diskussionskultur vorherrscht. Eigentlich möchte ich die generellen Umgangsformen ändern. Feminismus bedeutet für mich auch, Rücksicht zu nehmen und aufmerksam zu sein. Die Lautstärke der Stimme hat nichts über die Schlagfertigkeit der Argumente zu sagen.


Vielleicht machen wir uns viel zu viele Gedanken, wenn wir kritisiert werden. Ich spreche dabei nicht von allgemeiner, sachlicher Kritik, sondern von den Worten, die uns als Person angreifen oder unser Handeln als Feminist_innen oder Nicht-Privilegierte angreifen. Wenn etwas angezweifelt wird, suchen wir den Fehler erst bei uns. Ja, vielleicht sollte ich wirklich lauter sprechen und mich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Vielleicht sollte ich wirklich nicht jeden Spruch so ernst nehmen. Aber so lange ich mich dadurch angegriffen fühle, steht es mir sehr wohl zu, so zu handeln, wie ich es bisher getan habe.

Ich will mir weder ein dickes Fell aneignen (dazu bin ich auch gar nicht in der Lage) noch will ich rummackern müssen, um mithalten zu können.
Nicht ich bin das Problem, sondern ich werde zum Problem gemacht.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Haters gonna love.

Von Liebe und Hass und Hass und Liebe.
Heute ist Coming out-Day. Wie viel dieser Tag tatsächlich bewegt, vermag ich nicht zu sagen, allerdings will ich ihn zum Anlass nehmen, um auf den Grundgedanken meines ersten Beitrags (was ja auch gar nicht so lange her ist) zurückzukommen. Ich schrieb, dass ich kein Bock auf Heteronormativität habe, weil ich das als Zwang empfinde. Ein Zwang, Frau zu sein und Männer zu begehren. Nichts dazwischen, nichts abweichendes, nichts dadrüber und nicht darüber hinausgehend. Frauen, Männer - fertig. Das will ich nicht und das kann ich auf Dauer nicht.

Ich glaube, dass sich unsere Gesellschaft an einem Punkt befindet, an dem wir das ändern können. Ich glaube auch, dass die Sprache, mit der wir Begehren beschreiben, enorm viel Aussage hat - lasst es mich erklären.
Wenn ich als Frau sage, ich habe einen Menschen an meiner Seite, gehen wahrscheinlich alle im ersten Moment davon aus, dass dieser Mensch ein Mann ist. Dann wird darüber einen Tag gesprochen und danach bringt man mit dieser Beziehung zwei Dinge in Verbindung: Auf der einen Seite stehen die Gefühle - Liebe, Bauchkribbeln, Vertrauen und vielleicht auch mal Streit und Wut. Und als Zweites: Zukunft. Wie entwickelt sich die Beziehung? Wie viele Monate oder Jahre bleiben sie zusammen? Heiraten? Familie? Kinder? Das ist einfach. Das kennen wir, das ist “normal”, eben ein typischer Lebensentwurf für eine Beziehung zwischen Mann und Frau. Denken wir über Sexualität nach? Nein, der erste Gedanke ist Liebe. Das Zwischenmenschliche. Das, was uns verbindet, uns verliebt macht, Vertrauen aufbaut, die Gespräche, die flüchtigen Berührungen, das, was zwischen uns etwas ganz Besonderes schafft.

Wenn ich nun als Frau sage, dass der Mensch an meiner Seite eine Frau ist, dann müssen, wir es deutlicher machen. Wir müssten sagen: Ich bin homosexuell. Im Gegensatz dazu musste ich noch nie sagen, dass ich heterosexuell bin. Davon gehen ja eh alle aus. Wenn ich nun sage, ich sei homosexuell, geht das Gerede los. Wahrscheinlich endlos, auf der Straße, aber auch im sozialen Umfeld. Aber wer fragt schon nach Liebe? Nach Zukunft? Nach dem Wunsch, eine Familie zu gründen? Das fällt unter den Tisch. Wer fragt, wie verliebt ich bin, wie es läuft und wie die Pläne aussehen? Dadurch, dass man sagen muss “Ich bin homosexuell” klingt das Wort “Sexualität” sofort mit. Homosexualität und das gleichgeschlechtliche Begehren werden hypersexualisiert und einseitig dargestellt. Der Ausdruck dafür beschränkt sich allein dadrauf, was im Bett passiert und vernachlässigt somit komplett, dass es sich bei einer gleichgeschlechtlichen Liebe doch um nichts anderes dreht als um Gefühle - Liebe, Bauchkribbeln, Vertrauen und vielleicht auch mal Streit und Wut - und die Zukunft.

Ich kann nicht verstehen, wie man andere Menschen dafür hassen kann, dass sie einander lieben. Eine Liebe nur nach Sexualität zu bewerten ist fahrlässig und dumm. Niemand muss sich für das rechtfertigen, was er_sie denkt, fühlt, will oder wünscht. Was er_sie sich für die Zukunft wünscht, ob er_sie das für immer beibehält oder wie er_sie begehrt. Rechtfertigen müssen sich nur diejenigen, die das Begehren anderer Menschen in Frage stellen.
Ich wünsche mir einfach, dass wir nicht nur die rechtliche Gleichstellung erkämpfen, sondern noch viel mehr schaffen. Dass dieser Begriff der Normalität - ergo der Heteronormativität - aus unseren Köpfen verschwindet und wir begreifen, dass wir alle unterschiedlich sind und das Denken und Tun jeder_jedes Einzelnen respektiert und anerkannt werden muss, um uns aus unseren Zwängen zu befreien.
Ich wünsche mir so sehr, dass niemand mehr zuhause sitzt und darüber nachdenken muss, ob er_sie sich “outet”. 


Ihr Lieben, seid freier, als die Zwänge es erlauben. Liebt, wen ihr wollt.

Montag, 8. Oktober 2012

“ob es sich um eine Vergewaltigung oder Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen handelt.”

Bei einem Gender-Training, das ich im Sommer geteamt habe, habe ich mal einen Einstieg gewählt, den ich vorher noch nie ausprobiert habe und der auch für mich als Teamerin eine ganz neue Situation geschaffen hat. Aus dem, was wir anschließend diskutierten und austauschten, sind für mich neue Gedanken und Ansätze entstanden. Die Schulung fand in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe statt.
Ich habe dieses Gender-Training damit begonnen, zuerst die Männer zu befragen, wie sie sich vor Vergewaltigungen schützen. Auf die Stille, das Nachdenken und die Verwunderung folgte dann die Antwort: “Nichts”. Danach sprachen sie darüber, dass sie darüber noch nie nachgedacht hätten, es aber auch nicht als Problem sähen. Vielmehr käme es in Frage, Angst vor Raubüberfällen beispielsweise zu haben. Danach sprach ich die Frauen mit derselben Frage an und bekam ohne zu zögern von jeder Teilnehmerin mindestens eine Antwort: Die Sicherheitsvorkehrungen gingen von Pfefferspray über Signalabmachungen mit Freundinnen soweit, dass einige Teilnehmerinnen berichteten, dass sie manchmal so tun, als würden sie telefonieren, dass sie einige Straßen meiden oder gar nicht nachts alleine nach Hause gehen und dass sie niemals mit Unbekannten mitgehen würden.

Dass die Antworten so unterschiedlich ausfielen ist kein Zufall. Das hat nichts damit zu tun, dass ich ausgerechnet besonders mutige oder besonders fahrlässige Männer befragt habe. Das hat auch nichts damit zu tun, dass nur ängstliche und überempfindliche Frauen am Workshop teilgenommen haben. Ich treffe auch Schutzmaßnahmen. Weil man immer wieder hört, was passiert, sieht, was passieren kann, erlebt, wie unangenehm einige Situationen sind und gesagt bekommt, Du musst das, das und das tun und lassen. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und überlege tatsächlich: Ist der Rock zu kurz? Ist der Ausschnitt zu tief? Bin ich zu doll geschminkt? Nicht, weil ich mich darin oder damit nicht wohl fühle, sondern weil ich mich schutzlos fühle. Und dann merke ich, dass ich selbst schon genau so denke und handle, wie es uns vorgelebt wird: Untergebenheit, Relativierung und - am Schlimmsten - Schuldzuweisung. Ich sehe den Fehler bei mir. Und ich weiß, dass das falsch ist. Das ist rape culture.

In meinem letzten Beitrag habe ich auch schon von rape culture gesprochen. Das schien einige Menschen zu verwirren, deshalb will ich jetzt versuchen, rape culture zu erklären.
Rape culture heißt übersetzt “Vergewaltigungskultur”. Ich tu mich mit diesem deutschen Begriff sehr schwer, denn er ist meiner Ansicht nach nicht so weitumfassend wie das englische “rape”. Es beschreibt eine Kultur, in der sexualisierte Gewalt und sexuelle Übergriffe legitimiert und tabuisiert werden. Eine Kultur, die den Hilferuf einer Frau ins Lächerliche zieht und die Schuld bei ihr sucht.

rape culture ist, wenn niemand eingreift, obwohl eine Notsituation besteht. Wenn verbale und non-verbale Signale ignoriert werden und ein “Nein” als “Ja” gedeutet wird. Wenn erwartet wird, dass eine Frau sich gleichermaßen angezogen fühlt, nur weil es dem handelnden Mann so geht.

Im Prozess gegen Jörg Kachelmann habe ich eine Seite der Vergewaltigungsdebatte kennengelernt, die mich unglaublich aufregt und für die ich keinerlei Verständnis aufbringen kann. Gabriele Piontkowsky vom Sonderdezernat “Gewalt gegen Frauen” sagte in einer Talkshow (Anne Will, wenn ich mich nicht irre), man müsse ja auch unterscheiden, ob es sich um eine Vergewaltigung handle oder nur um Geschlechtsverkehr gegen ihren Willen. Seit wann sind wir denn so weit, dass Geschlechtsverkehr gegen den Willen einer Person keine Vergewaltigung ist? Den Vorwurf der Vergewaltigung derart runterzuspielen oder sogar Abstufungen zu errichten, ist respektlos, verachtend und Teil der rape culture.

Wir gehen außerdem oft davon aus, dass Vergewaltigungen in der dunklen Gasse passieren und dass der Vergewaltiger ein Unbekannter ist. Man denkt, da lauert jemand irgendwo und wartet nur darauf. So wird es immer und immer wieder dargestellt. Dass aber über 90 Prozent der Vergewaltigungen in den eigenen vier Wänden oder zumindest bei Freund_innen/Bekannten passieren, das wird nicht erwähnt. Und es wird erst recht nicht erwähnt, dass der Vergewaltiger meist ein Bekannter, ein Freund oder sogar der Partner ist. Diese Dinge zu verschweigen und das Klischee des Fremden in der dunklen Gasse zu reproduzieren, das ist rape culture.

Wenn der Vorwurf der Vergewaltigung nicht ernst genommen wird, ist das auch Teil der rape culture, der Kultur, in deren Norm sexualisierte Gewalt gehört. Es heißt, Frauen übertreiben, sie sollten sich nicht so anstellen, vielleicht sei ihre Anzeige ja nur ein Racheakt. Für eine angezeigte Vergewaltigung muss gelten, dass sie nicht erst in Frage gestellt wird (Bsp. Kachelmann-Prozess oder die Auslieferung von Julian Assange), sondern dass ermittelt wird. Dass ermittelt wird, ohne die Aussage der Frau anzuzweifeln. Damit will ich nicht in Frage stellen, dass das Urteil im Zweifel für den Angeklagten spricht. Das ist gut und richtig so. Aber ich möchte in Frage stellen, wie der Vorwurf der Vergewaltigung behandelt wird.
Aus solchen Fällen wie dem Prozess gegen Jörg Kachelmann, in dem das Urteil von seiner Unschuld ausgeht und die Frau in den Medien als Lügnerin dargestellt wird, resultiert, dass sich noch weniger Frauen trauen, eine Vergewaltigung oder einen Übergriff zu thematisieren geschweigedenn anzuzeigen. Dass Frauen kaum Unterstützung in dieser Entscheidung bekommen, oft nicht ernst genommen werden und ihr Hilfeschrei nicht gehört wird, zeigt, in welcher Gesellschaft wir leben. In einer Gesellschaft, die das hinnimmt, solange es nicht die eigene Person betrifft. In einer Gesellschaft des Akzeptierens, Hinnehmens und Wegschauens. In einer rape culture.

Die rape culture lässt sich auch an einem anderen Beispiel erklären: Der Sexskandal des Dominique Strauss-Kahn. Sexskandal. Was für ein Wort ist das bitte? Es beschönigt eine Vergewaltigung. Es impliziert, dass das Schlimme nicht etwa die Vergewaltigung an sich ist, sondern vielmehr das ruchbar werden derselben.Eine Vergewaltigung ist ein Gewaltakt. Kein Sexskandal. Sie zu relativieren und schönzureden, weil es in den Medien für Schlagzeilen sorgt, ist rape culture. Wieso wird eine Vergewaltigung so sehr relativiert, dass selbst der Begriff “Vergewaltigung” durch etwas wie “Sexskandal” ersetzt? Wieso soll der Gewaltaspekt tabuisiert werden?

rape culture bedeutet, dass Regeln aufgestellt werden.
Trage keine kurzen Röcke, keine tiefen Ausschnitte, schminke dich nicht zu doll. Beachte, dass Du abends nicht alleine rausgehst, nicht durch die falschen Straßen läufst, dass Du keinen Augenkontakt aufnimmst. Pass auf, mit wem Du was tust, mit wem Du schläfst, mit wie vielen Du schläfst, wie viele das wissen. Gehe niemals mit Fremden mit, lasse dein Getränk nicht unbeaufsichtigt, mache mit Freund_innen Signale aus, mache einen Selbstverteidigungskurs.
Und wenn Du diese Regeln nicht befolgst und nur für einen Augenblick nicht daran denkst, zu gucken, wer hinter Dir läuft, wem Du deine Nummer gegeben hast und wer weiß, wo Du wohnst, dann bist Du selbst schuld, wenn Du vergewaltigt wirst.
rape culture bedeutet nämlich auch, Frauen die Schuld zu geben. Vielleicht, weil sie nicht die Regeln befolgt haben, die so üblich sind in dieser Vergewaltigungskultur.
Ich will diese verdammten Regeln nicht! Ich bin nicht für das Verhalten meiner Mitmenschen verantwortlich! Ich will mich nicht unterwerfen, will nicht, dass ich bei allem was ich mache, überprüfen muss, wie ich auf andere wirke!

Denn wir leben in einer Gesellschaft, die Frauen immer und immer wieder eintrichtert: “Pass auf, dass Du nicht vergewaltigt wirst!”, anstatt ein einziges Mal zu sagen “Vergewaltigt nicht, verdammt noch mal!”

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Hemmungslos feiern wir unsere Hemmungslosigkeit - Von Trinkkultur und rape culture

Bunte Lichter, laute Musik, exzessive Tänze. Keine Sorgen, keine Pflichten, keine Ängste. An nichts denken und dafür alles doppelt so intensiv erleben. Warum trinken wir Alkohol? Wir wollen exzessiv feiern, Spaß haben, Menschen (neu) kennenlernen und uns frei fühlen. Wir wollen die Nacht zum Tag machen. Wir kommen Menschen nahe, deren Namen wir nicht einmal kennen, wir können uns nicht erinnern und nur der Kopfschmerz erinnert daran, dass die Nacht gut gewesen sein muss. Keine Grenzen, alles verschwimmt und Konsequenzen sind scheißegal. Man guckt sich die Menschen drum herum an, sieht vielleicht eine_n attraktive_n, das ist dann alles, was zählt. Das sind die unangenehmen Seiten am Feiern – zumindest für mich: Angefasst zu werden,  bedrängt zu werden, dem kaum entgehen zu können. Man versucht sich dann wegzubewegen, wegzudrehen, damit man sich dem nicht aussetzen muss. „Er ist ja schließlich betrunken.“ ist wahrscheinlich die einfachste Ausrede. Ja, er ist betrunken, deswegen hat er kaum Hemmungen, bemerkt die Ablehnung vielleicht nicht oder bemerkt sie zwar, ignoriert sie aber.
Trotz angeheiterter, aufgelockerter Stimmung gibt es Grenzen. Die mögen sich zwar verändern, aber nichtsdestotrotz bestehen sie. Und das muss respektiert werden. Wenn ich feiern gehe, dann will ich feiern und mich nicht eingeengt fühlen, weil ich nicht weiß, wie ich reagieren soll. Betrunken zu sein legitimiert keine rape culture!  In einer Gesellschaft, die sexuelle Übergriffe, ob körperlich oder verbal, akzeptiert, möchte ich nicht leben. Ich möchte nicht, dass ich mich damit abfinden muss, dass ich gehen muss, obwohl ich doch eigentlich gar nicht das Problem bin. Nein, nicht ich bin das Problem, nicht der Alkohol, sondern das, was wir aus uns machen. Das, was wir uns auferlegen, weil wir einer Norm der Trinkkultur unterliegen.
Unsere Trinkkultur bedeutet rape culture. Vielleicht sollte man das mal so deutlich sagen. Alkohol legitimiert Übergriffe, unangenehme Gespräche und Bedrängung. Diese rape culture betrifft uns alle: Die betroffene Person, die handelnde Person und diejenigen, die es sehen und nichts tun.
Ein Beispiel? Person A freut sich auf eine gute Party, tanzt und fühlt sich gut. Person B findet das attraktiv und will mehr. B tanzt A an, A findet das auch ganz nett, aber als Person B sie anfasst, wird ihr das zu viel. Sie dreht sich weg, nimmt eine abweisende Haltung ein, sie will ja schließlich keine Spaßverderberin sein, schließlich sind ja alle betrunken und locker. Sie will nicht verklemmt wirken (obwohl „Nein“ zu sagen natürlich eigentlich keineswegs verklemmt wäre!). Person B lässt nicht nach, andere sehen das, würden eigentlich eingreifen, wollen aber auch keine Spaßverderber_innen sein. Wer einschreitet, ist nicht hemmungslos. Und zu einer guten Party gehört es nun mal, hemmungslos zu sein. In diesem Fall haben dann alle sich der rape culture unterworfen, denn sie wollen die enthemmte Stimmung nicht kaputt machen. Durch den Konsum von Alkohol schaffen wir einen Raum, in dem Grenzen übertreten werden dürfen, weil man für alles eine Ausrede findet. Grenzen sind ein Zeichen von Verklemmtheit und würden bedeuten, dass die Party nicht gut genug ist.
Das Ganze ist auch nicht – wie viele jetzt meinen würden – chemisch zu erklären. Ich spreche bewusst nicht vom generellen Alkoholkonsum, sondern von unserer Trinkkultur. Die britische Sozialanthropologin Kate Fox hielt vor nicht allzu langer Zeit einen Vortrag zu Placebo-Experimenten und zur Wirkung von Alkohol. Sie verglich unsere Erwartungen an Alkoholkonsum und die tatsächlichen Effekte.
Auf der einen Seite steht unsere Trinkkultur: Wir gehen davon aus, dass Alkohol enthemmt, Appetit auf Sex und/oder aggressiv macht. Mit dieser Haltung, fangen wir an zu trinken. Und wenn man überzeugt davon ist, dass genau das passiert, dann wird man eben dieses auch erleben – auch nach dem Konsum von Placebo-Getränken. Den Proband_innen wurden nämlich zum Teil alkoholische und zum Teil nicht-alkoholische (aber vermeintlich alkoholische) Getränke gegeben und sie sollten sich selbst danach beurteilen. Auch diejenigen, die nur Placebo-Getränke bekommen hatten, fühlten sich enthemmter. Damit sollen die chemischen Einflüsse von Alkohol nicht relativiert werden. Natürlich hat Alkohol auch eine Wirkung auf den Körper und die Sinne. Körperliche Beeinträchtigungen sind keine Einbildung. Jedoch ist die Enthemmung durch Alkohol nicht chemisch sondern kulturell bedingt. Die Erwartung, lauter und ungehemmter zu sprechen, sexuell aktiver zu sein, asozial zu agieren – das alles ist kulturell. Das ist eben auch das, was Anti-Alkohol-Kampagnen uns vermitteln. „Wenn Du trinkst, dann tust Du Dinge, die Du später mal bereust/schlägst Du Dich mit Freund_innen/ vergisst Du zu verhüten/gehst Du mit Menschen mit, die Du nicht kennst/ whatever“   - das ist genau das, was uns Kampagnen wie „Kenn dein Limit!“ über große Leinwände erzählen wollen.

Also treffen wir uns, trinken und erhoffen uns, dass die Zwänge bald nachlassen, wir schwerelos  und enthemmter werden. Wer trinkt (in dem Glauben, Alkohol zu trinken), fühlt sich meist schöner und attraktiver. Die Selbstwahrnehmung ändert sich völlig. Man wird selbstbewusster und hemmungsloser. Aber man nimmt nicht nur sich selbst anders wahr, sondern auch andere Menschen. Menschen, die eigentlich feste Grenzen haben, müssen sich stärker wehren, um ihre Grenzen zu verteidigen. Oder sie lassen es, weil sie Angst haben, „verklemmt“ zu wirken, weil wir doch alle so enthemmt und in Feierlaune sind. Würden wir Körperkontakte, Bemerkungen und Erwartungen an „nüchternen“ Maßstäben messen, wären wir entrüstet, wie sexistisch auch die reflektiertesten Menschen werden.
So kommt es zu vielen Übergriffen, die akzeptiert und hingenommen werden. In der gelösten Stimmung verschieben sich Grenzen, viele würden etwas zulassen, was sie sonst nie gewollt hätten. Man selbst schätzt die eigenen Handlungen anders ein,

Wir legen Hemmungen ab – so sinnvoll sie auch sein mögen. Vielleicht sollten wir mal unsere Trinkkultur ablegen – weil sie sinnlos ist.