Mittwoch, 28. November 2012

Die Geschichte einer Dunkelziffer.

[Trigger-Warnung: Beschreibung einer Vergewaltigung. Keine Beschönigung]

Ich habe mich mit einer Frau getroffen, die mir von ihrer Vergewaltigung erzählte. Sie hat jahrelang nach einer Person gesucht, der sie davon erzählen kann. Durch das Lesen meines Blogs glaubte sie, jemanden gefunden zu haben, dem_der sie es erzählen könnte. Eine Person, die sie ernst nimmt. Daraufhin haben wir uns getroffen, weil sie wollte, dass es öffentlich wird. Ich schreibe das Ganze natürlich anonym auf. Wer das Schicksal einer als Kind vergewaltigten Frau nicht kennen möchte, wer es nicht lesen möchte, sollte nicht weiterlesen.
An dieser Stelle eine eindeutige Warnung: Ich schreibe alles so auf, wie sie es mir erzählt hat. Wir wollen das tun, damit ihr alle da draußen wisst - Dunkelziffern sind verdammt noch mal keine Zahlen. Die Dunkelziffer ist eine Person, die du kennst, die du täglich siehst, die du vielleicht liebst und von der du es nicht ahnst. Sie sind da und versuchen ihr Leben zu machen und können nicht loslassen. Dem Ganzen vorweg: Sie hat alles von sich aus erzählt und wollte auch, dass ich es aufschreibe. Sie hat es danach noch einmal durchgelesen und der Veröffentlichung (nach einer von ihr bestimmten Bedenkzeit) hier auf dem Blog zugestimmt. Ich lasse dieses Gespräch bewusst unkommentiert.

Erzähl doch einfach mal.

Es war im Winter. Ich war sieben Jahre alt. Es hat an der Tür geklingelt. Es war mein Nachbar, er war vielleicht 17 oder 18. Er fragte, ob ich ihm helfen könnte. Ich bin einfach mitgegangen. Ich fragte noch, was ich denn machen müsste und er meinte, ich solle etwas tragen. Wir sind ins Gartenhäuschen gegangen. “Aber ich habe doch gar nicht so viel Kraft.”, sagte ich noch, aber da hat er die Tür schon zu gemacht. Er griff mir an den Hals. Ich solle die Hose ausziehen. Aber warum, ich dachte, ich sollte doch nur etwas tragen! “Ich will das nicht.” sagte ich. Dann kann ich mich nur noch an das Atmen erinnern. Und an den Geruch. Ich glaube, er fühlte sich männlich mit diesem Parfum. Er hatte auch eine Freundin zu diesem Zeitpunkt.
Als es vorbei war, blieb ich liegen. Ich hatte keine Schmerzen. Ich konnte mich einfach nicht bewegen. Ich wusste ganz genau, was das bedeutete, was er mit mir gemacht hatte. Aber ich konnte es einfach nicht verstehen. Das müssen doch Menschen machen, die sich lieben. Das machen doch, verdammt noch mal, nur Menschen, die sich gern haben! Ich kann mich noch genau an die Decke erinnern. An den Holzpfeiler in der Mitte. Und es war so kalt und nass. Danach bin ich nach Hause gegangen. Langsam. Ich stand vor der Tür, klingelte und sagte zu meiner Mutter: “Mama, der Junge war nicht nett zu mir” Ich wusste das Wort dafür doch noch nicht mal! Ich wusste, was er getan hat, aber woher sollte ich denn auch das Wort kennen? Ich wusste nur, dass er mir weh getan hat. Niemand hat es mir geglaubt. Meine Mutter sagte, ich solle sowas nicht behaupten.

Und dann?

Morgens vor der Schule bin ich immer an einer Polizeiwache vorbeigelaufen. Und ich wusste nicht, wer mir sonst helfen sollte. Also bin ich da reingegangen und es waren zwei oder drei Beamte da. Ich habe gesagt: “Mir wurde wehgetan.” Sie wollten, dass ich mit ins Krankenhaus komme und sagten, ich müsse mich dann ausziehen. Aber ich wollte mich doch nicht noch einmal ausziehen! Das hatte er doch auch gesagt. Und ich musste doch nicht ins Krankenhaus, ich war doch nicht krank! Ich konnte das nicht. Und dann wollte ich einfach nur noch weglaufen. Ganz schnell weg.

Hast Du den, der dir das angetan hat, danach noch gesehen?

Ja, er war ja mein Nachbar. Noch ein paar Jahre haben wir da gewohnt. Fünf Jahre. Manchmal hat er gefragt, ob ich ihm helfen könnte. Dann bin ich weggelaufen.
Irgendwie habe ich angefangen zu hassen. Ich war neidisch. Auf alle. Darauf, dass bei denen alles gut war, sogar auf meine Schwester war ich so neidisch. Und je älter ich wurde, desto schlimmer wurde es auch. Ich habe hingenommen, dass ich immer wieder in Frage gestellt wurde. Ich war überlebensfähig. Aber ich war doch nicht glücklich.Ich hatte das Gefühl, dass ich wirklich allen scheißegal war. Selbst meine Schwester hat mich nicht mehr verstanden. Mit 14 konnte ich nicht mehr. Ich weiß es noch genau. An meinem Geburtstag habe ich mich vor ein Auto geschmissen. Ich wollte einfach nicht mehr. Im Krankenwagen habe ich meine Eltern nicht mehr wiedererkannt. Das Schlimmste war der Moment im Krankenhaus, als meine Schwester sagte: “Ach, die simuliert doch nur!”.

Wie gehst Du heute damit um? Du hast ihn ja nicht angezeigt, oder?

Wenn mich jemand darauf anspricht, dann antworte ich: Ja, ich wurde vergewaltigt. Aber was, wann, wie und wo passiert ist, das geht niemanden etwas an. Ich werde teils wie eine Aussetzige behandelt. Ich habe auch gelernt, dass die Menschen nicht mit so einem Schicksal umgehen können. Ich wurde immer anders behandelt. Als wäre ich schmutzig. Alles, was ich gemacht habe, wurde irgendwie sexualisiert. Meine Lehrerin wusste von dem, was mir passiert war. Und irgendwie konnte sie einfach nicht damit umgehen. Sie konnte nicht mit mir umgehen. Ich sollte mich nicht so anstellen, hat sie gesagt.
Eine Freundin von mir wurde auch vergewaltigt. Sie hat ihn angezeigt. Mittlerweile ist es still um sie geworden. Sie hat sich zurückgezogen, weil sie das nicht mehr ertragen konnte. Sie wurde von einem Arzt untersucht. Ich kann nicht verstehen, wieso ausgerechnet ein Arzt das machen musste. Im Prozess musste sie alles offen legen. Und auf einmal spielten auch Sachen wie ihre Kleidung oder ihr Sexualleben eine Rolle. Das will ich nicht.

Ich habe dich vorhin umarmt. War das in Ordnung? Hast Du Angst vor Berührungen?

Früher konnte ich die Berührungen im Sportunterricht nicht aushalten. Sie waren so grob und plötzlich. Dass meine Angst davor unbegründet ist, habe ich mit der Zeit gelernt. Aber ich kann es bis heute nicht ab, wenn ich überrumpelt werde. Wenn ich zum Beispiel plötzlich von hinten umarmt werde. Dann will ich mich unterbewusst immer verteidigen. Jetzt habe ich aber einen Freund, mit dem ich sehr glücklich bin. Nach sechs Monaten habe ich ihm erzählt, was mir passiert ist. Er kann gut zuhören. Ich schätze an ihm, dass er immer fragt. Vor jeder Berührung. Manchmal habe ich es verflucht, dass ich nicht so spontan sein kann wie andere. Aber es ist doch eigentlich etwas Schönes, dass wir alles immer im Konsens tun!

Sie wird im nächsten Jahr eine Therapie beginnen, um zu lernen, damit umzugehen.

Donnerstag, 22. November 2012

Die Schöne und das Biest. Part III

Eine Fortsetzung des letzten Artikels.

Wenn der Wunsch zum Wahn wird.

Dass die von der Gesellschaft definierten Ideale in unser Privatleben eingreifen, unsere Denkmuster beeinflussen und das Handeln manipulieren, macht mir Angst. Zu keiner Zeit gab es so viele magersüchtige Menschen wie heute. In der Schule geht es bei immer jüngeren Mädchen (jedenfalls vor allem Mädchen) nur noch ums Aussehen. Es geht darum, wem die enge Hose besser steht, wer die längeren Beine, das gleichmäßigere Gesicht oder die schmalsten Schultern hat. Es ist kein Zufall mehr, schön zu sein. Es ist harte Arbeit. Verbunden mit Disziplin, Ehrgeiz, Fleiß, Contenance und dem Verlust von Selbstbestimmtheit und Selbstvertrauen. Nur wer schön ist, kann selbstbewusst auftreten. Es ist der Traum aller Mädchen, schön zu sein. Man will begehrt werden und sehnt sich nach Wertschätzung. Angesichts der Wertschätzung die einer_einem aufgrund von Schönheit entgegengebracht wird, wollen immer mehr Frauen diesem Ideal entsprechen, damit sie bloß nicht negativ auffallen und damit sie sich selbst genügen können. Notfalls auch durch eine Operation. Menschen sind fasziniert davon, wie viel ein kleiner Eingriff bewirken kann. Die Zahl der Frauen, die eine Schönheitsoperation gemacht haben, hat sich in den letzten Monaten verdoppelt. Und die derjenigen, die sich vorstellen könnten, operiert zu werden, ist kaum noch zu messen. Darüber hat auch die ZEIT geschrieben, allerdings habe ich davon eine andere Auffassung. Die ZEIT schreibt:

“Jetzt schenken Eltern ihren Töchtern Brustvergrößerungen, manchmal zu Weihnachten, manchmal zum Abitur.”

Ich glaube kaum, dass es zu einem so offenen Umgang mit Schönheits-OPs kommen wird. [Trigger-Warnung: Relativierung] Ich glaube viel mehr, dass es ein größeres Problem wird - ein Zeichen von Schwäche, es nicht von alleine geschafft zu haben abzunehmen und deswegen auf ein anderes Mittel zurückzugreifen. Ich glaube, dass Frauen sich schelcht fühlen, wenn sie sich für die OP entscheiden, denn dann zeigt es, dass sie es nicht allein geschafft haben, ihren Körper zu optimieren. Deshalb werden OPs immer ein Tabuthema bleiben. Ein Tabuthema, das aber für immer mehr Frauen eine entscheidende Rolle spielt. In einer Umfrage gab die Überzahl der befragten Männer an, dass sie operierte Frauen nicht besonders anziehend finden und dass sie eher “natürliche Frauen” bevorzugen. Wie ernst man so eine Zahl nehmen kann, weiß ich nicht. Im ersten Moment zählt doch nicht, ob operiert oder nicht. Der erste Eindruck ist “attraktiv” oder “uninteressant”. Genau so wenig glaube ich, dass Männer die einzigen Beurteilenden sind, nach denen Frauen sich richten, wenn sie sich für eine OP entscheiden. Ich will mir selbst genügen. Niemandem anderes. Aber ich genüge den Maßstäben der Gesellschaft nicht und deswegen kann ich mich nicht mehr losgelöst von irgendwelchen Idealen - egal von wem sie vertreten werden - ansehen und schön fühlen!

Von Misserfolg und Schuldzuweisungen

Wie oft habe ich schon geglaubt, dass mein Äußeres etwas mit der Wertschätzung zu tun hätte. Wie oft habe ich geglaubt, dass jemand mich nicht mag, weil ich nicht schön/attraktiv/interessant genug bin. Wie oft war ich neidisch auf andere Frauen, weil sie beliebt waren - und dachte, verantwortlich dafür sei einzig und allein ihre Schönheit. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige bin, die manchmal so denkt. Oft dachte ich, dass Schönheit für Selbstbewusstsein verantwortlich sei. Für meine Recherchen war ich auf mehreren Homepages von Schönheitschirurg_innen und fand das wirklich verstörend: Auf einer Seite sprang mir sofort ein Satz entgegen

“Jeder hat das Recht glücklich zu sein!”

Heißt das, dass man nur glücklich sein kann, wenn man gesellschaftlichen Schönheitsidealen entspricht, weil man sonst keine Wertschätzung bekommt? Und dass eine OP der Weg zum Glücklich Sein ist? Dass es traurig ist, dass Schönheit, Attraktivität und Körpern so eine große Rolle beigemessen wird, habe ich schon oft genug gesagt. Aber dass sie auch mit Glück und Wertschätzung verbunden werden, finde ich eher erschreckend. Ich möchte nicht über Frauen urteilen, die sich dafür entscheiden, eine Schönheits-OP machen zu lassen. Keineswegs. Denn diese Frauen werden auch wissen, dass die Veränderung ein monatelanger, finanziell kaum tragbarer, mit Schmerzen verbundener Prozess ist. Ich möchte aber klar über diese Gesellschaft urteilen, die sich anmaßt darüber ein Urteil zu fällen, wann eine Frau schön ist und wann sie nicht in die Norm passt und die eintrichtert, dass Schönheit zum Glück führt, bzw. umgekehrt: Die eintrichtert, dass Unglück durch Makel zu begründen ist.

Aber wisst ihr, ich hab es noch nicht aufgegeben. Ich halte an Rosa Luxemburg, Pippi Langstrumpf, Maria Stuart, Simone de Beauvoir und Xanthippe fest. Ich will nicht wahrhaben, dass wir unsere Vorbilder ersetzen und nicht mehr schätzen, warum wir sie so großartig fanden.

Mittwoch, 21. November 2012

#buko12 - Gedanken und eine Antwort

Für mich persönlich war der Buko in Magdeburg ein wunderbares Wochenende. Ich war am Sonntag Abend, als ich endlich wieder in Kiel angekommen war, eigentlich rundum zufrieden. Ich hielt ihn für einen guten inhaltlichen Kongress mit konstruktiven Debatten, ohne GO-Anträge und persönliche Erklärungen und vor allem: Mit vielen guten Diskussionen und Beschlüssen, mit denen ich gern in ein Bundestagswahljahr starte.
Aber scheinbar war nicht alles rosarot und flauschig. Kurz darauf wurde ich von mehreren Menschen auf den Blogartikel angesprochen, der ja nun - eine halbe Woche später - schon von vielen Zeitungen und Onlineportalen aufgegriffen wurde und unseren Bundeskongress als ein menschliches Desaster darstellt. Ja, wir haben alle den Blogartikel gelesen und schon viel darüber gesprochen. Das, was beschrieben wird, ist traurig und darf nicht passieren, schon gar nicht bei uns Jusos. Solche Sachen wie dieser Zettel (ein Zettel, auf dem Stirb! stand lag morgens auf dem Hamburger Delegationstisch) gehen gar nicht. Ich saß in der Reihe vor Hamburg und habe davon allerdings nichts mitbekommen. Ich hatte aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass die Hamburger_innen von allen gemobbt werden. Aber ich kann ja auch nur von mir persönlich sprechen, das Verhalten aller anderen Delegierten und Gäste vermag ich nicht zu beurteilen: Ich habe geklatscht, wenn ich etwas gut fand und nicht geklatscht, wenn ich es nicht gut fand. Ich habe für Dinge gesprochen, die ich unterstützen wollte (und die meine Delegation unterstützen wollte) und gegen Anträge, wenn ich sie scheiße fand. Oder ich habe dann einfach meinen Mund gehalten und einfach nur dagegengestimmt. Dass die Anträge, die wir meistens nicht unterstützt haben, aus Hamburg und anderen bestimmten Landesverbänden kamen, hat bei unserer Beratung, die im Vorfeld des Bukos stattgefunden hat, keine Rolle gespielt. Natürlich nicht, denn wir wollen doch die bestmögliche Beschlusslage für den Bundesverband.
Und ich bin mir sicher: Wir haben eine gute Beschlusslage, mit der wir uns als Jusos gut repräsentieren. Dass viele Dinge mit großer oder “großer großer” Mehrheit beschlossen wurden, ist doch ein super Zeichen!
Allerdings haben sich die Unstimmigkeiten, und ich kann ja nur für SH sprechen, auf inhaltliche Ebenen beschränkt. Mina sagt jetzt allerdings, dass es auch im persönlichen Umgang Probleme gab. Ich glaube vielmehr, dass das ganz stark auf Gegenseitigkeit beruht (was natürlich auch scheiße ist). Als der Genosse von den Falken sprach und erzählte, dass sie ein Gedenkfest für Rosa und Karl veranstalten, rief einer von den Hamburger_innen „und für Stalin und Hitler auch!“. Als ich ihn darauf ansprach, dass ich das unangebracht fände, bezeichnete er mich als Stalinistin. Das ist für mich auch kein Umgang. Dass auf den Hamburger Tischen um 19 Uhr schon Wodka-Flaschen standen und sie dementsprechend auch lauter wurden, hat uns auch gestört. Sie dann um Ruhe zu bitten, hat nichts mit Mobbing zu tun. Der Fehler, den ich bei mir sehe, ist, dass ich oft von „den Hamburger_innen“ gesprochen habe und damit die ganzen Ausfälle, die wir erleben mussten, auf deren gesamte Delegation abgewälzt habe. Das ist blöd und im Nachhinein tut es mir wirklich Leid. Dementsprechend ist es auch von Mina unangebracht, vom gesamten Bundeskongress zu sprechen. Ich glaube einfach, dass es überall Idiot_innen gibt, aber dass man das nicht auf eine gesamte Gruppe übertragen kann. Weder ich auf die Hamburger Delegation, noch Mina auf die anderen Landesverbände oder auf die Releleitung. Was ich aber wirklich problematisch finde, ist, dass alle Hamburger_innen sich darüber aufgeregt haben, was für Anträge aus den Projektgruppen gestellt wurden, obwohl sie doch eigentlich die Möglichkeit gehabt hätten, daran mitzuarbeiten. Ich war im letzten Jahr oft bei den Bundesjusos (auch mit Basismitgliedern, das waren keine ausgewählten Zirkel) und nie war jemand aus Hamburg dabei. Ich finde es schade, die Mitarbeit so zu verweigern und dann dagegen zu pöbeln. Ich konnte mich durch meine Mitarbeit in vielen Anträgen, die gestellt wurden, wiederfinden und fand den Umgang damit sehr fair.
Dass der Beitrag uns auf jeden Fall Diskussionspotential gibt, tut unserer Gesprächskultur wahrscheinlich ganz gut. Sascha hat Mina schon ein Gespräch angeboten und dann wird man sehen, wie wir weiterhin damit umgehen. Aber dass solche Probleme erst im Nachhinein über einen Blog rauskommen (ich habe nichts mitbekommen, obwohl ich in der Reihe vor Hamburg saß!), finde ich schade, weil das eigentliche Forum, auf dem darüber gesprochen werden muss, der Bundeskongress ist. Ich finde es schrecklich, dass es so weit kommen musste und dass ehrenamtliche Juso-Arbeit zu so einem Kraftakt werden muss.
Aber uns muss genau so auch klar sein, dass wir alle zum Klima beitragen und dass alle Schuld tragen, die das mit dem Zettel zum Beispiel mitbekommen haben, aber nicht reagiert haben. Weil sie nichts getan haben. Es mag alles nicht ernst gemeint gewesen sein, aber letztendlich zählt, welche Auswirkungen es hat. Wenn die Auswirkung ist, dass jemand sich in unseren Kreisen nicht wohl fühlt, dann haben wir ein großes Problem.

Ich finde es krass, dass wir auf dem gleichen Kongress waren, aber so unterschiedlich darüber denken. Wie ich eingangs sagte: Ich habe mich gut gefühlt, weil ich mich gefreut habe, so viele tolle Menschen zu treffen und so viele gute Anträge zu beschließen. Schade, dass während der Veranstaltung niemand auf uns zu gekommen ist, um die Probleme anzusprechen.

Montag, 19. November 2012

Die Schöne und das Biest - Part II

Eine Fortsetzung des letzten Artikels.

Schamlos beurteilt.

Es zählt, wie weit man bereit ist zu gehen, um einen schönen Körper zu bekommen, wie lange man hungert, wie hart man an sich arbeitet. Und ja, verdammt noch mal, diese Wendung ist verdammt gefährlich für uns, weil sie unsere intimsten Verhaltensweisen angreift und zunichte macht, weil sie Frauen an den Rand der Existenz treibt - nur, um schön zu sein. Ich finde es unglaublich, dass Männer meinen, sich erlauben zu können, über Frauen bzw. über Frauenkörper schamlos urteilen zu können und dass niemand aufschreit und das anprangert. Ich lehne Dinge wie die Wahl zur “Miss Germany” ab - aber es ist ein Schlag in die Fresse, wenn in der Jury ein Reiner Calmund oder ein Werner Mang sitzen! Wenn ein Reiner Calmund meint, über Frauenkörper zu urteilen, ihre Körper auf Makel abscannt und ihnen dann vielleicht sogar noch an den Kopf wirft, dass sie zu dick seien oder mehr an sich arbeiten müssten. Wenn da ein Schönheitschirurg sitzt, dem nur durch den Kopf zu gehen scheint, wie man den natürlichen Körper noch schöner machen könnte und wie viele Operationen nötig sind, um aus einer Frau eine Miss Germany zu machen. Es ist für mich unglaublich herabwürdigend, dass ein solches Sendungsformat möglich ist, ohne, dass sich jemand dagegen wehrt.
Es fühlt sich unglaublich scheiße an, vor dem Fernseher zu sitzen und dabei zuzusehen, wie Frauen für ihre Körper fertig gemacht werden - und das auch noch von Männern, die keineswegs in diese Ideale passen, aber nur, weil sie Männer sind, sich das Recht herausnehmen, Frauen zu sagen, sie müssten noch härter an sich arbeiten und noch mehr hungern. An dieser Stelle werden wieder die üblichen Kommentare kommen. Dass ich mir solche Dinge nicht angucken muss. Dass die Frauen selbst schuld sind, wenn sie an so einem Contest teilnehmen. Aber das ist die falsche Argumentation. Die Kritik daran ist doch eine systembetreffende - nämlich, dass so etwas überhaupt möglich ist!

Das Jahr 2012 und was wir zu tun und zu lassen haben

Schuld daran ist der Zeitgeist. Das Lebensgefühl und die Erwartung, die wir an uns selbst und die Gesellschaft stellen. Oder eben auch die Erwartung, die die Gesellschaft an uns stellt. Es werden Schönheit, konsequentes Handeln und Stärke erwartet. Allerdings finde ich das relativ paradox: Wir leben in einer Zeit, in der es nicht reicht “normal” zu sein, in der alle etwas Besonderes sein wollen. Lebenskonzepte werde individueller, Begriffe wie Familie und Beziehung werden offener, wir streben nach anderen Dingen, uns stehen mehr Türen offen. Und irgendwo sind wir dann doch alle gleich: Uns allen wird dieselbe Selbstoptimierung beigebracht, es gibt in Bezug auf unsere Körper ein eindeutiges “Gut und Schlecht” und alle streben nach dem Erreichen/Erhalten eines gültigen Schönheitsideals. Und fast alle würden dafür vieles geben, das belegt jedenfalls eine Umfrage der Zeitschrift Petra, in der zwei Drittel der Frauen bejahten, dass sie zehn IQ-Punkte für den Ausgleich eines Makels opfern würden.
In unserem Individualismus-Zeitgeist ist es trotz allem zur Normalität geworden, immer auf Diät zu sein. Wieso können wir uns nicht davon loslösen, letztendlich doch wieder am selben Maß gemessen zu werden? Wieso muss überhaupt Maß angelegt werden? Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass wir einen so enormen Eingriff in unser Privates zugelassen haben und uns so stark beurteilen lassen? Der Druck von außen ist stärker geworden als die Geborgenheit unserer Selbstverwirklichung und unseres Selbstbewusstseins. Und das macht mir Angst.

Weiter.

Die Schöne und das Biest - Part I

Auf einen meiner letzten Beiträge habe ich viele nachdenkliche Antworten bekommen. Das Thema Schönheit bzw. Schönheitsideale scheint viele zu bewegen. Ich habe mir jetzt noch ein paar Gedanken zu Schönheitsidealen gemacht. Denn schließlich kommen die gesellschaftlichen Ideale nicht von irgendwoher. Es ist ja kein Zufall, dass Frauen bis heute Nicht-Privilegierte sind, denen andere Eigenschaften zugesprochen werden und die mit Stereotypen belegt sind. Frauen müssen schön sein, aber nicht individuell schön, sondern sie müssen einem Maß der Gesellschaft entsprechen, dass kaum zu erreichen ist. Sie müssen schöner sein, als es die Natur erlaubt und hart dafür kämpfen. Wie es so weit kommen konnte, dass Frauen hungern, sich gesellschaftlichen Etiketten unterwerfen, verzichten, sich selbst hässlich finden und nie mit sich zufrieden sein können/dürfen und notfalls sogar Schönheits-OPs unterwerfen, habe ich versucht, darzustellen.

Let’s talk about herstory!

Die Frau war schon immer “das schöne Geschlecht”. Während Männern andere Attribute, zum Beispiel Macht, Führung und Dominanz vorbehalten waren, wurde die Frau oft auf ihr Aussehen reduziert - teils als Accessoire des Mannes und teils konnte sie aus ihrer Schönheit Kapital machen. Aus der Geschichte lernt man: Schöne Frauen haben Bedeutung. Nicht nur die Schönheit, sondern auch das Passiv-Sein wurde Frauen zugeschrieben - um eine schöne Frau kämpften die Männer. Es wird nie über die Frauen berichtet, die eine entscheidende aktive Rolle in der Geschichte spielten, sondern nur über die, die besonders schön waren. Die schöne Helena war die Auslöserin des trojanischen Krieges. Aber nicht, weil sie besonders weise, mutig oder intelligent war (jedenfalls spielt das in der Mythologie keine Rolle), sondern nur, weil sich zwei Männer um eine schöne Frau stritten. Eine schöne Frau als Zeichen der Macht und des Besitzes. Diese Zuweisung haben sich mit der Zeit nicht verlaufen - im Gegenteil: Es macht viel aus, wie eine Frau aussieht, wenn sie etwas erreichen will. Denn dem Erscheinungsbild des Körpers werden Eigenschaften zugeordnet. Wer schön ist, ist leistungsstark, zielorientiert und motiviert. Im Gegensatz dazu wird Menschen, die eben nicht schlank sind, vorgeworfen, sie seien faul und träge. Dass das so nicht auf Arbeitsverhalten übertragen werden kann, ist dabei doch offensichtlich. 
Kein Körper gibt Auskunft über die Kompetenzen eines Menschen.

Schönheit als Kapital der Gesellschaft

Für eine Wahl oder eine Beförderung muss oft nur eine Erwartung erfüllt werden: Mann-Sein. Es reicht, ein Mann zu sein, denn Männern werden Attribute zugesprochen, die dann nicht mehr hinterfragt werden. Frauen - und alle anderen Nicht-Männer - werden hinterfragt. Ob sie es wirklich leisten können, wird hinterfragt. Ob sie gut sind. Und dann spielt das Aussehen doch eine Rolle, auch wenn es nie jemand zugeben würde. Von der Gesellschaft als “attraktiv” definierte Frauen bekommen eher etwas, als diejenigen, die nicht in das vorgeschriebene Bild passen. Je länger wir uns mit Schönheit als festgeschriebene, von der Gesellschaft definierte Kategorie auseinandersetzen, desto wahrer wird das, was Michel Foucault Mitte des 20. Jahrhunderts sagte: “Mit dem Kapitalismus wurde der menschliche Körper vergesellschaftet”
Ich sehe einen erheblichen Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und den Idealen der Menschen und dem Leistungsdruck, der nun selbst die Körper von Frauen betrifft, deren Körper nicht ihr Kapital sind. Und wie es überall in unserem System passiert, nimmt der Kapitalismus auch im Bezug auf die Privatsphäre der Menschen einen immer weiter einschränkenden Lauf. Ein Beispiel? Früher ging es vielleicht darum, wer die teuerste Hose hat. Wer am meisten Geld hat bzw. wer am meisten Geld investiert. Geld war ein Statussymbol. Das zählt heute nicht mehr zwangsweise. Heute zählt, wer die engste Hose hat und wem sie am Besten steht. Nicht das Vermögen/die Investition ist das Kapital. Der Körper ist das Kapital. Der Körper ist das Zeichen dafür, wie weit man bereit ist zu gehen, wie konsequent man ist, wie leistungsstark man ist. Es zählt nicht mehr zwangsweise, wie weit man bereit ist zu gehen, um an Geld zu kommen, nicht mehr, wie hart man für Vermögen arbeitet. Es zählt, wie weit man bereit ist zu gehen, um einen schönen Körper zu bekommen, wie lange man hungert, wie hart man an sich arbeitet. Und ja, verdammt noch mal, diese Wendung ist verdammt gefährlich für uns, weil sie unsere intimsten Verhaltensweisen angreift und zunichte macht, weil sie Frauen an den Rand der Existenz treibt - nur, um schön zu sein. Die Schöne und der Kapitalismus. Die Schöne und das Biest. In diesem Fall verwandelt sich das Biest allerdings nicht für die Schöne, nein, das Biest wird immer biestiger. 

Hier geht's zum zweiten Teil.

Samstag, 10. November 2012

Hated?

Mich haben in letzter Zeit viele seltsame Nachrichten erreicht. Teils anonym, teils von mir bekannten Menschen, teils von Unbekannten. Ich halte es persönlich für sinnvoll, dies hier zu veröffentlichen. Natürlich nenne ich keine Namen und zitiere nur einige stellvertretend. Ich finde es aber schon sehr bezeichnend, was ich mir anhören musste.

Beginnen möchte ich mit einem Mann ü50, den ich persönlich kenne. Er hat mir im 10-Minuten-Takt bei Facebook Nachrichten geschrieben, die ich hier zu einem Text zusammengetragen habe. Das war in der letzten Woche. Mittlerweile habe ich ihn blockiert. Ein wenig schockt es mich schon, dass Blogeinträge Menschen dazu bringen, so miteinander umzugehen und so ausfallend zu werden. Ich habe definitiv kein Problem damit, mit konstruktiver Kritik umzugehen. Aber hier nun die Texte:

“ich glaub du bist noch etwas zu jung, um besonders altklug zu sein. so schadest du der gesellschaft  auf dauer. du bist offenbar immer nur gerne eine ausnahmeathletin, eine egoistin.dir fehlt offenbar jeder bezug zum wort liebe. hast du eine narzisstische störung? muss lustig sein in deiner nähe. du bist enfach nicht fit”

Ich finde es spannend, wie oft Menschen auf Alter als Begründung zurückgreifen. Es ist einfach, etwas über das Alter zu begründen. Meiner Ansicht nach können Erfahrungen und Reife nicht über Alter gemessen werden, es kann sich nur im Gespräch zeigen, ob man denselben Horizont teilt.
Den Rest möchte ich an dieser Stelle unkommentiert lassen, da ich mich nicht in der Position sehe, mich rechtfertigen zu müssen.

Der zweite Text stammt von einem Mann (etwa 25), der schon vor einigen Wochen meinte, sich zu meinem Blog äußern zu müssen. Wir hatten uns kurz vorher auf einer LGBT-Veranstaltung kennen gelernt, wo er sehr still war. Auch diese Nachrichten kamen in mehreren Etappen, sodass ich sie zusammenkopiert habe. Geantwortet habe ich nie. Auch ihn habe ich gelöscht, woraufhin noch mehrere Anfeindungen per Mail folgten. Das hat er allerdings schnell aufgegeben - macht wohl nicht so viel Spaß, wenn man keine Antwort bekommt.

“aber schade dass du blo9ß so "merle fixiert" bist. ich bin ein mensch. auch ich verdiene respekt. wenn du mich nichts respetierst, bezeichne ich dich als homophob. das ist zwar einfach gedacht, aber es ist die einzige methode. auf kampftussen habe ich keine lust. die erlebe ich in der politik schon genug, die brauche ich nicht auch noch in meinem privatleben. also kannst es dir aussuchen: wenn du mich sympatghisch findest, werde ich dich erst recht wie scheiße behandeln weil ich hasse es, wenn andere mich nett finden..ich habe auch keine vorurteile gehen dich ich mag dich nur nicht das ist kein vorurteil man kann nicht jeden mögen.”

Weil ich Feministin bin, bin ich eine Kampftusse. Und homophob bin ich jetzt auch, weil ich ihm nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt habe.

“und ich sag mal so ich mag dich nichtweil ich dich begehere und damit ich keinen appoetit auf nen flirt mit dir bekomme rede ich mir ein, dich nicht zu mögen also sag ich einfach ich mag dich nicht PUNKT..  ich möchte auch keine ausreden suchen für irgendwases ist halt wie es ist und ich muss damit zurecht kommen. zudem habe ich schiss vor einer weiteren begegnung mit dir..”

Und last but not least:

“am besten du ignorerist mich hab eh schon genug bilder von dir geladen das reicht für meine zwecke.”

Freitag, 9. November 2012

“Gut siehst Du aus! Hast Du abgenommen?”

Zwei Mal im Jahr kommt meine ganze Familie bei meiner Oma zusammen. Geburtstag und Weihnachten. Am Nachmittag sitzen wir dann gemütlich zusammen, trinken Kaffee und essen Kuchen. Naja, es heißt jedenfalls “Kaffee und Kuchen”. Aber die meisten Frauen in meiner Verwandtschaft nehmen sich dann nur einen Keks und essen den langsam und bedächtig. Wenn man Kuchen anbietet, ist die Standardantwort: “Nein danke, ich bin auf Diät”. Irgendwie sind immer alle auf Diät. Ich nicht. Und wenn ich mir dann ein zweites Stück nehme, dann werde ich angeguckt. Ein Kommentar wie “Na, dir schmeckt’s aber!” kann mir wirklich den Appetit verderben. Es ist schon spannend, was manche Menschen sich anmaßen, über meinen Körper urteilen zu können, zu dürfen oder zu müssen. Verzicht scheint ein Bestandteil des Weges zu mehr Lebensqualität zu sein. Und wenn ich dann diesen Satz höre und mein Stück Kuchen esse, dann fühle ich mich schlecht. Dann fühle ich mich inkonsequent und beneide die anderen um ihre Standhaftigkeit. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, weiß ich, dass ich das nicht muss.


Ich glaube, dass Frau sein auch immer ein Stück weit heißt, sich scheiße zu finden. Hart formuliert. Wir lernen nicht, mit dem eigenen Körper umzugehen, ihn zu respektieren und uns wohl zu fühlen. Wir lernen, Makel zu suchen, uns zu verstecken, “Problemzonen” zu kaschieren und hören uns Abnehmtipps an. Der Plan der Selbstverwirklichung ist einer innerlichen To-Do-Liste gewichen, die vorgibt, was zu tun ist, um schön zu sein.
Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und fühle mich schön. Manchmal kaufe ich mir Dinge, weil ich mich darin schön fühle. Aber wenn ich mich dann mit dem vergleiche, was uns von außen als “schön” verkauft wird, dann bin ich objektiv überhaupt nicht schön. Dann kann ich Makel aneinanderreihen und auf einmal sehe ich nur noch die Dinge, die als “Problemzonen” bezeichnet werden. Es passiert von ganz allein, dass ich mich auf die Dinge reduziere, die ich eben nicht schön finde. Gemessen an einem bearbeiteten, retuschierten Ideal. Ich weiß genau, dass das keine Messlatte sein sollte. Und trotzdem komme ich nicht davon los, mich unwohl zu fühlen und mir Gedanken zu machen.


Ich beschäftige mich schon lange mit Schönheitsidealen. Mit Idealen, die Menschen in die Magersucht drängen. Mit Schaufensterpuppen, deren Becken so schmal sind, dass sie eigentlich nicht stehen könnten. Mit einem festgeschriebenen Bild der weiblichen Schönheit. Mit Frauenzeitschriften, die sagen, was man anziehen sollte und was nicht, wie man “Problemzonen” kaschiert, wie man in 10 Schritten zur “Bikinifigur” kommt und wer die neuen Trends für die Saison setzt. Wie soll man es auch ignorieren? In so gut wie jeder Werbeanzeige wird dieses Ideal reproduziert, im Umgang mit anderen Menschen wird es reproduziert, wir teilen Menschen in “schön” und “nicht schön” ein.
Wie soll man sich auch fühlen, wenn man nicht in die vorgegebenen Kleidergrößen passt? Wenn man mit kurzen Haaren als “nicht weiblich” gilt?


Ein Beispiel dafür ist eine Frau, die ich sehr bewundere. Franziska van Almsick. Ich bewundere sie, seit ich als Kind Leistungsschwimmerin geworden bin und sie mein großes Vorbild war. In ihrer Autobiographie schreibt sie über ihre Magersucht. Sie schreibt, wie sie von den Medien als die “Fette Franzi” bezeichnet wurde, weil sie keinen Salat, sondern ein Fleischgericht in einem Restaurant bestellte. Sie schreibt, wie unerfüllte Leistungserwartungen durch ihr Körpergewicht begründet wurden. Niemand hat sie danach gefragt. Und später hat auch niemand über ihre Magersucht berichet. Sie schreibt aber auch über ihr Verhältnis zu ihrem Körper. Wie es sich anfühlt, als Frau Muskeln und ein breites Kreuz zu haben. Wie sperrig man sich neben den Turnerinnen fühlt. Ich fand Franzi van Almsick immer wunderschön. Letztendlich muss man lernen, den eigenen Körper zu lieben. Dass das unter dem Druck der Medien, der Öffentlichkeit und der überall präsenten Ideale schwer fällt, ist klar.


Aber es sind nicht nur die Ideale, die weh tun können und unter Druck setzen. Vielmehr sind es auch Erwartungen, die gesellschaftlich geäußert werden. Als ich nach längerer, ernsthafter Krankheit wieder in mein normales Lebensumfeld zurückkehrte, kam mir jemand mit dem Kommentar “Gut siehst Du aus! Hast Du abgenommen?” entgegen. Das war ein Schlag ins Gesicht für mich. Offensichtlicher hätte die Gleichung nicht sein können: Schönheit = Schlankheit. Wer nicht schlank ist, kann auch nicht schön sein. Und laut meinem Gegenüber hatte ich es ja endlich geschafft, schlank zu sein. Was dahinter steckte, interessierte nicht. Nur, dass ich schlank war.


Momentan frage ich mich oft, welche Rolle Körper im Umgang miteinander spielen. Diese Situation (die ja nun wirklich keine Seltenheit ist) hat mir gezeigt, welch erhebliche Wertigkeit über körperliche Eigenschaften/Veränderungen zustande kommt. Ein Satz wie “Wer schön sein will muss leiden” hat in Zeiten von Photoshop, Mageridealen und Weiblichkeitssymbolen eine perverse Bedeutung, die unsere westlichen Vorstellungen perfekt widerspiegelt. 


Wir sollten uns damit beschäftigen, was Schönheit überhaupt ist und wie wir sie für uns selbst und unsere eigenen Körper definieren. Schönheit steht für mich immer in enger Relation mit Wohlbefinden. Ich kann mich selbst nicht schön finden, solange ich mich selbst nicht akzeptiere. Aber bitte: Mein Körper gehört mir selbst. Niemand außer mir selbst ist in der Position, ihn, mein Essverhalten, meine Kleidung oder sonst irgendwas beurteilen zu dürfen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch schön ist. Vielleicht müssen wir uns öfter gegenseitig sagen, dass wir schön sind. Um uns zu zeigen, dass das, was die da draußen sagen, nicht immer richtig ist.