Montag, 21. Oktober 2013

Frei sein - Barcamp Frauen 2013

Beim Barcamp bot dieses Jahr auch die Gruppe i,slam eine Session an. i,slam touren mit muslimischem Poetry Slam durch ganz Deutschland. Ihre Slammer_innen kommen alle aus einem muslimischen Hintergrund und sprechen oft über rassistische Erfahrungen und ihren Umgang mit ihrem Glauben.
Beim Barcamp sprachen wir in der einstündigen Session vor allem darüber, wie man kurze Texte schreibt und Emotionen darin verpackt. Nach einer halben Stunde standen einige Texte, die dann dort in der Gruppe vorgetragen werden konnten.
Auf Wunsch von einigen anderen veröffentliche ich meinen Kurztext hier. Er entstand nach einer sehr emotionalen Session zu Stressprävention.
Ein ausführlicherer Bericht vom Barcamp folgt, sobald ich wieder Internet habe.

Frei sein

Ich bin so müde. Die Müdigkeit kommt immer wieder. Sie kommt wieder, wohin soll sie auch gehen, wenn nicht zu mir. Ich bin müde, sie will auch gar nicht mehr gehen, ich bin ihr Heimathafen. Sie legt an, ich will sie nicht. Will sie abschütteln, will mich schütteln, wie ein nasser Hund.
Aber sie bleibt.

Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Immer müde ohne Grund. Und trotzdem will ich so viel, sie abschütteln, aufbrechen, rastlos sein, alles erleben, mein Leben leben.Wann kommt sie denn, unsere Revolution? Die, von der wir träumen, wenn wir müde sind, von der wir träumen,

Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Ich sehne sie mir so herbei, so sehr. Will sein, wer ich bin, tun, was ich mag, frei sein, dabei sein. Lasst uns nicht länger warten. Lasst nicht länger verbieten, dass wir uns bilden, nicht unterbinden, dass wir Banden bilden. Dann schütteln wir sie ab, die Müdigkeit.

Frei sein, Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Frei sein

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Umgang mit Gewalt(erfahrung)

Ich belege in den nächsten zwei Semestern meines Studiums ein Seminar (bei uns heißt es in diesem Fall Werkstatt) zu Gewalterfahrungen und -verhältnissen.
Dabei geht es sowohl um Gewalt in Beziehungskontexten wie Partner_innenschaft, Ehe oder Familie, als auch um Gewalt im institutionellen Kontext wie durch Mitarbeiter_innen gegenüber Bewohner_innen/ Klient_innen/ Patient_innen. Die Auseinandersetzung erfolgt unter Berücksichtigung von Geschlechterfragen, interkulturellen Aspekten und politischen und rechtlichen Hintergründen. Ein wichtiger Teilbereich des Seminars wird sein, sich mit Mythen und Opferbildern auseinanderzusetzen. Das Seminar wird teils therapeutisch begleitet, da der Umgang mit Gewalterfahrung und Gewaltverhältnissen nicht immer einfach ist.So viel erstmal zu den Hintergründen des Seminars. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich dieses Seminar belegen möchte. Das Ausmaß, was eine nähere Untersuchung von Gewaltverhältnissen und der Umgang mit Gewalterfahrungen mit mir macht, ist für mich schwer einzuschätzen. Ich gehe außerdem davon aus, dass sich viele Menschen mit Gewalterfahrung für dieses Seminar entschieden haben. Oft wird gerade so ein Ort dazu genutzt, Dinge zu verarbeiten und Dinge zu begreifen - ohne selbst die Initiative ergreifen zu müssen und so gut wie anonym, ohne sich outen zu müssen in therapeutischer Begleitung. 
Umso schlimmer war deswegen auch die Reaktion einer Kommilitonin vor einigen Tagen. Auf einen Spruch einer anderen Person im Raum, antwortete sie: “Ich zeig dir gleich mal sexualisierte Gewalt!” - wie bitte?
In unserer Gesellschaft ist es völlig okay, Witze und Sprüche über sexualisierte Gewalt zu machen. Es ist “lustig”. Gewalterfahrungen werden verharmlost, ins Lächerliche gezogen und die Opfer von Gewalt werden beschuldigt. Vor etwa einem Jahr habe ich über rape culture geschrieben. Dass gerade diese rape culture und krasses victim blaming auch in vermeintlich geschützten Räumen normal sind, hat mir das wieder einmal gezeigt. So ein Spruch geht nicht - schon gar nicht in einem Schutzraum, in dem sich noch mehr Personen mit Gewalterfahrungen aufhalten als im üblichen öffentlichen Raum.*
Die bittere Erkenntnis, dass es kaum Schutzräume gibt, kommt immer wieder. Egal, wie links dein Umfeld ist, egal, wie links deine Uni/Hochschule/Arbeitsstelle/Ausbildungsstätte ist, egal, wie sehr Du anderen aus dem Weg gehst. Jedes Umfeld ist ein Abbild der Sozialisation durch die Gesellschaft. Ich bin gespannt, wie der Umgang während des Seminars sich verändert, welche Dynamiken entstehen und inwiefern die Dozierenden eingreifen, sobald es zu Verharmlosung und victim blaming kommt.

* Natürlich kann auch das nur eine Umgangsform mit eigenen Erlebnissen sein und Menschen helfen, mit dem Erlebten umzugehen. Menschen, die nicht über ihre Erlebnisse sprechen, finden eigene Wege, damit umzugehen. Gespräche bzw. therapeutische Maßnahmen können das unterstützen.








Sonntag, 22. September 2013

Warum ich wähle.

Manchmal kämpfe ich wirklich mit mir. Eigentlich kämpfe ich sogar verdammt oft. Der ewige Widerspruch, das System irgendwie in großen Teilen abzulehnen, erneuern zu wollen, aber gleichzeitig Mitglied in einer etablierten Partei zu sein, sich selbst nicht zu verraten und daran nicht kaputt zu gehen. Die Parteiendemokratie zu hinterfragen, verändern und verbessern zu wollen und trotzdem Wahlkampf für (m)eine Partei zu machen. Widerspricht sich das? Für mich nicht.

Parteien machen es einer_einem immer schwerer, sich vollen Herzens für sie zu entscheiden. Die Geschichte jeder Partei bringt Entscheidungen mit sich, die sie nahezu unwählbar machen. Je älter eine Partei ist, desto öfter hat sie wahrscheinlich ihrer Überzeugung entgegen gehandelt. Ich zähle nicht mehr, wie oft ich an meiner Mitgliedschaft in der SPD gezweifelt habe, wie oft mich ankotzt, was sie tut. Asylkompromis, Fiskalpakt, Sarrazin. Es scheint nicht abzureißen, immer wieder kann ich nur den Kopf schütteln, weiß nicht, wohin mit meinem Parteibuch. Aufgeben will ich nicht. Dafür sind mir meine Grundsätze zu wichtig. Die SPD ist nicht die einzige Partei, die viel Mist gebaut hat. Für mich zählt aber immer noch: Es ist nicht deine Schuld, dass die Partei ist, wie sie ist. Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt. Deshalb mache ich weiter.
Trotzdem ist es absolut legitim, sich mit keiner Partei identifizieren zu können. Es ist genauso auch legitim, die Parteiendemokratie zu hinterfragen und abzulehnen.

Es ist legitim, das System abzulehnen.

Es gibt auch verdammt viele Gründe dafür, das Wahlrecht zu hinterfragen und sich von diesem System losmachen zu wollen. Es ist ungerecht. Warum soll ich ein System, das nur Privilegierten zuteil wird, unterstützen? Wieso sollte ich nicht endlich ein Zeichen dagegen setzen, indem ich nicht wähle? Menschen, die seit Jahren hier leben, hier arbeiten und die gleichen Pflichte haben wie alle anderen Mitbürger_innen, dürfen oft nicht wählen. Ist das fair? Wahl sollte kein Privileg sein. Aber wie will man das ändern, wenn nicht durch die durch demokratisch legitimierte Regierung?

Demokratie bedeutet für uns, dass wir Rechte haben. Verdammt viele Rechte sogar. Wir leben in einem relativ freien Staat, das ist ein Privileg. Natürlich fallen mir tausend Dinge ein, die falsch laufen, die ich unbedingt ändern würde, wenn ich könnte. Aber allein, dass ich die Möglichkeit habe, mitzubestimmen, ist etwas, wofür Menschen vor nicht allzu langer Zeit gekämpft haben und wofür sie mit dem Leben bezahlt haben. Wofür Menschen in anderen Ländern immer noch auf die Straße gehen, sich in Gefahr begeben, wofür sie kämpfen und sterben. Demokratie ist ein Privileg. Aber Demokratie bedeutet auch, eine Pflicht zu haben - nämlich die Pflicht, ihr zu helfen. Sie weiterzuentwickeln, sie zu stützen, sie zu verbessern. Ich bin dankbar dafür, die Wahl zu haben. Und glücklicherweise weiß ich bei dieser Wahl auch genau, was ich wählen möchte, weil die Unterschiede zwischen den Partein klar auszumachen sind. Ich möchte eine sozial gerechte Gesellschaft, die den Anspruch hat, sich selbst zu verbessern.

Aber spinnen wir die Idee, sich von diesem System loszumachen, mal weiter. Welche Auswirkungen hätte ein Wahlboykott? Menschen, die rechts der Mitte stehen, finden sich in diesem System wieder, wollen es kaum verändern. Die wählen. Die CDU hat ein festes Klientel, das auf jeden Fall zur Wahl geht. Der Kampf um das System, gegen das System, mit dem System findet links statt. Deshalb bin ich links. Weil ich alles hinterfragen möchte. Wenn Linke von ihrem Wahlrecht nicht Gebrauch machen und nicht das wählen, was ihnen am ehesten zusagt, gewinnen konservative und rechte Parteien. Der CDU-Wahlkampf basiert darauf, Politik uninteressant zu machen, keine Themen mehr anzusprechen, sondern nur Personenwahlkampf zu machen. Wer hat dann noch Bock? Denn die CDU weiß: Ihre Leute gehen zur Wahl. Und ihre Chancen stehen gut, wenn Linke nicht gehen.
Es ist nicht egal, wie die Wahl ausgeht. Es geht um Mindestlöhne, es geht um Arbeitsverhältnisse, es geht um gleiche Rechte für alle, es geht um Gleichstellung, es geht um Bildung, Ausbildung, Arbeit, Rente, es geht um verdammt viel. Und es geht um das Jetzt. Es geht darum, wie es Menschen jetzt geht, unter welchen Bedingungen sie jetzt leben, arbeiten und alt werden. Es geht darum, wer sie auffängt, dass Menschen eine zweite, dritte und vierte Chance bekommen. Es geht um eine Solidargemeinschaft.

Es geht um Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Und um die kleinen Veränderungen.

Nur Menschen, die nicht um ihre Existenz bangen müssen, die in gesichterten Verhältnissen leben, können diese Wahl boykottieren. Allerdings muss denjenigen bewusst sein: Wenn ihr eure Stimme nicht abgebt und es keinen Regierungswechsel gibt, dann betrifft es nicht nur euch, sondern eine ganze Gesellschaft.

Ich bin privilegiert. Ich komme aus einer weißen Akademiker_innenfamilie, habe die Chance, selbst zu studieren. Ich bin heterosexuell, ich bin gesund, mir fehlt es nahezu an nichts. Ich könnte diese Wahl boykottieren. Aber es geht nicht nur darum, was die Wahl für mich bedeutet, es geht um eine solidarische Gesellschaft, in der alle die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben.

Weder Georg Diez oder Richard David Precht, noch die anderen Intellektuellen, die zum Boykott aufrufen, müssen sich um ihre Existenz Gedanken machen. Die tangiert es nicht, ob jemand 3 oder 4 Euro oder einen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro bekommt.
Bei dieser Wahl geht es nicht um die große Veränderung. Sie entscheidet über keine Revolution, dafür sind die Parteien zu träge und angepasst. Aber sie entscheidet über das Schicksal vieler Menschen und über die kleinen Veränderungen und Verbesserungen. Aus der Regierungsverantwortung heraus können viele Dinge geändert und angestoßen werden. 
Und ich bleibe dabei: Das System und den Kapitalismus überwinden zu wollen und heute wählen zu gehen widersprechen sich nicht, das sind zwei verschiedene Baustellen. Denn ich möchte jetzt das Bestmögliche wählen und eine Rot-(Rot-)Grüne Regierung. Und genauso möchte ich weiterhin alles hinterfragen können. Die SPD wird das System nicht ändern. Sie braucht den Tritt in den Arsch, den wir ihr immer wieder geben müssen. Aber die Richtung stimmt.Bitte, bitte: Geht wählen und entscheidet euch für demokratische Parteien. Ihr habt noch ein wenig Zeit und könnt zumindest über die Richtung entscheiden.

Samstag, 31. August 2013

Und immer wieder deutsche Zustände.

Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten mit langen, verzweifelten Fluchtgeschichten sollen das neue Flüchtlingsheim beziehen. Sie haben alles zurückgelassen, wissen nicht, was kommt, werden mit Blaulicht hinter das Heim gebracht. Ein Flüchtling sagte der taz später, es sei “wie mit Schlachttieren, denen man die Messer nicht zeigen will” gewesen.
Flüchtlingsheim ist das falsche Wort. Es handelt sich um eine leerstehende Schule in Berlin-Hellersdorf. Die Flüchtlinge werden “empfangen” von den Anwohner_innen, die ihnen “Hellcome” entgegenbrüllen und mit ihrem Bier in der Hand immer lauter werden, menschenverachtende Parolen brüllen und den Fernsehteams erzählen, dass es sich um ein Wohngebiet handle und deshalb keine Flüchtlinge dort willkommen seien. Aber rassistisch seien sie natürlich nicht.


Sieben Flüchtlinge fliehen am ersten Abend, weil sie Angst haben. Sie hätten gehört, dass Leute das Haus nachts anzünden wollten.
Sie kommen aus Kriegs- und Krisengebieten, wurden verfolgt und Innenminister Friedrich spricht besorgt von Hellersdorf - aber nicht, aus Sorge um die Flüchtlinge, sondern weil er das Ansehen Deutschlands bedroht sehe.


Wir sind auch vor Ort, mit einem Pavillion und großen Transparenten, auf denen “Refugees welcome” steht. Wir wollen die Flüchtlinge willkommen heißen, wollen ihre Ankunft vor Übergriffen schützen. Es kommt zu mehreren Auseinandersetzungen mit Anwohner_innen, organisierte Nazis sind unter ihnen, heizen die Stimmung an.
Als wir abends gehen müssen bleibt das ungute Gefühl.


Sicherer Ort für Flüchtlinge?


In einem antifaschistischen Bündnis haben wir uns in einem längeren Workshop vor einiger Zeit damit auseinandergesetzt, was genau in Rostock-Lichtenhagen passiert ist. Die Diskussionsfrage war, ob Lichtenhagen 2.0 möglich wäre, worauf viele antworteten, dass die Polizei mittlerweile besser organisiert sei. Hellersdorf hat uns das Gegenteil bewiesen.


In der zweiten Nacht, die wir vor dem Heim verbringen, sind etwa fünfzig Antifaschist_innen vor Ort, die auch bereit sind, die ganze Nacht zu bleiben. Wir organisierten Wachen, einigten uns auf eine Strategie. Anfangs standen zwei Polizeiwagen vor dem Heim, wie es auch mit dem Flüchtlingsrat Berlin ausgemacht war: Mindestens ein Wagen sollte durchgehend vor Ort sein. Nachts startet auf einmal der Motor, die Wagen fahren weg, wir sind allein. Keine Polizei vor Ort. Und das, obwohl mehrfach Drohungen laut wurden, obwohl in mehreren Netzwerken die Rede von einem Anschlag nachts war, obwohl mehrere Nazi-Gruppen im Lauf des Abends immer wieder in der Nähe gesehen wurden. Wie kann das sein?
Die Nacht verlief einigermaßen ruhig, trotzdem ist es gut, dass wir vor Ort waren. Aber immer wieder kommt die Frage auf: Was ist in 2,3 Wochen? Was ist, wenn niemand von uns mehr da ist? Wer schützt die Flüchtlinge dann?


Hellersdorf, In den Peschen, Lichtenhagen 2.0 - Parallelen


Immer wieder sprechen wir über Parallelen zwischen Lichtenhagen und dem, was wir in Hellersdorf erlebt haben. Und immer wieder nehmen wir das Wort “Pogrom” in den Mund, was wir sonst nur taten, wenn wir über den Anfang der 90er und Lichtenhagen, Solingen und Hoyerswerda sprachen. Hellersdorf machte uns Angst.
Ich spreche nun bewusst von Pogromen. Das, was ich in Hellersdorf erlebt habe, war eine pogromartige Stimmung und bei vielen fehlte nicht viel zur Eskalation. Hätte jemand angefangen - viele hätten mitgemacht.


  • Damals kamen viele Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten und wurden auf viele verschiedene Aufnahmestellen aufgeteilt, an fast allen Heimen kam es nahezu gleichzeitig zu rassistischen Ausschreitungen. Nun, 2013, blicken wir auf Hellersdorf, wo einige Anwohner_innen die Flüchtlinge lieber tot als in ihrer Nachbar_innenschaft sehen würden. Wir blicken auf In den Peschen in Duisburg, wo antiromaistische Hetze gegen Roma-Flüchtlinge betrieben wird, die aus Ländern fliehen mussten, wo sie von Tod und Armut bedroht sind. Der Alltagsrassismus geht weiter: In Berlin-Reinickendorf wurde vor Kurzem ein Spielplatz für Flüchtlingskinder gesperrt.
  • Die Hetze heute wird ähnlich offen betrieben wie Anfang der 90er. Heute werden dafür Social Networks und Messenger verwendet. Was besonders schockierend ist: Es werden unter Klarnamen Morddrohungen ausgesprochen. Man solle das Haus in Duisburg einfach anzünden, man solle die Flüchtlinge hinter Stacheldrahtzaun ohne Tor aushungern lassen oder sie mit Napalm umbringen. Das schreiben Menschen auf Facebook und kümmern sich noch nicht einmal um Anonymität. Das schreiben sie mit Klarnamen. Die Parolen haben sich auch kaum verändert. Der Mann mit dem rosa Tshirt wird schließlich nach einem Hitlergruß von der Polizei abgeführt.
  • Der Widerstand gegen Flüchtlingsheime wird nicht nur durch Anwohner_innen organisiert, sondern strukturell und überall von organisierten Nazis unterlaufen bzw. angestachelt. So finden sich beispielsweise in der “Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf” viele organisierte NPD-Mitglieder wieder.
       
Deutsche Zustände bedeuten Rassismus


Nach wie vor wehren sich viele, auch in der politischen Linken, von einem strukturellen Rassismus-Problem zu sprechen und Rassismus als deutschen Normalzustand anzuerkennen. Oft ist die Rede von “ein paar gehirnamputierten Idiot_innen”, als seien die organisierten Nazis das einzige Problem. Das größte Problem heißt immer noch Rassismus. Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, Rassismus in den Köpfen, Rassismus im System. Das Problem sind die Anwohnerinnen in Hellersdorf, die sich darüber aufregen, dass ein Flüchtlingskind ein Bobbycar in das Heim schiebt.


Wie sonst, wenn nicht mit Rassismus, kann es sonst erklärt werden, dass sich gegen jedes Flüchtlingsheim eine Initiative gründet, die mit aller Kraft und rassistischen Ressentiments versucht, das Heim zu verhindern? Wie kann es sein, dass es Normalität ist, dass eine solche Initiative gegründet wird?


Das Problem ständig auf ein paar agierende Nazis runterzubrechen, relativiert die Gefahr, die durch Alltagsrassismus ausgeht. Wie sollen die Flüchtlinge in Hellersdorf sicher zum nächsten Supermarkt kommen? Wer kann ihre Sicherheit gewährleisten?


Immer wieder werden Gründe gesucht, um Ängste zu schüren und um Flüchtlinge zu Menschen zweiter Klasse zu degradieren.
Es wird von den verdreckten Heimen gesprochen und davon, dass die Flüchtlinge “sich nicht integrieren könnten” und ihre Heime nicht sauber halten könnten. Das Problem ist, dass Flüchtlingsheime maßlos überfüllt sind, es weder richtige Einrichtung gibt noch ausreichend sanitäre Anlagen vorhanden sind und man denkt, man könne Menschen so behandeln.
Es wird von Seuchengefahr gesprochen, weil einige Flüchtlingskinder Windpocken hatten und sich gegenseitig angesteckt haben. Kaum wurde das gesehen, wurden Flugblätter gedruckt, in denen vor Seuchen gewarnt wurde. Windpocken kommen in jeder Nachbar_innenschaft und in jeder Kita vor.


Das Problem sind nicht die Schutzsuchenden. Das Problem heißt Rassismus.


Polizei, Flüchtlinge und immer wieder Extremismustheorien


Die Polizei hat in Anbetracht der Ankunft von Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten nichts besseres zu tun, als von Ausschreitungen aufgrund des Aufeinandertreffens von Links und Rechts zu sprechen. Der Polizeipräsident Klaus Kandt spricht nicht davon, die Flüchtlinge zu schützen, sondern versucht anhand der Situation, dass Linke dort waren, um das Heim zu schützen, die Extremismustheorie zu begründen. Er ist der Meinung, die Lage sei nur eskaliert, weil sich Linke und Rechte gegenseitig angestachelt hätten. Damit lenkt er vom eigentlichen Problem ab. Das Problem sind nicht die Flüchtlinge, die hier Schutz suchen und in diesem Heim untergebracht wurden. Das Problem sind auch nicht diejenigen, die sich vor dem Heim versammelten, um den Schutz des Heims zu gewährleisten. Das Problem sind die Anwohner_innen, die menschenverachtende Parolen brüllten, die eine Bürger_inneninitiative gemeinsam mit der NPD gründeten und nach wie vor versuchen, die Schließung des Heims zu erwirken. 
Die Polizei sucht das Problem bei denjenigen Antirassist_innen, die eine Anlaufstelle für Hilfesuchende eingerichtet haben und nun Spenden sammeln, um den Flüchtlingen zu helfen. 
Es werden nach wie vor noch Umzugskartons benötigt, die in die AJZ Kita in der Wurzenerstraße 6-8 gebracht werden können.

Der ganz normale Alltag

Wie der normale Alltag in Hellersdorf aussehen kann? Die Alice-Salomon-Hochschule, die zu Fuß keine zehn Minuten von dem Heim entfernt ist, hat nun zwei Räume im Flüchtlingsheim angemietet, um auch dort Vorlesungen zu veranstalten. Außerdem werden von der Hochschule Deutsch-Kurse angeboten und die Hochschule wird für die Flüchtlinge geöffnet sein, sodass diese u.a. die Mensa nutzen können.

Und trotz Lichtenhagen, trotz Solingen, trotz Hoyerswerda und trotz der über 180 Morde durch Rechte bleibt es dabei, dass deutsche Zustände geschützt werden.

Dienstag, 6. August 2013

Wurstdenken überwinden!

Von Josefine Geib und Merle Stöver

Dieser Beitrag entstand als Reaktion auf mehrere Artikel sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres Verbandes und die daraus resultierende Debatte über den von den Grünen geforderten Veggie-Day. Während eine von uns sich seit zehn Jahren aus vielen Gründen vegetarisch ernährt, isst die andere nach wie vor Fleisch, trotzdem sehen wir viele Aspekte in dieser Diskussion ähnlich.
 
Zu allererst wollen wir ein paar Dinge klarstellen:

  • Wir wollen niemanden missionieren, umerziehen und belehren.
  • Die Gesundheit anderer Menschen geht uns nichts an und soll uns nicht als Argument dienen. Ob vegetarische Ernährung gesünder ist oder nicht, soll hier keine Rolle spielen.
  • Die gesamte Veggie-Debatte geht nicht nur Vegetarier_innen und Veganer_innen etwas an und sollte auch nicht dementsprechend geführt werden.
  • Wir lehnen Kampagnen wie die von PETA, in der Schlachthöfe mit der Shoa gleichgesetzt werden, ausdrücklich ab. Diese dürfen auch keine Rolle in der Debatte spielen.

Die Grünen fordern einen nationalen Veggie-Day und haben damit eine große politische Debatte hervorgerufen. Natürlich reagierten darauf auch die Jusos, unter anderem in den Artikeln “Ich lass mir meine Bratwurst nicht verbieten” und “Warum ich gern vegetarisch esse”.
Auch für uns ist klar, dass die Debatte um Fleischkonsum in einen linken Verband gehört und hier rational geführt werden sollte. Allerdings geschieht dies anstatt ernsthaft und zielorientiert, polemisch und emotionsgeladen. Auch entsteht bei vielen Jusos der Eindruck, man wolle sich betont und zwanghaft von der Grünen Jugend abgrenzen, obwohl das Thema “Bewusste Ernährung” für das gesamte linke Spektrum eine Rolle spielt und auch bei uns stärker diskutiert werden muss.
Als linke Jugendorganisation beschäftigen wir uns mit den Widersprüchen im kapitalistischen System und sehen es als unsere Aufgabe, auf die daraus resultierenden Fragen Antworten zu finden. Die Analyse, was Fleischkonsum für die Gesellschaft bedeutet, unter welchen Arbeitsbedingungen Menschen in der Fleischindustrie beschäftigt sind und unter wie Lebensmittel - und vor allem Fleisch - produziert werden, ist vorhanden. Es ist unser Anspruch, es nicht bei der Analyse zu belassen. Jedoch fehlt als logischer Schluss die sich daraus ergebende und formulierte Konsequenz in die Tat umzusetzen.
Erinnert man sich an den Juso-Bundeskongress im November 2012 in Magdeburg und schaut ins Beschlussbuch, so findet man den Antrag U18 “Ernährungspolitik”. In diesem werden Fleischkonsum und bewusste Ernährung sowohl thematisiert, als auch analysiert und teils werden sogar Handlunsmöglichkeiten aufgezeigt. Demokratische Beschlüsse spiegeln die Meinung der Mehrheit des Verbandes wider und werden so zu richtungweisenden Positionen. Wieso erwähnt eigentlich niemand unsere Beschlusslagen in dieser Debatte?

Deshalb hier unsere grundsätzlichen Feststellungen, die in diesem Antrag zu finden sind:

"Für uns Jusos spielt Nachhaltigkeit auch im Bereich Ernährung eine große Rolle für eine gerechte Gesellschaft. Auf dem Weg zu Lösungsansätzen wollen wir auf die aktuell bestehenden Probleme aufmerksam machen und Zusammenhänge aufzeigen. Wir wollen Lösungen finden, die sowohl den weltweiten Überfluss als auch Mangel an Lebensmitteln lindert." (Z. 22-26)
"So fließt das Wasser aus Entwicklungsländern in großem Maße in die Fleischproduktion der Industriestaaten." (Z. 104, 105)

"Wir wollen eine Gesellschaft, die nachhaltig und bewusst mit Lebensmitteln umgeht." (Z. 667)

Laut Juso-Beschlusslage sind wir übrigens auch gegen Massentierhaltung! Dieses wird ebenso in oben zitiertem Antrag ausgeführt.
"Der Pro-Kopf-Jahresfleischverbrauch ist in Deutschland seit 1950 von etwa 26kg auf über 60kg im Jahr 2010 gestiegen und soll nach OECD-Studien innerhalb der nächsten Jahre auf über 70kg ansteigen. Durch die mangelnde Nachfrage nach höherwertigen und damit teureren Fleischprodukten, nimmt die Produktion von günstigen Fleischprodukten immer weiter zu."
"So kommt es, dass analog zu den Monokulturen der hohe Fleischkonsum in den Industriestaaten dazu führt, dass immer mehr Mastanlagen und Massentierhaltungen entstehen." (Z.162ff.)
Auch hier findet man eine klare Analyse, wodurch Massentierhaltung begünstigt wird, aber eben auch die Aufforderung zu einem öffentlichen Diskurs, wie ihn die Grünen mit ihrer Forderung nun angestoßen haben.

"Hier muss man sich über die Folgen solcher Entscheidungen auch Gedanken machen, denn zur Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch werden rund 15.000 Liter Wasser benötigt. So gern wir uns an Fleischprodukte gewöhnt haben, so nötig ist es, einen öffentlichen Diskurs über die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des aktuellen Fleischkonsums zu führen." (Z. 168-172)
Außerdem haben wir aus dieser Analyse folgend eine konsequente Ablehnung von Massentierhaltung beschlossen. Selbst der Titel des entsprechenden Absatzes lautet: “Gegen Massentierhaltung – für nachhaltige und artgerechte Tierhaltung”. Als Probleme werden in diesem Absatz vor allem das Massensterben in Ställen, der unverhältnismäßige Einsatz von Antibiotika, die unhygienischen Zustände in Mastanlagen und die daraus resultierende Gefährdung der Konsument_innen aufgeführt. Infolgedessen wird erläutert, dass für uns Jusos ein Handeln notwendig ist, in der Massentierhaltung strengere Kontrollen eingeführt werden müssen und wir eine Abkehr von industrieller Tierproduktion hin zu bäuerlicher Landwirtschaft brauchen (nachzulesen in Z. 808-829).


Als linker Verband haben wir immer den Anspruch, Probleme nicht nur vor Ort und national zu betrachten, sondern auch im globalen Kontext zu sehen. Ebenso müssen wir unser Konsumverhalten in Zusammenhang mit dem Welthunger kritisch hinterfragen. In Bezug hierauf lohnt sich ein Blick in den Fleischatlas des Spiegels. Die Produktion des Fleisches, das in Deutschland konsumiert und verzehrt wird,  und damit einhergehende Umweltzerstörung und Wasserverbrauch  verlagern sich ins Ausland, sodass europäische Staaten die globalen Auswirkungen ihres eigenen Konsumverhaltens nicht leugnen können. Leute, wir essen auch auf Kosten der Dritten Welt.

In der Debatte fiel oft das Argument, dass Einzelne mit ihrer Ernährung nichts an der Gesamtsituation ändern könnten, sondern dass wir uns stattdessen lieber mit Umverteilungsfragen auseinandersetzen sollten. Gerade wir als Sozialist_innen und Sozialdemokrat_innen sind doch der Überzeugung, dass auch jede_r Einzelne durch das eigene Engagement und Handeln vieles bewirken kann! Wieso sollte dies in diesem Streitpunkt nicht zählen? Anstatt künstlich zwei Fronten aufzubauen, sollten wir lieber sachlich analysieren, uns an unsere Beschlusslage erinnern und dementsprechend Konsequenten daraus zu ziehen. Das Private ist politisch.
Ach, und die Beschlusslage?

"Dabei wird vom Verbraucher verkannt, dass sein Handeln auch Folgen für den Anbau und die Tierhaltung hat." (Z. 149, 150)

Gerne wird der Diskurs auch zur Verzichtsdebatte degradiert, die - zu Recht - auch von uns Jusos in der Beschlusslage abgelehnt wird. Denn es muss jedem Menschen möglich sein, weiterhin Fleisch zu konsumieren. Es geht nicht darum, Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Es geht nicht darum, zu missionieren und umzuerziehen. Jedoch ist diese Debatte nicht mit wirklichen Verzichtsdebatten zu vergleichen. Bei Fleischkonsum handelt es sich nicht um eine Sucht wie bspw. beim Rauchen. Einen Tag in öffentlichen Kantinen und Mensen auf Fleisch zu verzichten fügt niemandem Schaden zu. Ein Rauchverbot würde Lebensweisen einschränken, während es beim Veggie-Day nicht darum geht, an einem Tag in der Woche die Fleischtheken in Supermärkten zu schließen. Es handelt sich nicht um einen Eingriff ins Private - es geht lediglich um öffentliche Einrichtungen. Wir als Jusos sind doch der Ansicht, dass man gesetzlich Denkanstöße geben kann und geben muss, wie wir es zum Beispiel mit der Geschlechterquote erreichen wollen. Gleiches gilt auch für Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung.

400g Hähnchen-Ministeaks kosten bei Aldi 2,69 Euro. Ist das die Wertigkeit, die wir Fleisch zusprechen wollen? Die Beschlusslage der Jusos ist, dass Fleisch nicht zum Luxusprodukt werden darf (im Antrag Z.828f). Allerdings führt der geringe Wert von Fleisch oft dazu, dass es weggeworfen wird, womit wir wieder beim globalen Zusammenhang wären. Es muss uns wichtig sein, woher Fleisch kommt und wie es produziert wurde. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der darauf wenig Acht gegeben wird. Vor allem täglicher Fleischkonsum ist schlichtweg nicht notwendig. Trotzdem fehlen in öffentlichen Mensen und Kantinen wirkliche vegetarische und vegane Alternativen. Dafür, wie viele Alternativen man zu fleischhaltigen Gerichten hat, fehlt in der Gesellschaft das Bewusstsein, weswegen auch hier wieder aus der Juso-Beschlusslage zitiert werden kann:

"Ernährungsbewusstsein stärken
Für eine aufgeklärte Gesellschaft, ist es immens wichtig, einen nachhaltig und bewusst mit Nahrungsmitteln umzugehen. Viele Menschen sind sich der Auswirkungen ihrer Ernährungsgewohnheiten nicht bewusst. Europa ist in der Pflicht, Millionen von Menschen „des Südens“ in einer maroden und inhumanen Wirtschaftsordnung eine Perspektive und soziale Sicherheit zu bieten. Dieses Handeln muss sich sowohl in der Bildung und Erziehung bereits bei Kindern als auch in den Medien, in der Werbung und in der Öffentlichkeit wiederfinden." (Z. 863-871)

Die Debatte wird nicht nur unsachlich und polemisch geführt, viele Gegner_innen greifen auf diskriminierende Argumentationsmuster zurück. Dass man sich selbst angegriffen fühlt, ist verständlich, wenn es um die eigene Lebensweise geht, jedoch legitimiert es nicht die Art und Weise, wie manche_r sich in dieser Debatte äußert.

Unter dem Facebook-Post einer Bekannten zum Veggie-Day, den sie befürwortet, äußerten sich mehrere Männer wie folgt: 





Ein Bundestagsabgeordneter der FDP fühlte sich berufen, den Veggie-Day mit der Propaganda eines NSDAP-Plakats gleichzusetzen: Veggie-Day - FDP-Politiker greift zu Nazi-Vergleich


Die Debatte um einen vegetarischen Tag in der Mensa gab es Anfang des Jahres auch schon in der Uni Kiel, woraufhin sich eine Gruppe bildete, die mit dem Slogan "Kieler wehrt euch - esst nicht bei Vegetariern" ein derart an antisemitische Propaganda angelehnte Schiene fuhr, die dem Faschismus-Vergleich des FDP-Politikers Lars Lindemann  in nichts nachsteht.


Bei den angeführten Beispielen bedarf es keiner weiteren Erläuterung.
Wir würden uns wünschen, dass diese wichtige Debatte rational und ehrlich geführt wird. Es geht nicht darum, dass wir während des Essens darüber diskutieren müssen, wer was warum isst und wer sich dafür rechtfertigen muss, sondern vielmehr darum, dass wir die Debatte zurück auf eine sachliche Ebene holen.

Dieser Artikel soll ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Sonntag, 4. August 2013

Mein sexistisches Privileg.

Ich laufe auf die Baustelle zu, muss durch eine schmale Gasse zwischen Hauswand und Bauzaun. Senke den Blick, höre meine Schritte auf dem Asphalt. Sehe, wie die Bauarbeiter aufblicken, sich angucken, angrinsen und mir hinterherpfeifen. Irgendwas hinterher rufen, was ich gar nicht hören will. Was ich am Liebsten ausblenden würde. Und ich denke noch: Nächstes Mal wieder zehn Minuten früher losgehen und den Umweg nehmen - nicht an der Baustelle vorbei müssen, nicht ständig die gleichen Sprüche, die mich so sehr ankotzen.
Genau so am gleichen Abend. Die Gruppe Männer, auf die ich zugehe. Sie stehen auf dem Gehweg, nehmen Platz ein, sind laut. Ich sehe es, wechsel die Straßenseite, weil ich einfach nur in Ruhe nach Hause gehen möchte. Die Hand, die ich letztes Mal auf meiner Hüfte gespürt habe, hat gereicht.
Achtsam sein, jeden Tag wieder, weil ich als Frau allein unterwegs bin. Weil irgendwelche Typen meinen, es wäre okay zu grinsen, zu starren, anzufassen, einzuengen, Platz einzunehmen, Platz wegzunehmen, mir Sprüche hinterherzurufen.

Das ist street harassment - wenn Fremde Dich auf der Straße nicht respektvoll behandeln. Sprich, wenn Du durch Fremde Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und jede andere Form von Menschenfeindlichkeit erfahren musst. Street harassment hat System. Du bist allein, Du passt jemandem nicht. Du bist nicht männlich, gesund, weiß und hetero? Dann nimmst Du vielleicht die gleichen Umwege und Umstände auf Dich wie ich, um Deine Ruhe zu haben.

Und dann bin ich mit meinem Freund unterwegs, laufe auf eine Gruppe Männer zu, die ich sonst gemieden hätte und greife wie selbstverständlich nach seiner Hand. Wir gehören zusammen - bzw. in diesem Moment: Ich gehöre zu ihm. Kein Spruch, kaum ein Blick. Und das ist eben der Moment, in dem ich aktiver Teil eines sexistischen Systems werde. Ich verstecke mich hinter einem Typ und bin dadurch in öffentlichen Räumen sicher. Ja, toll. Übergriffige Männer lassen mich nur in Ruhe, weil ich in dem Moment als Eigentum eines anderen Mannes gelte. Das ist Scheiße. Weil ich damit das System reproduziere, das ich eigentlich bekämpfen möchte. Ich möchte stark sein, möchte drüber stehen, möchte mich nicht hinter einem Mann verstecken müssen. Aber in dem Moment bin ich safe und greife aus Reflex nach seiner Hand. Es kotzt mich an, dass ich in einer Gesellschaft lebe, in der das nötig ist. Und noch viel schlimmer ist es, dass andere Frauen dieses Privileg eben nicht haben. Dass sie sowohl die sexistische Scheiße erfahren müssen, die ich erfahre, als auch mit ihrer Partnerin im öffentlichen Raum nicht als Paar auftreten können, weil sie damit auch noch heterosexistische Grenzüberschreitungen ausgesetzt werden. Die Partnerin kann nicht wie mein Partner einen Schutzraum bieten, es geschieht genau das Gegenteil: Allein wären sie sogar sicherer.

Genau so gehöre ich auch in vielen anderen Bereichen zu den Privilegierteren dieser Gesellschaft. Ich bin weiß, trage kein Kopftuch, bin gesund, reich und mit einem Mann zusammen. Andere Menschen erleben street harassment in ganz anderen und gefährlicheren Formen als ich. Sie erleben es aus mehreren Gründen. Ich erlebe Grenzüberschreitungen meist nur durch Männer, weil ich eine Frau bin. Ich erlebe keine cissexistischen Anfeindungen, weil ich mich meist in meinem Körper wohl fühlen kann. Das ist ein Privileg, das andere Menschen so nicht haben und ich bin mir dessen bewusst.
Ich vermag nicht darüber zu urteilen, in welchen Formen andere  Menschen von street harassment betroffen sind und wie es sich auswirken würde, wären sie in Begleitung eines weißen, gesunden Hetero-Mannes.

Aber mir kann mein Partner einen Schutzraum geben, weil er privilegiert ist. Weil man ihm zuspricht, mich zu besitzen, sobald er seinen Arm um mich legt oder meine Hand nimmt. Seine Privilegien schützen mich. Um mir mehr Schutz zu geben, läuft er vielleicht sogar einen Schritt vor mir, schützt mich vor nervigen Blicken. Er ist sich seiner Funktion bewusst, tut das, weil er mich schützen möchte. Trotzdem reproduzieren wir damit das System, obwohl wir nicht als heteronormatives Paar auftreten wollen und dieses System beide nicht stützen wollen. Es ist genau das, was ich eigentlich bekämpfe. Ich möchte jeden Tag dafür kämpfen, dass ich selbstbewusst durch Männergruppen gehen kann und das keine Rolle mehr spielt. Möchte nicht, dass ich mir Umwege überlege, um dem zu entgehen. Aber wenn es so weit ist, geht für mich mein Selbstschutz vor und ich bin froh, wenn mein Partner da ist. Weil ich weiß, dass andere in dem Moment doppelt von sexistischen Übergriffen betroffen sind.
Ich bin froh, dass er mir diesen Schutz bieten kann. Aber ich bin es leid, mir dieses Privileg nicht selbst geben zu können.

Ich bin Teil des Systems und in diesem ist mein Partner mein sexistisches Privileg.