Mittwoch, 23. Januar 2013

Keine Privilegien. Für niemanden.

Ich hab schon wieder was gelernt: Übergrifflichkeit ist nicht gleich Übergrifflichkeit. Wie sie bewertet und aufgenommen wird, hängt vom Zeitpunkt, von der Person und von der Laune der Berichterstatter_innen ab.
Im Moment tobt die Debatte um die Übergrifflichkeitsvorwürfe gegen Rainer Brüderle. Kaum wurde er zum Gesicht der FDP erklärt, erscheint ein langer Artikel im Stern, in dem ihm eine Journalistin vorwirft, am Rande eines Balls 2012 übergriffig geworden zu sein. Die Debatte verstrickt sich darin, man wolle Brüderle nur mit Dreck bewerfen, man würde alles, was passiert sei, dramatisieren. Niemand der führenden FDP-Politiker_innen spricht über Übergrifflichkeit und Sexismus. Auf einmal ist der böse “Qualitätsjournalismus” das Problem.

Kommt euch bekannt vor? Natürlich, das ist Alltag. Natürlich wird der Vorwurf nicht ernst genommen, schließlich kommt er im falschen Moment gegenüber der falschen Person. Und es finden sich auch auffällig schnell andere bekannte Politiker_innen, die den Beschuldigten in Schutz nehmen. Nicht zuletzt aus Selbstschutz, schließlich ist die FDP (jedenfalls nach eigener Aussage) wieder zur Ruhe gekommen, das will man nicht aufs Spiel setzen. Und die Journalistin, die soll sich halt nicht so haben. Ist doch nix passiert.
Natürlich ist etwas passiert. Rainer Brüderle hat - nach niedergeschriebener Erinnerung der Journalistin - eindeutig Grenzen überschritten. Er hat sie nicht nur überschritten und ignoriert, dass sie ihn zu Professionalität aufgerufen hat. Er hat ihr “Nein” ignoriert. Woher nimmt er sich das Recht, das zu dürfen? Vielleicht, weil er Politiker ist und sie “nur” eine junge Journalistin? Rainer Brüderle habe danach auch noch gesagt, dass wir “am Ende [...] alle nur Menschen” seien. Ja, genau deshalb muss er sich auch an die gleichen Regeln halten, wie alle anderen Menschen. Politiker_in sein bedeutet nicht, im zwischenmenschlichen Kontakt irgendwelche Privilegien genießen zu können. Es gibt kein Privileg, dass ein “Nein” zu einem “Ja” macht, keines, dass ein “Nein” einfach revidiert und keines, dass Hierarchien zwischen den Personen aufbauen kann. Und im Übrigen gibt es auch keines, das vorschreibt, solche Vorfälle der Übergrifflichkeit zu ignorieren. Weder beim Tanzen, noch am Tag noch, wenn es sich um Politiker_innen handelt. Übergrifflichkeit ist Übergrifflichkeit. Ist es nicht so, dass wir Sexismus gerade bei beruflichen Hierarchien viel öfter thematisieren müssten? Vermeintliche Überlegenheit und Machtgehabe auf das Zwischenmenschliche zu übertragen und zu meinen, das Recht zu allem zu haben, ist keine Seltenheit. Ich finde auch nicht, dass man im Fall vom Vorwurf gegenüber Brüderle irgendwie von Professionalität sprechen muss. Er hätte sich nicht “professioneller” Verhalten müssen, da die beiden beruflich miteinander zu tun hatten und auch nicht, weil er als Politiker etwas zu verlieren hat. Es wäre nicht professionell, es ist selbstverständlich, Grenzen zu achten und das Gegenüber zu respektieren!

Es zeigt schon fast eine traurige Art von Humor, dass im Zusammenhang mit dem Stern-Artikel “Der Herrenwitz”, der die Übergrifflichkeit thematisiert, von einem Tabubruch gesprochen wurde. Es sei ein No Go, ausgerechnet jetzt darüber zu berichten. Man habe Rainer Brüderle nur in den Dreck ziehen wollen. Achso - der Übergriff an sich war also kein Tabubruch, der thematisiert werden muss? Rainer Brüderle ist in einer Position, in der ihm so etwas schaden kann, es steht einiges auf dem Spiel - nicht nur für ihn, sondern eben auch für seine Partei. Natürlich versuchen sie den Vorwurf aus dem Weg zu räumen. Aber dass das gleich bedeutet, die Journalistin niederzumachen, ihren Vorwurf niederzureden, dass will nicht in meinen Kopf rein. Ist also das Standing wichtiger als ein Übergriff? Kann man nicht konsequent dagegen vorgehen? Wieso tut man das nicht? Ganz einfach - weil es Alltag ist.

Man mag über den Zeitpunkt der Veröffentlichung streiten können. Der Vorfall soll im Januar 2012 passiert sein, natürlich stellt sich die Frage, warum es nicht früher thematisiert wurde. Ich kann wohl kaum beurteilen, wie so etwas in der Redaktion abläuft und wie viel Mitspracherecht ein_e Journalist_in über den Zeitpunkt der Veröffentlichung hat. Fakt ist, dass der Vorfall jetzt, wo Brüderle im Rampenlicht steht, mehr Aufmerksamkeit bekommt. Gerade deswegen ist auch gut zu beobachten, dass der Vorfall eben von allen Seiten klein geredet wird, dass man das nur getan habe, um der FDP zu schaden. Und eben dieser Gegenvorwurf reiht sich ein in das, was wir als rape culture bezeichnen. Opfern wird ein böser Wille unterstellt, sie werden zu Täter_innen gemacht. Die Frau, die Kachelmann vorwarf, sie vergewaltigt zu haben, wurde kurz darauf als Lügnerin dargestellt, die sich nur habe rächen wollen. Und das ist kein Einzelfall, das passiert mit vielen Frauen, die an die Öffentlichkeit gehen.
Und genau da wollen wir nicht hinkommen: Dass wir uns selbst einreden “So schlimm war das schon nicht”, “Das passiert halt mal”, “Hat er halt mal ein bisschen zu viel getrunken”, …
Niemand muss das, was geschieht, runterspielen. Das gehört da nicht hin. Und dabei ist es völlig egal, wer Täter_in und wer Opfer war, sexualisierte Gewalt und Übergrifflichkeit sind nicht zu relativieren. Punkt.

Kommentare:

  1. Danke für diese Stellungnahme, ich gebe dir 100%ig Recht!
    Genau dasselbe ist mit dem Vergewaltigungsopfer von Strauss-Kahn passiert. Einfach nur schrecklich und wenn man selber andere Leute sieht die eben diese Frauen in den Schmutz ziehen sollte man Solidarität zeigen und sagen dass das falsch ist.

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  2. Am besten sind wieder die "was hat die denn auch mitten in der Nacht an einer Hotelbar verloren"- und "wahrscheinlich war sie sexy angezogen und hat geflirtet"-Kommentare. Alles wie immer. Sexismus ist Alltag, in der Tat.

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