Dienstag, 12. März 2013

Das Land, in dem ich jetzt lebe.


Seit Sonntag bin ich nun in Budapest. Ich mache hier meinen Freiwilligendienst an einer Grundschule im XVII. Bezirk in Pest. Ich schreibe dazu einen separaten Blog, der über meine Organisation kulturweit läuft. Allerdings möchte ich dort nicht viel über die ungarische Politik schreiben, weil wir vom Auswärtigen Amt entsandt wurden, daran möchte ich mich halten, allerdings werde ich trotzdem auf meinem gewohnten Blog über das schreiben, was ich hier erlebe.

Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll. Obwohl ich nur 1300 km von Zuhause entfernt bin, lebe ich hier unter Umständen, die sehr sehr weit von meiner deutschen Realität entfernt sind. Das ist keine Wertung, das ist erstmal nur ungewohnt. Ich habe ein kleines Zimmer in einem ungarischen Gästehaus im XVII. Bezirk, kann mit dem Bus zur Arbeit und zu einer Metro-Station fahren, von wo ich dann auch runter nach Budapest gelangen kann. Es unterscheidet sich kaum von den Randbezirken der Großstädte, die ich in Deutschland kenne. Ich glaube, ich kann hier wirklich glücklich sein, wenn ich mich erst einmal ein wenig auskenne und sicherer fühle. Im Moment bin ich noch sehr müde, wenn ich von der Arbeit komme, denn die Sprache ist für mich extrem anstrengend. Es ist anstrengend, in jedem Gespräch genau hinzuhören, wann endlich ein Wort kommt, dass ich schonmal gehört habe und von dem ich vielleicht sogar die Bedeutung kenne. Ich kann mich eigentlich mit niemandem unterhalten, weil meine Ungarisch-Kenntnisse und deren Deutsch- oder Englisch-Kenntnisse für eine wirkliche Unterhaltung nicht ausreichen. Deswegen retten mich die abendlichen Skype-Gespräche jeden Abend wieder.

Und egal, wie sicher ich mich hier fühle, es bleibt das bedrückende Gefühl. Das Gefühl, das man hat, wenn man die deutschen Medien hört/liest und weiß, was in Ungarn im Parlament abgeht. Das Gefühl, das man hat, wenn man weiß, was in den Dörfern um Budapest herum passiert. Aber vor allem: Das Gefühl, zu wissen, dass ich jederzeit nach Deutschland zurückgehen kann und dort studieren werde. Ich wollte erst über Politik sprechen, wenn ich mich ein wenig sicherer fühle. Aber schon auf dem Weg zur Arbeit am ersten Tag sagte meine Mentorin, dass sie gesehen habe, dass ich an Politik interessiert sei. Dann sagte sie auch, dass sie sehr unzufrieden sei mit der ungarischen Politik, aber dass wir nicht darüber reden sollten. Ich habe das akzeptiert, denn ich weiß nicht, wie der Umgang mit Politik in Ungarn ist. Ein paar Minuten später fing sie wieder an, wollte wissen, welche Parteien ich in Deutschland gut finde, wie Wahlen bei uns ablaufen und was ich über ungarische Politik weiß. Auch dann meinte sie wieder, sie wolle eigentlich nicht darüber sprechen.
Es scheint etwas zu sein, was alle beschäftigt, alle wissen hier, was die Fidesz im Moment tut und was das für sie bedeutet. Aber laut darüber zu sprechen fällt schwer. Aber was ich wichtig finde: Sie sagte auch, dass sie die Fidesz und Orbán für faschistisch hält.

Mein zweiter Zusammenstoß damit war heute in der achten Klasse, in der ich heute zu Besuch war. Damit die Kinder Deutsch lernen und meine Ausprache hören, lese ich viel vor, muss aber auch viele Fragen beantworten.
Wo wohnst Du? Wie lange bleibst Du in Ungarn? Was ist dein Lieblingstier? Was ist deine Lieblingsfarbe? Was ist dein Lieblingsessen? Wie heißen deine Geschwister? Wie heißen deine Haustiere? Wie heißen deine Eltern? [...] Und als die Lehrerin für einen Moment den Raum verlassen hat, kam dann: Was denkst Du über Viktor Orbán?
Ich denke, dass Viktor Orbán ein Faschist ist. Dass er das, was von einer Demokratie übrig ist, hier versucht aufzulösen. Aber das kann ich einer achten Klasse nicht einfach so an den Kopf werfen.
Deshalb habe ich sehr ausweichend geantwortet und sie im Gegenzug gefragt, was sie über Orbán und die Fidesz denken. Fast alle Schüler_innen wollten sich dazu äußern, hatten etwas dazu zu sagen. Sie sprachen vor allem über die neue Verfassungsänderung, darüber, dass sie sich durch das Studium verpflichten, danach in Ungarn zu arbeiten. Sie sprachen über die schlechten wirtschaftlichen Voraussetzungen, darüber, dass viele Menschen arm sind, obwohl sie Arbeit haben.

Ich will in den nächsten Tagen runter in die Stadt fahren und mehr darüber erfahren. Ich will mit Menschen reden, die sich mit der Politik beschäftigen. Die Unruhen sind vor allem auf der anderen Seite der Donau, in Buda. Vielleicht schaffe ich es, Kontakt zu einer Pro-Roma-Organisation zu knüpfen.

Ich will außerdem versuchen in den nächsten Wochen und Monaten regelmäßig etwas über die Politik zu schreiben, um einiges verständlicher zu machen. Zum Beispiel will ich die Fidesz erklären, die Jobbik und wer eigentlich Viktor Orbán und János Áder sind und was sie wollen.

1 Kommentar:

  1. Tolle erste Bestandsaufnahme! Bitte mehr über die politische Situation in Ungarn. Es ist halt etwas anderes, zu erfahren, wie das Volk wirklich darüber denkt als nur die Fakten in den Medien serviert zu bekommen. Danke dafür!

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