Samstag, 9. März 2013

Empowerment zum Weltfrauentag.

Am Abend vor dem 102. Weltfrauentag war ich gemeinsam mit Laurie Penny, Urvashi Butalia und Elke Ferner bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und bin immer noch berührt und begeistert von dieser Veranstaltung. Themen waren der #Aufschrei, der Offene Brief an Joachim Gauck, sexualisierte Gewalt und internationale Frauensolidarität.

Ich muss dazu sagen, dass ich im Moment irgendwo zwischen zwei Welten schwebe: Die zehn Tage vor der Veranstaltung war ich bei einem Seminar in Brandenburg, das mich auf mein Auslandsjahr vorbereiten sollte und morgen früh fliege ich. Ich bin nicht mehr ganz zuhause, bin aber auch noch nicht angekommen, muss noch packen, mich verabschieden, freue mich, bin aufgeregt und es mischen sich tausend verschiedene Gefühle und würde mich jetzt jemand fragen, wie es mir geht - ich wüsste es nicht. Jedenfalls bin ich mit genau diesem Gefühl in Berlin angekommen, habe Laurie und Urvashi kennen gelernt und gemeinsam mit Laurie noch ein Interview gegeben. Während die anderen Freiwilligen müde [und verkatert von der Abschiedsparty] nach Hause fuhren, saß ich in der S-Bahn und habe versucht, mich mental überhaupt wieder auf das Thema Sexismus vorzubereiten. Das war alles schon so weit weg. Das war aber vielleicht auch nicht das Schlechteste, denn ich hatte in den letzten zwei Wochen Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen, mich ein wenig von der anstrengenden Debatte zu erholen und dann mit ein wenig Distanz darauf zurückzusehen.

Dieser Weltfrauentag war für mich der beste, wichtigste und berührendste, den ich bisher erlebt habe. Urvashi Butalia trat als eine unglaublich starke Frau auf, von der ich vorher nicht viel wusste und die mich absolut überzeugt hat. Sie zeigt mir, dass es sich lohnt, zu kämpfen.
Dieser Abend hat ein paar Wunden geheilt. Wunden, die im Alltag durch Sexismus und Relativierung entstehen, Wunden, die kaum noch verheilen können, weil sie immer wieder aufgerissen werden. Weil diese Debatte nicht richtig geführt wird, weil viele nicht begreifen, warum das so weh tun kann. Wir sprachen über internationale Frauensolidarität und ich saß dort mit Laurie - die auch ganz wunderbar war - und Urvashi und wusste ganz genau: Es gibt diese internationale Solidarität und wir sind uns nah, obwohl wir andere Sprachen sprechen, andere Lebensrealitäten haben, teils aus unterschiedlichen Feminismusströmungen kommen und andere Erfahrungen mitbringen. Es hat mir gezeigt, dass ich weitermachen muss, dass wir viele sind und dass wir alle dazu gehören und unseren Teil leisten können.

Ich bin aber auch Kathy und Kati dankbar, die die Veranstaltung geplant und moderiert haben, die so viele nette Worte gefunden haben, die so viel Kraft investiert haben. Ich kann gar nicht genug Glitzer versprühen, ihr wart wirklich toll!

Einiges war aber doch sehr bezeichnend für diese Gesellschaft. Der erste Redebeitrag kam von einem Mann. Natürlich. Es waren nur wenige Männer da und trotzdem ging das Mikro als erstes an einen Mann. Das war nicht das Schlimmste. Sondern derjenige Mann, der als drittes sprach. Der sagte, dass man endlich auch mal über seine Gefühle reden müsse und dass er das Recht dazu habe, nur weil er das Mikro in der Hand hatte. Und das obwohl ich eigentlich reden sollte. Ein Troll. Ein Bild der Realität als Netzfeministin - irgendwelche Menschen, die meinen, ihre Meinung sagen zu müssen und die denken, sie könnten die Definitionsmacht entreißen. Und auch was er sagte, war so bezeichnend! Er sprach davon, dass die Veranstaltung schlecht geplant sei, dass man Sexismus und sexualisierte Gewalt nicht in einer Veranstaltung behandeln könnte. Und genau damit brachte er sich letztendlich in die Rolle, von sich zu glauben, es sei seine Aufgabe (als Mann!) darüber zu urteilen, was “nur” Sexismus sei und was sexualisierte Gewalt sei. Ich lasse mir die Definitionsmacht über meine Grenzen und darüber, was ich als Gewalt empfinde, nicht nehmen. Und erst recht nicht von einem Profilneurotiker, der meint, er sei unterrepräsentiert und bekomme nicht genug Beachtung.
Aber trotzdem habe ich auch aus dieser Situation ein unglaublich empowerndes Gefühl mitgenommen. Nämlich aus dem Moment, als Menschen im ganzen Saal aufsprangen, teils den Raum verließen, aber vor allem forderten, ihm kein Forum zu geben und ihm das Mikro abzustellen. Er war ganz allein. Und das tat gut.
Genauso taten auch die vielen Gespräche danach gut, die vielen Feminist_innen, die sich bei mir bedankten und die mir Kraft gaben. Und dass so viele tolle feministische Freund_innen da waren, mit mir den Abend verbrachten und ich so einen wunderbaren Abschied aus Deutschland hatte.

Ich habe jetzt wieder Kraft. Es hat mir Mut und Energie gegeben, weiterzumachen. Ich kann kaum in Worte fassen, mit was für einem guten Gefühl ich gegangen bin und wie schön es war, so viel Zuspruch zu bekommen.

Ich bin euch wirklich dankbar. Das habe ich vorgestern bei der Veranstaltung gemerkt und das merke ich jetzt. Ich mache weiter. Ich weiß, dass es nicht umsonst ist.

Kommentare:

  1. Hallo Merle, komm bitte mal wieder runter. Ich bin der böse Mann mit dem bösen Mikro und will Dir gar nix vorschreiben. Ich als Mann laß mir aber auch nicht gerne was vorschreiben. (z.B. Das Mikro muß jetzt aber mal an eine Frau gehen, wegen Quote und so. Ihr Mädels habt doch vorher wirklich lange genug erzählt) Und ich hab überhaupt keine Lust hier letztlich persönliche Feindschaften bzw. Mann/Frau Kampf auszutragen. Ich hab ne andere Meinung als Ihr. Na und? Müßt Ihr doch auch mal aushalten ohne gleich ausfallend zu werden. Ich bin kein Real Troll ich bin nur real und auch nicht gleich neurotisch. Bedeutet andere Meinung bei Euch immer gleich Krieg? In meiner Welt nicht. Richtig, der Kern meines Vorwurfs war, dass man Brüderles dumme Anmache und eine brutalste Mehrfachvergewaltigung in Indien nicht so in einen Kontext bringen kann wie Ihr das getan habt. Natürlich könnt Ihr Euch nun alle feiern daß Ihr es trotzdem tut und wie schön kämpferisch Ihr seid. Ganz ehrlich, ich glaub das ist überzogen und schadet Euch m.E. mehr als es Euch nutzt. Ja, ich glaube Sexismus so weit wie Ihr ihn fasst ist gar nicht richtig definierbar. (Wenn Du so willst, ist das die einzigste "Angst" von mir als Mann: die Beanspruchung der alleinigen Deutungshoheit darüber von Euch Frauen. Reale sexuelle Gewalt ist definiert und strafbar. Ich hab selbst 2 Töchter und Angst als Vater und weiß wovon ich rede. Diese sexuelle Gewalt zu bekämpfen halte ich für vorrangig, gerne mit allen die guten Willens sind zusammen. Und wenn es bei Gewalt statistische Häufungen gibt, muß man diese auch nüchtern auswerten dürfen, nicht nur wenn es die böse USA betrifft. Mit freundlichem Gruß Heribert

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