Dienstag, 6. August 2013

Wurstdenken überwinden!

Von Josefine Geib und Merle Stöver

Dieser Beitrag entstand als Reaktion auf mehrere Artikel sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres Verbandes und die daraus resultierende Debatte über den von den Grünen geforderten Veggie-Day. Während eine von uns sich seit zehn Jahren aus vielen Gründen vegetarisch ernährt, isst die andere nach wie vor Fleisch, trotzdem sehen wir viele Aspekte in dieser Diskussion ähnlich.
 
Zu allererst wollen wir ein paar Dinge klarstellen:

  • Wir wollen niemanden missionieren, umerziehen und belehren.
  • Die Gesundheit anderer Menschen geht uns nichts an und soll uns nicht als Argument dienen. Ob vegetarische Ernährung gesünder ist oder nicht, soll hier keine Rolle spielen.
  • Die gesamte Veggie-Debatte geht nicht nur Vegetarier_innen und Veganer_innen etwas an und sollte auch nicht dementsprechend geführt werden.
  • Wir lehnen Kampagnen wie die von PETA, in der Schlachthöfe mit der Shoa gleichgesetzt werden, ausdrücklich ab. Diese dürfen auch keine Rolle in der Debatte spielen.

Die Grünen fordern einen nationalen Veggie-Day und haben damit eine große politische Debatte hervorgerufen. Natürlich reagierten darauf auch die Jusos, unter anderem in den Artikeln “Ich lass mir meine Bratwurst nicht verbieten” und “Warum ich gern vegetarisch esse”.
Auch für uns ist klar, dass die Debatte um Fleischkonsum in einen linken Verband gehört und hier rational geführt werden sollte. Allerdings geschieht dies anstatt ernsthaft und zielorientiert, polemisch und emotionsgeladen. Auch entsteht bei vielen Jusos der Eindruck, man wolle sich betont und zwanghaft von der Grünen Jugend abgrenzen, obwohl das Thema “Bewusste Ernährung” für das gesamte linke Spektrum eine Rolle spielt und auch bei uns stärker diskutiert werden muss.
Als linke Jugendorganisation beschäftigen wir uns mit den Widersprüchen im kapitalistischen System und sehen es als unsere Aufgabe, auf die daraus resultierenden Fragen Antworten zu finden. Die Analyse, was Fleischkonsum für die Gesellschaft bedeutet, unter welchen Arbeitsbedingungen Menschen in der Fleischindustrie beschäftigt sind und unter wie Lebensmittel - und vor allem Fleisch - produziert werden, ist vorhanden. Es ist unser Anspruch, es nicht bei der Analyse zu belassen. Jedoch fehlt als logischer Schluss die sich daraus ergebende und formulierte Konsequenz in die Tat umzusetzen.
Erinnert man sich an den Juso-Bundeskongress im November 2012 in Magdeburg und schaut ins Beschlussbuch, so findet man den Antrag U18 “Ernährungspolitik”. In diesem werden Fleischkonsum und bewusste Ernährung sowohl thematisiert, als auch analysiert und teils werden sogar Handlunsmöglichkeiten aufgezeigt. Demokratische Beschlüsse spiegeln die Meinung der Mehrheit des Verbandes wider und werden so zu richtungweisenden Positionen. Wieso erwähnt eigentlich niemand unsere Beschlusslagen in dieser Debatte?

Deshalb hier unsere grundsätzlichen Feststellungen, die in diesem Antrag zu finden sind:

"Für uns Jusos spielt Nachhaltigkeit auch im Bereich Ernährung eine große Rolle für eine gerechte Gesellschaft. Auf dem Weg zu Lösungsansätzen wollen wir auf die aktuell bestehenden Probleme aufmerksam machen und Zusammenhänge aufzeigen. Wir wollen Lösungen finden, die sowohl den weltweiten Überfluss als auch Mangel an Lebensmitteln lindert." (Z. 22-26)
"So fließt das Wasser aus Entwicklungsländern in großem Maße in die Fleischproduktion der Industriestaaten." (Z. 104, 105)

"Wir wollen eine Gesellschaft, die nachhaltig und bewusst mit Lebensmitteln umgeht." (Z. 667)

Laut Juso-Beschlusslage sind wir übrigens auch gegen Massentierhaltung! Dieses wird ebenso in oben zitiertem Antrag ausgeführt.
"Der Pro-Kopf-Jahresfleischverbrauch ist in Deutschland seit 1950 von etwa 26kg auf über 60kg im Jahr 2010 gestiegen und soll nach OECD-Studien innerhalb der nächsten Jahre auf über 70kg ansteigen. Durch die mangelnde Nachfrage nach höherwertigen und damit teureren Fleischprodukten, nimmt die Produktion von günstigen Fleischprodukten immer weiter zu."
"So kommt es, dass analog zu den Monokulturen der hohe Fleischkonsum in den Industriestaaten dazu führt, dass immer mehr Mastanlagen und Massentierhaltungen entstehen." (Z.162ff.)
Auch hier findet man eine klare Analyse, wodurch Massentierhaltung begünstigt wird, aber eben auch die Aufforderung zu einem öffentlichen Diskurs, wie ihn die Grünen mit ihrer Forderung nun angestoßen haben.

"Hier muss man sich über die Folgen solcher Entscheidungen auch Gedanken machen, denn zur Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch werden rund 15.000 Liter Wasser benötigt. So gern wir uns an Fleischprodukte gewöhnt haben, so nötig ist es, einen öffentlichen Diskurs über die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des aktuellen Fleischkonsums zu führen." (Z. 168-172)
Außerdem haben wir aus dieser Analyse folgend eine konsequente Ablehnung von Massentierhaltung beschlossen. Selbst der Titel des entsprechenden Absatzes lautet: “Gegen Massentierhaltung – für nachhaltige und artgerechte Tierhaltung”. Als Probleme werden in diesem Absatz vor allem das Massensterben in Ställen, der unverhältnismäßige Einsatz von Antibiotika, die unhygienischen Zustände in Mastanlagen und die daraus resultierende Gefährdung der Konsument_innen aufgeführt. Infolgedessen wird erläutert, dass für uns Jusos ein Handeln notwendig ist, in der Massentierhaltung strengere Kontrollen eingeführt werden müssen und wir eine Abkehr von industrieller Tierproduktion hin zu bäuerlicher Landwirtschaft brauchen (nachzulesen in Z. 808-829).


Als linker Verband haben wir immer den Anspruch, Probleme nicht nur vor Ort und national zu betrachten, sondern auch im globalen Kontext zu sehen. Ebenso müssen wir unser Konsumverhalten in Zusammenhang mit dem Welthunger kritisch hinterfragen. In Bezug hierauf lohnt sich ein Blick in den Fleischatlas des Spiegels. Die Produktion des Fleisches, das in Deutschland konsumiert und verzehrt wird,  und damit einhergehende Umweltzerstörung und Wasserverbrauch  verlagern sich ins Ausland, sodass europäische Staaten die globalen Auswirkungen ihres eigenen Konsumverhaltens nicht leugnen können. Leute, wir essen auch auf Kosten der Dritten Welt.

In der Debatte fiel oft das Argument, dass Einzelne mit ihrer Ernährung nichts an der Gesamtsituation ändern könnten, sondern dass wir uns stattdessen lieber mit Umverteilungsfragen auseinandersetzen sollten. Gerade wir als Sozialist_innen und Sozialdemokrat_innen sind doch der Überzeugung, dass auch jede_r Einzelne durch das eigene Engagement und Handeln vieles bewirken kann! Wieso sollte dies in diesem Streitpunkt nicht zählen? Anstatt künstlich zwei Fronten aufzubauen, sollten wir lieber sachlich analysieren, uns an unsere Beschlusslage erinnern und dementsprechend Konsequenten daraus zu ziehen. Das Private ist politisch.
Ach, und die Beschlusslage?

"Dabei wird vom Verbraucher verkannt, dass sein Handeln auch Folgen für den Anbau und die Tierhaltung hat." (Z. 149, 150)

Gerne wird der Diskurs auch zur Verzichtsdebatte degradiert, die - zu Recht - auch von uns Jusos in der Beschlusslage abgelehnt wird. Denn es muss jedem Menschen möglich sein, weiterhin Fleisch zu konsumieren. Es geht nicht darum, Menschen vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Es geht nicht darum, zu missionieren und umzuerziehen. Jedoch ist diese Debatte nicht mit wirklichen Verzichtsdebatten zu vergleichen. Bei Fleischkonsum handelt es sich nicht um eine Sucht wie bspw. beim Rauchen. Einen Tag in öffentlichen Kantinen und Mensen auf Fleisch zu verzichten fügt niemandem Schaden zu. Ein Rauchverbot würde Lebensweisen einschränken, während es beim Veggie-Day nicht darum geht, an einem Tag in der Woche die Fleischtheken in Supermärkten zu schließen. Es handelt sich nicht um einen Eingriff ins Private - es geht lediglich um öffentliche Einrichtungen. Wir als Jusos sind doch der Ansicht, dass man gesetzlich Denkanstöße geben kann und geben muss, wie wir es zum Beispiel mit der Geschlechterquote erreichen wollen. Gleiches gilt auch für Nachhaltigkeit und bewusste Ernährung.

400g Hähnchen-Ministeaks kosten bei Aldi 2,69 Euro. Ist das die Wertigkeit, die wir Fleisch zusprechen wollen? Die Beschlusslage der Jusos ist, dass Fleisch nicht zum Luxusprodukt werden darf (im Antrag Z.828f). Allerdings führt der geringe Wert von Fleisch oft dazu, dass es weggeworfen wird, womit wir wieder beim globalen Zusammenhang wären. Es muss uns wichtig sein, woher Fleisch kommt und wie es produziert wurde. Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der darauf wenig Acht gegeben wird. Vor allem täglicher Fleischkonsum ist schlichtweg nicht notwendig. Trotzdem fehlen in öffentlichen Mensen und Kantinen wirkliche vegetarische und vegane Alternativen. Dafür, wie viele Alternativen man zu fleischhaltigen Gerichten hat, fehlt in der Gesellschaft das Bewusstsein, weswegen auch hier wieder aus der Juso-Beschlusslage zitiert werden kann:

"Ernährungsbewusstsein stärken
Für eine aufgeklärte Gesellschaft, ist es immens wichtig, einen nachhaltig und bewusst mit Nahrungsmitteln umzugehen. Viele Menschen sind sich der Auswirkungen ihrer Ernährungsgewohnheiten nicht bewusst. Europa ist in der Pflicht, Millionen von Menschen „des Südens“ in einer maroden und inhumanen Wirtschaftsordnung eine Perspektive und soziale Sicherheit zu bieten. Dieses Handeln muss sich sowohl in der Bildung und Erziehung bereits bei Kindern als auch in den Medien, in der Werbung und in der Öffentlichkeit wiederfinden." (Z. 863-871)

Die Debatte wird nicht nur unsachlich und polemisch geführt, viele Gegner_innen greifen auf diskriminierende Argumentationsmuster zurück. Dass man sich selbst angegriffen fühlt, ist verständlich, wenn es um die eigene Lebensweise geht, jedoch legitimiert es nicht die Art und Weise, wie manche_r sich in dieser Debatte äußert.

Unter dem Facebook-Post einer Bekannten zum Veggie-Day, den sie befürwortet, äußerten sich mehrere Männer wie folgt: 





Ein Bundestagsabgeordneter der FDP fühlte sich berufen, den Veggie-Day mit der Propaganda eines NSDAP-Plakats gleichzusetzen: Veggie-Day - FDP-Politiker greift zu Nazi-Vergleich


Die Debatte um einen vegetarischen Tag in der Mensa gab es Anfang des Jahres auch schon in der Uni Kiel, woraufhin sich eine Gruppe bildete, die mit dem Slogan "Kieler wehrt euch - esst nicht bei Vegetariern" ein derart an antisemitische Propaganda angelehnte Schiene fuhr, die dem Faschismus-Vergleich des FDP-Politikers Lars Lindemann  in nichts nachsteht.


Bei den angeführten Beispielen bedarf es keiner weiteren Erläuterung.
Wir würden uns wünschen, dass diese wichtige Debatte rational und ehrlich geführt wird. Es geht nicht darum, dass wir während des Essens darüber diskutieren müssen, wer was warum isst und wer sich dafür rechtfertigen muss, sondern vielmehr darum, dass wir die Debatte zurück auf eine sachliche Ebene holen.

Dieser Artikel soll ein erster Schritt in diese Richtung sein.

Kommentare:

  1. Hallo Josefine,
    Hallo Merle,

    vielen Danke für euren Artikel. Schön, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, einen aktuellen Beschluss zum Thema zu suchen. Der Antrag war mir bisher nicht bekannt.

    Persönlich schließe ich mich euch in sehr vielen Punkten an, es wäre allerdings wenig spannend, die Zustimmung im einzelnen aufzuführen.

    Euer Text ist offensichtlich progressiver, als es die bisherigen Artikel auf blog.jusos.de zu der Thematik waren und ich fände es sehr schön, wenn auch solch ein Text auf der Seite veröffentlicht werden würde. Dann hätten wir neben einem sehr schlichten und polemisch Text und einem übervorsichtigen Text auch einen Selbstbewussten und über den Tellerrand hinaus blickenden Artikel.

    An zwei Punkten bin ich anderer Ansicht als ihr:

    1. "Denn es muss jedem Menschen möglich sein, weiterhin Fleisch zu konsumieren."
    >> Wenn wir Tierrechte ernstnehmen, und dafür haben wir sehr, sehr gute Gründe (kurz: die verschiedenen Tierrechtstheorien sind nicht perfekt, aber häufig wesentlich widerspruchsfreier als viele andere Möglichkeiten über Tiere & Ethik nachzudenken), dann haben Tiere, zumindest Säugetiere, ein Recht auf Schmerzfreiheit und/oder Leben und/oder kein Eigentum zu sein. Dann stellt sich unmittelbar die Frage, inwiefern es ein Recht auf getötete Tiere geben kann.

    2. "Die Gesundheit anderer Menschen geht uns nichts an und soll uns nicht als Argument dienen. Ob vegetarische Ernährung gesünder ist oder nicht, soll hier keine Rolle spielen."
    >> Hier gibt es m.E. zwei Ebenen.
    1. Es muss möglich sein, sich nachhaltig vegetarisch und gesund zu ernähren. Wäre dem nicht so, müssten wir fast nicht über das alles sprechen, denn dann wäre ein anderer Konsum nicht längerfristig möglich/gesund und auch niemandem zu empfehlen.
    Das ein vegetarisch/veganer Konsum langfristig möglich sind zeigen jedoch vebu.de/ada oder http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/australien-vegane-ernaehrung-gesund

    2. Die Gesundheit anderer Menschen geht uns (als Gesellschaft) schon häufiger etwas an, z.B. Pflichtuntersuchungen bei Kindern, Raucherschutz an der Arbeit. Aber das ist hier natürlich etwas anderes, denn wenn wer anders etwas isst, beeinträchtigt das nicht meine Gesundheit (vgl. Rauchen) und von daher hat es mich auch erstmal nicht zu interessieren, inwiefern erwachsene Menschen durch ihren Tierkonsum möglicherweise ihre Gesundheit beeinträchtigen. Nun ließe sich einwänden, dass Folgekosten für das Gesundheitssystem andere berechtigen würde, aus Gesundheitsgründen ein anderes Ernährungsangebot zu fordern. Ohne das weiter ausführen zu wollen, auch dies halte ich für zu schwach.

    Ich bin mir nun nicht ganz sicher, inwiefern ihr diese Eingangsklarstellung vorstanden haben wollt, lediglich für den Veggietag, oder doch eher als allgemeines Prinzip bei Ernährungsfragen.

    Worauf will ich hinaus? Ein Beispiel:
    Obwohl es schon besser geworden ist suggeriert das fleischlastige Angebot der Mensa der Universität Kassel: "Greif zu, jeden Tag Fleisch zu essen ist kein gesundheitliches Problem".
    (Selbst die eher konservative DGE sieht das anders: http://www.dge.de/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=15 )

    Nehmen wir in meinem Beispiel einmal folgendes an: Hoher Fleisch/Tierkonsum erhöht das Risiko an bestimmten schwerwiegenden Krankheiten zu erkranken signifikant, Fleisch/Tierkonsum hätte KEINE negativen Auswirkungen auf Welternährung/Tiere/Umwelt.

    Dürfte, wenn nur noch Gesundheitsgründe blieben, in diesem Fall kein gesellschaftlicher Akteuer ein anderes Essensangebot legitimerweise fordern?

    Meinem Empfinden nach, ginge es NUR um Gesundheit und nicht immer auch um Welternährung/Tiere/Umwelt, die Einführung eines Veggietages in diesem Fall eher schwierig, die Forderung nach einem anderem Essensangebot insgesamt jedoch legitim.

    Vielen Dank für eure tolle Arbeit.
    stefan

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    1. Lieber Stefan,
      ich versuche einfach mal, auf einige Deiner Punkte zu antworten.
      "Denn es muss jedem Menschen möglich sein, weiterhin Fleisch zu konsumieren." - ich persönlich sehe das anders, hier haben wir nur den Beschluss als Vorlage genommen. Natürlich ist es auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, wer sich Fleisch leisten kann und wir wollen schließlich, dass so nicht zwischen Menschen - mittellos und reich - differenziert wird. Trotzdem würde ein angemessener Preis von Fleisch dafür sorgen, Fleisch wieder Wert zu geben.
      Zur Gesundheit - gemeint war: Es wird sehr oft auch statistisch gesagt, dass vegetarische Ernährung gesünder ist. Da wir mit unserem Beitrag niemanden bekehren wollen, argumentieren wir nicht mit der Gesundheit des Individuums ("Wir wollen, dass Du an einem Tag in der Woche kein Fleisch isst, weil das ja auch gesünder für Dich ist!"). Sicherlich spielt Gesundheit (gerade in Bezug auf Antibiotika in der Schlachtung) eine große Rolle, trotzdem wollten wir uns nicht anmaßen, anderen diesbezüglich Vorschriften zu machen.

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  2. Der Fleischatlas ist nicht vom Spiegel, sondern von der Böll Stiftung, Le Monde diplomatique und dem BUND.

    Und hast du ein Argument für die geäußerte Position „es m[ü]ss[e] jedem Menschen möglich sein, weiterhin Fleisch zu konsumieren“? Mir scheint, die Position lässt sich nicht halten, ohne die Gewalt der Schlachthofkultur an nichtmenschlichen Tieren völlig auszublenden. Es würde mMn die Debatte bereichern, wenn die Legitimität von Tierproduktion als solcher nicht immer schon vorausgesetzt würde.

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    1. Lieber Tom,
      ja, das stimmt, das war zu kurz formuliert. Der Fleischatlas wird nur von SPON vorgestellt, nicht von denen herausgegeben. Danke für die Richtigstellung!
      Und zu Deinem anderen Punkt: Dieser Satz stammt aus dem Beschluss der Jusos, ich sehe das ein wenig anders. Natürlich ist es auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, wer sich Fleisch leisten kann und wir wollen schließlich, dass so nicht zwischen Menschen - mittellos und reich - differenziert wird. Trotzdem würde ein angemessener Preis von Fleisch dafür sorgen, Fleisch wieder Wert zu geben.
      Trotzdem sind es einige Begriffe, die auch mich stören, wie zum Beispiel der der "artgerechten Haltung" - aus meiner Sicht wäre das die Freiheit.
      Es wäre wirklich schön, wenn es auch hier eine Debatte geben könne, die sich vor allem auch von der PETA-Kampagne klar abgrenzt. Ich hatte oft das Gefühl, dass man, sobald man sich mit Mensch-Tier-Hierarchien beschäftigt, oft darauf stößt, dass die Ermordung von Mensch und Tier gleichzusetzen ist.

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  3. > dass die Ermordung von Mensch und Tier gleichzusetzen ist

    Ich sehe aber in der Tat aus der moralischen Perspektive auch kaum Möglichkeiten, hier kategorisch zu unterscheiden. Entweder du unterscheidest mit dem „Argument“ dass das eine nuneinmal Menschen sind, das andere nuneinmal Tiere; Dann ist das ein platter Speziesismus. Oder aber du unterstellst eine unterscheidende ethisch relevante Eigenschaft; Etwa dass Menschen halt vernunftbegabt sind, Ethik etwas mit Vernunft zu tun hat und daher zwischenmenschliche Gewalt überzuordnen ist. Das Problem an letzterer Strategie ist, dass du dann für solche Menschen, die die vorgeschlagene Eigenschaft nicht (voll) besitzen – im Beispiel die Vernunftbegabung – die Gewalt nicht mehr wirksam kritisieren kannst. Ich denke, dieses Problem (das hat sogar einen Namen) bekommst du bei *jeder* Eigenschaft, mit der du versuchst abzugrenzen, einfach weil sich Menschen kontinuierlich und fließend aus Tieren heraus entwickelt haben.

    Ich würde den Shoah-Vergleich und den Sklavereivergleich auf einer anderen Grundlage ablehnen: (1) Übergeht der Vergleich signifikante historische Unterschiede bei der Durchführung und bei der zugrundeliegenden Ideologie, die die jeweiligen Massengewaltphänomene hervorgebracht haben. (2) Verfestigt eine Überzeugungsstrategie, die über solche Vergleiche operiert, den zugrunde liegenden Anthropozentrismus: Es wird appelliert, Gewalt an nichtmenschlichen Tieren ernst zu nehmen, weil sie wie zwischenmenschliche Gewalt ist. Der ethische Impuls bleibt dabei die Veruteilung zwischenmenschlicher Gewalt. Wenn diese Annahme und die Schlachthofkultur überwinden wollen, müssen wir Gewalt an Tieren auch als Gewalt an Tieren zu verurteilen lernen.

    Und das mit dem „angemessene[n] Preis von Fleisch“ musst du mir erklären. Du scheinst immer schon vorauszusetzen, dass es an und für sich unproblematisch ist Tiere einzusperren und zu schlachten. Die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit, die du ansprichst, scheint mir weniger ökonomisch marginalisierte Menschen zu betreffen, sondern vielmehr, diejenigen, die reihenweise an einen Haken gehängt und entzweigesägt werden. (Wobei wir uns in dieser Frage auch waschen können ohne uns nass zu machen: Es ist viel einfacher Fragestellungen der ökonomischen Verteilungsgerechtigkeit zwischen Menschen zu adressieren, wenn wir Tierproduktion einfach ganz verwerfen.)

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  4. Liebe Merle,

    vielen Dank für deine Auskünfte oben. Die Aussage auf die Tom und ich mich bezogen sind dann ja beinahe ein Zitat des Antrags, vllt. könntet ihr das anders darstellen, da ja zumindest wir beide das nicht auf anhieb verstanden haben.

    Zur PeTA-Kampagne:
    Meiner Wahrnehmung nach vertritt kein ernstzunehmender Akteur innerhalb der Tierrechtsbewegung oder im Tierethikdiskurs den Standpunkt der PeTA-Kampagne von 2003. Natürlich kann bei jeder Diskussion darauf hingewiesen werden, dass dieser Standpunkt keiner ist, da das aber heutzutage ziemlich unstrittig ist, muss es m.E. auch nicht immer wieder betont werden.

    Ganz interessanter Text dazu: http://veganelinke.antispe.org/viewtopic.php?p=6048

    Inwiefern sich die Tötung oder Schmerzzufügung bei Menschen und Tieren moralisch unterscheidet ist eine spannede Frage und Gegenstand philosophischer Debatten, sie hat allerdings mit dem Holocaustvergleich nichts zu tun.

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