Mittwoch, 9. Oktober 2013

Umgang mit Gewalt(erfahrung)

Ich belege in den nächsten zwei Semestern meines Studiums ein Seminar (bei uns heißt es in diesem Fall Werkstatt) zu Gewalterfahrungen und -verhältnissen.
Dabei geht es sowohl um Gewalt in Beziehungskontexten wie Partner_innenschaft, Ehe oder Familie, als auch um Gewalt im institutionellen Kontext wie durch Mitarbeiter_innen gegenüber Bewohner_innen/ Klient_innen/ Patient_innen. Die Auseinandersetzung erfolgt unter Berücksichtigung von Geschlechterfragen, interkulturellen Aspekten und politischen und rechtlichen Hintergründen. Ein wichtiger Teilbereich des Seminars wird sein, sich mit Mythen und Opferbildern auseinanderzusetzen. Das Seminar wird teils therapeutisch begleitet, da der Umgang mit Gewalterfahrung und Gewaltverhältnissen nicht immer einfach ist.So viel erstmal zu den Hintergründen des Seminars. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich dieses Seminar belegen möchte. Das Ausmaß, was eine nähere Untersuchung von Gewaltverhältnissen und der Umgang mit Gewalterfahrungen mit mir macht, ist für mich schwer einzuschätzen. Ich gehe außerdem davon aus, dass sich viele Menschen mit Gewalterfahrung für dieses Seminar entschieden haben. Oft wird gerade so ein Ort dazu genutzt, Dinge zu verarbeiten und Dinge zu begreifen - ohne selbst die Initiative ergreifen zu müssen und so gut wie anonym, ohne sich outen zu müssen in therapeutischer Begleitung. 
Umso schlimmer war deswegen auch die Reaktion einer Kommilitonin vor einigen Tagen. Auf einen Spruch einer anderen Person im Raum, antwortete sie: “Ich zeig dir gleich mal sexualisierte Gewalt!” - wie bitte?
In unserer Gesellschaft ist es völlig okay, Witze und Sprüche über sexualisierte Gewalt zu machen. Es ist “lustig”. Gewalterfahrungen werden verharmlost, ins Lächerliche gezogen und die Opfer von Gewalt werden beschuldigt. Vor etwa einem Jahr habe ich über rape culture geschrieben. Dass gerade diese rape culture und krasses victim blaming auch in vermeintlich geschützten Räumen normal sind, hat mir das wieder einmal gezeigt. So ein Spruch geht nicht - schon gar nicht in einem Schutzraum, in dem sich noch mehr Personen mit Gewalterfahrungen aufhalten als im üblichen öffentlichen Raum.*
Die bittere Erkenntnis, dass es kaum Schutzräume gibt, kommt immer wieder. Egal, wie links dein Umfeld ist, egal, wie links deine Uni/Hochschule/Arbeitsstelle/Ausbildungsstätte ist, egal, wie sehr Du anderen aus dem Weg gehst. Jedes Umfeld ist ein Abbild der Sozialisation durch die Gesellschaft. Ich bin gespannt, wie der Umgang während des Seminars sich verändert, welche Dynamiken entstehen und inwiefern die Dozierenden eingreifen, sobald es zu Verharmlosung und victim blaming kommt.

* Natürlich kann auch das nur eine Umgangsform mit eigenen Erlebnissen sein und Menschen helfen, mit dem Erlebten umzugehen. Menschen, die nicht über ihre Erlebnisse sprechen, finden eigene Wege, damit umzugehen. Gespräche bzw. therapeutische Maßnahmen können das unterstützen.








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