Mittwoch, 30. Januar 2013

Das NDR-Interview

Ich habe dem NDR vor ein paar Tagen ein Interview zu Sexismus gegeben, einige Teile wurden nun auf die Homepage des NDR gestellt.

Montag, 28. Januar 2013

Ein offener Brief an Günther Jauch

Lieber Herr Jauch,

ich bin eine der Frauen, die sich am #aufschrei beteiligt haben. Angefangen habe ich morgens, als ich die Aktion entdeckt habe und dann kamen im Lauf des Tages immer mehr Erinnerungen hoch. Glücklich darüber, Menschen gefunden zu haben, die Verständnis haben und ein Ventil entdeckt zu haben, um das, was so sehr bedrückt, rauszuschreien. Es war wirklich ein Aufschrei. Und ein Kraftakt.

Gestern kam dann Ihre Sendung dazu. Ich habe lange gebraucht, um damit fertig zu werden. Ich habe es angeguckt, war schockiert und sprachlos. Nun habe ich sie mit ein paar Stunden Abstand noch einmal angesehen und möchte Ihnen Folgendes sagen:
Herr Jauch, Sie sind einer der Gründe, warum wir den Aufschrei so sehr brauchen!

Wissen Sie, ich glaube an das Gute in Menschen. Deshalb habe ich den Fernseher angemacht und mir die Diskussion angesehen. Ich hatte wirklich die Hoffnung, dass eine solche Diskussion vielleicht aufschlussreich sein könnte. Aber jetzt bin ich schlauer: Es war naiv, das zu glauben. Immer dann, wenn irgendwie die Möglichkeit bestanden hätte, eine Diskussion über Sexismus, über Privilegien und über männliche Dominanz zu beginnen, haben Sie diese unterbunden, verhöhnt und dem entgegengewirkt. Es wäre ja auch fatal gewesen, über gesellschaftliche Missstände zu reden und das eigene Handeln zu reflektieren!

Um mit meiner Kritik ganz von vorn zu beginnen: Scheinbar habe ich ein anderes Verständnis von Moderation und Redeleitung. Ich bin der festen Überzeugung, dass es Ihre Aufgabe gewesen wäre, sachlich durch die Diskussion zu führen. Stattdessen haben Sie von Anfang an gezeigt, wo Sie stehen und wohin Sie die Diskussion lenken wollen. Ich bitte Sie: Wenn Sie der Aufgabe der sachlichen und respektvollen Moderation nicht gerecht werden können: Geben Sie sie ab! Seien Sie ehrlich zu sich selbst und überlassen Sie das Menschen, die dazu in der Lage sind.
Anstatt alle Diskussionsteilnehmer_innen gleich zu behandeln und gleichermaßen zu Wort kommen zu lassen, fielen Sie denen ins Wort, deren Meinung Ihnen offensichtlich nicht passte. Ist eine solche Show nicht der Ort, an dem die gegensätzlichen Meinungen ausgetauscht werden? Doch anstatt den Austausch zu fördern haben Sie diejenigen verhöhnt und ins Lächerliche gezogen, die sich stellvertretend für viele Frauen in Deutschland äußern wollten. Viel lieber widmeten Sie sich denjenigen, die sexualisierte Gewalt relativieren wollten, die Probleme runterspielen wollten und Frauen zu Täterinnen machten. Oft fiel während der Diskussion die Forderung “sich auf Augenhöhe zu begegnen” - das taten Sie nicht. Sie begegneten Anne Wizorek, Alice Schwarzer und Silvana Koch-Mehrin mit Hohn und Spott.

Ich frage mich nun: Ist das Ihr normaler Umgang? Oder hatten Sie nur Angst davor, dass die Diskussion nicht so verlaufen könnte, wie Sie es wollen? Dass Sie sich vielleicht letztendlich selbst hinterfragen müssten?
Sie haben deutlich gemacht, dass Sie die Realität der Frauen nicht kennen - woher auch? Dabei haben über 60.000 Tweets gezeigt, welches Redebedürfnis besteht!
Aber anstatt diese Diskussion zuzulassen, kamen zwei Strategien zum Einsatz:
Strategie 1: Die Diskussion wurde, sobald es um Sexismus als gesellschaftliches Problem ging und analytisch Thesen aufgestellt wurden (vor allem und überraschenderweise von Alice Schwarzer), von Ihnen unterbrochen und wieder auf Rainer Brüderle gelenkt. Immer wieder wurde über besagten Abend an der Bar gesprochen. Wer, was, wann und warum falsch gemacht hat. Damit sind Sie dem Titel der Sendung, der sich immerhin mit Sexismus als gesellschaftliches Problem beschäftigte, keineswegs gerecht geworden, denn Sie haben die Diskussion darum verhindert.
Und Strategie 2: Anstatt mehr über die Frauen, die im Schutz der Anonymität und der Gruppe den Aufschrei verursachten, zu informieren, versuchten Sie, sich selbst in die Opferrolle zu bringen. Immer wieder wurde versucht, Frauen zu Täterinnen zu machen. Immer wieder wollten Sie nicht über Sexismus in der männlich dominierten Gesellschaft sprechen, sondern versuchten, die Frauen- und Männerrolle umzudrehen.  Der Versuch, Männer im Kollektiv in die Opferrolle zu stecken, zieht nicht! Genauso wenig zieht die Behauptung, dass Frauen bestimmen, was Sexismus ist und damit zu viel Macht über die Diskussion haben. Vielleicht schaffen Sie es, sich noch einmal mit Privilegien und Umgangsformen auseinanderzusetzen. Ich kann Ihnen verraten: Die Definitionsmacht liegt bei Männern. Vielleicht sehen Sie sich auch ihre Show noch einmal an und merken: Die Definitionsmacht, wer wann was sagen darf, lag ganz allein bei Ihnen. Einem privilegierten Mann, der zu stolz ist, um sich selbst zu hinterfragen.

Herr Jauch, Sie sind kein Opfer der gesellschaftlichen Strukturen. Sie sind privilegiert. Und genau das haben Sie in Ihrer Sendung reproduziert. Sobald zu viele Äußerungen Sie als weißen Hetero-Mann in Frage stellten und nicht Ihrer Meinung entsprachen, versuchten Sie sich wieder auf Brüderle oder Männer in Opferrollen zu beziehen. Ich bin nun wirklich keine Anhängerin von Alice Schwarzer. Aber wieso konnten Sie ihre Aufforderung, endlich mal über das Problem an sich und nicht über Ihre Ablenkungsmanöver zu sprechen, nicht ernst nehmen? Ich will es Ihnen sagen: Sie haben kein Interesse an dieser Debatte. Sie wollten uns vorführen. Wenn Sie selbst noch einmal nachlesen wollen, was Menschen widerfährt, die nicht die gleichen Privilegien genießen können wie Sie, schauen Sie doch einmal hier: http://alltagssexismus.de/
Ihr letzter Kommentar, dass man sich ja noch an der Bar sehen könne und dass dann hoffentlich nicht nur die männlichen Diskussionsteilnehmer da seien, mag lustig gemeint gewesen sein. Das war er aber keineswegs. Er hat all Ihren Hohn, Ihre Respektlosigkeit und Ihre Inkompetenz, dieses Thema zu behandeln, zusammengefasst.

Ich hoffe, dass auch Sie eines Tages begreifen können, dass Sexismus kein Problem der Frauen ist und dass der Spott fehl am Platz war. Ich hoffe, dass Sie begreifen werden, dass Unterdrückungsmechanismen immer etwas mit Machtdemonstration zu tun haben und dass Political Correctness, wie Anne Wizorek schon sagte, nichts mit “amerikanischen Verhältnissen”, wie Sie es polemisch betitelten, oder Überwachungswahn zu tun hat. Es geht um Respekt. Es geht um den Respekt, den Sie gestern Frau Wizorek, Frau Schwarzer, Frau Koch-Mehrin und auch Herrn Osterkorn nicht entgegengebracht haben.
Mit dieser schwachen Leistung gestern haben Sie sich alle Sympathien verspielt und haben die Chance vertan, Ihrem Job gerecht zu werden.


Ich gratuliere Ihnen zu einem neuen Niveau-Tiefpunkt und hoffe (denn ich glaube ja an das Gute in Menschen) auf Besserung.



Freitag, 25. Januar 2013

Ein Aufschrei.

Ich bin so sauer. Sauer auf diese Sexismus-Diskussion, in der mir immer wieder gesagt wird, dass ich überempfindlich sei.


Ich kann keine passenden Worte finden, weiß nicht, wie man diese Wut irgendwie so beschreiben kann, dass andere sie verstehen. Verstehen, wo mein Problem liegt.
Im Moment schreiben hunderte Frauen unter dem Hashtag Aufschrei, was sie tagtäglich erleben müssen, schreiben Dinge, die sie sonst vielleicht verschweigen, weil es sonst niemand hören will. Und dann kommt ein Mann und sagt, dass ihm das Geschlecht ja gar nicht so wichtig sei. Dass er sich lieber als Mensch definiere. Ja, du kannst dich als Mensch definieren, wenn du in den Spiegel schaust und dich - den weißen, gesunden Hetero-Mann - ansiehst. Du genießt die Privilegien, die wir nie hatten. Und dann sagst Du: So schlimm kann das doch gar nicht sein.
Doch, es ist schlimm.
Es ist schlimm, wenn ich in der Schule gesagt bekommen habe, dass ich als Frau doch eh keine Ahnung von Naturwissenschaften hätte.Es ist schlimm, wenn immer wieder betont wird, dass ich ja nur die Quotenfrau sei. Es ist schlimm, wenn Männer nicht mit mir, sondern mit meinen Brüsten reden.Es ist schlimm, wenn Männer, die meinen Namen kennen, mich nur mit “Mädchen” ansprechen.Es ist schlimm, wenn mir gesagt wird, ich sei prüde und ich solle mich nicht so anstellen.Es ist schlimm, wenn ich wie ein kleines Kind behandelt werde.Es ist schlimm, wenn ich mir selbst einrede, dass es “bestimmt gar nicht so schlimm” war.Es ist schlimm, wenn ein “Nein” ignoriert oder nicht akzeptiert wird.
Es ist verdammt noch mal schlimm, wie all das kleingeredet und relativiert wird, es ist schlimm, dass ich mich rechtfertigen muss, warum mir sowas passiert, warum ich mich an dem Ort zu der Zeit aufgehalten habe und warum ich nicht “angemessen” reagiert habe.
Ja, wieso reagiere ich eigentlich nicht angemessen? Da sind so viele Frauen, die einen Aufschrei verursachen und es dauert nicht lang, bis sich diese Männer einmischen, die erzählen wollen, dass wir uns halt ordentlich wehren sollten. Dass wir selbst schuld sind. Dass uns die Opferrolle nicht steht. 
Ich will nur noch brechen.Ich muss mich nicht dafür rechtfertigen, warum ich ausgerechnet den Rock getragen habe, wieso ich jemanden angesehen habe, wieso ich überhaupt da war und wieso ich nicht einfach zugeschlagen habe. Verdammt, ich trage keine Verantwortung dafür, dass jemand übergriffig wird! Niemand kann mir eine Mitschuld einreden.
Vielleicht sollten diejenigen privilegierten Männer, die jetzt rumjammern, sie seien auch so hart betroffen und sie seien ja auch nur Opfer des Systems, mal die Tweets lesen, die gerade einen einzigen Aufschrei in meiner Timeline verursachen lesen und nochmal überdenken, ob sie wirklich so arm dran sind und sich ihre “Aber wir sind alle Opfer”-Sätze nicht einfach mal sparen sollten.
Es ging in dieser Debatte nie darum, dass man Brüderle aus politischen Gründen schaden wollte. Es sollte nie die Frage aufkommen, wieso sich die Journalistin abends an der Bar aufgehalten hat und warum sie überhaupt noch ein ernsthaftes Gespräch führen wollte zu so später Stunde. Das sind alles Relativierungen.
Es ging nie nur um Brüderle. Es geht um die ganze sexistische Kackscheiße, die wir jeden Tag ertragen, jeden Tag aushalten müssen und die nicht zu relativieren ist. Es geht um Sexismus. Es geht darum, dass uns gesagt wird, es sei nur nett gemeint, wir sollten uns darüber freuen und uns geschmeichelt fühlen. Es geht um den Blick auf meine Brüste, einen Kachelmann, der ein Buch veröffentlichen kann und von Opfer-Abos spricht, um Grenzüberschreitungen, um Relativierungen und um eine ganze Gesellschaft, die sich dieser Debatte stellen muss.
Und es geht ganz sicher nicht um Mitleid. Was hilft es, wenn ihr euch jetzt hinstellt und so tut, als hättet ihr von nichts gewusst? Als wenn Sexismus etwas ganz Neues wäre und euch jetzt erst bewusst würde, dass das irgendwie ein Problem ist? Was bringt mir euer Mitleid? Verändert euer Verhalten. Hört auf, mich zu einem Objekt zu machen, hört auf, über mich zu reden, hört auf, mich in Frage zu stellen. Das wäre zumindest ein Anfang.


Ich habe mir so oft gewünscht, anders reagiert zu haben. Ich bin starr. Danach mache ich mir Vorwürfe. Hätte ich doch nur... schneller reagiert, ihn weggestoßen, jemanden um Hilfe gebeten, keine Ahnung, was. Ich will mir diese Vorwürfe nicht machen.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Keine Privilegien. Für niemanden.

Ich hab schon wieder was gelernt: Übergrifflichkeit ist nicht gleich Übergrifflichkeit. Wie sie bewertet und aufgenommen wird, hängt vom Zeitpunkt, von der Person und von der Laune der Berichterstatter_innen ab.
Im Moment tobt die Debatte um die Übergrifflichkeitsvorwürfe gegen Rainer Brüderle. Kaum wurde er zum Gesicht der FDP erklärt, erscheint ein langer Artikel im Stern, in dem ihm eine Journalistin vorwirft, am Rande eines Balls 2012 übergriffig geworden zu sein. Die Debatte verstrickt sich darin, man wolle Brüderle nur mit Dreck bewerfen, man würde alles, was passiert sei, dramatisieren. Niemand der führenden FDP-Politiker_innen spricht über Übergrifflichkeit und Sexismus. Auf einmal ist der böse “Qualitätsjournalismus” das Problem.

Kommt euch bekannt vor? Natürlich, das ist Alltag. Natürlich wird der Vorwurf nicht ernst genommen, schließlich kommt er im falschen Moment gegenüber der falschen Person. Und es finden sich auch auffällig schnell andere bekannte Politiker_innen, die den Beschuldigten in Schutz nehmen. Nicht zuletzt aus Selbstschutz, schließlich ist die FDP (jedenfalls nach eigener Aussage) wieder zur Ruhe gekommen, das will man nicht aufs Spiel setzen. Und die Journalistin, die soll sich halt nicht so haben. Ist doch nix passiert.
Natürlich ist etwas passiert. Rainer Brüderle hat - nach niedergeschriebener Erinnerung der Journalistin - eindeutig Grenzen überschritten. Er hat sie nicht nur überschritten und ignoriert, dass sie ihn zu Professionalität aufgerufen hat. Er hat ihr “Nein” ignoriert. Woher nimmt er sich das Recht, das zu dürfen? Vielleicht, weil er Politiker ist und sie “nur” eine junge Journalistin? Rainer Brüderle habe danach auch noch gesagt, dass wir “am Ende [...] alle nur Menschen” seien. Ja, genau deshalb muss er sich auch an die gleichen Regeln halten, wie alle anderen Menschen. Politiker_in sein bedeutet nicht, im zwischenmenschlichen Kontakt irgendwelche Privilegien genießen zu können. Es gibt kein Privileg, dass ein “Nein” zu einem “Ja” macht, keines, dass ein “Nein” einfach revidiert und keines, dass Hierarchien zwischen den Personen aufbauen kann. Und im Übrigen gibt es auch keines, das vorschreibt, solche Vorfälle der Übergrifflichkeit zu ignorieren. Weder beim Tanzen, noch am Tag noch, wenn es sich um Politiker_innen handelt. Übergrifflichkeit ist Übergrifflichkeit. Ist es nicht so, dass wir Sexismus gerade bei beruflichen Hierarchien viel öfter thematisieren müssten? Vermeintliche Überlegenheit und Machtgehabe auf das Zwischenmenschliche zu übertragen und zu meinen, das Recht zu allem zu haben, ist keine Seltenheit. Ich finde auch nicht, dass man im Fall vom Vorwurf gegenüber Brüderle irgendwie von Professionalität sprechen muss. Er hätte sich nicht “professioneller” Verhalten müssen, da die beiden beruflich miteinander zu tun hatten und auch nicht, weil er als Politiker etwas zu verlieren hat. Es wäre nicht professionell, es ist selbstverständlich, Grenzen zu achten und das Gegenüber zu respektieren!

Es zeigt schon fast eine traurige Art von Humor, dass im Zusammenhang mit dem Stern-Artikel “Der Herrenwitz”, der die Übergrifflichkeit thematisiert, von einem Tabubruch gesprochen wurde. Es sei ein No Go, ausgerechnet jetzt darüber zu berichten. Man habe Rainer Brüderle nur in den Dreck ziehen wollen. Achso - der Übergriff an sich war also kein Tabubruch, der thematisiert werden muss? Rainer Brüderle ist in einer Position, in der ihm so etwas schaden kann, es steht einiges auf dem Spiel - nicht nur für ihn, sondern eben auch für seine Partei. Natürlich versuchen sie den Vorwurf aus dem Weg zu räumen. Aber dass das gleich bedeutet, die Journalistin niederzumachen, ihren Vorwurf niederzureden, dass will nicht in meinen Kopf rein. Ist also das Standing wichtiger als ein Übergriff? Kann man nicht konsequent dagegen vorgehen? Wieso tut man das nicht? Ganz einfach - weil es Alltag ist.

Man mag über den Zeitpunkt der Veröffentlichung streiten können. Der Vorfall soll im Januar 2012 passiert sein, natürlich stellt sich die Frage, warum es nicht früher thematisiert wurde. Ich kann wohl kaum beurteilen, wie so etwas in der Redaktion abläuft und wie viel Mitspracherecht ein_e Journalist_in über den Zeitpunkt der Veröffentlichung hat. Fakt ist, dass der Vorfall jetzt, wo Brüderle im Rampenlicht steht, mehr Aufmerksamkeit bekommt. Gerade deswegen ist auch gut zu beobachten, dass der Vorfall eben von allen Seiten klein geredet wird, dass man das nur getan habe, um der FDP zu schaden. Und eben dieser Gegenvorwurf reiht sich ein in das, was wir als rape culture bezeichnen. Opfern wird ein böser Wille unterstellt, sie werden zu Täter_innen gemacht. Die Frau, die Kachelmann vorwarf, sie vergewaltigt zu haben, wurde kurz darauf als Lügnerin dargestellt, die sich nur habe rächen wollen. Und das ist kein Einzelfall, das passiert mit vielen Frauen, die an die Öffentlichkeit gehen.
Und genau da wollen wir nicht hinkommen: Dass wir uns selbst einreden “So schlimm war das schon nicht”, “Das passiert halt mal”, “Hat er halt mal ein bisschen zu viel getrunken”, …
Niemand muss das, was geschieht, runterspielen. Das gehört da nicht hin. Und dabei ist es völlig egal, wer Täter_in und wer Opfer war, sexualisierte Gewalt und Übergrifflichkeit sind nicht zu relativieren. Punkt.

Dienstag, 15. Januar 2013

Alltag heißt rape culture.

Es ist schon irgendwie paradox.
Auf der einen Seite steht das Unwort des Jahres: Opfer-Abo. Gute Wahl. Das Wort hat Jörg Kachelmann geprägt. Lange Zeit nach seinem Freispruch gab er ein Interview und sprach davon, dass Frauen immer Opfer seien und diese Opferrolle nicht hinterfragt würde, selbst wenn sie zu Täterinnen (Falschbeschuldigung aus Rache) würden. Frauen hätten ein Opfer-Abo. Damit stellt er jede Beschuldigung der Vergewaltigung in Frage.
Ich habe mich wirklich gefreut, dass “Opfer-Abo” das Unwort des Jahres geworden ist, denn es ist nur konsequent. Mit der Benennung bezieht die Jury klar Stellung gegen irgendwelche Mythen von Frauen, die aus Rache Männer beschuldigen und gegen das generelle Hinterfragen von Vergewaltigungsvorwürfen. Es ist rape culture, wenn Kachelmann so etwas behaupten kann, wenn so eine Behauptung irgendeinen Konsens findet und Vergewaltigungsvorwürfe derart relativiert werden. Rape culture, und einige Menschen in Deutschland, die in der Öffentlichkeit stehen - nämlich die Jury - haben es begriffen.
Aber dann steht auf der anderen Seite die grausame Vergewaltigung in Indien. Auch das hat eine aufgewühlte Debatte mit sich gebracht - und das ist gut so! Aber in dieser Debatte schwingt etwas mit, was da überhaupt nicht hingehört: Nämlich die Betonung, dass es ja in Indien passiert sei. Indien, dieses Land mit dem Kastensystem, das 10.000 Kilometer von uns entfernt ist. Das Land, das wir kaum kennen und in dem eh alles anders ist.
In diese Debatte gehört viel mehr, dass wir den Umgang mit Vergewaltigungen, sexualisierter Gewalt und dem Vorwurf/der Beschuldigung auch in Bezug auf uns selbst diskutieren.

Jetzt könnte man fragen: Wie gehören das Unwort des Jahres und die Vergewaltigung in Indien zusammen?
Ich stelle eine Gegenfrage: Wieso schaffen wir es nicht, die Debatte miteinander zu verbinden?


Bei Kachelmanns Äußerungen haben wir es geschafft, dass es diskutiert und als rape culture verstanden wurde. Trotzdem hat man ihm Raum gegeben, so etwas vor einem großen Publikum zu sagen, ein Buch zu veröffentlichen und sich als das Opfer der bösen Justiz darzustellen.

Aber die Vergewaltigung wird mit einer solchen Distanz diskutiert, dass man das Gefühl haben könnte, dass bei uns so etwas nie passieren könne. Ich kann die Artikel über diese grausame Vergewaltigung nicht mehr lesen, ich kann nur noch schreien, weinen, ich kann das nicht aushalten. Gewalt gegen Frauen ist verdammt noch mal kein Problem, das nur in Indien und in anderen entfernten Ländern vorkommt. Es ist Alltag. Hier. In Delhi. Überall. Alles, was dort nun diskutiert wird, muss hier doch genau so diskutiert werden.


Wir können rape culture nicht so diskutieren, als hätten wir nichts damit zu tun. Ich kann nicht morgens vor dem Spiegel stehen und mich fragen, ob mein Ausschnitt zu tief ist und dann beim Frühstück die Zeitung aufschlagen und lesen, dass in Indien tausende Menschen gegen den Staat, die Justiz und die Umstände, die diese Vergewaltigung möglich gemacht haben, demonstrieren. Ich will, dass das bei uns auch passiert.

Wenn ich hier dazu aufrufen würde, dann stände ich bei einer Demonstration mit meinen üblichen feministischen Mitstreiter_innen da. Ich brauche keinen konkreten Fall. Es muss niemand sterben, muss niemand vergewaltigt  werden. Ich brauche keinen Kachelmann, kein Spiegel-Interview und kein Kachelmann-Buch, um wütend zu sein. Sexualisierte Gewalt ist alltäglich. Das muss doch als Grund reichen!


Rape culture ist mein verdammter Alltag. Eine Diskussion über das Wort “Opfer-Abo” ist nur ein Anfang. Es geht nicht nur darum, dass Kachelmann so etwas sagen kann und darum, dass das auch noch veröffentlicht wird.
Es geht auch darum, dass ich mich manchmal abends nicht traue, alleine einen dunklen Weg lang zu gehen.

Es geht um rape culture. Und es macht mich unglaublich wütend, dass das nicht gesehen wird. Es macht mich wütend, dass wir über das so weit entfernte Indien reden, das ganz anders ist als Deutschland. Es macht mich wütend, dass ich dann oft alleine da stehe und es macht mich verdammt noch mal wütend, wenn dann jemand sagt “Oh Mensch, was da in Indien los ist...” während hier so viele Frauen unter Gewalt leiden, so viele Frauen als Lügnerinnen bezeichnet werden und wir von unserer ach so westlich zivilisierten Welt begeistert sind, in der alles anders ist.
Ist es eben nicht.


Mittwoch, 9. Januar 2013

Stark sein!


Ich habe in den letzten Wochen viel Scheiße erlebt. Zu viel, um einfach darüber hinweg zu sehen und zu viel, um es für mich allein abzuhaken und um es alleine durchzustehen. Manchmal wächst einer_einem alles über den Kopf. Das ist nicht immer leicht. Das Beste daran ist, zu sehen, wer für mich da ist und wer bleibt, wenn ich noch so unausstehlich bin. Ohne diese bestimmten Menschen in meinem Leben hätte ich viele Entscheidungen nicht so treffen können, wie ich sie getroffen habe und dafür bin ich sehr dankbar.
Aber bitte: Das, was zählt, ist nicht, dass ich das mit erhobenen Kopf durchstehe, sondern, dass ich es überhaupt schaffe und irgendwann da ankomme, wo ich hinwill.  Ich weiß, dass es nett gemeint ist, wenn ihr mir Mut zusprecht und wenn ihr mir sagt, dass ich das schon schaffe.
Bitte vergesst nie: Ich  bin nicht immer stark. Ich kann das gar nicht. Ich meistere nicht jede Situation, ich tu nicht immer das Richtige, ich bin nicht immer diejenige, die ihr kennen gelernt habt.
“Du musst jetzt stark sein!” - muss ich das? Nein, ich will auch schreien. Und ausflippen. Weinen, Laut Musik hören und ab und zu unfair sein, Dinge sagen, die ich nicht so meine. Ich will Türen knallen und mich zurückziehen können. Ich will auch zeigen können, dass ich nicht immer stark bin. Das gehört alles dazu. Ich will auch mal nicht stark sein müssen. Ich will kein Lob dafür, wie ich jede SItuation meistere, sondern ich will auch mal nicht für meinen Zustand bewertet werden und nicht kategorisiert werden. Ich bin nicht immer stark und auch das gehört dazu.
Ein Mensch, der mir viel bedeutet, hat vor Kurzem gesagt: “Versuch, stark zu sein. Und wenn du nicht stark sein kannst, dann halte ich dich”. Das bedeutet mir viel mehr, als ständig die Fassung zu wahren.
Was ist so schlimm daran, zu den eigenen Fehlern zu stehen, aus dem Rhythmus zu kommen und nicht immer Nachvollziehbares zu tun?
Es ist nicht schlimm. Das gehört dazu. Und ich finde, das beweist viel mehr Stärke, als Gefühle zu unterdrücken und zu verheimlichen.