Samstag, 23. Februar 2013

Als neunte kam dann eine Frau.


Ich war heute bei einer Kundgebung. Eine Soli-Demo, da hier in der Region das größte Werk dicht gemacht wird und 1200 Menschen ihre Arbeit verlieren werden. Das ist für mich etwas, das alle hier etwas angeht, es sind eben - wie gesagt - 1200 Arbeitsplätze (im Werk, aber auch außerhalb, z.B. in Bäckereien) betroffen, Familien sind betroffen, der Wirtschaftsstandort ist betroffen. Und keineswegs sind nur Männer betroffen.

Trotzdem trat dort das Phänomen auf, dass man schon viel zu oft erlebt: Die Redebeiträge erfolgten zum Großteil durch Männer. Das soll nicht missverstanden werden, wir waren für alle, die dort waren, dankbar. Aber ich denke schon, dass man in Frage stellen muss, wie so eine männlich dominierte Veranstaltung zustande kommt.
Klar, es haben diverse Gewerkschaftsfunktionäre, der Wirtschaftsminister, der Bürgermeister, ein Betriebsrat usw. geredet. Das war auch alles inhaltlich super, aber heißt das, dass Frauen das inhaltlich nicht leisten können? Dass sie weniger gut reden? Nein, eben nicht. Als neunte sprach schließlich eine Frau, die inhaltlich genau das Gleiche sagte, es genauso rüberbringen konnte wie ihre Vorredner und die genauso viel Zustimmung erntete. Insgesamt sprachen 14 oder 15 Menschen, darunter nur drei Frauen. Wer verteilt Redebeiträge? Männer - nämlich diejenigen, die in Positionen sind. Wer achtet auf die Reihenfolge? Niemand. Würde jemand auf den eigenen Beitrag verzichten? Nein.
Das ist nur ein Bruchteil des Phänomens, von dem ich spreche. Es geht ja nur zum einen darum, wie Redebeiträge bei so etwas verteilt werden. Nicht unwesentlich ist dabei auch, wer in die Funktionen kommt, in denen man dann für einen solchen Beitrag überhaupt erst in Frage kommt. Ich selbst bin Stellvertreterin in einem Landesvorstand. Wir sind quotiert, aber der Landesvorsitzende ist männlich. Wie so oft ist die Position mit der größten Verantwortung männlich besetzt. Und nein, das ist kein Einzelphänomen, das ist fast überall so. Wir mögen unsere Vorstände, Gremien, Ausschüsse, whatever, quotieren, aber da, wo nur eine_r hin kann, weil eine Doppelspitze nicht geht (Bsp: Spitzenkandidat_in) oder weil eine Quote dann eben nicht funktioniert, da wird meistens männlich besetzt. Warum? Können Männer sich besser durchsetzen? Haben Männer mehr Führungsqualitäten? Können sie besser Wahlen gewinnen? Natürlich nicht. Das beweisen einzelne Frauen wie Hannelore Kraft jeden Tag. Ich denke einfach, dass sich Männer stärker in Position bringen und sich profilieren. Als es darum ging, über SPD-Spitzenkandidat_innen für die Bundestagswahl nachzudenken, kamen sofort drei Männer ins Gespräch. Gibt es keine Frauen, die dafür in Frage gekommen wären? Doch, natürlich. Aber insgeheim suchte man nach einem Mann, genauso wie vor einem Jahr, als Joachim Gauck Bundespräsident wurde und Alexander und ich darüber schrieben. Es hat sich nichts verändert, das gewünschte Profil für Führungspositionen ist gleich geblieben: weiß, männlich, heterosexuell.

Zurück zu der Kundgebung heute: Als ich es ansprach, dass ich mich darüber freute, dass endlich eine Frau sprach, bekam ich nur ein “Ach, Du wieder..” zu hören. Ist das so? Bin ich kleinlich? Ich sage: Nein. Es sollte darum gehen, dass Feminismus ein Querschnitt im Alltag sein sollte. Feministisch handeln gilt nicht nur dann, wenn auch inhaltlich über Feminismus gesprochen wird, sondern eben auch gerade dann, wenn es eine Grundsätzlichkeit wird: Im politischen Diskurs, im Privatleben und wenn es um Macht geht. Es ginge um die Sache, wurde mir gesagt. Ja, eben. Frauen können “die Sache” genauso gut vertreten wie Männer. Das war heute nichts, was nur Männer betrifft. Und für Menschen, die Feminist_innen sind oder wenigstens pro-feministische Ansätze vertreten, sollte es völlig legitim sein, dass die Fragen nach Parität und Quotierung und nach Macht und Umverteilung zwischen den Geschlechtern gestellt werden! Arbeitsmarkt und soziale Gerechtigkeit sind keine Männer-Themen. Und ich fühle mich verdammt unwohl auf solchen Typen-dominierten Veranstaltungen, auf denen sich die ganzen Funktionäre selbst darstellen und die Stellvertreterinnen (damit bin ich bei dieser VA nicht gemeint) daneben stehen und klatschen. Es soll doch nicht darum gehen, dass jetzt nur noch Frauen sprechen sollen und dass Führungspositionen entmachtet werden (sprich: Dass ich als Stellvertreterin nur noch rede und der Landesvorsitzende nicht mehr sprechen darf). Es geht darum, dass innerhalb von Verbänden, Organisationen und Strukturen dafür gesorgt wird, dass es klare Absprachen gibt und dass sowohl Männer als auch Frauen zu Themen sprechfähig sind. Und es muss zum aktuellen Zeitpunkt eben auch eine Machtumverteilung geben: Wenn wir nicht weiter die männlichen Redner, Vorsitzenden, Spitzenkandidaten bejubeln wollen, dann muss Macht abgetreten werden, dann müssen wir uns um Empowerment für Frauen kümmern und zusehen, dass wir auch unsere nicht von der Quote betroffenen Ämter klarer und transparenter besetzen, nicht nur Männer auf Führungspositionen vorbereiten und dass Männer zugunsten einer Frau auch mal verzichten. Wenn es diejenigen, die Redebeiträge - so wie heute - verteilen, nicht tun, dann müssen Feministen selbst die Verantwortung übernehmen, mit gutem Beispiel vorangehen und bei sich selbst anfangen!

Dienstag, 5. Februar 2013

Wellen schlagen für einen emanzipatorischen Akt

Am 25. Januar um 1:26 Uhr, da ging es los. Unser Aufschrei. Und jetzt wird über uns geredet, überall. Gibt es eine Zeitung, die nicht darüber geschrieben hat? Gibt es ein Talkshow-Format, einen Sender, der es nicht aufgegriffen hat?
Es war ein gutes Gefühl, Erfahrungen loszulassen, Dinge rauszuschreien, die sonst nie jemanden interessiert haben. Die man nie loslassen konnte, weil sie nicht geglaubt wurden und weil es einfach so alltäglich war.
Es war empowernd, Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen, die sich in die direkte Diskussion in der Öffentlichkeit getraut haben wie zum Beispiel Anne Wizorek bei Jauch.

Mir wurde zu oft gesagt, dass es doch nur eine politische Diskussion sei, wie jede andere. Dass ich das nicht so an mich ranlassen sollte, dass ich es nicht persönlich nehmen dürfe. Aber: Das Private ist politisch. Jede Relativierung und jede höhnische Bemerkung haben mich direkt getroffen. Es geht nicht nur um meine politische Meinung. Es betrifft meinen Alltag und vor allem: Meine Überzeugung. Eine Überzeugung, für die ich täglich einstehe, die ihren Platz in meinem Leben hat. Meine Überzeugung, die mein Menschenbild prägt, die meine Vorstellung von Gleichheit, und damit auch von Freiheit und Gerechtigkeit prägt. Es geht um alles, was mein Leben ausmacht. Natürlich nehme ich das persönlich.

Aber jetzt ist es schon fast zwei Wochen her. Die Argumente wiederholen sich. Die Artikel und Blogeinträge ähneln sich.
Ich verliere die Geduld. Ich weiß, dass wir lange darauf warten mussten, dass alltägliche Unterdrückung endlich thematisiert wird. Aber ich kann die Argumente nicht mehr hören, kann mich nicht länger davon kränken lassen. Ich kann kaum noch geduldig antworten und erklären. Ich werde zunehmend sarkastisch, bin es leid, immer wieder die gleichen Sätze zu formulieren. Es fällt schwer, Dinge, die so selbstverständlich sein sollten, immer wieder zu erklären, als wäre das was ganz Neues, wovon noch nie jemand etwas gehört hätte.
Diese ganze Diskussion kostet so viel Kraft, dass ich keine Ahnung habe, wie lange ich das noch aushalte.
Das Problem ist nicht das Thema. Was so ermüdend ist, ist, wie die Diskussion geführt wird. Sie basiert auf Vorwürfen, auf den Versuchen, zu leugnen, dass es Sexismus gibt. Ich will doch nicht diskutieren, ob Sexismus existiert oder nicht! Dafür brauche ich keine Diskussion, dafür muss ich einfach einen Tag lang vor die Tür gehen, den Fernseher oder das Radio anschalten.
Ich will, dass Menschen begreifen, dass nicht meine Definition von Sexismus das Problem ist (“Du bist aber auch empfindlich!”) und dass auch nicht mein Verhalten irgendwas legitimiert (Blogartikel “Dann mach doch die Bluse zu!”). Natürlich ist es immer schwieriger, das eigene Verhalten zu hinterfragen, anstatt andere verantwortlich zu machen. Aber genau das bedeutet diese Sexismus-Debatte doch: Hinterfragt euer Handeln. Ich hinterfrage mich auch, natürlich. Ich weiß, dass ich nicht alles richtig mache. Ich weiß, dass ich teils auch sexistisch denke. Ich sehe Emanzipation - also auch Antisexismus - aber als einen Akt. Ich bin nicht von heute auf morgen losgelöst von meiner Sozialisation, bin nicht perfekt. Aber ich verwende meine Sozialisation nicht länger als Entschuldigung. Ich arbeite an mir und das würde einigen von euch auch verdammt gut tun.

Aber jetzt ist es wirklich schon fast zwei Wochen her, die Twitter-Welle hat auch aufgehört. Es schlägt Wellen, ja, aber es ist doch die Frage, welche Kraft diese Wellen haben und welches Ziel sie verfolgen.
Was kommt jetzt?
Wie geht es weiter?
Was passiert, wenn das Thema nicht mehr allzeit und überall präsent ist?
Was haben wir dann erreicht?

Und wo stehen wir in ein paar Wochen?

Ich will, dass wir nicht nur über Sexismus diskutieren. Ich will, dass wir Unterdrückung thematisieren. Eigentlich bin ich mir sogar sicher, dass Rassismus ähnlich - wenn nicht sogar genauso - funktioniert. Man sucht nach einem bestimmten Merkmal, das jemanden von sich selbst unterscheidet und nimmt es als ungeschriebene Abstufung von sich selbst. Deshalb frage ich mich: Wie können wir Privilegien umverteilen, Herrschaftsstrukturen auflösen und eine konstruktive Diskussion darüber führen?