Freitag, 31. Mai 2013

Warum ich mich nie mit FEMEN solidarisieren werde.

Beim Finale von Germanys Next Topmodel hat FEMEN Deutschland für Aufsehen gesorgt. “Heidi’s Horror Picture Show” stand auf den nackten Oberkörpern, als sie auf die Bühne sprangen und für einen kurzen Moment die Aufmerksamkeit an sich reißen konnten. Ja, Kritik an Sendungen wie GNT ist mehr als berechtigt. Das kann und darf aber nicht heißen, dass man sich mit FEMEN auch nur im Entferntesten solidarisiert. Irgendwie führte dieser Auftritt dazu, dass FEMEN und ihre Aktionen in meiner Facebook-Timeline von einem Moment auf den anderen abgefeiert wurden, als sei alles toll und richtig, was FEMEN so macht.
FEMEN, das sind doch die Frauen, die nackt gegen die Sexualisierung und Ausbeutung von Frauen protestieren, oder? Ja, genau. Das sind auch die, die Faschismus-Vergleiche anstellen, Frauen, die nicht ihrem Frauenbild entsprechen, entmündigen und verurteilen und irgendwie doch nur eine Reproduktion heteronormativer Verhältnisse anstreben.


Dass eine Solidarisierung von FEMEN-Aktionen nicht möglich sein kann, war spätestens seit der Aktion auf der Reeperbahn in Hamburg klar. Es sollte eine Aktion gegen Sexarbeit sein. Allein dagegen ist schon genug einzuwenden, trotzdem mag es gerade noch so als Provokation durchgehen. Nackt mit einem Fackelzug durch die Herbertstraße zu laufen ist schon hart an der Grenze. Dann aber Transparente mit der Aufschrift “Arbeit macht frei” und “Prostitution ist Genozid” auszupacken und anzubringen, ist geschichtsrevisionistisch und scheiße. Sexarbeit mit Faschismus gleichsetzen? Morde mit Prostitution vergleichen? Da, wo schon die Nazis mit Fackeln marschiert sind, mit den gleichen Parolen langzulaufen? FEMEN sind geschichtsrevisionistisch und scheinen nicht begriffen zu haben, dass man mit dem Faschismus-Begriff nicht leichtfertig umgehen sollte.


Gefordert wurden die Illegalisierung der Freier und Zuhälter. Kurz gesagt: Sexarbeiterinnen werden entmündigt, es wird aberkannt, dass diese Arbeit wie jede andere Lohnarbeit frei gewählt werden kann. Anstatt Sexarbeiterinnen eine bessere Lobby und stärkeren rechtlichen Rückhalt zu verschaffen, fordert FEMEN die Illegalisierung ihrer Arbeit und spricht ihnen Selbstbestimmung und eigene Handlungsfähigkeit ab. Und zu Recht riefen die in der Herbertstraße arbeitenden Frauen den Aktivistinnen hinterher, dass sie diese Form der Lohnarbeit aus freien Stücken gewählt hätten. Sicherlich kann man darüber streiten, inwiefern die Wahl einer Lohnarbeit im kapitalistischen System überhaupt aus freien Stücken passiert. Aber allen Sexarbeiterinnen vorzuhalten, dass man sie mit solchen Aktionen befreie, ist Teil eines antifeministischen und patriarchalen Frauenbildes, gegen das wir Tag für Tag kämpfen und das FEMEN ohne es zu hinterfragen reproduziert.


Mit ihren Aktionen stoßen FEMEN genau diejenigen Frauen vor den Kopf, mit denen wir uns solidarisieren wollen. Während wir alle Frauen mit dem dazugehörigen Lebensentwurf als Individuen und Teil unserer Bewegung verstehen, drängen FEMEN ein festgefahrenes Frauenbild auf und schaffen es mit jeder ihrer Aktionen, Frauen zu demütigen und zu entmündigen. Sie reproduzieren in ihrer geschlossenen Gruppe ein (nacktes) Frauenbild und wollen dieses allen anderen Frauen als “Befreiung” verkaufen. Noch ein Beispiel dafür? FEMEN-Aktivistinnen liefen mit dem Schriftzug “Muslim Women let’s get naked!” auf ihren nackten Oberkörpern durch ein migrantisches Viertel in Paris und nahmen Kopftuchverbrennungen vor. Das wird wohl kaum eine muslimische Frau, die ihr Kopftuch gern und aus freien Stücken trägt (Überraschung, sowas gibt’s!) dazu verleiten sich dieser Bewegung anzuschließen. Vielmehr werden muslimische Frauen diskreditiert, FEMEN wollen ihnen ein nacktes Frauenbild auferlegen und ihnen wird klar gemacht: So wie ihr seid, könnt ihr niemals Teil unserer Bewegung werden. Auch hier verstanden FEMEN sich als die großen Retterinnen der armen, unterdrückten Frauen. FEMENs Kampf mag nackt sein. Der Kampf vieler anderer Frauen ist es nicht. Und das ist auch richtig so.


FEMEN geben ein klares Frauenbild vor. Die Aktivistinnen sind jung und schlank. Die Aktivistinnen tragen kein Kopftuch. Die Aktivistinnen müssen sich ausziehen. Andere dürfen nicht mitmachen. Ihr Freiheitsbegriff bedeutet, dass Frauen erst frei sind, wenn sie ihren Glauben nicht mehr leben (weil laut FEMEN ja alle muslimischen Frauen dazu gezwungen werden) und wenn sie bereit sind, sich auszuziehen. Mit ihren Aktionen reproduzieren FEMEN den Sexismus, unter dem Frauen überall täglich leiden. Sie beschreiben sich mit “hot boobs, cool heads”. Hot boobs? Wer definiert das eigentlich? Können Frauen ohne Brüste FEMEN sein? Wieso muss man sich, wenn man von sich glaubt, einen feministischen Kampf zu kämpfen, auf genau die sexistischen und lookistischen Bilder einlassen, die wir Feminist_innen zu überwinden versuchen? Ich habe keine Lust auf Feminismus, wenn dabei ein so heteronormatives und sexistisches Frauenbild vorgegeben wird, dass die Mehrzahl aller Frauen* ausgrenzt und entmündigt werden.
Natürlich waren die Aktivistinnen, die bei GNT auf die Bühne stürmten schlank. Was sonst? Wie hätten die Medien auch auf Nacktheit bei nicht der Norm entsprechenden Körpern reagiert?
Ja, Nacktheit kann als Waffe verwendet werden. Während des refugee-camps in Berlin 2012 bekam das Camp erst Aufmerksamkeit, als einige Frauen angekündigt hatten, ihre Brüste zu zeigen. Das hat die deutschen Medien, die auf einmal bei dem Camp vertreten waren, bloßgestellt. Sensationsgeilheit über dem Schicksal der Menschen, denen dort eigentlich alle Aufmerksam gelten sollte. Das hat diese Aktion gezeigt. FEMEN würden niemals so viel Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie sich nicht ausziehen würden. Deshalb frage ich: Inwiefern ist Ausziehen selbstbestimmt, wenn nur dadurch Aufmerksamkeit erreicht wird? Und vor allem: Inwiefern ist das sinnvoll, wenn die Aktionsform immer Nacktheit heißt und der Grund für den Protest erst danach gesucht wird?


Der Kampf gegen den Kapitalismus ist richtig. Der Kampf gegen das Patriarchat ist auch richtig. Aber im Umkehrschluss das Matriarchat als Ziel zu sehen, halte ich für genauso falsch. Denn auch das setzt eine Unterdrückung voraus, die Unterdrückung von Menschen, die in einem ebenso hierarchischen System keinen Platz finden. Jegliche sexistische Hierarchie setzt ein festes unveränderbares Zweigeschlechtersystem vor. Kann das das Ziel sein? Kann es Freiheit in der Unterdrückung geben?


Ja, eine Aktion gegen GNT ist super. Aber das heißt noch lange nicht, dass irgendwer FEMEN abfeiern sollte, nur weil sie besonders provokant auftreten. Oder wie es e*vibes aus Dresden im Januar so schön formulierten:


Wir wären nicht überrascht euch am 13. Februar in Dresden zu sehen, mit euren Fackeln, Seite an Seite mit Alt- und Neonazis, in Gedenken an die vielen durch die Alliierten getöteten Frauen.”

Bitte, Leute. Feiert den Feminismus. Feiert die internationale Solidarität. Aber doch nicht FEMEN. Und hört auf, Frauen nicht zuzutrauen, dass sie Dinge freiwillig tun und dass sie eigene Entscheidungen treffen können. Auf Geschichtsrevisionismus, Sexismus und Rassismus können wir wirklich gut verzichten.

Freitag, 17. Mai 2013

Nein, das ist kein Feminismus.

Vor wenigen Tagen erschien in der New York Times ein sehr persönlicher Beitrag von Angelina Jolie. Darüber, dass ihr ihre Brüste abgenommen wurden, weil das Risiko, Brustkrebs zu bekommen, bei fast 80 Prozent lag. In diesem Beitrag schreibt sie, wie sie zu dieser Entscheidung kam und sagt explizit, dass sie Frauen Mut machen will und spricht darüber, was das mit Weiblichkeit zu tun hat. Der Text ist sehr empfehlenswert (allerdings auf Englisch). So weit, so gut.
Ich glaube kaum, dass es unsere Aufgabe sein kann, das zu beurteilen, zu hinterfragen oder es besser zu wissen. Und genau deshalb hat die EMMA mit einer Diskussion dazu wieder einmal bewiesen, dass in der Redaktion irgendwas gewaltig schief läuft.
Die EMMA titelt im Diskussionsforum: “Mutig oder feige?” und ruft damit explizit dazu auf, Angeline Jolies Verhalten zu beurteilen und es besser zu wissen. Alle, die sich wenig mit Krebs, mit dem Risiko und mit dieser Entscheidung beschäftigt haben, dürfen sich aufgerufen fühlen, mitzudiskutieren und es besser zu wissen.
Der Diskussionseinstieg durch die EMMA-Moderation lautet wie folgt (Achtung: Kotzen!):

"Mutig oder feige? - Alice Schwarzer über Angelina Jolie
Angelina Jolie ist mutig. Kein Zweifel. Sie lebt bis heute relativ unangepasst. Sie engagiert sich in Film wie Leben für vergewaltigte Frauen im Krieg. Sie geht jetzt mit einer schockierenden, intimen Information an die Öffentlichkeit. Die 37-Jährige hat sich beide Brüste amputieren bzw. aushöhlen lassen. Grund: Angst vor Brustkrebs. Dazu hat Jolie verschärfte Gründe. Nicht nur ihre geliebte Mutter starb mit 56 an Brustkrebs, auch sie selbst trägt das Brustkrebsgen BRCA1 in sich. Laut Experten erhöht das das Risiko zu erkranken um 60 bis 90 Prozent. Doch lässt sich ein solches Problem mit dem Messer lösen? Kann ein Mensch Körperteile, die bedroht sein könnten, einfach abschneiden und bleibt dann gesund zurück? Gewiss nicht. Ein so entfremdetes, mechanisches Verhältnis zum eigenen Körper trägt dem komplexen Zusammenspiel eines Körpers inklusive der Rolle psychischer Einflüsse kaum Rechnung. Jolies Operation ist also weder mutig noch feige, sie ist eine Panikhandlung. Und Panik ist ein schlechter Ratgeber. Die Schauspielerin wäre besser beraten gewesen, ihren eigenen Körper maximal zu beobachten, sich alle sechs Monate untersuchen zu lassen – und umgehend zu handeln, sobald erste Anzeichen für eine Erkrankung auftreten. Ein Vorbild sollte Angelina Jolie in dem Punkt also nicht sein. Meine ich. Und was meint ihr?"

Kurz: Alice Schwarzer sagt, das Verhalten sei weder mutig noch feige, nimmt sich dann aber einfach so das Recht heraus, Angelina Jolie ein “entfremdetes, menchanisches Verhältnis zum eigenen Körper” und eine “Panikhandlung” vorzuwerfen und ihr Ratschläge zu erteilen.
Die Kommentare darunter in der Diskussion machen es nicht besser: Besser wissen, urteilen, in Frage stellen.
Feminismus bedeutet für mich, dass ich Frauen in ihrer eigenen Entscheidung unterstütze, dass ich solidarisch bin und dass ich sie nicht dafür verurteile. Es geht darum, selbstbestimmt mit dem eigenen Körper umzugehen. Ich muss es nicht gut heißen, muss es nicht nachmachen. Warum auch? Ich bin genauso selbstbestimmt / will es jedenfalls sein.
Angelina Jolie ist damit an die Öffentlichkeit gegangen, um zu zeigen, dass die Möglichkeit besteht. Dass es nichts mit Weiblichkeit zu tun hat. Und nicht, weil sie damit erreichen wollte, dass alle das Gleiche tun. Das schreibt sie genauso und ich frage mich, wieso sich Feminist_innen berufen fühlen, ihre Worte umzudrehen und ihr Verhalten zu beurteilen!
Keine Frau* muss meinem Lebensentwurf entsprechen, damit ich solidarisch mit ihr bin. Darum kann es nicht gehen. Es gibt kein richtig und falsch. Es ist einfach so müßig, immer wieder das Gleiche zu hören und in Frage gestellt zu werden.

Und wieder einmal: Liebe EMMA, das ist kein Feminismus. Ihr seid kein Stück besser als der Rest.

Welcome to Orbánism.

Dieser Artikel erschien bereits vor über einer Woche unter Gedanken zu Europa, einem Blog, der dazu anregen möchte, den europäischen Gedanken zu erneuern und zu festigen.

Seit dem 11. April 2010 hat die Fidesz-Partei mit dem Ministerpräsidenten Viktor Orbán die absolute Mehrheit im Parlament in Budapest. Die Regierung ist national-konservativ und kann durch die ⅔-Mehrheit tun und lassen, was sie will. Seitdem ist vieles passiert: Der Name wurde von “Republik Ungarn” zu “Ungarn” geändert, die Pressefreiheit wurde enorm eingeschränkt, Medien werden zensiert, die Unabhängigkeit der Justiz in Frage gestellt. Kunst und Theater werden kontrolliert, Schulleiter_innen, Theaterdirektor_innen, Professor_innen werden durch Fidesz-Funktionär_innen ersetzt. Ungarn entfernt sich in vielerlei Hinsicht weiter von der Europäischen Union und die Protestierenden sprechen hier nicht umsonst von “Orbánismus” und von dem “Viktator”, der über “Orbánistan” herrscht.
Antisemitismus wird offen gelebt – einige Schlaglichter
11.04.2010: Die Jobbik – Magyarországért Mozgalom (“Bewegung für ein besseres Ungarn”) bekommt bei der Parlamentswahl 12,2 Prozent. Jede_r sechste hat in der Krise die rechtsextreme nationalistische “Alternative” gewählt. Die Jobbik ist nun die drittstärkste Partei im Parlament.
01.01.2012: Die neue Verfassungspräambel tritt in Kraft. Nun beginnt die Ungarische Verfassung mit dem “Nationalen Bekenntnis”, das den christlichen Ursprung Ungarns betont und impliziert, dass für andere kein Platz ist. Das “Nationale Bekenntnis” wird in allen Amtsstuben ausgehängt.
Juni 2012: Drei Jahre nach ihrem Verbot marschiert die Ungarische Garde wieder. Die Ungarische Garde wurde 2007 von der Jobbik, der Ungarischen rechtsextremen Partei, gegründet. Sie wird europaweit als rechtsradikal und gefährlich eingestuft.
Herbst 2012: Die Jobbik-Partei fordert die Registrierung aller in Ungarn lebenden Menschen jüdischen Glaubens.
16.03.2013: Der Archäologe Kornel Bakay wird mit dem höchsten Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Kornel Bakay hatte von Jesus Christus behauptet, dieser sei kein Jude, sondern ein Prinz aus dem – angeblich mit den Ungar_innen verwandten – alt-iranischen Volk der Parther gewesen. Außerdem stellte er die These auf, dass Jüd_innen im Mittelalter Sklav_innenhandel organisiert hätten.
Keine Randerscheinung
Antisemitismus ist in Ungarn keineswegs ein Problem der extremen Rechten oder irgendwelcher Geschichtsrevisionist_innen. In Hinblick auf die Aufarbeitung der ungarischen Geschichte hat das Land einiges versäumt, zumal nach der NS-Zeit die Jahre des Ostblocks folgten, womit Ungarn eine der jüngsten Demokratien Europas ist. Durch das Trauma aus den zwei Regimen wurde beides oft undifferenziert in einen Topf geworfen, wodurch Antisemitismus auch heute immer noch Alltag ist. Die Aufarbeitung der Schuldfrage bleibt auch heute noch im Selbstmitleid über den Vertrag von Trianon stecken und ruft nationalistische Gedanken zu “Großungarn” hervor. Über 60 Prozent (!!!) der ungarischen Bürger_innen sind auch heute noch überzeugt, dass “die Jüd_innen” an der aktuellen Krise schuld seien.
Nicht erwähnt wird, dass die Schuld den letzten zwei Regierungen sehr gut nachgewiesen werden kann. Dass die Fidesz eine Einheitssteuer eingeführt hat, die die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden lässt, wird nicht erwähnt. Dass Politiker_innen oft aufgrund von Korruption zurücktreten müssen und ersetzt werden, wird ebenfalls nicht erwähnt. Ich finde das schwer zu glauben: In einem Land, das Mitglied der Europäischen Union ist, sind über 60 Prozent nach wie vor überzeugt, dass das Unglück und Elend von den Menschen jüdischen Glaubens ausgeht.
Von etwa 800.000 Menschen jüdischen Glaubens vor 1930 sind nach dem Nationalsozialismus (in Ungarn durch die Pfeilkreuzler-Partei ausgeübt) nur 80.000 geblieben. Viele wurden ermordet, starben in Konzentrationslagern, verließen Unganr. Heute gibt es im Budapester Stadtteil Erzsébetváros, rund um die größte Synagoge Europas, wieder eine jüdische Gemeinde. Dieser wurde allerdings im März 2013 einer der wichtigsten Treffpunkte, das Síraly-Kávéhaz, genommen. Das Café wurde von der Polizei gestürmt, gewaltsam geräumt und man gab als Begründung dafür an, es hätte keine Schankerlaubnis gegeben. Antisemitismus war das natürlich nicht…
Aus Protest: Der Jüdische Weltkongress
Um gegen den offensichtlichen und stärker werdenden Antisemitismus zu protestieren, tagte am Wochenende der Jüdische Weltkongress in Budapest. Dieser wurde von der Polizei weiträumig abgesperrt, was jedoch die Jobbik und diverse Anhänger_innen nicht daran hinderte, dagegen zu demonstrieren und antisemitische Parolen zu rufen. Man mag denken, dass da ein paar neonazistische Spinner_innen standen, jedoch folgten dem Aufruf zur “anti-bolschewistischen und antizionistischen” Kundgebung etwa tausend Menschen. Unter ihnen waren auch 80 bis 100 in Gardistenuniform. Dass die Ungarische Garde, die ja verboten ist und als äußerst gefährlich eingestuft wird, teilgenommen hat, wird allerdings in staatlichen Medien verschwiegen.
Ursprünglich sollte diese Kundgebung verboten werden, jedoch wurde das Verbot am Freitag noch aufgehoben. Zwar hielt das Innenministerium am Verbot fest, die Polizei griff jedoch trotzdem nicht ein. Dies wäre eine Chance für die Regierung gewesen, ihr Veto einzusetzen und damit ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Stattdessen schwieg Orbán und versäumte die Chance, die Regierungspartei auch deutlich von der Jobbik zu distanzieren.
Die Jobbik-Demonstration fand unter dem Motto “Gerechtigkeit für Ungarn! Gedenkveranstaltung für die Opfer des Bolschewismus und des Zionismus.” statt, Redebeiträge gab es unter anderem von Gábor Vona, dem Jobbik-Chef, von Marton Gyöngyösi, der vor Kurzem die Einführung einer “Judenliste” gefordert hatte und von Levente Murányi, der 2012 eine EU-Flagge verbrannte. Alle drei sind Abgeordnete der Jobbik und fielen in letzter Zeit dadurch auf, dass sie an der Einweihung von Horthy-Gedenktafeln teilnahmen. Wir erinnern uns, Miklos Horthy, enger Verbündeter Hitlers. Dem wird hier wieder gehuldigt.
Opposition und Widerstand
Als sei es nicht schon schlimm genug, dass die Hetze der Jobbik so einen Zuspruch bekommt, scheint es auch kaum Widerstand zu gegen. Der Demonstration gegen den Jüdischen Weltkongress standen am Wochenende nur etwa vierzig Gegendemonstrant_innen gegenüber
Es bilden sich zwar Bürger_inneninitiativen, nur treten diese vor allem für Meinungs- und Pressefreiheit ein. Antisemitische Stereotype finden in fast allen Gesellschaftsgruppen Anklang. Die einzige große Oppositionspartei MSZP, die sozialistische Partei, verkämpft sich in parteiinternen Streitereien. Zwar stellen sie die richtigen Forderungen auf, doch werden sie kaum wahr – geschweige denn ernst genommen und in den eigenen Reihen weitergeführt.
Die meisten Oppositionellen begegnen Orbáns Politik nur noch mit Sarkasmus und Bitterkeit. Die Massendemonstrationen, die jetzt doch eigentlich zu erwarten sein sollten, bleiben aus. Man schüttelt den Kopf, schließt die Augen. Und hofft auf Besserung. Alle Hoffnung ruht auf der Wahl im Mai 2014.
Und die EU? Kann nichts machen, will nichts machen, darf nichts machen. Wobei selbst das kaum verständlich ist: Ein Land mitten in Europa, das nicht gegen Antisemitismus und Antizionismus vorgeht, sondern diesen sogar selbst aus Regierungsreihen noch fördert, sich nur halbherzig von der menschenverachtenden Hetze distanziert, nebenbei die enge Freundschaft zum Iran pflegt und die Demokratie in großen Schritten abbaut, kann von der EU kaum unter Druck gesetzt werden, weil sich all das in einem legalen Rahmen abspielen soll.
Dabei zeigt sich oft, dass es auch hier nur um Machtfragen geht, denn Worte und Taten stehen gegensätzlich zueinander. Während Deutschlands höchste Politiker_innen immer wieder betonen, dass sie die Vorgänge in Ungarn streng verurteilen, sitzt die CDU im Europäischen Parlament noch immer neben der Fidesz in der Europäischen Volkspartei. Es wäre nur konsequent von der EVP, sich von der Fidesz zu trennen.
Was bleibt
Europa will Ungarn, auch wenn Orbán vor Kurzem erst noch meinte, dass Ungarn eher zu Asien gehöre. Europa will Ungarn, auch wenn EU-Flaggen verbrannt werden. Aber Europa bedeutet auch, dass jegliche Form von Menschenfeindlichkeit bekämpft werden muss. Und es bleibt die Hoffnung auf Besserung bei den Wahlen im Mai 2014.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Das dumpfe Gefühl

Nach relativ langer Zeit und dem Festival in Dortmund schreibe ich nun auch endlich mal wieder. Vieles ist passiert, es geht mir nach wie vor gut. Heute Abend geht es los zum Zwischenseminar nach Serbien. Erst drei Tage Belgrad, dann irgendwo im Nichts das Seminar. Ich freue mich auf die anderen Freiwilligen, auf die Gespraeche und darauf, Erfahrungen auszutauschen.
Eine Erfahrung, die ich gestern machen musste, werde ich dort auch auf jeden Fall ansprechen müssen. Weil ich mir nicht sicher bin, wie ich damit umgehen soll.
Ich saß mit einer Lehrerin auf dem Schulhof, mit der ich mich mit Abstand am Besten verstehe. Wir haben eine vierte Klasse beaufsichtigt, die da gespielt hat und uns gut unterhalten. Über alles mögliche, viel Privates. Es ist schön, ganz normal mit jemandem reden zu können, das fehlt manchmal etwas. Ich halte sie für eine wirklich gute Lehrerin, die ihre Klasse wirklich sehr mag und sich viel Mühe mit allem gibt. Dann lief ein Junge aus der Klasse vorbei, in der sie Klassenlehrerin ist. Er hatte einen Stock in der Hand, hat etwas gerufen. Es war laut und unruhig, Kinder halt. Wie Kinder halt so spielen, toben. Und dann sagte die Lehrerin:

“Bei ihm kommt langsam das Zigeunerblut durch in den Hormonen.”
Und ich war fassungslos, habe nichts gesagt. Konnte nichts sagen. Zigeuner? Zigeunerblut? Zum Glück war die Stunde kurz darauf zu Ende, ich bin gegangen und habe lange darüber nachgedacht. Darüber, was das jetzt für mich heißt, für uns beide, wir fahren bald zusammen auf Klassenfahrt. Es geht ja nicht nur um den Begriff “Zigeuner”. Kann sein, dass sie sich einfach nicht dessen bewusst ist, dass das auf Deutsch schwierig ist. Dass die Sensibilisierung einfach nicht da ist. Sie meinte es nicht böse, sie liebt diesen Jungen und behandelt ihn im Unterricht nicht anders als die anderen. Was mich fertig macht, ist dieser tief sitzende Antiziganismus, der biologistische Gedanke, dass bestimmte Menschen (die ja auch von außen einfach einer Gruppe zugeordnet werden) anders waeren als andere. Mir wird übel, wenn ich das höre, schwindelig, weiß nicht, wie ich weitermachen soll. Jegliche Unterdrückung ist hier so tief in den Köpfen verankert, dass ich mich hilflos fühle, weil ich weiß, dass ich nichts dagegen machen kann. Wie soll ich Antisemitismus, Antiziganismus, Antizionismus und Rassismus hier gegenübertreten? Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt?
Ich kann es nicht ignorieren, kann nicht einfach schlucken und weggucken. Ansprechen ist schwierig, war in dem Moment für mich nicht möglich, ich war fassungslos. Vielleicht spreche ich es auf der Klassenfahrt mit ein bisschen Abstand an, keine Ahnung, ob das geht. Ich bin zwiegespalten, möchte es klaeren, möchte ihr sagen, dass das nicht so einfach ist, dass der Begriff Zigeuner_in nicht gut ist und dass es keine Menschen erster und zweiter Klasse gibt, dass alle Menschen gleich sind. Aber gleichzeitig möchte ich dem aus dem Weg gehen, weil ich Angst vor diesen Gespraechen habe, weil ich diese menschenverachtenden Wörter und Theorien nicht hören will, weil sie mich so runterziehen.
Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll, wie ich mit ihr umgehen soll. Wir haben gleich eine Stunde zusammen, aber ich kann das nicht vergessen. Es steht zwischen uns und sie weiß noch nicht einmal davon.
Das musste ich nur loswerden und hoffe, dass wir auf dem Zwischenseminar irgendwie darüber reden können und dass ich nicht alleine bin mit diesem dumpfen Bauchgefühl, das mich einfach nicht mehr loslassen will.

Zurückziehen.


Eigentlich wollte ich was ganz anderes schreiben. Mit klarem Konzept, das habe ich jetzt nicht. Aber es lässt mich nicht los. Die Gedanken kreisen. Einbahnstraßen, immer wieder die gleichen Fragen.
Workers Youth Festival. 3.500 Menschen. Internationale Solidarität. Monatelange Vorfreude.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ja, irgendwie war es schön, Leute wiederzusehen, Menschen kennenzulernen, Sookee, Feine Sahne Fischfilet. Es gab definitiv schöne Momente. Glitzermomente.
Aber irgendwie ist das nicht alles. Es bleibt dieses dumpfe Gefühl. Das Gefühl, sich selbst nach Fehlern abzusuchen, sich selbst zu fragen, an welchem Punkt es aus dem Ruder gelaufen ist. Wann haben die Übergriffigkeiten angefangen? Wann dachte ich zum ersten Mal: Ich fühle mich unwohl? Ich weiß es nicht.
Die Erwartung, dass es Übergriffe geben würde, die war präsent. Natürlich, alles andere ist naiv. 3.500 Menschen, Alkohol, Festival-Stimmung. Ich habe noch kein Festival ohne Sexismus erlebt. Der dumpfe Sexismus fällt vielleicht weg, aber der unterschwellige, der, der am meisten schmerzt, die größten Wunden hinterlässt, der bleibt.

Ich habe nicht gezählt, wie viele sexistische Sprüche ich gehört habe. Wie viele Sprüche es waren, die weh taten. Die immer noch weh tun. Aber was noch mehr schmerzt, ist der Gedanke, den ich dabei hatte. Es gab eine Festival-Awarenessgroup, die auch durchgehend im Dauereinsatz war. Bei dem ersten Spruch hatte ich mein Handy in der Hand, entschlossen, die Awareness-Gruppe anzurufen. Aber irgendwie kam der Gedanke: Nein, lass mal. Geh einfach weg. War schon nicht so schlimm. Hätte schlimmer sein können. Anderen passieren hier schlimmere Sachen. Das ist der Punkt, an dem ich nie sein wollte. Der, an dem ich einen Vergleich zwischen schlimmen und nicht-schlimmen Übergriffen versuche, der, an dem ich versuche, alleine klar zu kommen, obwohl ich es nicht müsste. Kopfschütteln, weggucken, weggehen. Danach darüber reden, manchmal einfach schweigen.
Ich bin im Moment angeschlagen. Das hätte ich nicht gebraucht. Das war zu viel.

Nein, aber das war nicht das Schlimmste. Es war dieser Moment vor der Demo am Samstag. 3.500 Genoss_innen aus vielen verschiedenen Ländern. Erhobene Fäuste, “Hoch die Internationale Solidarität!”. Irgendwie ist es ein schönes Gefühl zu merken, dass ich mit dieser Idee von einer Gesellschaft nicht alleine bin. Zu sehen, dass der Demo-Zug kein Ende hat, das fühlte sich gut an. Aber dann die Freundin aus dem LGBTIQ*-Zelt, die von einem Übergriff erzählte. “In meiner Religion existierst du nicht.”, schreien, weinen, kotzen. Dann die Frage: Was sind hier für Menschen? Auf einem linken Festival? Nichts mit Schutzraum, kein Stück. Und dann wieder der Blick auf den Demo-Zug und das dumpfe Gefühl im Magen: Mit euch will ich nicht solidarisch sein. Das könnt ihr euch schenken. Das Gefühl von Zusammenhalt ist weg. Seit dem WYF. Klar, ich weiß, es gibt die Guten da draußen irgendwo, blöde Menschen laufen überall rum. Aber in diesem Zug von Menschen mit für den Sozialismus erhobenen Fäusten, waren einfach so viele, mit denen ich mich nicht verbunden fühlen kann. Die glotzen, starren, anfassen, nicht fragen. Die sagen: In meiner Religion existierst du nicht.
Kaum Menschen, die Schutzraum bieten. Das LGBTIQ*-Zelt, das war ein Schutzraum, ohne laute, ins Wort fallende Menschen. Meine Freund_innen auch. Klar, ich hatte Rückzugsorte. Aber in diesem Demo-Zug, da gehörte ich einfach nicht hin. In dem Moment bricht alles über dir ein. Die Sprüche vom Abend zuvor, die Blicke.

Nein, das war noch nicht genug. Samstag Abend, Friedensplatz. Die Orsons. Bei dem Gedanken hatte ich vorher schon Bauchschmerzen. Einige von uns haben dagegen protestiert. Dafür hat es bei mir nicht mehr gereicht. Aus Selbstschutz. Wir sind vorher gegangen, haben uns zurückgezogen, wollten das nicht mit ansehen. Haben vielleicht gehofft, dass das mehr Leute so machen würden. Und die Berichte davon machen alles noch schlimmer. Fliegende Flaschen? Sprüche? An dieser Stelle verlinke ich einfach nur einen der Beiträge, die dazu schon geschrieben wurden. Die gelesen werden sollten.

Was bleibt, ist die Frage, wo wir jetzt stehen_wo ich jetzt stehe, nach diesem Festival. Wie ernst wird antisexistische Arbeit bei uns genommen? Was bedeutet das für uns, die wir versuchen, die antisexistische Arbeit voranzubringen? Und irgendwie bleibt Fassunglosigkeit. Über Blicke, über Sprüche, darüber, wieso die Orsons überhaupt eingeladen wurden.

Für mich bedeutet das alles erstmal: Zurückziehen. Es reicht wieder, ich brauche Zeit. Zeit, mich wieder in den Kreisen bewegen zu können.

Auch ich mache weiter, wenn ich mich einige Zeit zurückgezogen habe, um mich zu erholen. Laßt uns Geduld miteinander haben und uns ehrlich die Dinge eingestehen, die wir noch nicht können.

Ja, irgendwann mache ich auch wieder weiter. Aber ich bin es leid, mich aus linken Kontexten zurückziehen zu müssen, wenn diese doch eigentlich Schutzräume sein sollten. Wieso müssen die mir weh tun? Wieso muss ich davor Angst haben? Wieso muss ich mir um Freund_innen Sorgen machen, weil die dort noch schlimmere Dinge erleben?

“Ich sehe, wie in grellem Scheinwerferlicht, zehnfach vergrößert, die täglichen Details meiner Unterdrückung, die täglichen Details des Schmerzes anderer Frauen. Ich habe keine Abwehr mehr dagegen, keine Scheuklappen, ich sitze mittendrin wie ein Muscheltier ohne Schale.”

Ich fühle mich schutzlos. Schutzlos in den Räumen, die Schutz bieten sollten.

Freitag, 3. Mai 2013

Opposition, Zuckerwatte und Bier.


An den 1. Mai letztes Jahr erinnere ich mich noch genau. Wir hatten wochenlang mobilisiert, weil sich die Nazis in Neumünster in Schleswig-Holstein angekündigt hatten. Und letztendlich waren dann etwa 5.000 Menschen vor Ort, die die Nazis klar wissen ließen: Den 1. Mai lassen wir uns nicht nehmen. Und diese 5.000 Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Kontexten - aus Gewerkschaften, aus linken Parteien, Antifa, Bürger_innen, die einfach kein Bock auf Nazis hatten. Die zwei Jahre davor hatte ich in Itzehoe an der Gewerkschaftsdemo teilgenommen. Auch dort waren Gewerkschafter_innen, linke Parteien und interessierte Bürger_innen. Auch wenn die Resonance oft nicht so berauschend ist, wie man sie sich erhofft, so sind dennoch politische Inhalte erkennbar. Am 1. Mai geht es um Lohngerechtigkeit, Equal Pay und viele weitere Forderungen der Gewerkschaften. Der 1. Mai hat Tradition und stand für mich, seit ich politisch interessiert und aktiv bin, immer im Zeichen der Arbeit. Während sich viele Freund_innen von mir darüber freuten, einen Tag frei zu haben ,bin ich früh aufgestanden um zu Maikundgebungen oder Naziblockaden zu fahren. Aus diesem Grund war es für mich selbstverständlich, dass ich den Tag der Arbeit auch hier in Ungarn auf einer Demo oder Kundgebung, gemeinsam mit den Genoss_innen von der MSZP, verbringen würde. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, wusste nur, wann ich mich wo mit einer Genossin treffen würde. Sie holte mich von der Metro-Station ab, dann gingen wir in den Park, wo der Treffpunkt sein sollte (zu dem Zeitpunkt war ich noch fest überzeugt, dass dort eine große Kundgebung stattfinden würde!). Wir gingen zwischen einem Riesenrad, einer Achterbahn, Bratwurst und Bier, Eis und kleinen Bühnen durch. Das ist also der 1. Mai in Ungarn. Ein Volksfest ohne jeglichen politischen Inhalt.Diese Haltung bzw. dieser Umgang mit dem Tag der Arbeit rührt noch aus der Ostblock-Zeit her, da alle Menschen gezwungen waren, an den Feierlichkeiten teilzunehmen, diese Feierlichkeiten jedoch keine politische Kritik implizierten. Stattdessen (wie mir ältere Genoss_innen erklärten) ging man einfach los, traf Bekannte und trank Bier. Das hat sich nicht geändert. Der Tag der Arbeit wird hier nicht als politisches Ereignis, sondern eher als nettes Volksfest wahrgenommen. Es gab zwar politische Reden (unter anderem von Attila Mesterházy, dem Parteivorsitzenden der MSZP), jedoch wurden die so unglücklich auf die Mittagszeit gelegt, dass die meisten Menschen zu dieser Zeit gerade am Bratwurststand waren. Auch hatte seine Rede wenig mit dem Sinn des 1. Mai zu tun, er sprach nur darüber, dass man die Fidesz 2014 ablösen müsse. Noch nicht einmal die ungarischen Jusos waren daran interessiert seine Rede zu hören, sondern kamen nur mit, weil ich sie hören wollte. Ich empfinde es als absolut desillusionierend, dass die Opposition hier die Chance nicht nutzt und gegen die nationalistische und unsoziale Politik der Regierung mobilisiert und aufbringt, sondern sich stattdessen mit einem Fest mit Bratwurst, Zuckerwatte, Kinderschminken und Riesenrad begnügt, das keinerlei politische Alternative aufweist.Wie wenig in der Opposition passiert, habe ich in den letzten zwei Monaten oft gemerkt. Als ich nach Ungarn kam, habe ich sofort den Kontakt zu der Sozialistischen Jugend gesucht, wollte mitmachen, wollte mich informieren und vielleicht zu ein bisschen mehr europäischem Zusammenhalt verhelfen. Allerdings gab es in den letzten zwei Monaten kein einziges Treffen, keine Veranstaltung, nichts. Nebenbei hatte ich öfter angemerkt, dass ich zum Workers Youth Festival nach Dortmund fahren würde und dass ich mich über ein paar Genoss_innen aus Ungarn freuen würde. Ich hätte sogar die Anreise organisiert und alles übersetzt. Trotzdem war niemand daran interessiert, europäische Schwesterorganisationen zu treffen. Dabei war ich der Meinung, dass gerade jetzt europäische Solidarität für Ungarn wichtig wäre. In einer Jugendorganisation, die sich in einer Krise wie der Ungarischen befindet. ist es nicht leicht, zu arbeiten. Von den Jusos bin ich es gewohnt, viel über Theorie zu sprechen. Vieles wird in der Theorie diskutiert und dann in die Praxis umgesetzt. Hier scheint es keinen wirklichen theoretischen Unterbau zu geben. Schon gar keinen auch nur ansatzweise sozialistischen. Dass die MSZP Baloldali Ifjúsági Mosgalo anders ist als wir Jusos, das war natürlich klar. Ungarn hat andere Probleme und viele unserer Debatten treffen deren Lebensrealität nicht (bzw.: Sie treffen die Lebensrealtität natürlich. Nur haben sie hier aufgrund schwerwiegender Probleme keine Priorität). Deswegen war dieser 1. Mai auch völlig normal für die ungarischen Genoss_innen, während es mich überhaupt nicht befriedigt hat, Livemusik zu hören und in der Sonne zu sitzen.Ich habe nicht das Recht, über die Opposition zu urteilen, weil ich deren Arbeit nur in kleinen Teilen verfolgen kann und hier nur zu Besuch bin und deswegen die Situation noch einmal aus einer anderen Sicht sehe. Aber: Wenn jemand hier die Demokratie nach und nach abschafft, wenn Antisemitismus zur Normalität wird, wenn Menschen, die Hilfe suchen, keine Hilfe bekommen, wenn eine rechtsextremistische Partei 16 Prozent bekommt und man nicht mehr überlegt, auszuwandern, sondern die einzige Frage ist, wann man das Land verlässt, dann könnte ich nicht mehr ruhig bei Zuckerwatte und Bier mich selbst feiern und nichts tun.