Freitag, 28. Juni 2013

'Cause Wendy Davis is still standing!

Durch Wendy Davis' Filibuster vor ein paar Tagen in Texas kam ich auf die Idee, einige Videos und Reden zu sammeln, die Mut machen, weiterzukämpfen. Manchmal tut es eben gut zu wissen, dass man nicht alleine für eine Sache steht.
Wenn ihr noch gute Ideen habt, postet sie bitte in einem Kommentar unter diesem Post, sodass ich sie auch noch einfügen kann.



Julia Gillard labels Abbott a misogynist - 2012 hielt die Premierministerin von Australien, Julia Gillard, eine empowernde und entlarvende Rede über Sexismus innerhalb der australischen Opposition.

 Auf die Frage nach häuslicher Gewalt gegen Frauen gab Patrick Stewart im Mai 2013 eine sehr berührende Antwort.

In Deutschland sind folgende Hotlines bundesweit anonym und kostenlos zu jeder Zeit erreichbar:

BIG e.V. - 08000 116 016
Wildwasser - 06142 965760
Frauennotruf  bietet schnellen Kontakt zu Frauenhäusern in allen deutschen Städten. 

 Tracy Chapmans Song "Behind the walls" über häusliche Gewalt gegen Frauen.

Ich habe leider kein Video gefunden, in dem nur Wendy Davis zu Wort kommt oder in dem man sogar ihren Filibuster verfolgen kann. Aber auch hier ist ihr Auftreten so empowernd, dass es sich lohnt, es anzusehen.
Unser Dank sollte aber nicht nur Wendy Davis gelten, sondern auch den Demonstrierenden die nach dem Filibuster mit ihrem Lärm eine Abstimmung unmöglich machten und die Wendy Davis immer wieder Mut gemacht haben, durchzuhalten.
 Feminismus - fuck yeah! Anne Wizorek auf der re:publica2013 über den #Aufschrei und was er gebracht hat. Sie fasst das, was passiert ist, ganz wunderbar zusammen und zeigt Zukunftsperspektiven auf, die Mut machen.
Chimamanda Adichie spricht bei Ted über einseitige (und dadurch rassistische) Afrikabilder. Ich hatte diesen Beitrag schon mal verlinkt, finde ihn aber auch an dieser Stelle noch einmal sehr passend.
 Es ist zwar keine Rede, sondern nur der Trailer zu einem Film. Aber dieser Film handelt von einer der Frauen, die ich am meisten bewundere: Sophie Scholl

Mittwoch, 26. Juni 2013

Männer, die auf Brüste starren.

Dieser Text erschien zuerst in der Printausgabe des Debattenmagazins "The European". Der ursprüngliche Titel lautete "Die Macht der Norm".


Der Blick auf die Verteilung von materiellem Besitz und die Besetzung von Gremien lässt mich die Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland anzweifeln. Was gerecht ist, mag sicherlich strittig sein. Nicht in Frage gestellt werden kann jedoch, wer in (Um-) Verteilungsfragen am Hebel sitzt, bei wem also die Macht liegt.

Es ist nicht nur wichtig, wie Kapital verteilt wird, sondern auch, wer darüber entscheidet. Nach wie vor sitzen in den meisten Vorständen weiße, gesunde Hetero-Männer, alle anderen werden ausgebremst. Frauen beispielsweise scheitern spätestens an der gläsernen Decke, die eine Beförderung in Vorstandsposten nahezu unmöglich macht.

Gleichzeitig wird aber angenommen, dass Vorstände die Gesellschaft repräsentieren. Dies konstruiert eine Norm: Weiß, männlich, hetero und gesund – das sind die Voraussetzungen für Erfolg. Wer diese Norm nicht oder nur teilweise erfüllt, ist in vielen Bereichen unterschwellig, aber auch strukturell Diskriminierung ausgesetzt.

Wird über Sexismus diskutiert, lautet der Titel oft „Geschlechterkampf”. Dieser Begriff bricht das Problem auf eine Erscheinungsform herunter, erfasst allerdings nicht die Wurzel des Problems. Es geht nicht darum, Männer und Frauen gegeneinander auszuspielen, sondern um festgefahrene Machtverhältnisse.  Bei gleicher Qualifikation hat meist ein weißer Mann das letzte Wort. Und das, obwohl immer wieder betont wird, das Geschlecht solle keine Rolle spielen.

Der Vorwurf lautet: Die Wut der Frauen münde in einen Kollektivvorwurf an alle Männer. Nein, es gibt keine Kollektivschuld, aber es gibt ein kollektives Problem: Sexismus. Und diesen Sexismus üben meist Männer gegenüber nicht der Norm entsprechenden Menschen aus.

Als weißer, gesunder Hetero-Mann zu sagen: „Ich definiere mich als Mensch” ist einfach, weil man die alltäglichen entwürdigenden Situationen nicht erleben muss. Wahrscheinlich wurde man nie in der U-Bahn-Station gefragt, wie viel man für einen Blow Job nimmt, im Physik-Unterricht wurde man nicht in die letzte Reihe gesetzt, weil man aufgrund des Geschlechts dieses Fach sowieso nicht könne. Männer können sprechen, ohne unterbrochen zu werden und werden nicht aufgefordert, einen kurzen Rock zu tragen, um Erfolg zu haben.

Geschlecht wird erst dann zur Kategorie, wenn dadurch Benachteiligung entsteht. Wer nicht diskriminiert wird, muss sich mit Geschlecht oder Hautfarbe nicht auseinandersetzen.

Die Debatte über Sexismus ist von Verunsicherung geprägt. Das beginnt damit, dass das eigene Handeln in Frage gestellt wird. Alle müssen ihr bisheriges Verhalten reflektieren. Sie müssen sich Fehler eingestehen und verstehen, welche Auswirkungen Sie jeweils auf das eigene Umfeld haben. Das fällt aber schwer, weil das alltägliche Verhalten von der Gesellschaft anerzogen wurde. Der Fachbegriff für diese Akzeptanz von Sexismus ist rape culture. Grenzüberschreitungen und sogar sexualisierte Gewalt sind Teil dieses Gesellschaftsbildes. Öffentliche Räume werden von Männern für sich beansprucht: Platz wird eingenommen, Platz wird weggenommen. Es gibt  kategorische Strategien, um Sexismus-Vorwürfe zu verharmlosen: Das Opfer wird zur Täterin gemacht („Was hatte sie um die Uhrzeit überhaupt noch an der Bar zu suchen!”) oder es wird vom Thema abgelenkt.

Es wird nicht über Sexismus, sondern über den Einzelfall diskutiert – nicht darüber, wie Sexismus funktioniert, sondern lediglich, ob er existiert.

Eine Welt ohne Sexismus würde viel verändern

Macht ist ein sensibles Thema. Wer will sie schon abgeben, wenn er_sie die Macht erst einmal hat? Deshalb wird lieber über Einzelfälle gesprochen, anstatt Sexismus als Machtstrategie des Patriarchats zu begreifen. Und wer Sexismus anspricht, bekommt den Vorschlag zu hören, doch lieber über realpolitische Gleichstellung zu sprechen. Dort könne die Lebensrealität von Frauen wirklich verändern werden. Dabei wird ignoriert, dass jedes bestehende Machtgefälle durch Sexismus unterstützt wird und diese Diskussionen nicht getrennt voneinander  betrachtet  werden können.

Sexismus kann Machtgefälle auch künstlich erschaffen. Begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe, werden durch  sexistische Äußerungen Hierarchien aufgebaut. Das ist gerade in der sich emanzipierenden Gesellschaft auffällig. Ein Beispiel dafür? Politiker trifft Journalistin, beide machen ihren Job. Er ignoriert Grenzen, spricht sie auf ihre Brüste an. Er sexualisiert sie, hält sich nicht an Regeln des respektvollen Miteinanders.

Eine Welt ohne Sexismus würde die Lebensrealität vieler Frauen enorm verändern. Entweder macht es sich die Gesellschaft einfach, spricht weiterhin von bedauerlichen Einzelfällen  und redet sich dabei ein, dass alle Menschen gleich sind. Oder man begreift Sexismus als Problem. Ich habe genug Sexismus erlebt, um sagen zu können: Das sind keine Einzelfälle, Sexismus hat System. Ich hätte auf all die Erfahrungen wirklich gern verzichtet. Der Blick auf meine Brüste ist kein Kompliment, er reduziert mich auf meinen Körper. Ich will das nicht, Nein zu sagen ist mein gutes Recht.

Wir werden ein Leben lang mit Sexismus sozialisiert. Das heißt aber nicht, dass wir nichts dagegen tun können. Fangen Sie bei sich selbst an, hinterfragen Sie, wie Sie mit Menschen umgehen. Sexismus muss klar als solcher bezeichnet und aufgezeigt werden. Sprechen Sie Sexismus offen an. Auch auf die Gefahr hin, als Spielverderber_in zu gelten.

Und zu guter Letzt: Nicht diejenigen, die Sexismus ansprechen, sind das Problem. Sondern all jene, die Sexismus tolerieren und ihn mit ihrem Handeln reproduzieren.

Samstag, 22. Juni 2013

Qualifikation Mann.

Vor etwa einer Woche erschien im ZEITmagazin ein Artikel, der sich auf absolut naive und populistische Weise mit Gender Studies beschäftigte.
Und klar, wenn man über eine Wissenschaft schreiben möchte, sucht man sich natürlich nicht eine_n Autor_in, der_die Ahnung von dem Thema hat, nein, es reicht auch ein Kolumnist, der gleich zu Beginn des Artikels zugibt, keine Ahnung zu haben - einzige Qualifikation: Mann. Er spricht nicht von “Wissenschaft” oder “Thema”, er spricht von “dieser Geschichte”. Ah, klar, eine Wissenschaft, die mit 173 Professuren eine steigenden Wertigkeit an deutschen Universitäten erlangt, kann man ja mal als “diese Geschichte” abtun.
Und im folgenden Beitrag sucht er jede Möglichkeit, sich polemisch darüber lustig zu machen und vom Thema abzulenken. Das ist nichts Neues, wenn es um Gender geht, ich will trotzdem ein paar seiner Punkte noch einmal aufgreifen und deutlich machen, wie sein derailing aussieht.

2011 gab es 173 Genderprofessuren an deutschen Unis und Fachhochschulen, die fast ausschließlich mit Frauen besetzt werden. [...] Die Paläontologie, die für die Klimaforschung und die Erdölindustrie recht nützlich ist, hat seit 1997 bei uns 21 Lehrstühle verloren. In der gleichen Zeit wurden 30 neue Genderprofessuren eingerichtet.”

Genau. Um von der Wichtigkeit von Gender Studies abzulenken, sucht er den Vergleich mit der Paläontologie, der natürlich hinkt, ist doch das Objekt beider Wissenschaften ein völlig unterschiedliches. Zudem hat natürlich der Abbau von Lehrstühlen in der Paläontologie rein gar nichts mit der  Einrichtung von Genderprofessuren zu tun. Was er vermitteln möchte ist seine Ablehnung gegenüber einer Wissenschaft, die sich nicht direkt auf sein Leben auswirkt oder vor deren Auswirkungen er sich fürchtet. Gleichzeitig spricht er der Paläontologie eine Nützlichkeit zu, die er sehr präzise formulieren kann, wodurch er die Existenzberechtigung von Geschlechterwissenschaften in Frage stellt.

Bei dem Versuch, Gender Mainstreaming im Nationalpark Eifel durchzusetzen, gelangten Genderforscherinnen zu der Forderung, Fotos von der Hirschbrunft müssten aus der Werbebroschüre des Naturparks entfernt werden.

Guter Journalismus bedeutet normalerweise,  das Objekt des Textes von allen Seiten zu beleuchten wenn nötig. Stattdessen sucht sich der Autor hier das abwegigste Beispiel für Gender Studies heraus und versucht anhanddessen zu erklären, worum es bei Gender Studies geht. Natürlich beschäftigen sich nur die wenigsten Genderforscher_innen mit Hirschbrunft.


Mehr noch, sogar hinter die Existenz des Penis – in diesem Punkt bin ich mir bis dahin völlig sicher gewesen – muss im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt werden. "Anatomie ist ein soziales Konstrukt", sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung.

An dieser Stelle nutzt der Autor verkürzte Darstellung, um Judith Butlers These als vollkommen unsinnig darzustellen. Nein, nicht Anatomie als solche ist ein soziales Konstrukt. Das soziale Konstrukt besteht vielmehr in der Unterteilung und Unterscheidung von bestimmten Teilen der Anatomie.

Irgendwie scheint Genderforschung eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will."

Eine Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, Dinge, die seit hunderten von Jahren nicht hinterfragt werden (dürfen), neu zu entdecken und in Frage zu stellen, ist also eine Antiwissenschaft? Wissenschaft hat bzw. sollte den Auftrag haben, einmal festgestellte Dinge, trotzdem untersuchen zu dürfen. Im Fall der Gender Studies fallen neue Erkenntnisse natürlich gravierender für unser alltägliches Leben aus als in manchen anderen Forschungen. Gender Studies beschäftigen sich sowohl mit der biologischen als auch mit der gesellschaftlichen Komponente und erweitert damit die zuvor bestehende Wissenschaft. Inwiefern es dadurch zur Antiwissenschaft wird, muss der Autor noch einmal erläutern...

Wer mit Genderforscherinnen ins Gespräch kommen will, darf sich nicht daran stören, dass das Wort "männlich" durchgängig negativ besetzt ist. Muss man die Jungs einfach dazu bringen, sich wie Mädchen zu verhalten – ist das die Lösung?

In einer Gesellschaft, in der von Frauen erwartet wird, dass sie lauter sprechen und sich nicht (von Männern) unterbrechen lassen sollen, um etwas zu werden oder um gehört zu werden, wird im Ma(i)nstream ganz bestimmt nicht erwartet, dass sich Jungs wie Mädchen verhalten. Im Gegenteil. Frauen müssen sich anpassen und männlich-dominantes Verhalten annehmen. Männlich sozialisiert zu sein bedeutet, wie selbstverständlich Platz einzunehmen. Deshalb ist es legitim, zwischen männlicher und weiblicher Sozialisation zu unterscheiden. Es impliziert keinen Generalverdacht gegenüber allen Männern, allerdings eine Kritik an dem anerzogenen Verhalten.


Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger "Ingenieur", Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Ja, natürlich sind die Lebensrealitäten von Frauen und Männern überall ähnlich unterschiedlich. Der Mythos von Jäger und Sammlerin ist keiner, der an nationalen Grenzen aufhört, sondern einer, der sich überall festgesetzt hat und überall reproduziert wird. Grenzen haben sich über die Zeit verschoben, Kulturen haben sich weiterentwickelt, Rollenbilder sind fast überall gleich gewesen.

Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur.

Diese Aussage kann nur von einem Menschen kommen, der biologisch als Mann geboren wurde und sich in diesem Körper wohl fühlt und der wahrscheinlich heterosexuell ist. Vermutlich kann und will er nicht nachvollziehen, wie wichtig einige Erkenntnisse der Geschlechterwissenschaften für einige Menschen sind und wie stark sie sich auf die Lebensrealität von vielen Menschen auswirken können. Gender Studies bestehen entgegengesetzt dem Vorurteil, nur theoretisch zu sein, auch aus alltäglicher Wissenschaft, die Stadtbilder, Veränderung von Lehrplänen und der Einrichtung von öffentlichen Institutionen beinhalten und für alle Menschen offener gestalten.


Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen.

Die Existenz von Menschen, die nicht in das typische Rollen- und Körperbild Mann/Frau passen, ist also ein Wunder der Natur und zählt nicht? Der Autor tut tatsächlich so, als würde die Tatsache, dass Menschen Geschlechtsumwandlungen machen oder sich generell gegen Rollenbilder und Erwartungen wehren einfach nur eine kleine Nebensache, die nichts mit Geschlecht und der Konstruktion desselben zu tun hat.

Warum haben relativ viele Jungs Probleme in der Schule? Oft hängt es – das verdammte Testosteron! – mit mangelnder Disziplin zusammen. Mädchen halten sich, im Durchschnitt, eher an die Regeln.

Ja, Testosteron gibt es. Das wird auch von Genderforscher_innen nicht in Frage gestellt. Aber die Frage, inwiefern sich Hormone auf Verhalten auswirken, ist relativ ungeklärt. Und ganz sicher kann das Verhalten von Mädchen und Jungen nicht auf Hormone zurückgeführt werden. Ich selbst habe mit Barbies gespielt, hatte Puppen. Dank meinen aufgeschlossenen und teils alternativen Eltern konnte ich auch oft mit Duplo und Lego spielen, hatte eine große Sandkiste, bin an Fasching nie als Prinzessin gegangen und bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem man Kind war und nicht Mädchen oder Junge. Aber trotzdem habe ich irgendwann ganz früh gelernt, dass ich still sein soll, dass ich nicken und lächeln soll. Nicht von meinen Eltern, aber in der Schule. Wenn die Jungs toben wollten, wurde das immer wieder auf ihr Geschlecht geschoben, nach dem Motto: Ach, lass sie doch, so sind Jungs nur mal.


"Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt." Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann.

Es gibt Gründe, warum wir im Geschichtsunterricht nur über Männer sprechen. Mozart, Einstein, Karl der Große - Frauen waren lange Zeit von jedweder Form der Mitbestimmung, der Kunst und der Wissenschaft ausgeschlossen. Dass Frauen in Deutschland überhaupt studieren konnten, war ein Verdienst von Frauen wie Louise Otto-Peters. Und die andere Seite ist eben, dass Geschichtsschreibung männlich-dominiert ist. Wieso lernen wir alles über Robbespierre und noch nicht mal, wer Olympe de Gouges war?

Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann.

Der Mensch, der nach der Produktionsarbeit zuhause so gut wie jegliche Reproduktionsarbeit wie Haushalt, Erziehung und Pflege übernimmt und damit von morgens bis abends durchgehend arbeitet, weil das Dinge sind, die gemacht werden müssen (und nicht bezahlt werden!): Sehr wahrscheinlich eine Frau. Es ist scheinheilig, nur über Chef_innen und Vorstände zu sprechen, weil das die Lebensrealität der wenigsten Menschen trifft. Tatsache ist, dass Frauen schlechter bezahlt werden und dass Frauen (und vor allem alleinerziehende) eine starke Doppelrolle zwischen Produktions- und Reproduktionsarbeit einnehmen und nur für die Hälfte dessen überhaupt bezahlt werden, keine Wertschätzung erhalten und unsichtbar gemacht werden.

Dann frage ich, ob es schon einen Fall sexueller Belästigung eines Mannes durch eine Frau gegeben hat, in Braunschweig. Tatsächlich, so etwas gab es. Ein Mann hat sich beschwert. Er wurde nicht angegrapscht, aber, nach seiner Darstellung, von einer Chefin immer wieder verbal angemacht und auch herabgesetzt. Und, wie ging der Fall aus? Sie weiß es nicht genau. "Ich glaube, er hat seinen Job einfach weitergemacht." Das war bei Frauen früher auch üblich, heute wehren sich zum Glück viele und gehen zur Gleichstellungsbeauftragten.

Vereinzelt gibt es sexistisches Verhalten von Frauen gegenüber Männern. Es gibt auch solche Gewaltverhältnisse und ja, das ist scheiße. Aber das ist nicht die Regel. Alltag ist, dass Frauen von Männern unterdrückt, angestarrt, angefasst und belästigt werden. Und dass Frauen dann zur Gleichstellungsbeauftragten gehen und dass ihnen dann sofort geholfen wird, ist ganz sicher nicht die Regel. Frauen machen ihren Job weiter. Frauen machen die Augen zu, fangen an, das Problem bei sich selbst zu suchen. Schlucken dumme Sprüche, ertragen jeden Tag Sexismus.
Sexismus gegenüber Männern ist scheiße. Sexismus gegenüber Frauen ist strukturell.
Ein Blick auf www.alltagssexismus.de oder unter dem Twitter-Hashtag #aufschrei lohnt sich.

Die Genderfrauen ziehen daraus den Schluss, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss.”

Genau, die Genderfrauen. Natürlich ist Gender ein Frauenthema, die bösen Genderfrauen wollen nämlich die Weltherrschaft an sich reißen. Davon auszugehen, dass Gender ein Frauenthema ist, ist ignorant und abwertend. Von Rollenbildern sind alle Menschen betroffen. Der Autor beweist nur einmal mehr, dass er den Grundgedanken von Geschlechterwissenschaften nicht ernst nimmt, das Problem nicht begreifen möchte und  seine Kritik scheinbar nur durch Polemik äußern kann.

Und es ist wie immer: Ein weißer heterosexueller Mann schreibt etwas mit der Qualifikation “ein paar Einleitungen gelesen zu haben” und stellt damit natürlich die Wissenschaft und Forschung vieler Genderforscher_innen in den Schatten, die sich seit Jahren damit beschäftigen.