Dienstag, 30. Juli 2013

Frau-Sein mitdenken.

Durch meinen Auslandsaufenthalt habe ich mir hier in Budapest eine Wohnung mit Einrichtung ausgesucht. Heißt, eine Wohnung, in der oft Menschen ein- und ausziehen, die auf befristete Zeit im Ausland leben - so wie ich eben. Bisher hat es immer gepasst - mit allen drei Mitbewohnerinnen, die kamen und gingen. Mal besser, mal schlechter, aber das Zuhause war immer ein Schutzraum. Bisher habe ich immer mit Frauen zusammengelebt. Normalerweise haben wir uns auch vorher kennen gelernt und mein Mitbewohner hat das andere Zimmer erst dann weitervermietet, wenn ich mit der Person als Mitbewohnerin einverstanden war.
Nun sollte das andere Zimmer für etwa drei Wochen freistehen und erst dann weitervermietet werden, wenn auch ich ausgezogen bin. Allerdings kam im Freund_innenkreis meines Vermieters etwas dazwischen, sodass ein Freund von ihm kurzfristig einziehen musste. Soweit kein Problem, ich bin eh nicht gern allein in der Wohnung.

Der Punkt war eher:
Er hat nicht gefragt, sondern mich vor feststehende Tatsachen gestellt.
Er hat nicht daran gedacht, dass ich den Mann vorher kennen lernen will, sondern ihm einfach das Zimmer vermietet.

Und das ist eben das, was selten beachtet wird: Frau-Sein muss in dieser Gesellschaft mitgedacht werden. Denn in dieser Gesellschaft sind nicht alle gleich. In dieser Gesellschaft sind Frauen von alltäglichem Sexismus betroffen, werden eingeengt. Es ist deshalb für mich etwas anderes, mit einer Frau, die ich nicht kenne, zusammenzuziehen. Denn systematischer und struktureller Sexismus wird von Männern gegenüber Frauen ausgeübt.
Seit ein paar Tagen wohne ich nun mit einem Mann Ende 30 zusammen, der kein Englisch spricht, die Haustür abschließt, selbst wenn jemand zuhause ist. Und weil ich diesen Menschen nicht kenne, fühle ich mich eingeengt.
Mein Vermieter hat nicht mitbedacht, dass es etwas anderes ist, wenn ein Mann hier einzieht. Und damit ist er nicht der einzige - die Lebensrealität von Frauen wird nur selten mitbedacht und noch seltener berücksichtigt.

Klar, er als Mann kennt die sexistische Realität nicht. Er hat nicht die Erfahrungen gemacht, die die meisten Frauen machen mussten. Er fühlt sich nicht bedrängt und eingeengt. Denn das Bewusstsein für Sexismus ist schlichtweg nicht vorhanden.