Montag, 21. Oktober 2013

Frei sein - Barcamp Frauen 2013

Beim Barcamp bot dieses Jahr auch die Gruppe i,slam eine Session an. i,slam touren mit muslimischem Poetry Slam durch ganz Deutschland. Ihre Slammer_innen kommen alle aus einem muslimischen Hintergrund und sprechen oft über rassistische Erfahrungen und ihren Umgang mit ihrem Glauben.
Beim Barcamp sprachen wir in der einstündigen Session vor allem darüber, wie man kurze Texte schreibt und Emotionen darin verpackt. Nach einer halben Stunde standen einige Texte, die dann dort in der Gruppe vorgetragen werden konnten.
Auf Wunsch von einigen anderen veröffentliche ich meinen Kurztext hier. Er entstand nach einer sehr emotionalen Session zu Stressprävention.
Ein ausführlicherer Bericht vom Barcamp folgt, sobald ich wieder Internet habe.

Frei sein

Ich bin so müde. Die Müdigkeit kommt immer wieder. Sie kommt wieder, wohin soll sie auch gehen, wenn nicht zu mir. Ich bin müde, sie will auch gar nicht mehr gehen, ich bin ihr Heimathafen. Sie legt an, ich will sie nicht. Will sie abschütteln, will mich schütteln, wie ein nasser Hund.
Aber sie bleibt.

Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Immer müde ohne Grund. Und trotzdem will ich so viel, sie abschütteln, aufbrechen, rastlos sein, alles erleben, mein Leben leben.Wann kommt sie denn, unsere Revolution? Die, von der wir träumen, wenn wir müde sind, von der wir träumen,

Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Ich sehne sie mir so herbei, so sehr. Will sein, wer ich bin, tun, was ich mag, frei sein, dabei sein. Lasst uns nicht länger warten. Lasst nicht länger verbieten, dass wir uns bilden, nicht unterbinden, dass wir Banden bilden. Dann schütteln wir sie ab, die Müdigkeit.

Frei sein, Tag und Nacht und Nacht und Tag.

Frei sein

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Umgang mit Gewalt(erfahrung)

Ich belege in den nächsten zwei Semestern meines Studiums ein Seminar (bei uns heißt es in diesem Fall Werkstatt) zu Gewalterfahrungen und -verhältnissen.
Dabei geht es sowohl um Gewalt in Beziehungskontexten wie Partner_innenschaft, Ehe oder Familie, als auch um Gewalt im institutionellen Kontext wie durch Mitarbeiter_innen gegenüber Bewohner_innen/ Klient_innen/ Patient_innen. Die Auseinandersetzung erfolgt unter Berücksichtigung von Geschlechterfragen, interkulturellen Aspekten und politischen und rechtlichen Hintergründen. Ein wichtiger Teilbereich des Seminars wird sein, sich mit Mythen und Opferbildern auseinanderzusetzen. Das Seminar wird teils therapeutisch begleitet, da der Umgang mit Gewalterfahrung und Gewaltverhältnissen nicht immer einfach ist.So viel erstmal zu den Hintergründen des Seminars. Ich habe länger darüber nachgedacht, ob ich dieses Seminar belegen möchte. Das Ausmaß, was eine nähere Untersuchung von Gewaltverhältnissen und der Umgang mit Gewalterfahrungen mit mir macht, ist für mich schwer einzuschätzen. Ich gehe außerdem davon aus, dass sich viele Menschen mit Gewalterfahrung für dieses Seminar entschieden haben. Oft wird gerade so ein Ort dazu genutzt, Dinge zu verarbeiten und Dinge zu begreifen - ohne selbst die Initiative ergreifen zu müssen und so gut wie anonym, ohne sich outen zu müssen in therapeutischer Begleitung. 
Umso schlimmer war deswegen auch die Reaktion einer Kommilitonin vor einigen Tagen. Auf einen Spruch einer anderen Person im Raum, antwortete sie: “Ich zeig dir gleich mal sexualisierte Gewalt!” - wie bitte?
In unserer Gesellschaft ist es völlig okay, Witze und Sprüche über sexualisierte Gewalt zu machen. Es ist “lustig”. Gewalterfahrungen werden verharmlost, ins Lächerliche gezogen und die Opfer von Gewalt werden beschuldigt. Vor etwa einem Jahr habe ich über rape culture geschrieben. Dass gerade diese rape culture und krasses victim blaming auch in vermeintlich geschützten Räumen normal sind, hat mir das wieder einmal gezeigt. So ein Spruch geht nicht - schon gar nicht in einem Schutzraum, in dem sich noch mehr Personen mit Gewalterfahrungen aufhalten als im üblichen öffentlichen Raum.*
Die bittere Erkenntnis, dass es kaum Schutzräume gibt, kommt immer wieder. Egal, wie links dein Umfeld ist, egal, wie links deine Uni/Hochschule/Arbeitsstelle/Ausbildungsstätte ist, egal, wie sehr Du anderen aus dem Weg gehst. Jedes Umfeld ist ein Abbild der Sozialisation durch die Gesellschaft. Ich bin gespannt, wie der Umgang während des Seminars sich verändert, welche Dynamiken entstehen und inwiefern die Dozierenden eingreifen, sobald es zu Verharmlosung und victim blaming kommt.

* Natürlich kann auch das nur eine Umgangsform mit eigenen Erlebnissen sein und Menschen helfen, mit dem Erlebten umzugehen. Menschen, die nicht über ihre Erlebnisse sprechen, finden eigene Wege, damit umzugehen. Gespräche bzw. therapeutische Maßnahmen können das unterstützen.