Montag, 27. Oktober 2014

Was Feminismus sein muss.

Die Vertretung von feministischen Positionen in der Gesellschaft erlebt ein ständiges Auf und Ab, ist von anderen sozialen Bewegungen abhängig und äußert sich oft in Bereichen der Sexualpolitik und/oder subkulturellem Aufbegehren.
Was momentan überall gefeiert wird, sind Publikationen und Einführungen verschiedenster Art, die Menschen für Feminismus begeistern sollen. Und zumindest für mich ist Feminismus erst zu etwas positiv Belegtem geworden, als er mir erklärt wurde, als ich verstanden habe, was ich damit zu tun habe und bestimmte Gesellschaftsstrukturen anhand dessen verstehen konnte. Ich musste erst lernen, Diskriminierung und patriarchale Strukturen in Worte zu fassen, um mich klar gegen sie positionieren zu können. Feminismus wurde für mich schnell zu einer Selbstverständlichkeit, aber vor allem auch zu einer absoluten Notwendigkeit. Ja, ich finde auch, dass es gut ist, Feminismus vielen Menschen (be-)greifbar zu machen. Aber die Art, wie es passiert, ist erschreckend. Nach all den Texten, die ich zu dem Thema in den letzten Wochen und Monaten gelesen habe, all den Workshops, die ich mir als Teilnehmerin* angeschaut habe, nach all den Diskussionsrunden, Vorträgen und Randgesprächen über Feminismus bleibt für mich eine verstörende Aussage, die so wenig mit Feminismus zu tun hat, dass ich mit einem verständnislosen Kopfschütteln zurückbleibe: Feminismus muss sexy sein.

Meist bleibt es nicht bei der Aussage, Feminismus sei sexy, es wird noch weiter ausgeführt: Feminismus sei keine Abkehr von Weiblichkeit. Damit wird nicht nur ein normierter Weiblichkeitsbegriff definiert, es wird vor allem eine Definition von „Frau“ übernommen und reproduziert, die im Patriarchat geprägt wird und keinen Raum für andere Weiblichkeiten oder eben auch nicht-weibliche Identitäten lässt. Wer Feminismus für sich und vor allem für andere als „sexy“ definieren muss, schafft Ausschlüsse und ein exklusives Verständnis von feministischen Forderungen.
Das Erklären von Feminismen ist dazu verkommen, über antifeministische und (teils) misogyne Vorurteile zu sprechen. Gewissermaßen werden Menschen darauf vorbereitet, mit welchen Stereotypisierungen sie konfrontiert würde, bezeichneten sie sich als Feministinnen* und lernen, ihren Feminismus über diese Stereotype zu definieren. Dabei geht die Erkenntnis um Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit von Feminismus neben anschaulichen bildlich geprägten Vorurteilen unter. Feministinnen trügen keinen BH, seien unrasiert, seien immer lesbisch und hassten Männer. Diese Vorurteile werden ausgesprochen, alle lachen herzlich und denken sich: Ach, aber so sind wir ja nicht [und deshalb sind wir ja auch besser]. Im Anschluss wird dann betont, dass Feministinnen* ja gar nicht so seien und dass gerade die, die eben nicht so sind, ein positives Feminismusbild vermittelten. Durch das ständige Reproduzieren von Vorurteilen, wird eine klare Abgrenzung und damit auch Herrschaft innerhalb der feministischen Kämpfe geschaffen. Die bösen Feministinnen* sind so, wir sind nicht so, wir sind besser, wir sind die guten Feministinnen*. Durch diese Spaltung passiert etwas Fatales und aus meiner Sicht absolut Antifeministisches: Lesbisch-Sein wird stigmatisiert und als etwas definiert, wovon man sich abgrenzen möchte. Körperbilder werden dermaßen reproduziert, dass Feministinnen* von anderen Feministinnen* die Selbstbestimmung über ihre Körper in Frage gestellt wird: Wer nicht dem entspricht, was als normschön anerkannt wird und die normierten Verhaltensweisen nicht für sich in Anspruch nimmt_ nehmen kann, wird zu einer Randgruppe jenseits des „Sexy-Feminismus“ marginalisiert.

Woher das kommt? Alles wird in dieser Gesellschaft, in diesem System, das an dieser Stelle wahlweise als Patriarchat oder Kapitalismus benannt werden kann, normiert, um sowohl Ein- und Zuordnung zu ermöglichen, als auch um durch Zuordnung Abgrenzung zu erzeugen. Sich einer Gruppe zuzuordnen bedeutet auch, sich von einer anderen abzugrenzen. Normierung und Normalitätskonstruktion durchziehen unser Leben. Auch Feminismen erfahren eine klare Normierung. Es wurde ein Feindbild geschafft, das derart verachtet und marginalisiert wurde_wird, dass andere Feministinnen* sich in Sicherheit wägen, indem sie sich klar davon abgrenzen. Feminismus ist eben nur okay, wenn er sich den gesellschaftlichen Normierungen fügt. Kritik kann nur so radikal geäußert werden, wie der Zusammenhalt innerhalb der feminstischen Community ist – und zumindest nach der zu Beginn dieses Textes geäußerten Einschätzung ist der Zusammenhalt momentan kein Fundament für (geschlossen geäußerte) radikale Kritik an den Verhältnissen.
Dass sich aber gerade Feminismus normieren lässt, um eine Existenzberechtigung durch Herrschende zu erhalten, sagt auf vielenkk Ebenen aus, welche Konsequenz dies hat: Dieser Feminismus ist kein Gegenentwurf zum Status Quo, dieser Feminismus verliert an Radikalität, er spaltet sich, um eine Legitimation im bestehenden System zu erhalten. Ein Feminismus im Kapitalismus spricht sich eben nicht frei von den beschriebenen Normierungen, er definiert sich über sie.

Feminismus braucht keine Stereotype, über die er sich definieren muss. Er braucht auch keine Hierarchien innerhalb, die sich über die Privilegien definieren, als deren Kritik sich Feminismus eigentlich begreift. Am wenigsten aber – und das ist die essentielle Grundannahme - braucht Feminismus meines Erachtens die Legitimation durch Menschen, die nicht von Sexismen betroffen sind, die von oben herab darüber urteilen, welche Forderungen legitim und welche zu radikal sind und die spalten, indem sie in „sexy“ und „nicht-sexy“ einteilen. Feminismus braucht keinen Zuspruch von Menschen, deren Herrschaften und Privilegien auf Unterdrückung fußen – er braucht nur den Aktionismus und die Bündnisbereitschaft jener Menschen, die marginalisiert und stigmatisiert werden, die sich Tag für Tag die Knie aufschlagen und dennoch wieder aufstehen.

Nichts muss Feminismus sein – und am wenigsten muss er sich den Verhältnissen anpassen und sie reproduzieren. Seine Aufgaben bestehen darin, Menschen die Definitionsmacht über ihre eigenen Verhältnisse zurückzugeben, Worte für Diskriminierungserfahrungen zu geben und Hierarchien_Herrschaften zu kritisieren und zu bekämpfen.  

Freitag, 12. September 2014

Separatismus als Bewegung der falsch verstandenen Freiheit

Von Philip Le Butt und Merle Stöver
Im August kamen fast 1000 Genoss*innen aus aller Welt im Rahmen des IUSY-Festivals nach Malta, um sich auszutauschen und die weltweite Zukunft der sozialistischen Bewegung zu diskutieren. Diese Zusammentreffen geben allen Teilnehmenden die Möglichkeit und den Raum, ihre Kämpfe sichtbar zu machen. Es hilft, neue Positionen kennenzulernen, zu erfahren, wie man Genoss*innen überall auf der Welt unterstützen kann und über den Tellerrand hinaus zu blicken.

Es waren auch die Vertreter*innen verschiedener seperatistischer Bewegungen vor Ort. Die Frente Polisario tritt für einen unabhängigen Staat in Westsahara ein, die sozialistische Jugend Kataloniens für ein Unabhängiges Katalonien. In erster Linie galt: Zuhören, was jene Genoss*innen zu sagen haben. Aber nach schon kurzer Zeit stand für uns fest, dass diese Kämpfe nicht unsere sein können. Es wurden Nationen angepriesen, Kämpfe für neue Nationen als sozialistisch bezeichnet und tatsächlich antinationale Haltungen wurden zur Minderheit.

Am nächsten Donnerstag entscheiden 4,2 Millionen Menschen über die Unabhängigkeit Schottlands - die Umfragen zeigen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus. An dieser Entscheidung hat sich ein Phänomen erneut entzündet, dass immer wieder vorkommt. Seperatistische Bewegungen werden als progressive Kraft verstanden und ihr Kampf wird als unterstützenswert gesehen.


Aktuelle Unabhängigkeitsbewegungen: Die falsch verstandene Freiheit

Separatistische Bewegungen entstehen aus historisch gewachsenen Konflikten, die es - natürlich - ohne das Konstrukt Nation in dieser Form nie gäbe. Oft einhergehend mit von Grund auf verschieden entstandener sozialer Ungleichheit und unterschiedlichen Feind*innenbildern, fällt es schwer, Unabhängigkeitsbewegungen zu vergleichen.
Und dennoch haben die Unabhängigkeitsbewegungen in Schottland, Katalonien und der Westsahara zwei markante Gemeinsamkeiten:

Alle drei vertreten ein national-identitäres Verständnis der eigenen Politik. Die Kämpfe für neue Grenzziehungen und neue Nationen äußern sich oft mit dem Schaffen einer gemeinsamen Identität, einer Identität, die von der alten Nation abweicht. Das bedeutet: Tradition, Hymnen, Fahnen, Sprache. Um von der Notwendigkeit des neuen Staates zu überzeugen, wird eine Identität geschaffen, die sich vor allem über Abgrenzung und Abwertung des alten Staates und teilweise der dort lebenden Menschen bildet. Auf IUSY-Festivals ist National-Symbolik verboten, denn wir wollen uns in unserer sozialistischen Jugendbewegung weder über Nation definieren und identifizieren noch wollen wir andere aufgrund ihrer Herkunft stigmatisieren. Und dennoch stellten die Teilnehmer*innen der Frente Polisario jeden Tag Westsaharas Farben auf Schals und Fahnen zur Schau. Nation wird durch ihre Demonstration konstruiert und zu einem sichtbaren Anliegen, das identitätsstiftend und exklusiv ist.

Außerdem erfahren die Bewegungen in Schottland, Westsahara und Katalonien nicht unerhebliche Unterstützung aus der politischen Linken. Doch woher kommt diese Verbundenheit der Linken mit separatistischen Bewegungen? 


Das Verhältnis der politischen Linken zu Nationalbewegungen

Die politsche Linke hat sich in der Vergangenheit häufig mit nationalen Unabhängigkeitsbewegungen solidarisiert. Aus einer antiimperalistischen Weltsicht wurden diese Bewegungen als Teil der revolutionären Kräfte gesehen - unabhängig, was für Inhalte diese Bewegungen im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik vertreten haben. Sie waren Bewegungen “gegen das System”, Bewegungen, die sich auflehnen.

In der Vergangenheit hat sich dieses in Unterstützung von Befreiungsbewegungen in den Kolonialstaaten, wie beispielsweise des Vietcong, FLN, ANC oder die MPLA, geäußert. Diese Bewegungen haben teilweise eine Geschichte krasser Menschenrechtsverletzungen, trotzdem wurde die Unterstützung im Prinzip nie reflektiert diskutiert.

Bis heute gibt es eine Tendenz sich an die Seite von Bewegungen zu stellen, die als unterdrückt wahrgenommen werden - unabhängig davon ob diese Bewegungen Frauen und LGBTIQ* diskriminieren oder Menschenleben pauschal aufs Spiel gesetzt werden.
Dieses Phänomen kann gut im Nahostkonflikt beobachtet werden, bei welchem sich viele Menschen, die sich selbst als links definieren, mit der Hamas solidarisieren, die Frauen unterdrückt und LGBTIQ*-Menschen tötet. Trotzdem wird die Hamas als eine antiimperialistische Bewegung gesehen und unterstützt, der Zionismus wird als “imperialistisch” abgelehnt - der Konflikt mündet in antisemitischer Hetze.
Und doch bleibt der antiimperialistische Diskurs einer, der Nationen bejaht, um andere Nationen zu schwächen. Er führt zu einem Mehr an Nationen und konzentriert sich doch nur auf Symptome eines falschen Systems aus konstruierten Nationen.


Ein deutscher Umgang mit Freiheit und Nation

An der aktuellen Debatte zur schottischen Unabhängigkeit lässt sich gut das deutsche Verständnis über die eigene Nation im Verhältnis zu anderen erkennen. Wie auch in anderen Fragen in der kürzeren Vergangenheit entsteht ein offen zur Schau getragener voyeuristischer Genuss am schwierigen Umgang andere Nationalstaaten mit seperatistischen Tendenzen - mit Arroganz und Geschichtsvergessenheit wird auf die Teilung anderer Staaten geschaut.

Viele Deutsche äußern sich in einer Art und Weise, die deutlich macht, dass sie sich darüber freuen, wenn sich Großbritannien auflöst. Dieses wird als gerechte Strafe für angebliche britische Überheblichkeit, das Verhalten der britischen Regierung, die britische Geschichte und das Ergebnis der letzten Wahlen gesehen. Frei nach dem Motto: “Geschieht ihnen recht!”

Diese Reflexe ähneln jenen, die geäußert wurden als Griechenland vom Höhepunkt der Wirtschaftskrise betroffen war. Das Leid der Menschen in Griechenland wurde marginalisiert und als gerechte Strafe für angebliche griechische Faulheit, der vorgeblichen Misswirtschaft der Regierung und

Es ist bemerkenswert inwiefern die meisten Deutschen sich zutrauen, ein Urteil über das Schicksal anderer Menschen zu fällen. Es darf nie vergessen werden, dass der deutsche Nationalismus in seiner Ausprägung besonders ausgrenzend auftritt.

Sicher ist die Ablehnung von Nationalstaaten zugleich auch eine sehr privilegierte Debatte, die wir aus der bequemen Situation als Deutsche heraus führen können. Wir müssen immer wieder darüber reflektieren, dass es viele Menschen gibt, die im politischen Kampf für ganz grundsätzliche Menschenrechte, wirtschaftliche Teilhabe und soziale Gerechtigkeit stehen. Für viele bedeutet dies auch den Einsatz ihrer Gesundheit, ihrer Freiheit und ihres Lebens.
Wir dürfen aber dennoch darüber nicht vergessen, dass die sozialistische Bewegung eine ist, die fortlaufend für eine neue Welt kämpfen muss - im Großen und Kleinen. Das Ziel einer sozialistischen Bewegung muss es sein, Grenzen zu überwinden und für eine neue Weltordnung der Freien und Gleichen einzustehen. Und diese, von der wir sprechen, kennt keine Nation.


Eine Welt ohne Nationen

Wir wollen eine Welt ohne Nationen. Eine, in der eine nationale Identität, eine Staatsangehörigkeit und der Ort der Geburt nichts über Menschen aussagt und sich alle Menschen frei bewegen können. Was wir brauchen, ist die Einsicht, dass Nationen konstruiert sind, dass sie irgendwann einen Zweck erfüllen sollten und keineswegs etwas Natürliches sind.

Wer sich als Separatist*in bezeichnet und für die Unabhängigkeit eines Staates einsteht, muss auch mit den Umkehrschlüssen leben, die daraus gezogen werden: Denn solange eine separatistische Bewegung für einen neuen Staat kämpft, solange begreift sie Nation als Freiheit. Eine emanzipatorische Bewegung kann keine sein, die für eine Nation kämpft. Unabhängigkeit scheint eine traditionell linke Idee zu sein, eine, die aus Unterdrückung und Ungerechtigkeit befreien soll. Und trotzdem reproduziert sie den Gedanken der Nation, eines naturalisierten Gebildes, dessen Abschaffung wenn überhaupt doch nur in weiter utopischer Ferne zu liegen scheint. Wir sehen einen Widerspruch zwischen Freiheit und Nation. Was wir brauchen ist nicht ein Mehr an Nationen, sondern die Dekonstruktion willkürlicher Grenzen, die Überwindung nationaler Identitätsbildung und den Kampf gegen strukturelle Diskriminierung aufgrund einer Staatsangehörigkeit.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Zermürbung.

Das hier wird kein großartiger Text, keine schöne Rhetorik, kein Text, den man gerne zitiert. Ich äußere mich auf diesem Weg zu den Stalking- und Diskriminierungserfahrungen, die mich dazu bringen, mich zurückzuziehen.
Natürlich nenne ich keine Namen und Zusammenhänge, dementsprechend werde ich auch nicht auf betreffende Rückfragen reagieren.

Wieder blinkt das Nachrichtenfenster auf, wieder von derselben Person. Immer das Gleiche. Wieder ein Screenshot meiner Aktivitäten der letzten Minuten. Kommentarlos, aber kommentiert werden muss das nicht. Er erreicht genau das, was er will: Ich weiß, ich werde ständig kontrolliert. Ich klicke das Nachrichtenfenster weg, schließe Facebook. Keine Minute später passiert dasselbe auf Twitter, per Mail oder wahlweise auch auf dem Blog. Wieder ein Screenshot. Ich stelle den Rechner weg, schalte mein Handy aus, will die Ruhe genießen. Im Kopf dreht sich alles, immer die gleichen Gedanken. Und ständig die Frage: Was habe ich falsch gemacht?

Das begann vor wenigen Wochen, mal passierte zwei Wochen lang nichts, dann wieder. Wenn ich die Person wieder gesehen habe, ging es am gleichen Abend noch wieder los. Das ständige Suchen nach Fehlern, die ich mache, das ständige Vermitteln des Gefühls, dass ich beobachtet werde. Die Kopfschmerzen hämmern, die Bauchschmerzen gehen fast gar nicht mehr weg.
Mittlerweile überlege ich bei allem, was ich öffentlich schreibe, ob man es gegen mich verwenden kann, ob es irgendwelche Informationen über mich enthält, die es wert sind, in Screenshots festgehalten zu werden.
Wenn in den neuen Tweets/Posts nichts zu finden ist, werden manchmal auch ältere Sachen herausgesucht. Meldungen von vor über zwei Jahren zu finden, müsste etwa zwei oder drei Stunden Aufwand bedeuten. Wenn ich so etwas in meinem Postfach finde, weiß ich, dass diese Person viel dafür gibt, mich kaputt zu machen.

Seit einigen Tagen ist es schlimmer geworden. Es ist nicht mehr nur diese eine Person, es sind mehrere. Ich blockiere eine, bekomme es von einer anderen.

Zu Beginn habe ich das als Interesse verbucht. Irgendwann wurde es aufdringlich, mittlerweile möchte ich es als Stalking bezeichnen.

Stalking engt Menschen ein, es macht ihnen Angst, es zermürbt sie. Die Gefahr für mich, kaputt zu gehen, wird immer bedrohlicher. Der Gedanke daran lässt mich nicht mehr los. Im Moment überschattet es meinen Tagesablauf. Ich müsste Hausarbeiten schreiben, kann mich nicht darauf konzentrieren. Ich gehe aus dem Haus, habe Angst, dass mich jemand beobachtet. Ich treffe Freund*innen, will nicht davon berichten, weil Aussprechen noch nicht geht.
Ich fühle mich damit alleine.

So funktioniert Zermürbung. So werden unbequeme Menschen in die Enge getrieben und kaputt gemacht. Ich bin nicht die erste, die in der feministischen Community entscheidet, ihren Twitter-Account erst einmal nicht mehr aktiv zu nutzen. Ich bin nicht die erste, die mit Frauenfeindlichkeit und Maskulismus bedrängt wird.


(Ich weiß auch, dass dieser Text wenig aussagekräftig ist und möchte ihn gerne, sobald ich die Kraft habe, erweitern.)

Donnerstag, 10. Juli 2014

Inwiefern ist ein Vergleich von Holocaust und Nahostkonflikt möglich?


 Durch die erneute Eskalation zwischen der Hamas und Israel wird ständig wieder der Vergleich zwischen der systematischen Ermordung von Jüd*innen während der Shoa und dem israelischen Verhältnis zu Gaza aufgeworfen. Daher habe ich mir die Mühe gemacht, auf diese komplexe Frage zu antworten: Ist der Vergleich möglich?


Ist er nicht. Die Shoa ist in ihrer Grausamkeit mit nichts zu vergleichen. Nie. Ende des Gesprächs.
Verpisst euch.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Zwischen radikalen Forderungen und dem radikalen Weg

Wer gefragt wird, was es bedeutet, radikal links zu sein, wird spätestens im zweiten oder dritten Satz - zumindest halbherzig - von Feminismus und Kampf gegen patriarchale Strukturen sprechen. Feminismus gehört irgendwie zur radikalen Linken*. Wer sich mit bestehenden Machtverhältnissen und Ungerechtigkeiten beschäftigt, kommt um die Ungerechtigkeiten, mit denen Frauen* konfrontiert sind, nicht herum.
Und trotzdem herrscht ein Tonus vor, der Feminismus zwar als wichtigen Bestandteil sieht, aber ihn nur mitdenkt. Selten wird Feminist*innen die selbe Aufmerksamkeit zuteil wie anderen, obgleich doch wir diejenigen sind, die die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse tatsächlich radikal revolutionieren wollen. Wir sind diejenigen, die selbst die tiefsitzendsten Ungerechtigkeiten bekämpfen wollen, wir sind die, die das Private radikal in den politischen Fokus rücken wollen. Mit der Parole “Das Private ist politisch!” wurde schon so einiges erkämpft - eine besondere Veränderung hat nicht zuletzt die Strafbarkeit von sexualisierter Gewalt Vergewaltigung (siehe Kommentar zum Gesetzesbuch...) in der Ehe (1998) hervorgerufen.


Um das Patriarchat zu überwinden fehlt es (der radikalen Linken) an einer organisierten Frauen*bewegung, die für ihre radikalen Forderungen auch einen radikalen Weg findet, die gesellschaftliche Linke zu treiben.
Ich gehe davon aus, dass es innerhalb der radikalen Linken ein kritisches Bewusstsein für Machtverhältnisse gibt. Schließlich wird eine Definitionsmacht über die Verhältnisse als politisches Instrument gefordert, um Deprivilegierten das Entscheidungsrecht darüber zu geben, was und wer sie unterdrückt und diskriminiert.
Genauso gehe ich davon aus, dass Linke den Anspruch erheben, es besser zu wissen, besser zu können und besser zu machen - sowohl nach außen als auch in den eigenen Gruppierungen, Initiativen und Kollektiven. Der Anspruch muss es sein, einen geschützten Raum zu bieten, einen Raum, in dem das Gesellschaftsbild, auf das man hinarbeitet, gelebt wird. Wo sonst soll Solidarität (kennen) gelernt werden?


Allerdings ist das, was an Grenzüberschreitungen, sexualisierter Gewalt, purem Sexismus und chauvinistischem Mackertum nach außen dringt und in der Szene angesprochen wird, nur die Spitze des patriarchalen Eisberges innerhalb eines Kollektivs. Es sind nur die Dinge, die Betroffene als “schlimm genug” empfinden und die sie beweisen können. Denn nur zu oft wird nach Beweisen und einer plausiblen Rechtfertigung gefragt. Messen muss sich die radikale Linke nicht an den Theorie-Debatten, die sie über Patriarchat und Diskriminierungsformen führt, sondern einzig und allein an den Debatten, die sie über tatsächlich im eigenen Spektrum Vorgefallenes führt. Nur hier wird deutlich, wie viel Raum dem gegeben wird und wie streng Selbstkritik sein kann und sein muss. Oder, um es mit Rosa Luxemburg zu sagen: “Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung.”
Und auch wenn ein Problembewusstsein vorhanden ist glaube ich, dass wir vor einem großen Problem stehen. Das Problem ist das Dilemma des Organisationskonzepts, welches eine Frauen*bewegung verhindert und unsere Prozesse lähmt.
Die Zäsur liegt irgendwo zwischen dem, was als autonome Frauen*bewegung oder 68er-Frauen* in die Geschichte einging und den heutigen Verhältnissen.
War es noch das Ziel derjenigen Frauen*, das Schema der sexistischen Arbeitsteilung aufzuheben, so wiederholen wir eben dieses Schema heute erneut: Egal, wo man hinschaut, Frauen* sind für Feminismus zuständig, Männer* für die wirklich wichtigen Themen. Feminismus wird als nicht greifbar empfunden, als Nörgeln ohne Gegenstand, als das, was wir unter dem alten Vorwurf der Hysterie kennen. Andere Themen dagegen gelten als hart, auf Fakten basierend. Natürlich gibt es Menschen, die diesem Schema nicht entsprechen. Sind es doch wenige Männer*, deren politisches Herz für Genderfragen schlägt, so werden diejenigen Frauen*, die Expertinnen in Wirtschaftsfragen, Arbeitnehmer*innenrechten etc. sind, seltener sichtbar gemacht. Sie müssen sich beweisen, werden seltener auf Podien eingeladen und müssen ihr Interesse irgendwie begründen (“Ach, Wirtschaft? Wie kommst Du denn da zu!?”). Dieses Schema zieht sich mit einer derartigen Stringenz durch unsere politischen Prozesse, dass es ein erneut entpolitisiertes Verhältnis zwischen Frauen* und Männern* hervorruft und damit Machtfragen, die klar in patriarchaler Systematik entstehen, ausblendet. Das Private wird zunehmend wieder zu einem entpolitisierten Zustand, der weder in Frage gestellt noch angegriffen wird.


Was folgt daraus? Wo das Verhältnis zwischen Frauen* und Männern* entpolitisiert ist, haben sich Frauen*gruppen dieser Logik zufolge erübrigt. Sie haben keine Berechtigung mehr und werden offen in Frage gestellt. Das bedeutet, dass sich die Reihenfolge unserer (aktuellen) politischen Prozesse gewandelt hat: Aus gemischten Gruppen entsteht meist erst im “Ernstfall” eines akuten Falles eine Frauen*gruppe, die zusätzlich tagen muss, um sich selbst einen Schutzraum zu geben. Autonome Gruppen ohne cis-Männer bekämpfen Symptome dieses Systems und müssen ihr Handeln rechtfertigen und in Frage stellen lassen. Ewig diskutiert man über die Frage, ob es legitim ist, cis-Männer aus bestimmten Räumen auszuschließen, anstatt dass das Verständnis dafür vorhanden ist, dass für weiße cis-Männer jeder Raum ein Schutzraum ist. Dabei war es doch bitter erkämpft, Frauen*gruppen zu gründen, sich zu organisieren und musste lange debattiert werden, ob man sich überhaupt vorstellen könne, mit Männern zusammenzuarbeiten. Aus Frauen*gruppen als primärer Schutzraum bewegte man sich dann in die gemischten Kontexte. Jetzt kämpfen wir entweder vereinzelt in kleinen Kollektiven oder bleiben in unserer gemischten radikalen Linken.


Einiges hat sich geändert. Was schon immer gesellschaftliche Realität war, ist mittlerweile in unserer politischen Debatte angekommen: Wir sprechen nicht mehr nur von Männern und Frauen, sondern treffen uns in Plena, die von Frauen* und Trans*menschen genutzt werden können. Wir sind mehr geworden, wir bringen eine enorme politische Power und ein großes Bedürfnis an Schutzräumen mit. Und: Das Private ist nach wie vor politisch und hier anzugreifen ist eben jene Handlung, die der radikalen Linken fehlt.


Ich will nicht mehr rechtfertigen müssen, mich in gemischten Räumen unwohl zu fühlen.
Ich will nicht mehr berichten müssen, was wir in unseren autonomen Räumen tun.
Was uns fehlt, ist die queere Bewegung, die als autonome radikale Kraft wargenommen wird.
Was wir brauchen, ist das Bewusstsein für die Übergriffe, die jeden Tag passieren.
Was uns fehlt, ist der radikale Weg für unsere radikalen Forderungen.
Was wir brauchen, ist Selbstkritik, rücksichtslos und grausam.

* Die radikale Linke ist natürlich zu vielfältig, um sie hier über einen Kamm zu scheren. Deshalb ist hier meist “ein großer Teil der radikalen Linken, die ich bisher kennen gelernt habe” gemeint.

Mittwoch, 16. April 2014

Mit dem Ü-Ei-Patriarchat zum Feminismus



Bei jeder neuen Pinkstinks-Aktion dreht meine Facebook-Timeline durch: Alle finden es toll, schreiben noch einen klugen Spruch dazu wie “Pink stinkt!” oder “Glitzer und Eier für alle” und teilen es. Dabei geht es dann beispielsweise entweder um das Barbiehaus oder - noch sehr viel öfter - um die rosa Überraschungseier, die in der neuen Edition noch mit dem Begriff der “Spielerfrau” ergänzt wurden.

Ja, ich finde diesen Sexismus auch ätzend. Es kotzt mich an, wenn Mädchen* und Frauen* auf eine Farbe, ein Rollenbild und eine Identität heruntergebrochen werden. Es nervt mich, dass sich das durch unseren Alltag zieht, dass sexistische Zuschreibungen Platz in unserem Miteinander und unserer Pädagogik finden, dass ich täglich damit konfrontiert werde, wenn ich im Supermarkt bin, auf der Straße Werbeflächen sehe oder vor dem Fernseher sitze. Ja, dieser Sexismus kotzt wirklich an.
Gerade deshalb sind die Pinkstinks-Aktionen wie der aktuelle Brief an Ferrero zu den Ü-Eiern ja auch so populär - Pinkstinks bedienen die feministische (?) Mainstream-Empörung, die extrem niedrigschwellig ist und bei der viele mitgehen können. Dass diese rosa Überraschungseier blöd sind, das finden ganz viele. Und gleichzeitig ist es auch wichtig, niedrigschwellig anzufangen, um bei möglichst vielen einen - wenn auch niedrigen - feministischen Grundkonsens und eine gewisse Sensibilität zu erzeugen. Aber trotzdem kommen Pinkstinks nicht über den Punkt hinaus, nur Symptome zu bekämpfen. Was die Ursache für solche Ferrero-Linien ist? Wie patriarchale Strukturen funktionieren? Wie sich patriarchale Strukturen noch so äußern? Keinen Plan.
Pinkstinks sehen sich selbst als “ Kampagne gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“.
Ich finde: Pinkstinks sind nicht besser. Sie wollen Sexismus bekämpfen und sind in ihrem Antisexismus so patriarchal, wie es nur möglich ist. Denn: In ihrem Verständnis von Antisexismus verbergen sich drei grundlegende Denkfehler.

Was Mädchen* vorgeschrieben und verboten wird

Pink ist böse, pink muss aus dem Alltag von Mädchen* verbannt werden. Das ist paradox. Mädchen* wird vorgeschrieben, wie sie sich zu verhalten haben, dass sie mit Puppen spielen sollen und pink tragen sollen, sie werden in ihrer persönlichen Entfaltung eingeengt und unterliegen einem Weiblichkeitszwang. Deshalb überlegen sich Pinkstinks etwas ganz innovatives: Sie wollen Mädchen* jetzt vorschreiben, dass pink tabu ist, weil sie nämlich dadurch in „limitierende Geschlechterrollen“ gedrängt werden. Damit erzählen sie Mädchen* genauso, was sie dürfen und was nicht. Jedem Kind sollten alle Farben zur Verfügung stehen – pink genauso, wie jede andere Farbe eben auch. Antisexismus bedeutet nicht, Mädchen* pink „wegzunehmen“, sondern schlichtweg mehrere Farben als Alternativen anzubieten.

Wie unser Alltag gegendert wird

Pinkstinks haben völlig recht, wenn sie sagen, dass pink eine Zuschreibung ist, eine Farbe, die nur für Mädchen* in Frage kommt, weil sie so sozialisiert wurden. Sie haben recht, wenn sie pink für Mädchen* als sexistisch enttarnen. Alles richtig. Aber. Genauso, wie pink weiblich gegendert ist, sind andere Dinge männlich gegendert. Damit, dass nur das vermeintlich weiblich gegenderte verdammt wird, wird eine Schlussfolgerung laut, die man so nicht stehen lassen kann: Das Normale und das Weibliche. Pink ist nicht okay, das ist weiblich, alles andere ist „normal“. Eben nicht! Während der rosa Strampler weiblich konnotiert ist, passiert das gleiche mit dem blauen. Pinkstinks bleiben auf eben dieser Stufe hängen, auf der Weiblichkeiten verdammt werden. Umso mehr die Farbe pink oder das Barbiehaus in Berlin hinterfragt und kritisiert werden, umso weniger wird das Gender von Autos oder von „Chips für den Männerabend“ hinterfragt.

„Eier für alle“?!
Mit diesem Trugschluss, dass nur weiblich konnotierte Dinge gegendert sind, machen Pinkstinks einen großen Fehler. Es führt dazu, dass Mädchen“ nicht nur Weiblichkeiten „weggenommen“ werden sollen, sondern geht einen Schritt weiter: Mädchen* sollen Männlichkeiten für sich annehmen, denn diese sind „normal“. Bezeichnend dafür ist der Titel dieser Überraschungs-Ei-Petition: „Wir wollen Farben, Glitzer und Eier für alle!“. Eier für alle? Es ist naiv, zu glauben, dass nur Weiblichkeit gegendert wird, wie es auch patriarchal ist, davon auszugehen, dass Mädchen* sich eben nur „Farben“ und „Eier“ aneignen müssten.
  
Ich finde die Ferrero-Aktion blöd, Sexismus in Werbung und Medien schränkt mich ein und niedrigschwellige Einstiege in feministische Theorie und Praxis erachte ich als wichtig. Aber ich will keine Eier. Ich will keine Männlichkeit annehmen müssen, um „normal“ zu sein und erst recht bin ich nicht nur Feministin, um pink auch Jungen* zugänglich zu machen.
Antisexismus bedeutet nicht, die Dinge, in denen sich das Patriarchat äußert, zu verbieten und damit ebenso autoritär zu handeln. Antisexismus sollte eher bedeuten, mehr Farben zu ermöglichen und Mädchen* auch dann zu akzeptieren, wenn sie eben doch rosa mögen. 

Mittwoch, 9. April 2014

Wie Solidarität funktioniert

Gestern wurde der Oranienplatz in Berlin nach 17 Monaten Protest der Geflüchteten geräumt. Traurige Bilder der Räumung, Refugees, die in ihrer Verzweiflung ihre Hütten zerstören, andere, die sie davon abhalten wollen. Vor Ort: Die Geflüchteten,  einige Allies und – die Junge Union. Sie halten in einiger Entfernung, man will diesen Geflüchteten ja nicht zu nahe kommen, ein Plakat mit der Aufschrift „Danke Frank!“ hoch. Ihr Dank geht an Frank Henkel – denn schließlich sei das Camp ja rechtswidrig gewesen und die Räumung eh schon lange überfällig. Sowohl das Foto als auch ihre Pressemitteilung triefen vor Menschenverachtung und vor schlichtem Nicht-Wissen-Wollen. Sie haben keinen blassen Schimmer, wie sich Flucht anfühlt, wie es ist, in Deutschland anzukommen, nichts zu haben und nicht willkommen zu sein. Sie wissen nicht, was die Geflüchteten in den letzten Monaten durchgemacht haben und was ihnen nach der Räumung bevor steht. Sie wollen es wahrscheinlich gar nicht wissen. Es ist ihnen scheißegal. Vermutlich wird das mediale Echo das einzige sein, was sie nachhaltig an ihrer Aktion stören wird. Sie können es sich ja leisten. Sie können es sich leisten, vor Menschen zu posieren, die an den Rand einer Gesellschaft verdrängt werden, weil Typen wie die beiden von der JU definieren, wer dazu gehören darf und wer nicht.
 
Und solange es solche Typen gibt und sie mit einem dummen Grinsen ihre Menschenverachtung zum Besten geben, frage ich mich, wie eine solidarische Gemeinschaft aussehen und funktionieren kann. Wie kann es Solidarität geben, wenn Menschen darüber entscheiden, die noch nie auf die Solidarität einer Gemeinschaft angewiesen waren? Wie können sie von Reichtum einer Gesellschaft sprechen, solange dieser letztlich auf dem Rücken der Schwächsten erwirtschaftet wird?


Diejenigen, die früher im Sportunterricht als erste in ein Team gewählt wurden, hatten nie ein Problem mit diesem Verfahren. Das schlimme Gefühl blieb für diejenigen, die darum bangten, als letzte dastehen zu können und sich schließlich auf dem Präsentierteller wiederfanden: Du! Du kannst nichts! Dich wollen wir nicht!


Die wesentlichen Grenzen in dieser Gesellschaft verlaufen nicht zwischen Jung und Alt, Migrant*in und ohne Migrationshintergrund, hetero(-normativ) und LGBTIQ* und anderen Kategorisierungen, sie verlaufen zwischen Privilegienreichtum und –armut. Sie unterscheiden nicht nur nach Kapital, materiellen Ressourcen und Lobby, sondern dazwischen, wer etwas zu sagen hat und gehört wird und wer Lobbyist*in für die eigene Sache Existenz sein muss und trotzdem verdrängt wird. Geschriebene und ungeschriebene Privilegien sorgen für Machterhalt. Deswegen werden neue Grenzen aufgemacht, es wird aufgewiegelt, um solidarische Kollektive auseinander zu drängen. Nicht umsonst wird von Einwanderung in Sozialsysteme, Generationengerechtigkeit oder anderen polarisierenden Verkürzungen gesprochen: Menschen sollen das Gefühl bekommen, dass ihnen etwas weggenommen wird. Die Alten wollen den Jungen ihr Geld wegnehmen, Migrant*innen und Geflüchtete wollen die Steuergelder der „hart arbeitenden Deutschen“ bekommen. Nur deshalb ist es möglich, dass zwei gut situiert wirkende weiße Männer grinsend vor dem Refugeecamp posieren und sich dafür nicht schämen.


Herrschaftskonstrukte haben sich im Lauf der Zeit verändert. Sie sind durchlässiger und damit weniger anfechtbar geworden – und trotzdem hat sich im Wesentlichen doch wenig getan: Sie dienen noch immer den Gleichen. Denen, die es sich leisten können, arrogant zu sein und denen, die es sich leisten können, während der Räumung auf dem O-Platz Selfies zu machen.


Eine Bundeskanzlerin, eine lesbische Umweltministerin und ein Bundestagsabgeordneter of Colour bedeuten noch lange nicht, dass wir kapitalistische Herrschaftsnormen überwunden haben und jetzt alle gleich sind. Denn solange es noch zur Beschwichtigung betont wird, dass es doch all das schon gäbe, solange es nicht Normalität ist, solange ist all das nur der Versuch, Bewegungen und Protesten den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Umgang mit den Refugees auf dem Oranienplatz war ein „Lehrstück […], wie man eine Protestbewegung zermürbt und schlussendlich kampfunfähig macht“ (VICE). Denn das Refugee-Camp hat doch gezeigt wie es geht: Sie hatten haben klare Forderungen. Damit, dass sich die Geflüchteten selbst organisieren, für ihre Rechte eintreten und nicht alles mit sich machen lassen, waren sie gefährlich. Wenn sich viele Menschen zusammentun, werden sie zu einer Gefahr für diejenigen, denen sie bis dahin scheißegal waren. Aus keinem anderen Grund war die Räumung für die Junge Union so eine Genugtuung.


Eine solidarische Gemeinschaft ist dann erreicht, wenn es egal ist, wer Du bist. Was im ersten Moment verklärt klingt, ist im Prinzip die Grundlage emanzipatorischer Politik: Diejenigen in ihren Protesten unterstützen, die sonst unsichtbar gemacht werden – bis das erreicht ist, was die Schlussfolgerung von Emanzipation ist. Ein Miteinander der Freien und Gleichen. 

Wer sagt, dass Solidarität praktisch werden muss, darf im selben Moment jedoch nicht vergessen, dass auch grenzenlose Solidarität im bestehenden Status Quo immer begrenzt sein wird.
Es ist möglich, den Refugees bei wichtigen Dingen zu helfen, ihnen Lebensmittel und Spenden zu bringen, zu dolmetschen und sie zu Behörden zu begleiten. Es ist möglich, sich in Kollektiven, Initiativen, Organisationen und Gruppen zu engagieren und für wichtige Dinge einzustehen, zu streiten und zu kämpfen. Menschen, die weniger privilegiert sind, zu unterstützen, ihnen eine Lobby zu bieten und ihre Anliegen zu verbreiten – all das verdient Respekt und leistet einen wichtigen Anteil an dem, was möglich ist.
Unsere Solidarität muss uns aber auch dazu drängen, mutig zu sein und nicht nur an ein paar Stellschrauben zu drehen. Zustände müssen angeprangert werden und im gleichen Atemzug muss ihre Ursache ausgesprochen werden, mit dem Ziel, die Ursache zu bekämpfen.

Solange es Menschen gibt, die über die Räumung des Camps abfeiern und es nicht für nötig halten, sich mit den Forderungen der Geflüchteten auseinanderzusetzen, solange bedarf es einer Solidarität, die den Mut verbreitet, über Grenzen und Systeme hinweg zu denken und Utopien zu entwickeln, wo wir hinwollen. Solange muss Solidarität bedeuten, Kollektive zu bilden und in ihnen und mit ihnen so zu leben, wie wir es von einer ganzen Gesellschaft erwarten.

Mittwoch, 26. Februar 2014

Feminismus im Alleingang? No way!

Eine Antwort auf das Interview mit Hans Broich (SPON, 26.02.14)

Im feministischen Diskurs nennen wir Männer, die unseren Kampf unterstützen, Allies - also Verbündete. Zu denen kann Hans Broich bestimmt nicht gezählt werden. Ich finde es - jedenfalls in den meisten Kämpfen - gut und richtig, dass sich Männer an der Debatte beteiligen, im Fall dieser “Zéromachos” ist es dreist.
Hans Broich gehört zu einer Gruppe von Männern, die sich gegen Prostitution einsetzen. Freier sollen bestraft werden, nicht die Prostituierten. In Frankreich wurde das Gesetz schon umgesetzt. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: Männer, die meinen, irgendwem einen Gefallen zu tun, wenn sie _ihren_ Feminismus im Alleingang durchsetzen wollen oder der anhaltende Gedanke, Sexarbeit sei immer unfreiwillig und Frauen würden ihre Seele damit verkaufen.

Diese Männergruppe, der auch Hans Broich angehört, nennt sich “Zéromachos” - also sowas wie “Nicht-Machos”. Weil sie Prostitution ablehnen, sind sie selbsternannt keine Machos? Dazu gehören zumindest ein großes Selbstbewusstsein und ein geringes Feminismusverständnis. Das ist ungefähr so, wie zu sagen “Ich kann gar kein_e Rassist_in sein, ich hab auch türkische Freund_innen” oder “Homophob? Ich? Niemals, ich kenne eine_n, der_die kennt eine lesbische Frau*!”.

Broich erklärt dann im SPON-Interview, wie einfach es doch eigentlich ist: Freier kriminalisieren heißt weniger Freier heißt weniger Prostitution. Und damit haben die gutherzigen Zéromachos die ganzen, armen Prostituierten gerettet, die nur auf ihre großen Retter gewartet haben! Weiter denkt er an der Stelle dann aber auch gar nicht. Aber Prostitution zu verbieten und Freier zu kriminalisieren bedeutet auch, Sexarbeiterinnen ihren Job und ihr Einkommen zu nehmen. Denn Sexarbeit ist Lohnarbeit.
Im Kapitalismus ist Lohnarbeit nötig, um sich ein gewisses Existenzminimum zu sichern. Es ist auch völlig normal, Körper und Zeit gegen Geld einzutauschen - nichts anderes machen andere arbeitende Menschen jeden Tag. Sexarbeit ist erst dann verwerflich, wenn Frauen keinen anderen Weg sehen, um Geld zu bekommen.
In Bezug auf das Argument der sexuellen Freiheit meint Broich: “Sobald Geld beim Sex eine Rolle spielt, geht die Freiheit verloren. Es geht dann nur um Macht - fast immer um die Macht des Mannes über den Frauenkörper.” - ist aber nicht gerade das ein Merkmal des Kapitalismus? Dass Profit selbstverständlich eine Rolle spielt und es für die Arbeitenden kaum Freiheit gibt? Dass es um Macht geht und natürlich der_die Kapitalist_in Macht über die Arbeitenden hat? Ich kann nicht begreifen, wieso diese Gesellschaft zwischen Lohnarbeit und Sexarbeit einen Unterschied sehen muss und Sexarbeiterinnen ins Abseits drängt, anstatt das einzusehen, was Broich ja auch richtig feststellt: Ohne Nachfrage keine Prostitution.

Gleichzeitig wird in dieser Debatte dann sofort auf Zwangsprostitution ausgewichen - wie auch Hans Bloich es im Interview vormacht. Ja, natürlich ist Zwangsprostitution ein riesiges Problem und darf in keinem Fall totgeschwiegen werden. Aber der Verweis darauf ist gerade in der Debatte um Sexarbeit ein Ausweichmanöver. Denn die meisten Sexarbeiterinnen machen diesen Job nun mal freiwillig. Auch wenn es Männer, die sich scheinbar selbst als Nicht-Machos bezeichnen, nicht begreifen können.

Was mich aber noch viel mehr stört als sein verkürztes Denken über die “böse Prostitution”, ist das, was wir ständig erleben. Ein Mann urteilt über das, was Frauen* erleben. Er urteilt darüber, was für Frauen* richtig ist, darüber, wie die Erlebnisse einzuordnen sind und ob Sexarbeiterinnen* Lust empfinden oder nicht. Er spricht Frauen* ab, sich selbst dafür zu entscheiden, Sexarbeiterin zu sein.
Hermann Gröhe meinte auch, mehr über die Pille danach zu wissen als diejenigen Frauen*, die sich an der öffentlichen Diskussion beteiligten. Es ist letztlich das gleiche Phänomen, das wir immer wieder beobachten können.

Hans Broich spricht von der Ähnlichkeit zu Vergewaltigungen und hat selbst keine Ahnung, was Frauen* zuhause in ihren eigenen Schutzräumen erleben, welche Erfahrungen sie machen müssen und wie viel Gewalt nicht von unbekannten Freiern ausgeht, sondern von Partnern, Verwandten, Freunden, Bekannten.

Wer Sexarbeiterinnen nicht zutraut, sich selbst aktiv zu entscheiden, muss sich auch Gedanken über die Moralisierung von Prostitution machen. Denn während die Existenz und Inanspruchnahme von Prostitution gesellschaftsfähiger werden und eine gewissen Moralisierung erfahren, werden Sexarbeiterinnen* noch immer an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das passiert schlichtweg auch dadurch, dass irgendwelche Männer sie in eine Opferrolle drängen, die der Gesellschaft klar machen soll: Das ist kein richtiger Job, die müssen uns leid tun.

Aber wenn jemand seinen _Feminismus_ bei Femen gelernt hat, überrascht wohl auch das nicht mehr.