Donnerstag, 16. Januar 2014

Zum Frauen*kampftag wünsch' ich mir eine riesige Torte!

Mehrere Jahre in Folge stand ich jetzt am 8. März morgens auf irgendeinem Marktplatz und habe Rosen verteilt. Manchmal kam man kurz ins Gespräch, meistens waren die Menschen jedoch nicht am Anlass der Verteilung interessiert, sondern wollten nur eine Rose umsonst haben. Wofür die Rose stand wussten wohl die wenigsten.

Ich habe keine Lust mehr, immer nur Rosen zu verteilen.
Ich will den Weltfrauen*tag nicht in den Kalender eintragen, weil es halt schon immer so war.
Ich will auch nicht ständig beruhigt werden, dass das alles nun mal Zeit bräuchte, wir doch schon so viel errreicht hätten und es anderswo doch so viel schlimmer sei.
Und es macht mich traurig, wie ein Tag, der mal so politisch - und vor allem politisch erkämpft - war, derart entpolitisiert wird, dass das Verteilen von Rosen das höchste der Gefühle ist.

Und immer redet man wieder von dem halben Kuchen, der uns doch eigentlich zusteht, und dann bekommt man wieder gönnerhaft ein kleines Stückchen vom Kuchen vor die Füße geworfen und sammelt mühsam die Krümel auf, während sich der mit dem Kuchenmesser als großer Gönner feiern lässt. Dafür, dass er so großzügig war. Und genau an dieser Stelle wird Clara Zetkin noch eine ganze Zeit aktueller denn je sein: Wir fordern doch keine Sonderrechte, sondern Menschenrechte!

Der Frauen*kampftag steht für jegliche Gleichstellung und Gleichberechtigung - und diese einzufordern ist unser gutes Recht. Es dreht sich schon lange nicht mehr um zwei in sich homogene Gruppen und ein einfaches patriarchales Konstrukt: Nur auf das Patriarchat zu schimpfen kann gerade im Rahmen eines inklusiven Kampftages nicht reichen. Es geht nicht mehr um das Frauenwahlrecht, für das Clara Zetkin damals lange Jahre kämpfen musste und kann auch nicht bei Forderungen nach Equay Pay und nach der Abschaffung der Herdprämie bleiben.
Es gibt weder die homogene Gruppe der Frauen(*), noch ist Diskriminierung immer gleich.
Deswegen geht es nicht mehr nur um Geschlecht und Gender und als was die Gesellschaft dich liest, es wird zu einer Frage der Intersektionalität. Und genau deshalb muss ein neuer Kampftag für alle Frauen* auch das leisten, was er verspricht: Frauen* zu solidarisieren und Diskriminierungserfahrungen durch Empowerment zu einem gemeinsamen Antrieb zu machen.

Es gilt immer noch die berechtigte Frage Sojourner Truths aus dem 19. Jahrhundert: Ain’t I a woman? - Bin ich denn keine Frau? Sojourner Truth stellte diese Frage, da sie als Schwarze Frau keinen Platz in der Frauenbewegung fand und als Frau genauso wenig von der Bewegung der People of Colour vertreten wurde.
Wir müssen uns auch fragen: Was bedeutet Feminismus für uns? Wie soll unser Feminismus aussehen?

Bin ich denn keine Frau*? - Diese Frage muss heute wieder gestellt werden. Von Women* of Colour, von Frauen* mit Behinderung, von alleinerziehenden Frauen* und erwerbslosen Frauen*.

Doch müssen wir immer noch auf die Straße gehen, weil wir Frauen(*) sind? Oder liegt es nicht viel mehr daran, dass wir keine Männer sind und/oder nicht in die heterosexuelle weiße Matrix dieser Leistungsgesellschaft passen, mit der man glaubt, den Bestand von Machtverhältnissen zu sichern?

Um an dieser Stelle auf die Kuchen-Metapher zurückzukommen: Wem genau steht denn jetzt der halbe Kuchen zu?
Wenn der Gleichstellungsbegriff bedeutet, dass man Frauen und Männer als zwei in sich homogene Gruppen weißer Akademiker_innen versteht, die den Kuchen untereinander aufteilen und so lange kleine Kuchenstückchen hin- und herschieben, bis er genau halbiert ist, dann bleibt nichts für diejenigen Frauen* über, denen durch Heterosexismus, Klassismus, Ableismus, Rassismus und andere Ausgrenzungsmechanismen ihr Stück vom Kuchen verwehrt bleibt. Dann kann es auch nicht mein Gleichstellungsbegriff sein.

Wir sind verdammt viele und das müssen wir uns bewusst machen. Die Masse ist nicht männlich. Die Masse aller Menschen ist sozial schlecht abgesichert, die Masse ist prekär beschäftigt und hat keinen Zugang zu der Teilhabe, die ihr zusteht. Damit wird sie kleingehalten. Und was Katrin Wagner weiter absolut richtig schreibt: Trotzdem ist die Masse bisher noch keine Feministin geworden - nicht einmal die Masse aller Frauen* ist feministisch, obwohl wir doch eigentlich alle von den Errungenschaften der Frauen*bewegungen profitieren.  
Wenn alle Menschen, die von Diskriminierung und Unterdrückungsmechanismen in diesem System betroffen sind, dann bringen sie was ins Rollen.

Warum wir jetzt alle zum Frauen*kampftag am 8.März raus auf die Straße gehen müssen?
Gleichstellung wird eben nicht von den weißen heterosexuellen Akademikerinnen erkämpft - das würde nie etwas an dem System ändern, mit dem wir es zu tun haben. 
Ich habe keine Lust, Rosen zu verteilen, minimale Verbesserungen zu erkämpfen und mich für Selbstverständlichkeiten auch noch bedanken zu müssen. Ich habe keine Lust mehr, mir kleine Kuchenstückchen vor die Füße werfen zu lassen und sie mühsam aufzusammeln.

Der Frauen*kampftag muss zur Systemkritik werden und wir müssen bereit sein zu sagen: 
Wir wollen den halben Kuchen nicht. Wir finden den ganzen Kuchen scheiße!