Mittwoch, 26. Februar 2014

Feminismus im Alleingang? No way!

Eine Antwort auf das Interview mit Hans Broich (SPON, 26.02.14)

Im feministischen Diskurs nennen wir Männer, die unseren Kampf unterstützen, Allies - also Verbündete. Zu denen kann Hans Broich bestimmt nicht gezählt werden. Ich finde es - jedenfalls in den meisten Kämpfen - gut und richtig, dass sich Männer an der Debatte beteiligen, im Fall dieser “Zéromachos” ist es dreist.
Hans Broich gehört zu einer Gruppe von Männern, die sich gegen Prostitution einsetzen. Freier sollen bestraft werden, nicht die Prostituierten. In Frankreich wurde das Gesetz schon umgesetzt. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde: Männer, die meinen, irgendwem einen Gefallen zu tun, wenn sie _ihren_ Feminismus im Alleingang durchsetzen wollen oder der anhaltende Gedanke, Sexarbeit sei immer unfreiwillig und Frauen würden ihre Seele damit verkaufen.

Diese Männergruppe, der auch Hans Broich angehört, nennt sich “Zéromachos” - also sowas wie “Nicht-Machos”. Weil sie Prostitution ablehnen, sind sie selbsternannt keine Machos? Dazu gehören zumindest ein großes Selbstbewusstsein und ein geringes Feminismusverständnis. Das ist ungefähr so, wie zu sagen “Ich kann gar kein_e Rassist_in sein, ich hab auch türkische Freund_innen” oder “Homophob? Ich? Niemals, ich kenne eine_n, der_die kennt eine lesbische Frau*!”.

Broich erklärt dann im SPON-Interview, wie einfach es doch eigentlich ist: Freier kriminalisieren heißt weniger Freier heißt weniger Prostitution. Und damit haben die gutherzigen Zéromachos die ganzen, armen Prostituierten gerettet, die nur auf ihre großen Retter gewartet haben! Weiter denkt er an der Stelle dann aber auch gar nicht. Aber Prostitution zu verbieten und Freier zu kriminalisieren bedeutet auch, Sexarbeiterinnen ihren Job und ihr Einkommen zu nehmen. Denn Sexarbeit ist Lohnarbeit.
Im Kapitalismus ist Lohnarbeit nötig, um sich ein gewisses Existenzminimum zu sichern. Es ist auch völlig normal, Körper und Zeit gegen Geld einzutauschen - nichts anderes machen andere arbeitende Menschen jeden Tag. Sexarbeit ist erst dann verwerflich, wenn Frauen keinen anderen Weg sehen, um Geld zu bekommen.
In Bezug auf das Argument der sexuellen Freiheit meint Broich: “Sobald Geld beim Sex eine Rolle spielt, geht die Freiheit verloren. Es geht dann nur um Macht - fast immer um die Macht des Mannes über den Frauenkörper.” - ist aber nicht gerade das ein Merkmal des Kapitalismus? Dass Profit selbstverständlich eine Rolle spielt und es für die Arbeitenden kaum Freiheit gibt? Dass es um Macht geht und natürlich der_die Kapitalist_in Macht über die Arbeitenden hat? Ich kann nicht begreifen, wieso diese Gesellschaft zwischen Lohnarbeit und Sexarbeit einen Unterschied sehen muss und Sexarbeiterinnen ins Abseits drängt, anstatt das einzusehen, was Broich ja auch richtig feststellt: Ohne Nachfrage keine Prostitution.

Gleichzeitig wird in dieser Debatte dann sofort auf Zwangsprostitution ausgewichen - wie auch Hans Bloich es im Interview vormacht. Ja, natürlich ist Zwangsprostitution ein riesiges Problem und darf in keinem Fall totgeschwiegen werden. Aber der Verweis darauf ist gerade in der Debatte um Sexarbeit ein Ausweichmanöver. Denn die meisten Sexarbeiterinnen machen diesen Job nun mal freiwillig. Auch wenn es Männer, die sich scheinbar selbst als Nicht-Machos bezeichnen, nicht begreifen können.

Was mich aber noch viel mehr stört als sein verkürztes Denken über die “böse Prostitution”, ist das, was wir ständig erleben. Ein Mann urteilt über das, was Frauen* erleben. Er urteilt darüber, was für Frauen* richtig ist, darüber, wie die Erlebnisse einzuordnen sind und ob Sexarbeiterinnen* Lust empfinden oder nicht. Er spricht Frauen* ab, sich selbst dafür zu entscheiden, Sexarbeiterin zu sein.
Hermann Gröhe meinte auch, mehr über die Pille danach zu wissen als diejenigen Frauen*, die sich an der öffentlichen Diskussion beteiligten. Es ist letztlich das gleiche Phänomen, das wir immer wieder beobachten können.

Hans Broich spricht von der Ähnlichkeit zu Vergewaltigungen und hat selbst keine Ahnung, was Frauen* zuhause in ihren eigenen Schutzräumen erleben, welche Erfahrungen sie machen müssen und wie viel Gewalt nicht von unbekannten Freiern ausgeht, sondern von Partnern, Verwandten, Freunden, Bekannten.

Wer Sexarbeiterinnen nicht zutraut, sich selbst aktiv zu entscheiden, muss sich auch Gedanken über die Moralisierung von Prostitution machen. Denn während die Existenz und Inanspruchnahme von Prostitution gesellschaftsfähiger werden und eine gewissen Moralisierung erfahren, werden Sexarbeiterinnen* noch immer an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das passiert schlichtweg auch dadurch, dass irgendwelche Männer sie in eine Opferrolle drängen, die der Gesellschaft klar machen soll: Das ist kein richtiger Job, die müssen uns leid tun.

Aber wenn jemand seinen _Feminismus_ bei Femen gelernt hat, überrascht wohl auch das nicht mehr.