Freitag, 8. Januar 2016

Das Hausrecht des weißen deutschen Patriarchats - eine Polemik

Da lag er bisher und hat sich sicher gefühlt, im Garten auf seinem Liegestuhl, mit einem Bier in der Hand, rülpst er und träumt vom nächsten Oktoberfest oder vom Malle-Urlaub: Der Inbegriff der sogenannten deutsche Leitkultur. Losgelöst von jedem gebotenen Respekt, denn hier hat er Hausrecht. Er kann machen was er will, denn er bestimmt, was hier Leitkultur ist, er nimmt sich den Raum, den er will, ganz egal, was das für andere bedeutet.

Und die deutsche Leitkultur lebt: Sie kotzt auf dem Oktoberfest hinter das nächstbeste Zelt, pisst in die Menge und grapscht Frauen an die Brüste und wenn sie sich wehren, dann sollen sie sich gefälligst nicht anstellen, man wolle schließlich Spaß haben. Im Zweifel bezieht man sich auf den Rausch und brüllt ihr “Nutte” oder “Schlampe” hinterher.

[Seit Jahren sind wir wütend, seit Jahren ergreifen wir das Wort, schreien, erkämpfen uns Raum und prangern an. Seit Jahren wird gesagt, wir würden uns anstellen, wir seien verklemmt und sollten doch gefälligst einfach die Bluse zumachen.]

Doch nun ist es andere: Der Jahreswechsel scheint die deutsche Politik auf einen Schlag verändert zu haben, auf einmal sind alle Frauenrechtler*innen, man ist besorgt um die Sicherheit der weißen deutschen Frauen: Man hat es doch schon immer gewusst! Wenn die Ausländer™ kommen, dann sind die deutschen Frauen nicht mehr sicher! Und überhaupt, man ist besorgt um die deutsche Leitkultur, sie kann nicht mehr entspannt im Liegestuhl liegen, denn auf einmal gibt es Sexismus und sexualisierte Gewalt… Davon hatte man vorher noch nie etwas gehört, man ist empört! In Deutschland? Da herrscht Zucht und Ordnung! Außerdem dürfen Frauen ja sogar wählen!

Und der Inbegriff der deutschen Leitkultur fasst sich an den Kopf, man muss endlich etwas tun, gegen diese Ausländer™. Die Erika Steinbachs und Birgit Kelles des Landes wissen, was zu tun ist, es droht der Verfall der Frauenrechte in Deutschland und man wolle auf keinen Fall wegen der Ausländer™ die Bluse zumachen müssen. Da man sich auch sonst politisch gern im Mittelalter aufhält, wünscht man sich die Verbannung, die Abschiebung in den sicheren Tod. Wer in Deutschland leben will, muss sich schließlich auch benehmen, sagt der Inbegriff der deutschen Leitkultur und macht sich Platz, indem er das Schild mit der Aufschrift “Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen” umtritt.


Mit erhobener Fahne schreiten Erika Steinbach, Horst Seehofer, Volker Kauder, Peter Ramsauer und Norbert Blüm nun Seit an Seit für die Recht der deutschen Frau [den 15. Mai 1997, an dem sie gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe stimmten, aus dem Gedächtnis gelöscht].

Es geht nämlich plötzlich um etwas viel wichtigeres! Nicht, dass Menschenrechte doch tatsächlich auch für Frauen gelten sollten, das ist nebensächlich. Es geht ums deutsche Hausrecht!
Denn irgendwie ist er den Frauen auch dankbar. Würde er ihnen, wären die Täter gute deutsche Männer gewesen, sagen, sie hätten sich einfach nur falsch angezogen, wären zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und hätten bestimmt anzüglich getanzt, nun ist er ihr stärkster Unterstützer. Endlich, denkt er sich, hab ich was gegen diese Ausländer™ in der Hand.


[Denn wenn ich zwei Dinge gelernt habe, dann: 
Es gab vor dem 1.1.2016 keinen Sexismus in Deutschland.
Sexismus ist nur dann Sexismus, wenn er gegen eine weiße deutsche Frau von einem nicht-weißen Mann ausgeübt wird.]

Unser besagter Protagonist fühlt sich um sein Hausrecht gebracht. “Unsere Frauen”, ruft er aus und fühlt sich wie ein großer, wichtiger Aktivist im Kampf um Gerechtigkeit und merkt nicht, dass er sich um Frauen schert als wären sie Besitz und Objekt. In Deutschland sollen gefälligst nur Deutsche sexistisch sein dürfen! Er ist ganz durcheinander, viel zu unruhig, um sich zurück in den Liegestuhl zu legen und noch ein Bier aufzumachen.


Stattdessen macht er seinen Computer an und tippt einschlägige Hashtags wie #Koeln ein und denkt, es sei an der Zeit, diesen Feminist*innen, diesen Feminazis, mal zu erklären, wie der Hase läuft. Er ist schließlich Experte für Gewalt gegen Frauen, für den importierten Sexismus und schreibt unter seinem Pseudonym "kleiner Mann" fleißig Antworten an diese Feminist*innen. ”Es sind die Ausländer, die euch bedrohen und nicht respektieren, wieso kapiert ihr das nicht, ihr Schlampen!?” oder “Wenn Du noch einmal einen von denen in Schutz nimmst, wirst Du was erleben!” hackt er in die Tasten und fühlt sich gleich besser.

Die deutschen Frauen brauchen ihn, denkt er und lehnt sich beruhigt zurück. Er ist Verteidiger des Abendlandes, denn hier gibt es keinen Sexismus, es hat ihn nie gegeben und wenn es nach ihm ginge, wird auch bald niemand mehr sein Hausrecht mehr verletzen. Aber das darf man ja nicht sagen, sonst wird man gleich als Rassist oder Nazi bezeichnet!

Sexismus und sexualisierte Gewalt sind Alltag. Sie waren es immer, sie sind es heute, ganz egal, welcher Mann übergriffig wird. Die Dunkelziffer der Vergewaltigungen beim Oktoberfest liegt bei 200, nur interessiert es niemanden, da die Täter zumeist weiß und deutsch sind. 
Und würde ich tatsächlich von Frau Reker besagte Armlänge Abstand halten, dann würde mir unser Protagonist wohl nur hinterherbrüllen "Jetzt stell Dich mal nicht so an, Du Schlampe!"